Ulrike Kuckeros: ›Meine Freundin Ingeborg‹

Magdas Wohnungstür – kein anderes Möbelstück kenne ich so gut wie sie. Ist eine Tür überhaupt ein Möbel? Eher ein Stück Holz. Oder ein Schutzschild. Ein Hindernis. Eine Möglichkeit. Das alles zugleich war Magdas Tür für mich in jener Nacht. Nun, eher war sie ein Hindernis, denke ich heute.

Für Magda war sie wohl ausschließlich ein Schutzschild.
Für uns beide hätte sie eine Möglichkeit sein können.
Fest steht nur: Kein anderes Möbel, Stück Holz, Hindernis oder Schutzschild habe ich so lange betrachtet, zu keinem anderen habe ich so viel gesprochen, wie zu Magdas Wohnungstür. Vor keinem anderen Möbelstück habe ich so viel Demut empfunden. Und Scham. Und niemals habe ich so viel erfunden und gelogen und so viele meiner Wahrheiten preisgegeben, nur um durch diese Tür zu gelangen.
Doch wollte ich wirklich hinein?
Fest steht noch eines: Nie wieder habe ich ein Möbel, ein Stück Holz, ein Schutzschild, ein Hindernis derart zerstören lassen wie Magdas Wohnungstür.
Meine Schuld.
Für immer.

*
Der norwegische Wind brauste in mein Telefon. „Mondscheinsonate! Sie spielt die

Mondscheinsonate!“, rief ich. „Wie?“, fragte meine Mutter.

Ihre Stimme kam von weit her.
„Was, wie?“, fragte ich zurück und horchte in den knatternden Wind. Ich stellte mir eine baumlose Landschaft vor mit großen Felsbrocken und tiefhängenden Wolken. Plötzlich klang meine Mutter ganz nah.
„Wie spielt sie? Langsam, schnell? Leise, laut?“
„Tosend!“, rief ich.
Eben erst war ich durch die Straßen gelaufen, müde von einem langen, nutzlosen Tag in der Bibliothek. Ich wollte an Magdas Wohnung vorbeigehen, hatte vorgehabt, kurz zu klingeln und zu sehen, ob sie dieses Mal die Tür öffnen würde, da klang es schon bis zur

Straßenecke herüber. Durch das gekippte Fenster flutete eine donnernde Kaskade von Harmonien. Die gebrochenen Akkorde schufen ein drängendes, unausweichliches Unheil, und ich wusste nicht, wie ich diesem Unheil begegnen sollte.

Porträt von Ulrike Kuckero
© Das gute Porträt

Ulrike Kuckero, geb. 1952 in Bremen, studierte Literaturwissenschaften und Anglistik in Kiel, New York City und Hamburg und hat dann viele Jahre als Grundschullehrerin in Bremen gearbeitet. 2015 lehrte sie Kreatives Schreiben an der Universität Bremen. Sie schreibt Kinder- und Jugendbücher (veröffentlicht bei Rowohlt, Thienemann, Carlsen). Zuletzt erschien das Vorlesebuch „Till Wiesentrolls schönste Abenteuer“ (Thienemann-Esslinger). Hierzu erschien auch eine dreiteilige Hörspiel-CD. Ihre Bücher sind in mehrere Sprachen übersetzt worden. Der Roman „Alice im Mongolenland“ wurde für die Shortlist des französischen Kinderbuchpreises „Les Incorruptables“ nominiert.

Begründung der Jury

Anerkennungsstipendium
In Ulrike Kuckeros Romanprojekt Meine Freundin Ingeborg wird die Studentin Hanna plötzlich zur Seelsorgerin ihrer psychisch kranken Tante Magda. Alarmiert durch die „Mondscheinsonate“, die Magda lautstark in die Tasten ihres Klaviers hämmert, eilt Hanna herbei, muss jedoch feststellen, dass ihre Tante sich verbarrikadiert hat. Notgedrungen hockt Hanna sich vor die Wohnungstür und beginnt, ihrer Tante Geschichten von ihrer erfundenen Freundin Ingeborg zu erzählen (eine Reminiszenz an Ingeborg Bachmann). Dies ist der starke Auftakt einer ebenso gefühlvoll wie spannungsreich erzählten Geschichte zum intimen Thema Schizophrenie, dem sich die Autorin auf überzeugende, weil sensible Art
annähert. Und zwar in dem eingereichten Auszug stilistisch so gekonnt, dass der Text in jeder Hinsicht von der ersten Seite an einen Sog entwickelt, der große Lust auf den ganzen Roman macht, weshalb die Jury dieses Projekt zusätzlich auszeichnet.

Zur Jury 2020 gehörten Dr. Alexandra Tacke (Referentin für Literatur beim Senator für Kultur), PD Dr. Karen Struve (TU Dresden & Vorstand Bremer Literaturkontor), Alexandra Rempe (Geschäftsführerin Buchhandlung Storm), PD Dr. Ian Watson (freier Autor & Vorstand virt. Literaturhaus) und Helge Hommers (Journalist & Stipendiat 2018).