Hans-Hermann Mahnken: ›Notiz auf dem Frühstückstisch‹

Der Garten meiner Kindheit
war umgeben von einer mächtigen Hecke
und barg an sommerlichen Tagen ein Geheimnis
still und unaussprechlich
Die Birke war mein schwankender Ausguck
Wiesen weit wie das Meer
bis hin zum fernen Bahndamm
Wenn spät im Jahr die Feuer brannten
zogen Wildgänse über uns hinweg
lange hörte man ihr Rufen
Manchmal saß ein Zwerg auf meinem Bett
schlug die Beine übereinander
sprach Unverständliches mit fistelnder Stimme
während die Dunkelheit ins Zimmer kroch
und die Eltern im nahen Gasthaus
zu den Klängen des Akkordeons tanzten

Floralia
Erhebt eure gesenkten Häupter,
starrt einmal nicht auf die Displays
eurer Smartphones
und seht selbst:
Die Forsythien verschenken
ihr leuchtendes Blütengelb
an diesem sonnigen Frühlingstag -
einfach so!

Geranien blühen auf der Fensterbank,
auf den Kommoden liegen Spitzendecken
und Puppen starren leer aus allen Ecken
auf alte Kinderfotos auf dem Schrank.
Und immer fühlt sich Vati wie ein Gast
im eignen, abbezahlten Haus mit Garten,
in dem auf kurzem Rasen Zwerge warten.
Worauf, ist ihm schon lang egal. Die Last
der unerfüllten Jahre wiegt zu schwer.
Er geht zum Liegestuhl und legt sich hin,
erträumt sich dann die dicke Nachbarin,
dass sie ihn riefe — nackt! — und wild begehr´…
Der Himmel über ihm ist weit, so weit,
unendlich wie die alte Einsamkeit.

Gewitter
Gespannte Stille -
In der Ferne ein Grollen,
rasch rollt es heran.
Wolken ballen sich
zu einer dunklen Front. Dann
ein Schlag wie ein Gong.
Tropfen beginnen
zu fallen — Regen bricht los,
rauscht in den Bäumen.
Ein Blitz zuckt durch die
schwefelige Dämmerung,
gefolgt vom Donner.
Es gibt kein Halten:
Wasser schäumt auf dem Asphalt,
Fallrohre gurgeln.

Bild von Hans-Hermann Mahnken
© privat

Hans-Hermann Mahnken wurde 1955 in Bremen geboren und lebt auch hier. Er machte zunächst eine Ausbildung zum Krankenpfleger und studierte später Psychologie und Pflegewissenschaft in Bremen und London. 
Zudem schreibt Hans-Hermann Mahnken Lyrik, Essays und Prosa. Veröffentlicht hat er bislang in Anthologien, Literaturzeitschriften und im Internet. 2015 erschien sein Lyrikband Kostbare Nichtigkeiten im Geest-Verlag. Derzeit arbeitet er an einer Sammlung von Gedichten und lyrischer Prosa mit dem Arbeitstitel Notiz auf dem Frühstückstisch.

Begründung der Jury

Notiz auf dem Frühstückstisch, so lautet der Arbeitstitel des Manuskripts von Hans-Hermann Mahnken. Es handelt sich hierbei um „Gedichte und lyrische Prosa“. In einfachem leichten Ton gelingt es dem Autor, Alltags- und Naturbilder, Liebes- und Kindheitserinnerungen, aber auch „schwere“ Themen wie den Krieg in eine Sprache zu bringen, die auf jeden moralischen Fingerzeig verzichtet und dadurch sehr berührt. Dabei verfügt der Autor über Formkenntnisse und erinnert in seinem leichten, immer wieder auch ironisch-melancholischen Ton an einen Dichter wie Erich Kästner.

Zur Jury 2017 gehörten Jan Gerstner (Universität Bremen), Ulrike Marie Hille (VHS Bremen / Autorin), Gudrun Liebe-Ewald (Stadtbibliothek Bremen), Jens-Ulrich Davids (Vorstand Bremer Literaturkontor / Autor) und Sabine Breitbach (Stipendiatin 2016).