Bild von einem grünschimmernden Käfer auf einem Blatt

Gregor Samsa sind ich

Sechs Bremer Autor*innen blicken gemeinsam auf Corona. Dabei entstand online eine Art Fortsetzungsroman.

Zwischen Ende August und Ende November 2020 setzten sich Leyla Bektaş, Jörg Isermeyer, Lui Kohlmann, Betty Kolodzy, Florian Reinartz und Janika Rehak mit der Corona-Thematik auseinander. Die Autor*innen schrieben, suchten, dokumentierten, (hinter)fragten, tasteten sich heran an die „neue Realität“ und an die eigene, veränderte Rolle in Kunst, Gesellschaft und Familie – und machten dabei das, was sie am besten können: Geschichten erzählen. Nebeneinander, miteinander, auf jeden Fall aber: Mit Abstand. 
Das Projekt wurde am 3. Dezember 2020 mit einer Online-Lesung der Teilnehmenden abgeschlossen.
Das Projekt wurde gefördert von der VHG-Stiftung, der Karin und Uwe Hollweg Stiftung sowie der Waldemar Koch Stiftung. Ohne die finanzielle Unterstützung der Stiftungen wäre das Projekt nicht möglich.


Die Autor*innen und ihre Beiträge

Porträt von Leyla Bektas
© Janina Bunk

Leyla Bektaş, geboren 1988 in Achim bei Bremen. Studium der Romanistik in Köln, Bordeaux und Mexiko-Stadt sowie Literarisches Schreiben in Leipzig. Arbeitete als Dozentin für spanischsprachige Literatur an der Universität Köln, derzeit in der Textilbranche tätig. Schreibt Prosa und Essayistisches. Zuletzt veröffentlichte sie in der Anthologie Flexen. Flâneusen* schreiben Städte (Verbrecher Verlag 2019). Ein Familienroman ist in Arbeit.

Ich habe ein Zimmer, ich kann es nicht sehen. Ich weiß, das Zimmer hat ein Fenster. Wo das Licht hereinfällt, erscheinen mir die Dinge ein klein wenig deutlicher. Die vagen Konturen eines Bettes. Ein Mann, den ich nicht sehe, aber höre. Nachts schreit er, tagsüber stöhnt er. Ein nicht endender Zyklus, manchmal kommt es mir so vor, als würde ich das schon mein ganzes Leben ertragen, die Schreie im Dunkeln, kurz und schrill, das Stöhnen vor Schmerz am Tag. Dabei bin ich, wenn ich mich richtig erinnere, erst zwei Tage und eine Nacht hier.

Von der dunklen Seite des Zimmers kommen die Stimmen, die Stimmen der Menschen, die uns pflegen. So nennt man sie heute, Pfleger. Sie betreten das Zimmer, ohne Begrüßung, knallen ein Tablett mit Essen auf meinen Krankentisch. Ich taste nach dem Tablett, das zu weit weg von mir steht. Die Schläuche hindern mich daran, mich nach vorn zu beugen. Ich muss den Tisch in meine Richtung ziehen, dass man das kann, weiß ich seit gestern. Es hat mir niemand gezeigt. Es hat mir auch niemand „Guten Appetit“ gewünscht. Dass ich mir selber kein Brot mehr schmieren kann, hat niemanden interessiert. Ich habe alle Bestandteile des gestrigen Abendbrots einzeln gegessen. Brot einzeln, Butter einzeln, Käse einzeln. Es war mir egal, so hungrig war ich, nachdem ich den ganzen Tag ohne Essen und Trinken in der Aufnahme lag. 

Niemand spricht hier mit einem, das ist das Schlimmste.

Es muss gegen Mittag gewesen sein, dass ich eingeliefert wurde. Maria und Albert wollten, dass wir den Notarzt rufen. Ich hatte keine Empfindung mehr im Mund. Sie kamen und machten die üblichen Tests, alles in Ordnung, aber in meinem Alter, mit meiner Vorgeschichte, nehmen sie dich natürlich zur Kontrolle mit. Verdacht auf Schlaganfall, so hieß es. Irgendwer erzählte mir, die Krankenhäuser bräuchten Patienten, am besten privatversicherte. Sie brachten mich nach Bremen. 

Da lag ich und wartete und wartete und zwischendurch schob man mich in dieses MRT, aber ohne mir das vorher zu sagen oder gar zu erklären. Man fummelte mir im Mund und in der Nase herum, das war wohl der Corona-Test. Irgendwann gegen Abend, als es schon dunkel war, fragte ich nach einer Tasse Tee. Ich hatte den ganzen Tag nichts zu trinken bekommen. Die Antwort lautete „Wasser.“. Nicht etwa „Sie kriegen Wasser“. Einfach nur „Wasser“.  Ich dachte, alles wird besser, wenn ich auf Station bin.

Das Tablett, nach dem ich greife, ist kühl, der Teller eiskalt. Ich greife in eine Art feuchten Schwamm, das muss das Brot sein. Ich nehme es in beide Hände, führe es mir zum Mund und beiße hinein. Mein Zimmernachbar stöhnt. Ich habe Angst vor der Nacht.

Herr X

Ich habe nicht geschlafen. Mein Zimmernachbar, von dem ich immer noch nicht weiß, wie er heißt, ich nenne ihn Herrn X, hat die ganze Nacht geschrien. Woran ich mich gestern tagsüber fast schon gewöhnt hatte, war in der Nacht nicht zu ertragen. Ich drückte auf den Knopf und sagte zur Nachtschwester: „Ich möchte gerne ein anderes Zimmer haben. Ich kann hier kein Auge zumachen. Immer wenn ich kurz wegdämmere, fängt er wieder an zu schreien und ich schrecke zusammen. Das tut einem ja auch leid.“ 

Sie sagte, in der Nacht könnten keine Zimmerwechsel stattfinden. 

Wo das Licht hereinfällt, kann ich das Bett von Herrn X nicht mehr ausmachen, dafür steht da jetzt etwas Hohes, Durchlöchertes, es muss eine Art Spanische Wand sein. Die Geräusche sind dieselben. Ich bin furchtbar müde. 

Der Oberarzt besucht uns: „Guten Morgen. Ich hoffe, es geht Ihnen gut.“

Ich sage: „Mir geht es nicht gut. Ich habe überhaupt nicht geschlafen. Ich möchte gerne ein anderes Zimmer haben, sonst muss ich nach Hause. Ich kann hier nicht überleben, also wenn ich nachts keine Ruhe kriege.“ 

Meine Stimme bebt. Ich warte auf seine Antwort. Das ist hart, wenn man sein Gegenüber nicht erkennen kann. Der Oberarzt sagt eine Weile nichts und bittet mich schließlich, mit dem rechten Zeigefinger auf meine Nasenspitze zu tippen, dann mit dem linken. Mehrere Male. Ich soll den rechten Arm heben, dann den linken. Ich scheine zu bestehen. Keine Ausfälle. „Was ist mit meinem Zimmer?“, frage ich. Er sagt: „Da besteht kaum Möglichkeit. Wir sind überbelegt.“

Ich höre, dass er hinter die Wand zu Herrn X geht. Der Oberarzt fragt: „Haben Sie Schmerzen?“ Das fragen sie ihn immer. Aber Herr X reagiert nicht. Herr X stöhnt weiter, vielleicht mit etwas längeren Pausen. Der Oberarzt spricht formell, von großen und kleinen Schlaganfällen. Vielleicht hat er es noch nicht begriffen, denke ich. Mit Herrn X kann man sich nicht unterhalten.

Ich versuche sie mir vorzustellen, den Oberarzt am Bett von Herrn X. Groß und etwas zu dünn geraten steht der Arzt da und schaut auf Herrn X, dessen Gesicht vor Schmerzen verzerrt ist, dem niemand mehr helfen kann. Wie alt mag Herr X wohl sein? „Herr X, wie alt sind Sie? Wissen Sie, dass Sie im Krankenhaus liegen? Wer hat Sie hierher gebracht?“, würde ich ihn gerne fragen. Ob er Familie hat, auch. Besuch kriegt er keinen, so wie ich auch nicht, denn das ist verboten. Angeblich gibt es Krankenhäuser, die es noch erlauben, trotz Corona. Aber auf dieser Station sind alle allein.

Das Telefon

Seit der Oberarzt in meinem Zimmer war, weiß ich, dass Herr X und ich auf der Schlaganfallstation liegen. Eine Station voller Schlaganfallpatienten, was für eine bedrückende Vorstellung. Offenbar können die wenigsten von ihnen telefonieren, jedenfalls gibt es hier keine Telefone an den Betten. Ich kann also niemanden anrufen und wenn mich jemand anrufen möchte, dann muss derjenige erst auf Station anrufen und bitten, dass man mir das Telefon reicht. Mein einziger Kontakt nach außen basiert also auf dem Wohlwollen der Pfleger.

Am ersten Tag bekam ich mehrfach den Hörer in die Hand gedrückt. Irgendwann klangen die Stimmen der Pfleger genervt, als ich sie auf dem Flur rufen hörte: „Einmal das Telefon für die 63!“ Mittlerweile bekomme ich das Telefon immer seltener. Die Pfleger scheinen geradezu verärgert, wenn sie mir das Telefon geben.

„Frau Bexe, Sie bekommen zu viele Anrufe. Das ist schlecht für Ihren Blutdruck. Sie regen sich zu sehr auf“, sagte gestern Nachmittag die Schwester zu mir. 

„Ich habe nun mal einen Mann und drei Kinder, was soll ich denn tun?“, antwortete ich.

Es ist doch nur das Telefon, werden Sie jetzt vielleicht denken, man kann doch mal ein paar Tage auf das Telefon verzichten. Ja, das denken Sie vielleicht. Aber ich möchte Ihnen sagen, dass ich das nicht einfach so kann.

Ich bin geh- und sehbehindert. Ich kann mich nicht mehr selbstständig vom Fleck bewegen, und ich kann seit einigen Jahren weder lesen noch schreiben oder die Mimik meines Gegenübers erkennen. Das Telefon ist das einzige Kommunikationsmittel, bei dem ich noch mithalten kann, ein Medium, für das mir nichts fehlt. Zuhause sitze ich manchmal stundenlang auf dem Sofa. Die einzigen Dinge, die ich eigenhändig von dort bedienen kann, sind das Radio und das Telefon.

Ich weiß nicht, wie lange man mich noch auf der Schlaganfallstation behalten möchte, noch weniger, wie lange ich noch in Zimmer 63 mit Herrn X ausharren muss. Ich kann ertragen und auch verstehen, dass wir keinen Besuch empfangen dürfen. Wenn ich mich hier mit Corona infiziere, komme ich hier nie wieder raus. Aber irgendeine Zerstreuung muss es doch auch für mich geben. Ich gehe sonst ein. Wie wäre es denn zum Beispiel mit Musik?

Aber sicher ist auch das schlecht für den Blutdruck.

Mittlerweile stellen sie nur noch Maria zu mir durch, denn das müssen sie wohl. Maria fragt dann: „Hat Albert dich erreicht? Hat Hanne dich erreicht? Karla wollte es auch versuchen!“

Ach meine liebe, liebe Karla, sie soll ihre Zeit nicht damit zubringen, in diesem Krankenhaus anzurufen, sich durch die Willkür dieser Telefonapparate zu arbeiten. Manchmal überkommt mich ein leichtes Unbehagen. Die können mit uns machen, was sie wollen. Es gibt keine Kontrolle von außen.

Die Tabletten

Ich bin die Alte, die ihre Schläuche abreißt. Die behauptet, sie könne nicht sehen und nicht gehen, die maßlos übertreibt. Die sich viel zu sehr aufregt. Die ihre Medikamente ausspuckt.

Dabei war es so: der Pfleger brachte mir meine Medikamente, vier Tabletten, und er wollte, dass ich sie alle auf einmal schlucke, jedenfalls steckte er mir alle zusammen in den Mund. Ich spuckte sie wieder aus, sagte: „Ich nehme sie lieber einzeln.“

Er sagte im Befehlston: „Schlucken!“

Ich schluckte, viermal. Dann spürte ich, dass seine Handschuhfinger meine Lippen berührten und meine Zahnreihe entlangfuhren. Erst war ich irritiert, wie versteinert. Bis ich verstand. Er suchte in meinem Mund nach den Tabletten. Er schaute nach, ob ich sie irgendwo in einer Backentasche aufbewahrte, nur um sie gleich wieder auszuspucken.

Auf was für Ideen man kommen kann! Offenbar müssen Patienten vor mir das schon so probiert haben. Trotzdem. Ist das ein Grund, keine ganzen Sätze mehr mit mir zu sprechen, mich zu behandeln, als sei ich geistig irgendwie weggetreten, nicht mehr ganz dicht im Kopf?

Seit der Pfleger mir im Mund herumgefahren ist, fühle ich mich schwach, wie verwundet. Für Widerstand bin ich zu müde. Der Schlafmangel raubt mir jede Kraft. Ich wünsche mir ein Gespräch, das von Herzen kommt, ein paar aufbauende Worte.

Aber seit dem Vorfall sind die Pfleger noch eisiger zu mir als zuvor. Mit jedem Satz, der hier gesprochen wird, werde ich in meine Schranken gewiesen. Eine zu mündige Patientin bereitet Probleme im Arbeitsablauf. Ich frage mich ernsthaft: war es früher schlimmer oder war es besser?

Nur zur Erinnerung, ich liege in einem großen Bremer Krankenhaus. Wir schreiben das Jahr 2020.

Der Lichtblick

Sie kam nach einer erneut durchwachten Nacht. Ich lag da, wie immer in meinem Hemd und diesem Plastikhöschen, das sie einem im Krankenhaus anziehen. Dass ich ungekämmt und so leicht bekleidet hier liege und mich maximal zwischen meinem Bett und der Toilette hin- und her bewege, daran habe ich mich in diesem Zimmer gewöhnt. Man könnte ja meinen, dass angesichts der eigenen Erblindung der optische Eindruck, den man selber auf Andere macht, auch keine große Rolle mehr spielen würde. Aber so ist es nicht.

Sie kam und fragte mich: wie geht es Ihnen? Die gleichen Worte wie die des Oberarztes neulich, aber in einem ganz anderen Ton.

Herr X hatte die ganze Nacht geschrien. Also antwortete ich ehrlich: „Mir geht es nicht gut. Das ist wie Folter, wenn man nachts schlafen will und immer wieder einnickt und dann aufgeschreckt wird durch lautes Geschrei.“

Mein Gegenüber war eine junge Ärztin. Ich hörte, dass sie sich Zeit nahm, ich merkte, dass sie mir zuhörte.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie mich.

„Ich möchte gerne ein anderes Zimmer haben“, antwortete ich.

„Ich sorge dafür, dass Sie verlegt werden“, sagte sie.

Natürlich sprach sie noch etwas mehr als das und ich auch. Sie sagte etwas zu Isolation und Corona und schwierigen Zeiten. Aber was mich interessierte, war das Zimmer.

Seitdem sie hier war, sind nun einige Stunden vergangen. Ich habe zweimal Essen bekommen. Kurz vor dem Abendbrot verließ mich kurz die Hoffnung. Dann brachte man mir das Telefon. Es war die Ärztin. Sie fragte, wie es mir gehe, sie wiederholte, dass sie alles tun werde, damit ich ein anderes Zimmer bekäme. Kurz darauf brachte man mir erneut das Telefon. Es war Maria. Die Ärztin hatte auch mit ihr gesprochen und ihr bestätigt, dass sie sich um ein neues Zimmer für mich kümmere. Wir gaben uns Hoffnung.

Nun wird es langsam dunkel. Ich liege hier und warte auf einen Lichtblick.

Abschied 

Es war der Pfleger, der mir die Finger in den Mund steckte, weil er mir nicht glaubte, dass ich die Tabletten geschluckt hatte. Ich erkannte seine Stimme. Sie hat etwas Boshaftes, Herzloses. Das Abendessen war schon wieder abgeräumt und ich wurde nervös. Also nahm ich mir ein Herz und fragte ihn nach meinem neuen Zimmer. Das Zimmer, das die Ärztin mir versprochen hatte.

„Da weiß ich nichts von“, antwortete er. „Außerdem hätte ich da ja wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden.“

Ich war sprachlos. Ich bin es noch immer. Ich liege hier wach, höre Herrn X stöhnen, im üblichen Rhythmus. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt geschlafen habe, wirklich geschlafen und nicht nur weggedöst bin. Ich bin auch nicht sicher, welcher Tag heute ist. Ich kann nicht mehr antworten, wenn ich etwas gefragt werde. Das Telefon wollten sie mir geben, aber ich konnte nicht. Ich liege hier wie auf Holz, bei jeder Gelegenheit dämmere ich weg, egal ob bei Tag oder Nacht.

Irgendwann höre ich Stimmen, die sich nähern. Vertraute Stimmen.

„Wir müssen Sie als Bevollmächtigte darauf hinweisen, dass Sie Ihre Mutter auf eigenes Risiko entlassen. Ihr Blutdruck hat sich nicht stabilisiert, die Gefahr eines weiteren Schlaganfalls ist akut und die Wahrscheinlichkeit, dass ein nachfolgender Schlaganfall den vorangegangenen an Heftigkeit übertreffen wird, ist mehr als gegeben“, sagt eine männliche Stimme, die sich Mühe gibt, formell zu sprechen. 

„Ich unterschreibe das. Sie kann in diesem Zimmer nicht gesund werden“, höre ich Maria bestimmt sagen.

Wie hat sie das geschafft? Wer hat sie informiert? Wie ist sie hier rein gekommen?

„Aufgrund der aktuell geltenden Corona-Maßnahmen dürfen Sie Zimmer 63 zum Schutze des anderen Patienten leider nicht betreten. Eine Pflegekraft wird Ihrer Mutter aus dem Bett helfen.“ Jetzt erkenne ich seine Stimme. Es ist der Oberarzt, der neulich zur Visite in unserem Zimmer war, bei mir und Herrn X.

Was wird mit Herrn X geschehen? Wird er merken, wenn ich gegangen bin? Hat Herr X auch jemanden, der sich für ihn einsetzt?

„Frau Bexe, aufwachen!!!“, höre ich die Pflegerin in mein Ohr schreien.

Ich schrecke auf. Wer war die Ärztin, die mir ein anderes Zimmer versprochen hat? Was ist aus ihr geworden? Habe ich sie wirklich je gesprochen? Wie lange habe ich in diesem Zimmer gelegen?

Fünf Nächte, antwortet Maria.

Karla

Ich habe ein Zimmer, das ich nicht mehr sehen kann, aber an das ich mich erinnere. Ein Zimmer, in dem ich aufwache, heute, nachdem ich geschlafen habe. Ich habe ein Zimmer, in das die Sonne scheint, seit über fünfzig Jahren. Ich kann nicht ausdrücken, wie glücklich mich das macht.

Nach meiner Rückkehr rief Karla mich an. Meine liebe Karla, völlig verheult war sie am Telefon, erst dachte ich wegen mir. Aber dann erzählte sie mir von ihrem Beziehungsdrama. Irgendwas mit Corona und zwei Männern. Wirklich tragisch, ich hörte zu und fühlte mit, danach habe ich alles wieder vergessen. Sie versprach, bald vorbeizukommen. Bald, wenn sie wieder darf.

Vielleicht werde ich ihr dann von meinen Tagen in Zimmer 63 berichten. Vielleicht kann sie das weitererzählen, irgendwie öffentlich machen, oder zumindest dokumentieren. Ich meine, wir leben im Jahr 2020, das ist doch alles nicht mehr zeitgemäß, was ich dort erlebt habe.

Aber ich bin 88 Jahre alt. Wer hört mir noch zu?

Es soll mir gleich sein. Ich werde es ihr erzählen, und dann möchte ich damit abschließen. Was sie damit macht, ist mir egal. Nie wieder daran denken.

Ich habe ein Zimmer, von dem ich nur noch die groben Umrisse erahne, aber das ich schon so oft gesehen habe. Ich weiß, wo der Tisch steht mit den Fotos. Wo die Bücher. Wo der Schrank. Ich weiß, wo das Licht hereinfällt. Es ist mein Zimmer, mein Zuhause. Ich werde es nicht mehr verlassen.


Porträt von Jörg Isermeyer
© privat

Jörg Isermeyer, geboren 1968 in Bad Segeberg, reiste als Straßenmusiker quer durch Europa. Nach einem Studium der Psychologie, Soziologie und Pädagogik zog er die freie Künstlerlaufbahn einer Universitäts-Karriere vor und lebt heute als Schauspieler, Regisseur, Theaterpädagoge, Musiker und Schriftsteller in Bremen. Er schreibt vorwiegend für Kinder und Jugendliche, seine Bücher und Theaterstücke wurden bereits mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Berliner Kindertheaterpreis und dreimal mit dem „Lesekompass“ der Leipziger Buchmesse.

„Hallo Krause! Das ist ja schön!“

Der Mann in der Tür erinnert mich an einen Politiker, ich weiß nur nicht, an welchen. Meiner spontanen Abneigung nach zu urteilen wahrscheinlich FDP. Er strahlt über das ganze Gesicht und breitet die Arme aus, als wollte er mich packen, an sich ziehen und umarmen. Unwillkürlich weiche ich einen Schritt zurück. Abrupt hält er inne und reißt die Hände entschuldigend nach oben.

„Natürlich, Corona – vergesse ich immer wieder.“

Wahrscheinlich steht mir die Panik ins Gesicht geschrieben. Nicht wegen Angst vor Ansteckung oder so, da bin ich nicht so empfindlich. Ich finde nur den Gedanken, von Thomas umarmt zu werden, an sich ziemlich gruselig. Zu Schulzeiten haben wir schließlich auch nur im Vorbeigehen müde die Hand gehoben. Wenn überhaupt. Und seitdem sind wir uns nicht näher gekommen, im Gegenteil.

„Hallo ... ja ... äh ...“, stottere ich, und nach ein paar hampeligen Ich-weiß-ja–auch nicht-was-wir-jetzt-so-machen-sollen-Gesten reiben wir unbeholfen unsere Ellenbogen aneinander.

„Nach so langer Zeit!“, schwadroniert Thomas los. „Das war vielleicht eine Überraschung. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Wie bist du überhaupt an meine Adresse gekommen? Na, ist ja egal, komm erst mal rein.“

„Soll ich die Schuhe ...“

In letzter Zeit lasse ich die Sätze öfter unvollendet in der Luft hängen. Meinem Selbstbewusstsein hat dieses Virus jedenfalls nicht gut getan.

„Ja, ist vielleicht besser.“ Er kneift den Mund zusammen und wackelt mit dem Kopf. Das soll wahrscheinlich heißen, dass er persönlich die Sache nicht so eng sieht, aber seine Frau oder wer auch immer anderer Meinung ist: „Die Kinder bringen schon genug Dreck rein.“

Kinder – ich habe geahnt, dass sich die auf Dauer bei meiner „Tour“ nicht vermeiden ließen. Thomas hat gleich drei davon, steht zumindest in seinem Facebook-Account. Und warum sollte er da schummeln? Um mit seiner Potenz anzugeben? Dann hätte er dreihundert gepostet - wenn schon, denn schon. Na ja, ich bin selbst schuld. Schließlich stehe ich vor seiner Tür. Aber die ohne Nachwuchs habe ich bereits hinter mir.

„Tja, Kinder sind eben Kinder“, entgegne ich, nicke wissend – obwohl ich nicht mehr über Kinder weiß, als dass sie eben welche sind und ich sie nicht ausstehen kann – streife demütig meine Treter ab und ziehe meinen Rollkoffer hinter mir her. Über eine Schwelle, die man kaum sieht, und die eigentlich auch nur eine ganz normale Türschwelle zu einem ganz normalen Einfamilienhaus in dieser ganz normalen Einfamilienhaussiedlung ist, die hier Borgfeld heißt, so wie sie woanders eben Wellingsbüttel oder Schmargendorf oder Klettenberg heißt.

Aber ich frage mich schon, wie ich so tief gesunken bin, um genau diese Schwelle zu übertreten.

,,Dio, che nell’alma infondere ...“

Das war mein Traum. Es hätte ja nicht unbedingt die Mailänder Scala sein müssen, ein ganz normales Drei-Sparten-Haus hätte mir gereicht, von mir aus sogar in der Provinz. Aber ich habe nicht mal die Aufnahmeprüfung fürs Musikstudium geschafft.

,,Un di, quando le veneri ...“

Meine Eltern haben mir dann Jura aufgeschwatzt. Das lief auch ganz gut, stumpfsinnig Sachen auswendig lernen konnte ich schon immer. Und mit dem Hiwi-Job an der Uni habe ich mir Privatstunden verdient, mein ganzes Geld habe ich diesem abgehalfterten Opern-Gigolo von Nicolo in den Arsch geschoben (ich glaube, sein echter Name war Norbert) und meine ganze Zeit, die mir die unmotivierten Studis bei den Staatsrechts-Seminar-Nachbereitungen übrigließen, dem Gesang gewidmet – nur um im zweiten, dritten und vierten Anlauf wieder zu scheitern.

,,Quando mi sei vicina ...“

Darauf habe ich mich so reingesteigert, dass ich mein Jura-Examen versemmelt habe und in dem Bereich nur noch als Aktenträger meine Brötchen hätte verdienen können. Da habe ich die Entscheidung getroffen: Wenn ich eh kein Geld verdiene, dann wenigstens mit meiner Leidenschaft. Zur Not eben vor gut betuchten Banausen auf ihren Angeberfesten. Auch in normalen Zeiten kein einträglicher Job, die echten Millionäre engagieren leider echte Opernsänger. Ich musste drei Stufen drunter operieren. Beim 50. Geburtstag des Autohausbesitzers, der silbernen Hochzeit des Sparkassen-Filial-Leiters, sogar den Kindergeburtstag einer ehrgeizigen Arztfamilie habe ich bereichert (und er mich) ...

... und dann kam Corona.

„La fatal pietra sovra me si chiuse ....“

Was soll ich sagen: Viren-Eindämmung und Arien vertragen sich nicht.

Eine ähnliche (etwas geschönte) Kurzfassung meines Lebens gebe ich auch Thomas und seiner Frau, nachdem sie die Kinder trotz Quengelorgie erfolgreich ins Bett verfrachtet haben. Dabei versinke ich fast in ihrem Ecksofa, ob vor Scham oder wegen der Geschmacksverirrung meiner Gastgeber ist mir dabei schnuppe. Immerhin ist der Rotwein passabel und die Chips nicht von Aldi.

Meine Gastgeber haben den Abstandsregeln sei Dank in Sesseln Platz genommen und nippen an ihren Gläsern. Sie sind noch bei ihrem ersten. Glaube ich. Ich bin bei meinem ... keine Ahnung. Thomas findet das alles wahnsinnig „spannend“ und „interessant“, was mich überhaupt nicht wundert. Er war schon in der Schule ein Schleimer. Eigentlich merkwürdig, dass er es nicht weiter gebracht hat. Sabine, die genauso langweilig ist wie ihr Name, nickt zu all dem und fragt mich natürlich die unvermeidliche Frage.

„Ich weiß nicht, ich würde ja gerne“, antworte ich und wiege zweifelnd mein Haupt, „aber die Aerosole ...“

„Oh, du hast recht“, wiegelt Thomas ab. „Wir wollen nicht der nächste Hot-Spot werden.“

Er scheint über meine Zweifel nicht unglücklich zu sein. Zumindest in dieser Hinsicht ist er mir sympathisch. Für einen kurzen Moment freue ich mich, dass ich Sänger bin. Als Cellist hätte ich mir auf meiner „Tour“ wahrscheinlich Abend für Abend die Finger wund spielen müssen. So brauche ich das „nein“ noch nicht einmal aussprechen und kann dabei noch den Verantwortungsbewussten mimen. Aber mein Anfall von guter Laune verfliegt so schnell, wie er gekommen ist. Ein Cellist kann auch mit Maske seine Brötchen verdienen.

Ein Cellist wäre nicht da, wo ich bin.

Es ist ja nicht so, dass die Politik nichts für die Kunst tut. Nur sind Politiker eben Politiker. Die treffen auf ihren Empfängen die Thomas Quasthoffs dieser Welt, mit prekären Künstler-Existenzen kennen die sich nicht aus. Wie generell mit allem Prekärem und Randständigem. Politik ist ja der Kampf um die Mitte, selbst in Coronazeiten drängelt sich da alles. Einer wie ich fällt dementsprechend durchs Raster. Vereinfachter Zugang zu Hartz IV hilft wenig, wenn man schon auf Hartz IV ist und sich mit Arien lediglich ein kleines Zubrot verdient (am besten schwarz, also sozusagen ein Schwarzbrot).

Außerdem ist Geld nicht alles, also bei mir ist da mehr weggefallen: Nach den Auftritten habe ich mir in der Regel den Bauch vollgeschlagen. Ich war nicht nur Gelegenheitstrinker, sondern auch Gelegenheitsesser. Mehr noch: Die Kunst, meine Auftraggeber dazu zu bringen, mir von sich aus die Reste ihres Buffets anzubieten, beherrsche ich aus dem ff. Meine Tupperdosen-Sammlung kann sich sehen lassen. Und jetzt? Ohne Aufträge nutzt mir das gar nichts und das schöne Plastik verstaubt ungenutzt in meiner Wohnung.

Meine Wohnung …

Wie die jetzt wohl aussieht?

In die Masche mit dem Internetportal hat mich ein Kollege reingezogen. Rober schlief schon seit Wochen bei uns in Heidelberg auf den Sofas seiner Freunde (bzw. denen seiner Bekannten und Bekannten von Bekannten). In seinem Loft fläzten sich derweil Urlauber im Bett rum. Naja, und als er eines morgens auf meinem Sofa aufwachte und feststellte, dass meine Bleibe sogar Neckarblick hat - wenn man den Hals reckt, sieht man ein Fitzelchen von der rechten Balkonecke aus -, hat er mir einen Deal vorgeschlagen.

Eine Woche später habe ich meinen Koffer gepackt, ihm den Schlüssel in die Hand gedrückt und das Weite gesucht. Für zwei couchsurfende Künstler ist unser örtlicher Bekanntenkreis zu klein, und da er schon im Geschäft drinsteckte ... Ich muss ihm für Gästebetreuung und Desinfizieren zwar die Hälfte abgeben, aber so kann ich wenigstens meine Miete zahlen. Oder besser gesagt: zahlen lassen. Auch wenn ich nicht weiß, was ich davon habe.

Wohnungslos bin ich ja trotzdem.

Thomas und Sabine erzähle ich den Teil natürlich nicht. Auch bei der dritten Flasche Wein habe ich mich so weit unter Kontrolle, dass ich stattdessen von „Sehnsucht nach den alten Zeiten“ und „unserer“ Jugend rede. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht übertreibe. Als ich Sabine erzähle, wie Thomas beim Lateintest mal so vertieft in seine Spickzettel war und der Greifhardt ihm geschlagene 5 Minuten dabei über die Schulter geschaut hat ... und mich dabei vor Lachen fast verschlucke, hat der Abend seinen Höhepunkt erreicht. Zum Glück haben sie ein Gästezimmer. Seitdem ich bei Ingo in Salzgitter auf dem Wohnzimmersofa schlafen musste und morgens von seinen Ablegern geweckt wurde, achte ich darauf. Manche Leute zeigen ja alles bei Facebook.

Als es ruhig wird im Haus, mache ich noch einen Abstecher am Kühlschrank vorbei. Alte Gewohnheiten legt man nicht so schnell ab, auch wenn sie sich aufenthaltsverkürzend auswirken können. Der Inhalt kann sich sehenlassen. Ein Stück Greyerzer kauend überlege ich, ob ich zu den 50 Millionen Binnenflüchtlingen zähle, die es weltweit gibt. Wahrscheinlich nicht, aber in diesem Augenblick fühle ich mich ihnen verbunden. Den Käse würde ich jedenfalls gern mit ihnen teilen. Obwohl es nicht meiner ist. Oder gerade deshalb.

So lasse ich ein Stückchen fürs Frühstück übrig. Danach will ich mir die Stadt anschauen.

Hoffentlich ohne Rollkoffer.

Ich sitze in der Straßenbahn, im Tagesrucksack steckt „Bremen entdecken & erleben: Das Lese-Erlebnis-Mitmachbuch für Kinder und Eltern “. Das hat mir Sabine aufgenötigt. Es wäre der einzige Reiseführer, den sie hätten – aber der sei „auch für Erwachsene ganz toll“. Auch gut, so kann ich wenigstens nachgucken, wo ich nicht hinwill.

Thomas war schon aus dem Haus, die Blagen ebenfalls. Nur Sabine hat „zur Gesellschaft“ noch ein Brötchen mitgefrühstückt und mich dabei mit Tipps versorgt, was ich mir „unbedingt angucken“ sollte. Ich habe versucht, interessiert zu wirken. Vielleicht habe ich als Kulturmensch bei ihr Chancen. Also hinsichtlich meines Bleiberechts.

Dabei interessiert mich Kultur nicht die Bohne. Nicht mehr, die Zeiten sind vorbei - mal abgesehen davon, dass ich mir Museumsbesuche im Moment nicht leisten kann. Vor irgendwelchen alten Schinken stehen und versonnen nicken, als würde tief in mir etwas bewegt oder eine Erkenntnis über mich ausgeschüttet …

Alles Selbsttäuschung.

Oder Konzeptkunst! Das einzige Konzept, was ich darin sehe, ist mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel Geld verdienen. Wobei dass eigentlich wieder spannend ist. Danach suche ich ja auch.

Selbst Oper interessiert mich nicht mehr. Inzwischen sehe ich meine Leidenschaft für Puccini als juvenilen Irrtum, der sich leider nicht mehr rückgängig machen lässt. Da fahre ich lieber Straßenbahn. Deshalb habe ich mir auch ein Tagesticket gekauft. Zur Not kann ich bis zum Abendbrot hin und her fahren und Leute beobachten. Das Leben ist sowieso interessanter als die Kunst. Auch wenn ich in der Suppe des Lebens nicht gerade oben schwimme – wenn ich in die Gesichter der anderen sehe, geht’s mir gleich besser. Seit Corona ist es zwar nur noch der halbe Spaß, aber die Augen sind ja das wichtigste.

Die Augen.

Spiegel der Seele.

Manche Spiegel sind ganz schön blind. Oder zersplittert. Oder könnten mal geputzt werden. Vielleicht sind es auch die Seelen, die blind sind. Da bin ich mir nicht sicher.

 Am schönsten ist es jedenfalls früh morgens im Berufsverkehr: Soviel Leere auf engstem Raum. Aber das gönne ich mir selten. Im Bett zu liegen und daran zu denken ist nämlich noch besser.

Jetzt hat die Straßenbahn nicht ganz so viel zu bieten. Längst nicht alle Sitze sind belegt. Man kann sich also aus dem Weg gehen. Schräg gegenüber sitzt ein junger Mann und nickt mit stumpfem Blick zu noch stumpferer Musik vor sich hin, die er zum Ausgleich so laut aufgedreht hat, dass wirklich jeder mit seinen Trommelfellen Mitleid kriegen muss.

„Sie haben Ihre Maske vergessen.“

Eine Frau hat sich vor ihm aufgebaut. Man hört, dass sie den Satz nicht zum ersten Mal sagt. Der Mann nickt weiter, die Frau wiederholt ihren Satz – und während die beiden in ihrer Zeitschleife gefangen sind, überlege ich, ob es eine Verschwörungstheorie gibt, wonach Corona über die Ohren verbreitet wird.

Am anderen Ende sitzt eine junge Frau mit mehr Augenringen als Augen und zwei Rotznasen im Schlepptau. Müssten die nicht in der Kita sein? Aber bei dem vielen Rotz haben sie die wahrscheinlich gleich wieder nach Hause geschickt. Sie wirkt so geschafft, als hätte sich die ganze Welt gegen sie verschworen. Kein Wunder, das Verschwörungstheorien Konjunktur haben.

Vielleicht sollte ich in das Geschäftsfeld einsteigen?

Ich hole Stift und Zettel aus meinem Rucksack und mache mir Notizen. „Bremen entdecken & erleben“ entpuppt sich dabei als ideale Schreibunterlage.

Bücher über Bücher. Und wen interessiert’s? Also im Vergleich zu den Einschaltquoten im Fernsehen wohl eher niemand. Und dabei gehört die ARD auch schon zu den aussterbenden Arten. Ein ganzes Haus mit frei zugänglichen Bildschirmen inclusive Netflix-Abo und einem gutsortierten Chips-Automaten würde wahrscheinlich besser angenommen. Aber solange die Staubschicht auf der Kultur nur dick genug ist, lässt sich Vater Staat nicht lumpen. Ich weiß, wovon ich rede – Oper und Opa klingen nicht nur von ungefähr gleich.

Ich sitze im „Lesegarten“ der Stadtbibliothek und frage mich, weswegen es in diesen hochsubventionierten Häusern nie einen anständigen Kaffee gibt. Wobei man für 80 Cent aus dem Automaten wirklich nichts erwarten darf. Ab und zu nippe ich an meiner Plörre (immer dann, wenn ich vergesse, wie plörrig sie ist) und mache mir Notizen. Dafür ist es der ideale Ort. Das geballte Wissen der Menschheit im Nacken laufe ich zu Höchstform auf: Ich erschließe eine neue Einkommensquelle für die arbeitslose Kreativ-Branche!

Frei nach dem Motto „Wenn du den Feind nicht besiegen kannst, musst du ihn verwirren“ falle ich über die dunklen Bedürfnisse her, die die Corona-Krise an die Oberfläche gespült hat, und mache sie mir zunutze. Warum dieses Feld den Attila Hildmanns dieser Welt überlassen?

Also …

Schritt eins: Neue Verschwörungstheorien kreieren.

Schritt zwei: Accessoires verkaufen, die vor dem „absolut Bösen“ als einziges schützen.

Alu-Hütchen basteln kann ja jeder, selbst ich würde das hinkriegen. Aber wie sieht es mit Bio-Schafwollpullovern mit eingestricktem Drudenfuß-Muster aus, die als einziges gegen die per Radiowellen übertragenen okkulten Sprüche der Allianz aus a) von den Grünen verstoßenen Esoterikerinnen, b) aus den geheimen Labors im Silicon Valley  entwichenen künstlichen Intelligenzen und c) der um ihre Frequenzen kämpfenden Freifunker-Szene besteht?

Oder Pillen mit Oggo-Oggo-Sanef-Extrakt (keine Ahnung was das ist bzw. sein könnte), die die von schwarzen Despoten in die Kanalisation der westlichen Industrienationen eingeleiteten unfruchtbar machenden Hormone neutralisieren, die unsere weiße Rasse vernichten sollen?

Man könnte auch eine Art Meta-Verschwörungstheorie in die Welt setzen, die besagt, dass alle anderen Verschwörungstheorien von linken Zecken aus der Kreativbranche in die Welt gesetzt wurden, um Spinnern und Rechten und rechten Spinnern mit obskuren Accessoires das Geld aus der Tasche zu leiern und sie von den eigentlichen Problemen dieser Welt abzulenken. Also z.B. von Klimawandel und Rassismus und so … Minus mal Minus ergibt plus. Blödsinn kann man am erfolgreichsten mit Blödsinn bekämpfen. Da fehlt mir allerdings noch die Idee für ein passendes obskures Accessoire.

Schließlich will ich ja Geld verdienen.

Ich schiebe meine Zettel zusammen und mache noch einen Schlenker an der Drogerie und einem Ramschladen vorbei, wo ich ein afrikanisch anmutendes Pillendöschen günstig erstehe. Den „Made in China“-Aufkleber pule ich natürlich ab. Wenn ich heute Abend Thomas und Sabine meine Oggo-Oggo-Sanef-Pillen verkaufen kann, steige ich in die Serienproduktion ein. Wenn nicht, mache ich lieber einen Ratgeber aus der Idee. Sollen sich andere daran die Finger verbrennen.

Mit Ratgebern soll man ja auch ordentlich verdienen.

„Und? Hast du die Maus im Dom gesehen? Die ist doch süß.“

Sabine scheint auf irgendein Highlight aus ihrem Reiseführer anzuspielen. Ich rette mich in einen vermeintlichen Weser-Spaziergang. Fluss ist Fluss, da werde ich irgendwas zusammenfabulieren können.

Wie gestern Abend haben wir drei uns in gehörigem Abstand in die Couchgarnitur versenkt. Allerdings gibt es statt Wein Tee. Das haben meine Gastgeber so entschieden. Vielleicht ein Zeichen, aber man kann Zeichen auch überbewerten. Immerhin durfte ich zwischen schwarzem oder Kräutertee wählen und vor allem sind die Kinder im Bett.

Nach dem nötigen Vorgeplänkel ziehe ich mein Pillendöschen hervor.

„Habt ihr eigentlich schon mal was von Oggo-Oggo-Sanef-Extrakt gehört?“

Verschwörerisch senke ich die Stimme. Thomas und Sabine sehen mich erstaunt an. Verwundert schütteln sie die Köpfe.

… und so nehme ich sie gnädig in den Kreis der Eingeweihten auf.

„Die vertreibe ich exklusiv“, beende ich meine Ausführungen. „Wenn ihr wollt … kostet nur 50,00 Euro.“

„Und die schützen?“ Thomas hat sich das Pillendöschen genommen und begutachtet skeptisch eine Pille. „Was bedeutet FF?“

„FF?“

Mist! Jetzt sehe ich es auch. Die Pillen sind nicht so neutral, wie ich gedacht habe. Vielleicht hätte ich sie mir vor dem Umfüllen genauer ansehen sollen. Und sie dann Firi-Firi-Ganesh genannt …? Besser ich hätte die anderen genommen. Aber die waren von der Form her verräterisch.

Während ich noch von „free force“ fasele, einer Formel, die die Wirkung unterstützt und gleichzeitig der Name des Vertriebsnetzwerkes ist, steckt Thomas sich eine Pille in den Mund. Bedächtig lutscht er darauf herum.

Mein Redefluss versiegt. Ich ahne, dass jedes weitere Wort verschwendet wäre.

„Ich glaube, es wird Zeit, dass du deine Sachen packst.“

Ohne mich anzusehen, legt Thomas die Schachtel auf den Tisch.

„Kein Problem“, nehme ich meine Niederlage auf die leichte Schulter, „das passt. Ich muss morgen sowieso los, ich habe da eine Anfrage in …“

„Ich rede nicht von morgen“, unterbricht mich Thomas.

„Äh …“

Erstaunt sehe ich ihn an.

Thomas schweigt. Den Oberkörper nach vorne geneigt, Ellenbogen auf den Knien, die Finger vorm Mund ineinander verschränkt – ich weiß nicht, wie er es in diesem Sessel hinkriegt, der jeden Körper mit seiner Labberigkeit aufsaugen oder zumindest infizieren müsste, aber wieder erinnert er mich an diesen FDP-Politiker. Der hat auch immer klare Kante gezeigt - zumindest wenn er wusste, dass er es mit Schwächeren zu tun hatte.

Und dass ich gerade ganz unten auf der sozialen Leiter stehe, ist Thomas endlich klar geworden.

An der Gartenpforte hebe ich im Abgang noch einmal die Hand. Thomas lehnt in der Haustür und sieht mir nach, ich spüre seinen rechtschaffenen Blick im Rücken. Aber umdrehen – nein danke! Den Triumph gönne ich ihm nicht. Wenn ich eines gelernt habe, dann als Verlierer eine gute Figur zu machen. Erhobenen Hauptes ziehe ich meinen Rollkoffer hinter mir durch die Nacht.

Erst als ich außer Sichtweite bin, bleibe ich stehen.

Ein leichter Nieselregen gibt der Einfamilienhaussiedlung einen silbrigen Glanz. Wo die Straßenbahnhaltestelle ist, weiß ich. Aber dass jetzt noch eine fährt, wage ich zu bezweifeln. Egal. Ich weiß sowieso nicht, wohin.  Für ein Hotel fehlt mir das Geld.

Und für alles andere auch.

Zum Glück ist es nicht Winter, eine Nacht im Freien werde ich überleben. Falls ich mir dabei eine Erkältung zulege, halten die anderen wenigstens Abstand – selbst Husten hat zwei Seiten. Aber das ist das einzig Positive, was mir gerade einfällt.

Ich stelle den Rollkoffer neben mir ab, ziehe frierend die Schultern hoch und stecke meine Hände in die Manteltaschen. Meine Finger stoßen auf ein Döschen. Gedankenverloren stecke ich mir eine Oggo-Oggo-Sanef-Pille in den Mund. Ich muss ja nicht auch noch impotent werden. Dann fällt mir ein, dass ich mir den Mist selbst ausgedacht habe, und spucke das Ding wieder aus.

Es schmeckt wirklich zu deutlich nach Pfefferminz.

Die Augen geschlossen neige ich den Kopf nach hinten, recke mein Gesicht den Regentropfen entgegen und öffne den Mund. Es ist nicht genug. Nicht genug, um den Geschmack zu vertreiben. Nicht genug, um meinen Durst zu stillen. Nicht genug, um mich zu ersäufen. Nicht genug für irgendwas.

Auch wenn ich ewig so stehen bleiben würde.

Entschleunigung, na toll. Darüber können sich die Leistungsstreber freuen, die im Hamsterrad dem Herzinfarkt entgegenstrampeln und dann in üblicher Bescheidwisser-Manier davon schwafeln, dass die Krise auch eine Chance sei. Ich hatte mein Leben bereits entschleunigt. Alle zwei Wochen ein paar Arien trällern, das kriegt auch ein Faultier im Rentenalter noch hin. Und jetzt?

Ich bin am Nullpunkt angelangt.

Noch mehr Entschleunigung geht nicht.

Mein Handy brummt.

Eine Weile ignoriere ich es, dann gucke ich aufs Display. Eine SMS von Rober. Meine Wohnung wird nicht mehr gebucht. Damit war zu rechnen: Die Herbstferien sind zu Ende, außerdem empfiehlt die Politik im Angesicht der zweiten Welle allen, zu Hause zu bleiben. Das heißt auch für mich, ich kann nach Hause kommen.

Für einen kurzen Moment freue ich mich. Dann denke ich an meinen Kontostand.

Ab jetzt bin ich im Rückwärtsgang, und zwar mit Vollgas.


Porträt von Lui Kohlmann
© privat

Lui Kohlmann (geboren 1995) hat Freie Kunst in Bremen in studiert. Zu ihrem Schaffen zählen Gedichte, Künstlerinnenbücher, Kartenspiele, Kurzgeschichten, Comics und Trickfilme, die sie in Ausstellungen und multimedialen Lesungen präsentiert. Darüber hinaus hat sie Texte in der MiniLit-Reihe (Heft 9) veröffentlicht und ihre Arbeiten bereits u.a. im Rahmen der Langen Literaturnacht „Bremen liest“, LitClips und auf dem Bremer Zine-Festival vorgestellt. Nicht zuletzt ist sie die Gründerin der Quadropoden-Forschungsgesellschaft.


Porträt von Betty Kolodzy
© Kerstin Rolfes

Betty Kolodzy, geboren 1963 in Wolfenbüttel und in München aufgewachsen. Die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin und Kommunikationswirtin lebt heute, nach Stationen in Marseille, London, Granada und Berlin, als freie Autorin in Bremen. Sie verfasst Romane und Erzählbände, erhielt mehrere Stipendien. Zuletzt erschien ihre Short Story „Denk ich an Elster“ im Hamburger Literatur Quickie Verlag. Sie lehrt Kreatives Schreiben an der Uni, in Flüchtlingswohnheimen, Schulen, Museen (u.a. Focke- & Overbeck-Museum). 2016 initiierte sie das Schreibprojekt Heimat:Sprache für Menschen mit Fluchthintergrund. Für ihren Schreibworkshop Heimat:Sprache für geflüchtete Frauen wurde sie 2019 mit dem ersten Bremer Frauenkulturförderpreis ausgezeichnet. 2020 folgte eine Einladung des Bundespräsidenten zum Neujahrsempfang im Schloss Bellevue. Infolge des Corona-Lockdowns initiierte sie den Briefaustausch „NÄHE in Zeiten von Distanz“ in Kooperation mit dem Bremer Literaturkontor.

Kollateralschädel          

Seit das Corona-Wetter, BlauinBlau und Sonnensatt, verschwunden ist, seit gestern aus einer Wolke ein weißer Pudel und heute früh ein schwarzer Feuerdrache ins Firmament entsprangen, ist meine Stimmung dahin. Die Lockdown-Kollateralschäden sind immens, mindestens 30% der Bevölkerung befinden sich in Angst, der Rest in lethargischer Depression. Gestern erzählte mir ein Nachbar, der eine Mask-Time-Video-Party veranstaltet hatte, dass das Leben nicht mehr lebenswert sei.

Die Verhaltensstörungen sind nicht zu übersehen. Das immer professionellere Ausweichen hat nichts Tänzelndes mehr an sich, eher wirkt es so, als flüchte man voreinander: nur schnell nach Hause, bloß kein Kontakt, rasch hin zu Konserven, Klopapier und anderem Vorrat. Wo war bloß der Dosenöffner?

Fremde Menschen schreiben mich an. Ob ich denn wirklich beim Skifahren war. Womöglich in Ischgl. Was für ein Wort: 5 Konsonanten hintereinander!

Nein: Weder war isch ischgln, noch fahr ich Ski, auch wenn ich aus einer Stadt stamme, von deren höchster Erhebung man bei Föhn die Alpen erblickt. Wer weiß schon, dass der Olympiaberg früher Schuttberg hieß? Dass sich darunter Trümmer des Zweiten Weltkriegs befinden?

Dort ganz in der Nähe bin ich aufgewachsen. Dort lebt meine Familie, die ich eigentlich besuchen wollte. Doch dann kam Corona.

„Dann kam Corona! Schallallallallaallaa!“ Ein schmalzlockiger Sänger mit Gamsbart stolziert durch meinen Kollateralschädel, schnalzt mit Daumen und Zeigefinger im Takt. Er setzt einen Fuß auf meinem Hypothalamus ab, stützt lässig seinen Arm aufs Knie.

„Da nützt die Bahncard auch nichts mehr, was?“ 

Er führt etwas im Schilde, biedert sich an.

„500 Euro und ich bring dich coronafrei nach München“, raunt er mir zu. Breitet seine Arme aus, winkelt die Knie an, um sich – autsch! - von meinem Hypothalamus abzustoßen.

Reisen in Coronazeiten       

Schon die zweite Nacht wandle ich durch die Gänge des Hotels. Vorbei an geschlossenen Boutiquen, in deren Schaufenstern elegante Kleidung präsentiert wird. Passend zum mondänen Stil des Hotels, einem langgezogenen Riegel mit Art-Deco-Details. Einstöckige Gebäude wie dieses findet man selten bis gar nicht in der Münchner Innenstadt. Ich wundere mich, blicke durch die Scheiben in den Saum eines Mischwaldes: vielleicht ein Park, vielleicht der Englische Garten. Dann entscheide ich mich für zwei Jackie-Kennedy-Kostüme, die ich morgen, ohne mit der Wimper zu zucken, mit meiner Kreditkarte bezahlen werde.

Ich trete hinaus ins Freie. Tauche in meinen Corona-Morgen ein. In einen weiteren Corona-Morgen. Vorgestern habe ich das zweite Zugticket in meine Heimat storniert. Seit der ersten Stornierung im März treibe ich mich mit einer erträumten Kreditkarte in einem nichtexistenten Hotel herum. Gehe im Schlaf auf Reisen. War schon in einem Amphi-Theater in Italien, dort allerdings für einen Auftritt als Opernsängerin. Vor lauter Aufregung – ich hatte nicht geprobt, auch noch nie eine Arie gesungen – habe ich meinen Koffer mit dem Bühnenkostüm zu Hause in Bremen vergessen. Beim Aufwachen fiel mir ein, dass kulturelle Veranstaltungen momentan ja gar nicht stattfinden. Dass ich noch Zeit habe fürs Proben und für ein Amphitheater-Hygienekonzept, das sich gewaschen hat.

Social Distancing       

 

Drei Monate wie drei Wochen.

Man hatte jede Menge zu organisieren:

alles war abgesagt, ausgefallen ...

erzählst du am Telefon.

 

Und erfährst von Ayhams Einsamkeit

(im Home Office)

und dass er niemanden traf

aus Angst vor dem Virus.

 

Erfährst von seiner Familie in Syrien,

von der Inflation, dem Hunger ...

und fragst dich,

in was für einer Welt du eigentlich lebst.

Freiheit                                                           

 

Wie auf einem viel zu kleinen Rad

bewegst du dich ungelenk

durch die Obernstraße.

Das Bad in der Menge

erste Schritte nach dem Stillstand

der Fastisolation.

 

Menschenmasken

die dir entgegenschlendern

fröhlich, plaudernd.

Während du,

auf einsfünfzig fokussiert

die Melodie des Saxofonisten errätst:

You must remember this. A kiss is still a kiss ...*

                                               

*aus “Anything goes” von Cole Porter

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf?     

Da hatte ich aber Schwein heute beim Einkaufen in einem Supermarkt im Steintor: Als ich meine Waren auf das Band legte, tauchte er hinter mir auf: der Mann ohne Maske. Dreist hielt er nur Vorcorona-Abstand und reagierte auf meine irritierten Blicke mit noch breiterer Brust.

„Sie haben Ihre Maske vergessen“, sagte ich freundlich, meine Waren auf das Band legend, zwei Schritte nach links.

„Das ist ja interessant, dass Sie mich darauf hinweisen.“ Sein spöttischer Unterton, sein belustigter Blick, während mein Einkauf Richtung Kasse rollte.

Der Verkäufer scannte die Artikel, tat ansonsten, als bekäme er nichts mit.

„Ich finde das ein bisschen gruselig und dachte, Sie hätten Ihre Maske vergessen“, wiederholte ich immer noch freundlich.

„Ich habe meine Maske nicht vergessen“, sagte der Unmaskierte arrogant.

Ich bezahlte, das Schweigen hinter der Kasse blieb. Wahrscheinlich aus Angst, in eine unübersichtliche Situation zu geraten. Was ich verstehen kann.

Nach dem Bezahlen wollte ich meinen Einkaufswagen weiterschieben, da versperrte mir ein alkoholisierter Mann ohne Mund-Nasenschutz den Durchgang, er war auf dem Weg, seinen Bierflaschenpfand einzulösen.

„Sie haben Ihre Maske vergessen.“ Ich wieder.

Der Alkohol-Ausdünstende rollt seinen Schal über den Mund und will mir einen von wegen „Das ist sowieso so eine Sache mit den Masken“ erzählen … Ich bitte ihn um Abstand. Ich verstehe schon seit einiger Zeit nicht, warum ich hier eigentlich die Einzige bin, die findet, dass etwas nicht stimmt.

Nächstes Mal mache ich den Frau-ohne-Maske-Test und gehe in den Laden. Mal gucken, was dann passiert.

Prekär ist peinlich        

Einkaufen ist das neue Reisen. Als  Bremer-Innenstadt-Fan treibe ich mich oft in einem Discounter am Ende der Langenstraße herum. Einem Gespräch zweier Wassermelonen entnehme ich, dass sich die Theorie des Schuppentiers längst überholt habe. Marderhunde seien die neueste Gefahrenquelle. Muss ein Marderhund täglich zwei Mal Gassi geh’n, Frau Klöckner? Erst Fledermäuse, dann Schuppentiere, die ganze Tierwelt gerät in Verruf, ärgere ich mich, meinen Einkaufswagen Richtung Kühlregal bugsierend.

Die „russische Woche“ (Fernreise!) bietet russischen Kefir, hergestellt in Deutschland, aber superlecker, wie ich aus Erfahrung weiß. Im Slalom um einen Masken- und einige Wagenverweigerer geht es weiter zu Käse und Nudeln. Seit Corona packe ich die Wagen voller als sonst, seltener einkaufen ist meine Devise zur Minimierung des Ansteckungsrisikos. Denn für Freischaffende bedeutet Krank-Sein schlicht und ergreifend: Kein Geld! Leider schaltet mein Fahrradkorb bei solchen Überlegungen meist auf stur, Empathie ist nicht sein Ding. So auch diesmal, als ich mit zwei Büdeln und einigen losen Produkten unter der Armbeuge bei 33 Grad an den Fahrradbügeln zwischen Weser Kurier und Parkhaus stehe: Der Korb stellt sich quer, verweigert partout die (Nahrungs-)Aufnahme. Als ich ihm die beiden Kefirs von der Seite unterjubeln will, stößt er sie empört von sich - zwei atemberaubende Salti später klatschen sie auf das Trottoir und starren sauer zu den Gästen des Cafés gegenüber.

Mein Fahrrad wackelt bedrohlich hin und her. Eine Passantin bietet an, es zu halten, während ich ins Pressehaus laufe, um einen Wischmopp zu holen. Dort versorgt mich eine freundliche Mitarbeiterin mit Papierhandtüchern und einer Tüte für die Kefirbehälter. [1] Ein letzter Rest wird bestimmt bleiben, fürchte ich. „Kein Problem“, erwidert die Frau lächelnd. Sie sei so dankbar. Normalerweise fahren die Leute einfach weiter, wenn so etwas passiert. „Und hier können Sie sich wieder fein machen!“ Sie zeigt mir den Weg zu den Waschräumen, wo mich der Duft bunter Frühlingsblumen empfängt,  ich meine Arme im klaren Wasser eines Gebirgsbachs erfrischen kann.

Gemütlich radle ich zurück. Das Leben ist schön, die Menschen nett - als plötzlich ein gewaltiger Platzregen vom Himmel herniederpladdert! Unter die Markise eines Cafés an der Balgebrückstraße rette ich mich und meinen Einkauf, während Katzen und Marderhunde in mannshohen Pfützen rangeln. Wir werden alle über uns hinauswachsen. Nur mein Moroschenoje wird schmelzen ... Dafür ist der Platz vor dem Pressehaus nun wieder tipptopp.

Die Autorin weist darauf hin, dass die gesamte Aktion unter Einhaltung der Hygieneauflagen erfolgte.


Porträt von Janika Rehak
© privat

Janika Rehak, 1983 geboren und aufgewachsen in der LüneburgerHeide, lebt in Verden und arbeitet als Autorin, Texterin und Journalistin, unter anderen für das deutsch-tschechische Online-Magazin jádu. Sie ist Vorstandsmitglied des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS ver.di) des Landesverbands Bremen-Niedersachsen sowie Mitglied im Literaturkontor Bremen und im Bremer Rundfunkrat. Sie schreibt Romane, Kurzgeschichten und Flash Fiction, gern mit surrealen Inhalten.

Mayday, steht auf Lous T-Shirt, große, grellrot zerfaserte Buchstaben auf schwarzem Grund. Farbe und Text sind verwaschen, das nimmt der Sache ein wenig Dramatik. 

Lous Mundschutz ist aus Baumwollte, mit Bambusmotiven verziert, Blattsalat in knallkackegrün. Der Stoff riecht muffig. Ich trage das gleiche Modell.

In der Apotheke gab es nichts anderes.

Wir haben das T-Shirt zusammen gekauft, 2019, mitten im Gedränge auf einem Markt in Chiang Mai. Im Sommer nach Thailand, ihr seid doch wahnsinnig, sagten die Leute.  Die Luft war so dick, dass der Horizont flimmerte, sich Farben, Formen, Geräusch und Gerüche vermischten. Ich habe einen Haufen Fotos im Handy, doch meine lebhafteste Erinnerung ist dieses Kaleidoskop.  Augen zu, dann wiederholt sich der Trip.

Es muss eine Weile vorhalten.  

2020: Spaziergang im Park. Eis auf die Hand bei der Emma am See. Maskenpflicht in der Schlange. Die Masken haben wir auch zusammen gekauft. Baumwolle im Sommer. Wir sind doch wahnsinnig. 

Lou und ich setzen uns auf die Wiese, jeder mit seinem Eisbecher, in angemessenem Abstand. Komisch, nur wir beide, ohne Till. Inzwischen darf man ja wieder raus, mit mehr als zwei Personen.

Till hält es alleine gut aus. Lou und ich nicht.  

Lou hält mir seinen Eislöffel hin. „Willst du?“ Klar will ich. Das Eis schmeckt nach Sesam. Hab ich noch nie probiert. Premiere also.

»Schau mal.« Lou zeigt auf die Grünfläche. Da stehen zwei einsame Pusteblumen, ziemlich spät für die Jahreszeit. 

Wir grinsen uns an. Wollen wir? Klar wollen wir.

Wir schnappen uns einen watteweichen Samen und warten auf den nächsten Windstoß.  Der wirbelt uns hinauf, macht uns zu Windtänzern, oder, von mir aus, zu Windpassagieren. Gibt es eine Maskenpflicht im Pusteblumenexpress? Muss ich nachlesen. Wir lachen uns mit den Augen an, bekommen Schieflage, stoßen zusammen, weil keiner von uns weiß, wie man so einen Ding fliegt.

Ich rieche Lou. Schweiß, Sonnencreme, Sesam-Eis.

Wer hat aus meinem Becherchen gegessen? Mit demselben Löffel aus ein- und demselben Becherchen?  

So viel zur Abstandsregel, denke ich.  Und knalle zurück auf den Boden der Tatsachen.

Die Wohnung riecht nach Bohnenkraut. Grüne Schnipsel liegen im Spülbecken, daneben stapeln sich Schüsseln mit gelben Klebresten und Eierschalen. Im Weinglas von gestern treibt eine Fruchtfliege. 

Till kommt in die Küche, die Aladdinhose rutscht ihm halb über den Hintern. Er war heute Vormittag auf dem Markt. Das macht er oft, neuerdings. Home-Office spart Zeit.

Die Spülmaschine ist voll. Zwei Leute, 24 / 7 daheim, gestapelte Kaffeetassen, die Maschine läuft manchmal zweimal am Tag. Zum Anschalten war keine Zeit. Macht aber nichts. Besuch kommt ja keiner.

„Hunger?“ Till gibt mir einen Kuss in den Nacken.

„Hm-hm.“ Ich denke an Lou und an Sesam-Eis.

„T minus zwanzig Minuten.“ Till sieht mich erwartungsvoll an. Es ist zu warm zum Kuscheln.

Beim Essen erzählt er vom neuen Auftrag, vom Online-Meeting mit der Büro-Gang und dass er Class auf dem Markt getroffen hat. Ich schiebe Bohnen mit Ei und Muskat auf dem Teller herum. Wer ist Claas?

„Ist schön so, oder?“ Till lächelt.

Klar. Alles entschleunigt. Zeit zum Kochen, Zeit zum Essen. Achtsamkeit und so.

Corona lässt uns neue Richtungen denken. Neu ist gut. Oder?

„Du bist schön.“ Till betrachtet mich über den Tisch hinweg. Er meint es ernst.

Auflauf aus Schnittbohnen, reichlich al dente. Oma würde den Kopf schütteln. Neumodisch, würde sie sagen.

„Das Timing wäre doch gut“, sagt Till. 

 Ich hebe die Brauen.

„Für Kinder, meine ich.“ Till greift nach meiner Hand. „Ich finde uns super, zusammen, und ich dachte mir, also, weil es einfach irgendwie stimmt.“ Er lacht. „Ich drück das blöd aus, oder? Aber ich fände es wirklich richtig gut.“

Sesam-Eis. Heute zum erstem Mal gegessen.

Neu ist gut. Gut ist das neue Schön. Oder? 

Ich habe absolut keine Ahnung, wer Claas ist.

„Jetzt haben sie schon wieder eine Schule dicht gemacht.“ Leah klingt müde und sieht auch so aus. „Drüben in Niedersachsen. Die Einschläge kommen näher.“

„Stimmt“, sage ich.

„Uns erwischt es auch noch.“

„Hoffentlich nicht.“ Nicht hilfreich. Merke ich selber.

Leah sucht den Spielplatz mit den Augen ab. Paul sitzt auf der Schaukel, Mia hockt in der Sandkiste und backt mit Abstand die besten Muschelkuchen der Welt.

„Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll.“ Leah seufzt. „Bei jedem kleinen Schniefer  gucken die einen in der Kita schief an. Die müssen sich absichern, klar, das verstehe ich. Aber es wird Herbst, da sind die Kids doch ständig krank.“

Ich nicke, obwohl ich das nur vom Hörensagen weiß und bisher noch nie darüber nachgedacht habe.

„Wenn die noch mal alles dicht machen, dann weiß ich wirklich nicht…“ Leah beendet den Satz nicht. Muss sie auch nicht. Ich erinnere mich gut.

Leah und ihr Mann sind in der IT und seit dem Lockdown im Home Office. Alle beide. Sie fragten nach Kita-Notbetreuung. Keine Chance. Weil: Home Office. Alle beide system-irrelevant. Wie man allerdings eine Programmzeile schreibt, mit schreiendem Kleinkind auf dem Schoß und nörgelndem nicht-mehr-ganz-so-kleinem Kind im Nebenzimmer, das konnte ihnen niemand erklären.

Sie versteht es ja, betont Leah. Und die in der Kita hätten es auch verstanden, die hätten das ja auch nicht entschieden, das kam alles von weiter oben. Wenn die in der Kita  könnten, wie sie wollten, dann wäre Schniefnase eben Schniefnase und Husten wäre eben Husten. Jetzt ist Husten – meistens – immer noch Husten, nur muss man sich das attestieren lassen. Mund auf, Kopf zurück, Stäbchen rein bis zum Anschlag. Mia musste zweimal da durch, Paul einmal. Mia hat geheult. Paul beinahe auch.

Man kann ja nichts machen, meint Leah. Es ist eben, wie es ist. Aber trotzdem. „Entschuldige“, sagt sie jetzt. „Ich bin einfach so erschöpft, weiß du?“ 

Jetzt auch noch ein schlechtes Gewissen. Typisch Leah. Typisch Mama? Ist das so, wenn Menschen Eltern werden? Gibt es Verständnis für alles und jeden und ständiges schlechtes Gewissen gratis dazu?

 Ich denke an Oma und mein Magen zieht sich zusammen. Gewissen, vor allem das schlechte, funktioniert in alle Richtungen.

„Sorry, ich jammere die ganze Zeit.“ Leah streicht sich die Haare zurück. „Wie ist es denn eigentlich bei euch?“

Da ist er. Mal wieder. Der stumme Halbsatz, der vollständig ausgesprochen lautet: Wie ist es denn bei euch so mit Kindern?

„Alles soweit gut“, behaupte ich.

Mia kommt heulend auf uns zu gerannt, unter ihrer Nase hängt eine Mischung aus Sand und Rotz. Dazu Leahs Augenringe und drohende, sich wellenförmig ausbreitende Schul- und Kita-Schließungen.

Das reinste Werbebanner. Gar keine Frage.

Der Abspann läuft. Lou dreht den Ton leiser und lehnt sich auf dem Bett zurück. „Und?“, fragt er.

„Na ja.“ Ich muss grinsen. 

Filmabend. Back to the roots. Kino ist uns nicht geheuer, nicht im Moment. Die meisten Filme kommen ja ohnehin gleich als Stream heraus.

Die letzten hundert Minuten waren unterhaltsam. Das muss man dem Streifen lassen. Schauplatz Yucatán, ein alter Maya-Tempel. Vier schicke Mädels in knapper Tauchkleidung verirren sich in einem Unterwasser-Labyrinth. Dort treiben Weiße Haie ihr Unwesen. Viel Haut, viel Blut, wenig Sinn.

Es ist seltsam. Immer, wenn ich jetzt alte Filme sehe – zehn Monate oder noch älter – wundere ich mich über fehlenden Abstand. Vor allem die Haie setzten sich ständig darüber hinweg. Haie kriegen angeblich keinen Krebs. Vielleicht sind sie generell immun. Tröpfcheninfektionen machen ihnen sicher wenig aus. Ich teile Lou meine Theorie mit. Er lacht und nennt mich bescheuert. Ich sage, der Film war bescheuert. Aber eine tolle Kulisse.  

„Mexico.“ Lou seufzt.

Ich weiß genau, was er meint.

Er setzt sich auf, strahlt mich an. „Lass uns das machen. Gleich, wenn es wieder geht.“

Ich nicke. „Kommt auf die Liste.“

„Welche Liste?“

„Die Zeit-nach-Corona-Liste. Hast du sowas nicht?“

Lou schüttelt den Kopf. „Was steht drauf?“

Ich lehne mich zurück und blicke zum Deckenventilator hinauf. Segelfliegen. Paragliden. Einen Tauchschein machen. Thailand, noch einmal. Angkor Wat. Okinawa. Rio.

Und Mexico. Seit gerade eben.

Die Liste wird jeden Tag länger. Alles ist so erreichbar. Jetzt, wo es unmöglich ist. 

Auf Tills Liste stehen Kinder. Bis es einen Impfstoff gibt, haben wir Zeit für mindestens eins, vielleicht auch für drei, je nachdem, welchen Virologen man fragt. Dann war´s das mit Mexico, so oder so.

Und Oma liegt immer noch auf der Station, unbesuchbar, unerreichbar. Isoliert, zu ihrem eigenen Schutz. Wenn das so weitergeht, kann ich ihr ihre ein bis drei Enkelchen nicht einmal zeigen.

„Shit.“ Ich fange an zu heulen, bin selbst überrascht und auch wieder nicht.  

Lou nimmt mich in den Arm. Ich muss ihm nichts erklären. Musste ich nie.

„Shit“, sage ich noch einmal.

Lous Lippen schmecken nach Sesam. Bilde ich mir jedenfalls ein.

Ich laufe seit Tagen im Kreis, drehe Runde um Runde im Gedankenkarussell, will beim Joggen vor mir selbst davonlaufen, ziehe im Bürgerpark Slalom-Ellipsen. Die Welt hat Corona. Ich habe Kopf-Kreiseln.

Ich sollte es beichten, die Sache mit Lou. Damit Till es weiß. Und sich positionieren kann. Dabei hab ich mich selbst noch nicht positioniert. Einmalige Sache, dachte ich. Jedes Mal.

Die Welt hat Corona und ich suche meinen Platz in der neuen Realität, renne und renne und komme nicht an. Das Home Office nervt, Till nervt, Corona nervt. Seit einer Ewigkeit will ich mich bei Oma melden und kriege es nicht auf die Reihe. Jeden Tag nehme ich es mir vor.

Oma anrufen. Till sagen, was Sache ist. Dann ist der Tag plötzlich zu Ende, ich hatte tausend Dinge zu tun und habe trotzdem nichts geschafft. Abends liege ich vor dem Fernseher und frage mich, womit ich die vielen Stunden gefüllt habe. Mein Gewissen klopft an, weil mein Balanceakt zwischen Muße und Müssen trotzdem keinen Raum zulässt. Ich belüge Till. Na ja, ich schweige. Was in diesem Kontext das Gleiche ist. Passiv-Lügen. Ich schaffe einen simplen Anruf nicht. Und wenn ich es irgendwann doch tun werde, das Telefon nehmen und auf Kurzwahl drücken, wenn ich dann Omas Stimme höre, dann werde ich nicht wissen, was ich sagen soll und gleichzeitig nur von mir reden.

Noch eine Runde. Und noch eine. Freundin des Jahres, Enkelin des Jahres. Die Titel gehen eindeutig nicht an mich. 

Corona-Chaos-Queen. In der Kategorie bin ich ganz groß. Trommelwirbel. And the winner is: Karla! Pusteblumen am Wegrand winken mir zu, ich reiße die Samen im Vorbeirennen mit. Danke Leute, vielen, vielen Dank!

Das Telefon summt. Textnachricht von Till. „Es gibt eine Überraschung!“

Die Blumensamen tanzen dem Horizont entgegen. Ich schaue ihnen nach und bin neidisch.

Die Wohnung riecht verbrannt. Ich renne in die Küche, reiße die Ofentür auf und huste den Qualm weg. Staunend betrachte ich, was da auf dem Backblech steht. Russischer Zupfkuchen, die Backmischung, die ich so gerne mag, mit völlig intakter, goldbrauner Kruste. Und Baumwollmasken mit Bambusblättern, ehemals knallkackegrün. Die Ränder sind verschmort, der Stoff ist voller Brandblasen.

Till kommt in die Küche, Kopfhörer in den Ohren. Wir schauen erst einander an, dann seine neuste Back-Kreation. Till macht ein Gesicht wie ein Eichhörnchen mit Hexenschuss.

„Ich wollte sie reinigen“, sagt er langsam. „Ich dachte, ich backe sowieso und sie sagen doch immer, man soll sie erhitzen, also, die Masken.“

„Aber“, sage ich langsam, „doch nicht bei 180 Grad.“

Till blinzelt. „Ich dachte, ich spare das Waschpulver. Und den Strom. Wegen dem Klima.“ 

Ich betrachte meinen Langzeit-Freund und Quasi-Ehemann, der Zeit sparen und klimaneutral sein und mit mir Kinder bekommen will, am liebsten alles gleichzeitig.

Das Lachen blubbert in mir hoch. Es ist besser als Weinen, Aufschieben, Unentschlossen sein.

Ich umarme Till ganz, ganz fest.

„Meinst du, man kann den Kuchen noch essen?“, fragt er.

Ich wische mir heimlich die Tränen ab und drücke das Gesicht an seinen Hals. „Nein. Kann man nicht.“

„Abstand“, habe ich zu Lou gesagt. „Ich brauche Abstand.“

Wir mussten ein bisschen lachen. Der Kontext. Ich fragte Lou, ob es okay sei, er zuckte die Achseln, was sollte er machen?

Drei Tage ist das jetzt her. Lou war sehr blass und ich umarmte ihn, sagte dann „Sorry, bye!“ Ich will die Dinge klar kriegen. Denn so viel ist klar: Ich liebe Till. Immer schon. Immer noch. Schon wieder. Neu. Anders.

Lou sollte mein Paragliding sein, mein Freischwimmer in unbekannten Gewässern. Dabei ist er nur eine Rettungsleine, die ich Belieben auswerfen und einholen kann und dabei kein wirkliches Risiko eingehe. Ich bin nicht stolz darauf. Wirklich nicht.

Das Beichten hab ich verschoben, auf unbestimmte Zeit. Beichten ist nicht immer der richtige Weg. Das sagen sie auch in den Beziehungs-Podcasts.

Aber Oma werde ich anrufen. Gleich morgen.

Jetzt liegen Till und ich im Bett, eng aneinander gekuschelt. Er hat den Film mit der Haien im Maya-Tempel rausgesucht, will ihn anschauen, mir zuliebe. „Du magst solchen Quatsch doch.“

Ich schaue den Hai-Horror also ein zweites Mal, spiele an einschlägigen Stellen die Erschrockene, erkläre den Film irgendwann für unterirdisch. Diesmal lachen Till und ich - Kontext - und ich schiebe meine Hand unter sein T-Shirt. „Lass uns was anderes machen.“

Hinterher liege ich eng an ihn geschmiegt da und lausche in die Dunkelheit.

Mein Telefon summt. Lous Name leuchtet auf. Ich schließe die Augen. Das Summen hört auf und setzt ein paar Minuten später wieder ein.

Dreimal geht das so.

Das mit dem Abstand muss Lou wohl noch üben.

Dann kommt eine Nachricht. Ich will sie nicht lesen, tue es dann aber doch.

Lese wieder und wieder.

„Hi. Wurde heute getestet. Positiv. Ich dachte, das solltest du wissen.“

Freizeichen.

Es dauert oft eine Weile, bis sie ans Telefon geht, wegen ihrer Augen.

Es tutet. Ich zähle mit. Drei Mal. Vier Mal. Sieben Mal.

„Ja?“  Es ist nur dieses eine Wort, diese eine Silbe, die Kombination zweier Buchstaben.  Mein Kinn zittert, meine Füße werden kalt, meine Finger warm.

„Hi, Oma.“

„Karla.“ Ihr Lächeln dringt durch die Leitung. „So schön, dich zu hören.“

Es geht ihr okay. Sagt Mama. Jetzt wieder. 

Die Klinik war scheußlich. Ist klar.

Ich sollte nachfragen. Trotzdem.

Meine Kehle produziert ein Geräusch. Es ist kein Wort, nicht einmal eine Silbe.  Die Pusteblume sieht mich verwirrt an, ich drehe mich weg. Wieder dieses Geräusch. Omas Atmen und ihre Stimme, die mich umarmt.

„Was ist los, Liebes?“

Pusteblume geht in Deckung, ich heule eine Lawine. „Ich hab Mist gebaut, Oma. Ich hab  sowas von Mist gebaut…!“


Porträt von  Florian Reinartz
© privat

Florian Reinartz, geboren 1980 am Niederrhein, schreibt seit seinem zwölften Lebensjahr Gedichte und Kurzgeschichten. 2010 promovierte er in Germanistik an der Universität zu Köln. Seine wissenschaftliche Arbeit für die Günter Grass Stiftung Bremen führte ihn im selben Jahr in die Hansestadt. Seine Gedichte und Kurzgeschichten sowie Zeichnungen und Fotos veröffentlicht Florian seit 2013 in seinem Blog Freigeist. Er ist freiberuflich als Meditations- und Yoga-Lehrer sowie persönlicher Coach tätig. Er hat eine Katze und hört gerne Death Metal.

Er sitzt im InterCity zwischen Münster und Dortmund. Normalerweise versucht er, ausschließlich Regionalzüge zu nutzen. Der Umstieg wurde nötig aufgrund eines Zugausfalls. Ein Zeichen von Normalität.

Der Sitzplatz neben ihm ist natürlich frei. Und wird frei bleiben. Zeichen einer neuen Normalität. Im Waggon ist es still, der Zug gleitet dahin, die Menschen, die man sieht, atmen brav hinter ihren Masken.

Auch er atmet brav hinter einer Maske. Zumindest dem Anschein nach. Zumindest beim Einatmen. Er hört seinem Ausatmen zu und das sanfte, regelmäßige Rauschen beruhigt ihn. 

Der Verkehr hat nie geruht und wird nie ruhen, trotz Stillstand und leerem Himmel rollten Züge, fuhren Busse, Autos und Fahrräder. Unvermeidbare Bewegungen wie die Versorgung im Supermarkt. Doch so langsam kommt auch alles andere wieder in Gang. Darum ist er unterwegs.

Die Stille beginnt rissig zu werden. Im Waggon fängt ein Kind an zu schreien. Die Bahnhöfe sind brüllend laut. Auf den Straßen wird gegrölt. 

Er setzt sich Kopfhörer ein, die Musik überdeckt das schreiende Kind, aber auch das Rauschen seines Ausatmens. Er schließt die Augen und geht seinen Reiseplan durch. 

Dortmund, Essen, Duisburg. Waggonwechsel über das Gleis, in den selben Zug wieder einsteigen. Aufenthalt in Duisburg nutzen für die Geschäfte im Bahnhof. Bäckereien, Imbisse, Mini-Supermärkte und Zeitschriftenläden. Regionalzüge über Düsseldorf nach Köln. Wie gern wäre er auch über die Kö gegangen, aber das lässt der Zeitplan nicht zu. Dann Köln, Domplatte, Dom. 6 Millionen Besucher jährlich (präcorona). Vielleicht halten sich im kühlen Dom die Aerosole länger? Dann vom Heumarkt zum Neumarkt. Zu Fuß zurück durch die Schildergasse. Eine Rheinschifffahrt, bevor es ins Hotel geht. 

‚Und dann lasst uns feiern, denkt er.

Drei Tage vor dem Lockdown – oder Quietdown, wie er ihn lieber nennt – war er von einem Schweigeretreat im Kloster zurückgekehrt. Mit einem ruhigen Geist, einem wohlwollenden Blick für seine Mitmenschen – und mit einem angefangenen Manuskript, das im Lärm seines wieder laut werdenden Alltags in der Versenkung verschwinden würde. Wie so vieles, das er angefangen und nie vollendet hatte.

Auf der Rückfahrt vom Kloster begegnete ihm an einer Autobahn-Raststätte eine ältere Frau mit Atemmaske. Ein befremdlicher Anblick. Da er sein Smartphone während des Retreats nicht benutzt hatte, hatte er nicht mal die leiseste Ahnung, dass sich dies bald ändern sollte.

An der gleichen Raststätte bekam er eine Whatsapp von Jospehine. „Das wird noch hässlich werden“, schrieb sie. Er kommentierte das mit lachenden Emojis. Jospehine, seine Daueraffäre, war eine Prepperin, sie hatte ungefähr 20 Kilo Nudeln, 10 Kilo Reis und so weiter eingelagert.

In weniger als drei Stunden erdrückte ihn der Lärm der Außenwelt. Das Manuskript landete am selben Tag buchstäblich in der Schublade, während er sich das Geschrei der Nachbarn, ihre Fernseher und Videospiele, ihre Fußballjubel und Schlagermusik anhören musste. Bis er seine Kopfhörer einsetze und in Musik flüchtete.

Unglücklicherweise kann er bei Musik ebensowenig schreiben wie bei jedem anderen Geräusch.

Glücklicherweise wurde es wenig später so still, dass er sein Manuskript aus der Schublade nahm und den Stift wieder über das Papier gleiten ließ.

Die freigegebene Hälfte des Bordbistros ist halb gefüllt. Drei Männer in karierten Hemden sitzen beim Bier, aus einem ihrer Smartphones dröhnt ein Schlager: „Wiiir machen mit bei der Rettung der Eeerde!“

Er bestellt sich auch ein Bier und setzt sich an einen freien Tisch. 

In einem Aufsatz eines Wirtschafshistorikers hat er einmal gelesen, dass man sich intelligent verhalte, wenn man sowohl sich selber als auch der Allgemeinheit Gutes tue. Wer sich selbst schade und gleichzeitig auch der Allgemeinheit schade, der sei dumm zu nennen. 

Er sieht sich im Bordbistro um und schnappt Satzfetzen auf.

„Die da oben.“ 

„Völliger Unsinn.“

„Freiheit.“

„Die nehmen uns.“

„Ich bin doch gesund.“

„Die Pharmaindustrie.“

In dem Aufsatz des Wirtschaftshistorikers waren noch zwei weitere Menschentypen genannt: Die Unbedarften, die der Allgemeinheit etwas Gutes täten, sich selbst dabei aber schadeten. Und die Banditen, die sich auf Kosten der Allgemeinheit einen Vorteil verschafften.

Ein weiterer Schlager dröhnt aus dem Smartphone: „Wiiir saufen – bis zum Endeee!“ Die Männer in karierten Hemden stimmen ein.

Sein Bier wird serviert. Auch er zieht seine Maske herunter und singt lachend mit. Lieber ein Bandit als dumm zu sein, denkt er.

Es wurde so still, wie er es noch nie erlebt hatte. Nicht in dieser Stadt zumindest. Nicht in diesem alltäglichen Leben.

Er trat morgens auf den Balkon und atmete die Stille ein. Er wandelte Stille in Fülle und ließ sie auf das Papier fließen.

Eines Morgens rief plötzlich ein Nachbar herüber: „Na, Herr K., auch Homeoffice?“,

„Jaha“, antwortete er ihm stumpf. Und dann: „Nee nee!“

„Ich bin Künstler“, dachte er. „Und jetzt halt Deine Fresse, Du Affe, ich will die Stille genießen.“ 

Trotz solcher Zwischenfälle blieb sie, die Stille. Wenn er wieder einmal etwas von den Nachbarn hörte, begab er sich auf Spaziergänge in den menschenleeren Parks und Wäldern. 

Er beschrieb Seite um Seite. Schließlich hatte er was zu erzählen.

Nebenbei traf er sich abwechselnd mit Mareike und Josephine, die bei den Kontaktbeschränkungen eine Ausnahme machten, wenn es nur um Sex ging. Da sie – beide Mütter – zudem sehr fürsorgliche Frauen waren, brachten sie jedes Mal etwas zu essen und zu trinken mit. 

Zusammen mit amazon und dem Getränkelieferanten ersparten sie ihm, die Wohnung überhaupt noch zu Versorgungszwecken verlassen zu müssen. Er machte sich mit dem Darknet vertraut und bekam weitere erdenkliche Konsumgüter direkt nach Hause geliefert.

Über das Darknet kam er auch auf die Idee, wie dieser schier paradiesische Zustand erhalten oder zumindest verlängert werden könnte. 

Der Kölner Hauptbahnhof. Ausgangspunkt vieler Geschichten seiner Vergangenheit. Wie es hier wohl ausgesehen hat im Quiet Down? Jetzt ist es laut wie immer, voll wie immer. Und so, wie er es sich vorgestellt hat. Er zieht ein paar gemächliche Runden durch die beiden Haupthallen, die Verbindungshallen, die Fressmeile.

Lass es still werden, denkt er sich. Und atmet durch den unsichtbaren Schlauch aus.

Die zweite Welle ist in Sicht. Noch ist der zweite Lockdown nur eine Angst. Aber die Virologen habe haben ihn und seinesgleichen nicht einberechnet in ihre schlauen Virologen-Berechnungen.

Er verlässt den Bahnhof und blickt auf zum Dom. Auf der Domplatte tanzen ausgelassen Jugendliche in den letzten Stunden einer letzten Sommerhitze. Er tanzt kurz mit.

Die Hitze hält sich bis tief in die Nacht. Er steht vor einer schweren Eisentür, einem Hintereingang des Wal-Hell-A, aus dem normalerweise düstere Metalmusik dröhnt, und wartet auf Jospehine.

Ein Event wie dieses fühlt sich in diesen Zeiten noch mehr wie ein Geheimtreffen an. Und auch wenn nicht mehr als zehn Paare daran teilnehmen dürfen, eignet es sich bestens für das, was man Superspreading Event nennt. Von hier wird jeder einzelne eine ekstatische Erfahrung mitnehmen. Und garantiert einen Virus.

Er hört Absätze auf dem Straßenpflaster, Jospehine erscheint ganz in Schwarz. Sie küssen sich kühl, lächeln sich an und dann öffnen sie die schwere Eisentür.

Er lässt den Whisky seine entzündete Kehle herunterrinnen. Medizin, sie brennt etwas. Er hofft, dass sie nicht zu viel desinfiziert.

Zufrieden blickt er in die Runde: exklusive Damen und Herren, ekstatische Bewegungen, Blicke, Berührungen. Josephine neben ihm im Liebesspiel mit einer Blondine, die sich Sissi nennt. Für die Lust hat Josephine schon immer jede Vorsicht fahren lassen.

Ob unter diesen exklusiven Menschen wohl noch ein aktiver Spreader ist, fragt er sich. 

Er beginnt eine Melodie vor sich her zu summen: „Wiiir machen mit bei der Rettung der Eeerde!“

Er hätte sich mit anderen koordinieren können. Im Darknet werden nicht nur Baupläne für Aerosol-verbreitende Masken ausgetauscht und Hacks zur missbräuchlichen Verwendung der Corona-App, sondern auch Absprachen zur planmäßigen Infizierung bestimmter Regionen getroffen. Aber er will lieber Einzelkämpfer bleiben, ohne andere Spreader und erst recht ohne Verschwörer und Querdenker. Die Sache für sich durchziehen, für die Lust und vor allem für die Kunst. Bald wird er sein Manuskript fortsetzen.

Und darauf hat die Welt schließlich gewartet. Wirklich: er wird die Welt retten.

 

Der Morgen ist lautlos. Durch leere Straßen laufen sie zum Hotel. 

„Was schaust Du denn ständig auf dein Handy?“, fragt Josephine neben ihm.

Die manipulierte App zeigt an: 667 potenzielle Ansteckungen in den letzten 24 Stunden. Ein bisschen über sein Tagesziel hinausgeschossen. Ein bisschen mehr Bandit, als er es sich vorgenommen hat. Doch er ist stolz, er lächelt und zischt Josephine zu: „Psssst!“

Niemand weiß, wie es ausgeht. Neben den unzähligen Möglichkeiten ist auch der Zeitpunkt kaum zu bestimmen, wann es vorbei ist. Wir können nur spekulieren. 

Eine Möglichkeit:

Am 2. November 2020 wird der erfolglose Schriftsteller Franz K. leblos in seiner Wohnung aufgefunden, nachdem ihn seine intime Bekannte Josephine F. einige Tage zuvor als vermisst gemeldet hat. Die Verwesung hat bereits eingesetzt, die Haut von Franz K. ist käferartig verfärbt und verhärtet. 

Auf seinem Schreibtisch findet sich ein 78-seitiges Manuskript mit vielen handschriftlichen Anmerkungen, das auf der letzten Seite abrupt abbricht mit den Worten „Rettung der Erde“. 

Die Obduktion ergibt, dass Franz K. an der Influenza erkrankt und gestorben ist. Eine Infektion mit SARS-CoV-2 kann bei Franz K. nicht nachgewiesen werden.

Ausflug ins Gebirge

(frei nach Franz Kafka und Sebastian Kurz)

„Ich weiß nicht“, rief ich ohne Klang, „ich weiß ja nicht. Wenn ich niemanden treffe, dann treffe ich eben niemand. Dann habe ich niemanden infiziert, niemand hat mich infiziert, niemand aber wird mir helfen. Und niemandem werde ich helfen.

Ich könnte – warum denn nicht – mit niemand einen Ausflug ins Gebirge machen. In weitem Abstand würden wir wandern, feierlich, mit ausufernden Bewegungen. Lauthals würden wir in die Täler rufen, vielleicht würden wir singen und es geschähen Wunder. 

Oder hast du jemals niemand singen gehört?“


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