Porträts von sechs Autor*innen, die am Coronablog-Projekt teilnahmen

Corona-Blog

Schreiben in Zeiten von Corona

Alle Lesungen abgesagt, Buchveröffentlichungen nach hinten verschoben, Schreibworkshops wenn überhaupt, nur online. Im April 2020, mit dem ersten Lockdown in der Corona-Pandemie fragten wir: Was bedeutet das für all jene, die mit dem Schreiben ihr Geld verdienen? Wie gehen sie damit um, wenn plötzlich alle Einnahmen wegbrechen und vollkommen unklar ist, wie es weitergehen wird? Sechs Wochen lang berichteten sechs Bremer Autor*innen jeweils eine Woche vom Schreiben in Zeiten von Corona. 
Den Auftakt machte die Kinderbuch-Autorin Anna Lott. Außerdem schrieben die Autorinnen Corinna Gerhards, Meike Dannenberg und Anke Bär sowie die Autoren Colin Böttger und Jörg Isermeyer für unser Corona-Blog.  

Porträt von Anna Lott
© Julia Windhoff

Anna Lott vom 14. bis 18. April 2020

Anna Lott schreibt Bücher, Drehbücher und Hörfunkgeschichten und ist zunehmend für ihre lebendigen und humorvollen Lesungen bekannt. Ihre Bücher erscheinen in den Verlagen Arena, dtv junior, Carlsen und Thienemann-Esslinger. Sie lebt mit ihren zwei Söhnen in Bremen. 

www.annalott.com

 

 

Tag 1: Dienstag, 14. April 2020
Rückblick – Mitte März:

Fakt 1: 17 Lesungsabsagen für diesen Monat aufgrund der (über)regionalen Schul‑, Theater- und Bibliotheksschließungen. Ein herber Verlust, fällt doch damit ein großer Teil meiner kalkulierten Einkünfte für die nächsten Monate weg, und zwar nicht nur für mich, sondern für meine ganze dreiköpfige Familie.

Fakt 2: Die Schulen in Bremen werden geschlossen. Da ich alleinerziehend bin, bedeutet das: Ich bin für die nächsten zwei Wochen Lehrerin und Rundumversorgerin meiner zwei Söhne.

Erkenntnis 1: Entschädigung für Lesungsausfälle? Null. Nix. Mir wird zum ersten Mal tatsächlich bewusst, dass es keine Verträge gibt, die mich finanziell absichern, alles läuft auf Absprachen- und Vertrauensbasis. Hat ja auch bislang immer prima funktioniert. Ich telefoniere mit einem der vier Verlage, für die ich schreibe. Die Ansprechpartnerin, die Lesungen in die Wege leitet und koordiniert, sagt mir Beratung und Unterstützung zu, schickt mir einen Vertragsentwurf für die Zukunft. Doch eine Absicherung im Falle einer Pandemie ist auch darin nicht enthalten. Allgemeine Verwirrung. Parallel dazu Mails von Schulen: „Schade, dass es nicht klappt. Alles Gute!“ Das ist nett gemeint, genauso wie der Plan, einige Lesungen in den Herbst zu verlegen. Dann jedoch habe ich bereits zahlreiche Lesungen an anderen Orten und schreibe an Projekten. Demzufolge gibt es kaum Kapazitäten, den finanziellen Verlust auszugleichen. Und: Die Einkünfte fehlen de facto jetzt.

Erkenntnis 2: Mein akribisch ausgetüftelter Plan einer Kombination von Home-Schooling morgens und Romanschreiben am Nachmittag funktioniert nicht. Meine Kids benötigen meine Unterstützung inclusive Unmengen an geschmierten Butterbroten. Beim anschließenden gemeinsamen Mittagessen penne ich fast ein. Dann ziehe ich mich wie geplant in mein Büro zurück. Doch mein Kopf ist dumpf und leer. Ich lege mich eine Weile auf´s Sofa. Aber ich kann nicht schlafen, ich bin zu nervös. Ich kapiere, dass ich aller Voraussicht nach in den nächsten Wochen, vielleicht sogar Monaten kein Geld verdienen werde.

Erkenntnis 3: Ich brauche einen neuen Plan.

Tag 2, Mittwoch, 15. April 2020
Noch immer Rückblick – Mitte März

Es gibt ein Quatschspiel, das Kinder gerne spielen, es heißt „Verkehrte Welt“. Bei diesem Spiel wird alles in sein Gegenteil verkehrt. Da ist die Sonne plötzlich gefroren oder unter den Füßen wachsen Dauerwellen. So ist das gerade:

Informationen aus der Presse aktualisieren sich im Minutentakt, die Lehrerinnen meiner Kinder schicken unzählige Mails, dazu Anrufe von Verwandten, Freunden, Kolleginnen, Tipps und Nachrichten aus der Buch- und Filmbranche. Ich fühle mich wie in dieser gläsernen Kugel, in der früher die Lottokugeln umherwirbelten. Jetzt sausen die Kugeln um mich herum, prasseln auf mich ein, sind teilweise so schnell, dass mir ganz schwindlig wird. Und mittendrin stehe ich, erschöpft und schwitzend auf der Pausentaste meines beruflichen Alltags, und versuche einen neuen Plan zu schmieden. Ein Plan, der nicht dem Motor meiner existentiellen Angst folgt, sondern akut, handfest und nachhaltig wirksam ist. Denn Angst macht mitunter dumm. Da spreche ich aus Erfahrung.

Also springe ich von der Pausentaste und begebe mich an den Rand des Geschehens. Von dort aus beobachte ich, welche Wege die Kolleginnen und Kollegen aus der Kinderbuchbranche unternehmen, um die finanziellen Verluste aufgrund entfallener Lesungen auszugleichen. Viele jammern. Ist alles schrecklich, ich weiß. Aber es hilft mir gerade nicht weiter. Viele setzen sich für Online-Lesungen ein. Lesungen im Netz? Meine Lesungen leben von Austausch, Kooperation, Freude im Miteinander, von Quatsch und Kurzweiligkeit. Und, jetzt mal ehrlich: Erwachsene mögen das ja gut finden, aber Kinder? Hallo?! Wir sind nicht im zweiten Weltkrieg, wir schreiben das Jahr 2020, es gibt Filme, Hörspiele, Blogs, E‑Books und Games! Ein Schwall Lottokugeln prasselt auf mich ein. Aua. Okay, okay, ich habe Vorurteile. Ich gebe es zu. Ich schaue mir also eine Online-Lesung von einer Kinderbuchautorin an, die ganz besonders für diesen Weg der Literaturvermittlung schwärmt. Sorry, ich bin raus.

Doch plötzlich habe ich Selbstzweifel: Mache ich gerade etwas komplett falsch? Mache ich mich mit meiner Haltung zur Außenseiterin meiner Branche, weil ich nicht mitmache? Nun ist sie plötzlich doch da, die Angst. Nicht nur die Verlage und Produktionsfirmen haben Schnappatmung aufgrund des Stillstandes, auch mir wird schwindlig. Ich beginne nachts schlecht zu schlafen. Meine Kinder spüren meine Anspannung. So geht das nicht.

Stopp.

Tag 3, Donnerstag, 16. April 2020
Wie war das? Was habe ich da geschrieben? „Ein Plan, der nicht dem Motor meiner existentiellen Angst folgt, sondern akut, handfest und nachhaltig wirksam ist.“

Oha.

Ich beschließe, Pingpong zu spielen. So nenne ich die Art und Weise, wie ich am liebsten arbeite. Ich entwickle Exposés, Konzepte und Ideen und mache den Aufschlag. Ping. Und dann warte ich ab, was von den Verlagslektorinnen oder anderen Kooperationspartner(inne)n zurückkommt. Pong. Oder es läuft anders herum: Sie haben eine Idee und ich spiele den Ball zurück. Wenn es gut läuft, fliegen anschließend die Bälle hin und her. Ich liebe diese Art von Austausch. Das tut nicht nur den Geschichten gut, das tut auch mir gut und beflügelt mich.

Die Corona-Situation verändert alles. Aber dieses gut funktionierende Konzept könnte auch hier funktionieren. Also probiere ich es aus.

Ping (Aufschlag 1): Ich schildere meinem Verlag ehrlich meine Sorgen: Dass ich aktuell einen erheblichen finanziellen Einbruch habe. Dass ich aktuell nicht arbeiten kann. Dass ich nicht weiß, wann das wieder möglich sein wird. Dass ich Angst habe, dass die Kolleginnen und Kollegen ohne Kinder mit loderndem Feuerschweif an mir vorbeizischen, während ich ausgebrannt am Straßenrand liege. Schlussfrage: Gibt es Sicherheiten?

Ping (Aufschlag 2): Ich stelle einen Antrag beim Land Bremen für Soloselbstständige. Zunächst wollte ich das nicht. Ich dachte: „Ach, ich hab doch noch genügend Rücklagen für die nächsten Monate, andere haben das doch viel nötiger als ich.“ Ich ertappte mich dabei, dass ich meine Arbeit geringschätze, indem ich so etwas denke. Durch den Austausch, vor allem mit Kolleginnen aus der Kreativbranche, weiß ich, dass ich nicht die einzige Frau bin, die in solchen Bahnen denkt.

Der Aufschlag gelingt nicht wirklich. Der Pingpongball landet nämlich zunächst beim BIS in Bremerhaven und nicht bei der Bremer Aufbaubank. Oh.

Ping (Aufschlag 2a): Ich kümmere mich darum, dass mein Antrag bei der Bremer Aufbaubank ankommt.

Ping (Aufschlag 2b): Ich kümmere mich parallel um die Künstlersoforthilfe des Landes Bremen. Himmel, ist das kompliziert. Wann darf man was wie wo einreichen? Und warum soll ich auflisten, wie viel Geld ich trotz der Lesungsausfälle dennoch verdient habe und verdiene? Verstehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Behörde, wie Menschen wie ich ihre Einkünfte kalkulieren? Dass einen Monat die Flut ins Haus schwappt und dann wieder monatelang Ebbe herrscht? Ausgerechnet der März sieht aufgrund der ausstehenden Tantiemen gut aus. Lügen? Besser nicht. Eine Strafe in dieser Situation hat mir gerade noch gefehlt. Ich fülle den Antrag ehrlich aus. Und dann: Aufschlag.

Und jetzt warte ich aufs Pong.

Tag 4, Freitag, 17. April 2020
Noch immer März

Ich bin baff. Nein, mehr noch. Ich bin gerührt.

Die Programmleiterin einer meiner Verlage, mit denen ich arbeite, ruft mich am späten Freitagnachmittag an. Sie erklärt mir, dass viele Verlage um ihre Existenz kämpfen, in den Handelswegen herrsche mitunter Stillstand. Viele Lektorinnen arbeiten im Home-Office. Die Neuerscheinungen finden ihr Publikum nicht aufgrund der geschlossenen Buchhandlungen, Amazon konzentriert sich vorrangig auf Hygieneartikel und Technik, stellt den Buchhandel hintenan. Nicht zu vergessen die ausgefallenen Buchmessen in Leipzig, Bologna, London. Es fehlen die Worte für diese schwierige Zeit. Nicht nur ihr, auch mir.

Sie hätte von meinen Befürchtungen gehört, deshalb rufe sie an. Sie versichert mir, dass der Verlag mich nicht im Stich lässt. Ich bin kurz davor zu heulen. Die Haut ist dünn in dieser Zeit.

Meine Branche ist stetig unsicher, du kannst Glück haben oder Pech oder irgendetwas dazwischen. Es gibt eine Menge fabelhafter Autorinnen und Autoren, dafür reicht der Platz hier nicht, um all ihre Namen aufzuschreiben. Ich bin eine von vielen. Ob fabelhaft oder nicht, lassen wir einmal außen vor.

Das, was hier gerade geschieht, fühlt sich an wie ein Sechser im Lotto. Ich stehe nicht mehr wie noch vor einigen Tagen in der gläsernen Kugel auf der Pausentaste und schwitze zwischen umherfliegenden Lottokugeln. Nein. Sechs Kugeln liegen in meiner Hand. Denn vor mir tut sich wieder eine Perspektive auf.

Nicht zum ersten Mal wird mir bewusst, wie wichtig mir Verbindlichkeiten für meine kreative Arbeit sind. Verbindlichkeiten, die nicht immer, aber oft finanzielle Sicherheiten nach sich ziehen. Ein Teil eines Ganzen zu sein. Zugehörig zu sein. Das ist in meinem Beruf oft vakant. Ich kenne viele Kunstschaffende, die entspannt sind, obwohl sie keine Ahnung haben, ob ein Verlag mit ihnen arbeiten möchte oder nicht. Die nicht wissen, was sie im nächsten Monat verdienen werden. Ich bin nicht so. Nicht erst, seitdem ich Mutter von zwei Kindern bin.

In den letzten Tagen hatte ich versucht, ein altes, überschaubares Projekt aus meinem digitalen Ordner „Projektideen“ erneut zum Leben zu erwecken. Etwas, das ich trotz der großen Herausforderung des Alltags derzeit bewältigen kann. Doch die Texte waren lieblos und zynisch geworden. Ich weiß, dass ich so schreibe, wenn ich ängstlich bin. Dann brodelt es in mir wie in einem sauren Hexenkessel und heraus kommt zwar etwas Knalliges, Lustiges, aber es ist ätzend, geprägt von einem grundsätzlichen Pessimismus. Ich mag es nicht, wenn ich so schreibe. Interessanterweise hatte ich auch noch nie Erfolg damit.

Innerhalb kürzester Zeit schreibe ich das Konzept um. Mit Herz, Leidenschaft und Verstand. Und dann eine Mail vom Land Bremen. Ich bekomme die Künstlersoforthilfe! Gibt es eigentlich einen Siebener im Lotto?

Tag 5, Samstag, 18. April 2020
Inzwischen ist eine Weile vergangen. Meine Kinder sind aktuell in der gläsernen Kugel ihres Vaters. Ich bin in der gläsernen Kugel daheim, Noch immer fliegen die Lottokugeln um mich herum, doch ich schwitze nicht mehr und die Pausentaste ist inzwischen verschwunden. Stattdessen sitze ich auf der Playtaste. An meinem Schreibtisch, ohne Mundschutz, dafür jedoch ausgestattet mit einem bequemen Sicherheitshelm. Damit die besonders harten Kugeln an mir abprallen. Ha! Ausgetrickst!

Während ich einerseits diesen Blog schreibe und ENDLICH an meinem Roman weiterarbeite, beschäftigt mich andererseits die Frage, inwiefern ich eigentlich inhaltlich mit den aktuellen Geschehnissen in dieser Zeit kreativ umgehe. Ich habe keinerlei Bedürfnis, diese Zeit literarisch konkret zu thematisieren. Was jedoch nicht bedeutet, dass ich nicht auf die aktuellen Geschehnisse reagiere – ganz im Gegenteil.

In den letzten Wochen ploppte immer wieder der Schriftsteller Otfried Preußler in meinen Gedanken auf. 1962 erschien sein erster „Räuber Hotzenplotz“-Roman. Trotz seines unschlagbaren Erfolgs erlebte Preußler immer wieder Gegenwind. Kritiker warfen ihm Weltfremde vor, denn er reagierte nicht vordergründig auf die Themen seiner Zeit, wie beispielsweise antiautoritäre Erziehung, Widerstand gegen Atomkraft und so weiter. Nein, er erzählte Geschichten, weil Menschen Geschichten lieben, in die sie eintauchen können, die sie sprichwörtlich „weltvergessen“ machen. Oder weltoffen, wie man es nimmt.

Ich verlasse meine Kugel und gehe joggen. Während ich an Menschen mit verkniffenen Mündern und entspannten Bäuchen vorbeilaufe, frage ich mich, warum ich ständig daran denken muss. Was hat Otfried Preußler mit heute und jetzt zu tun? In meinen Gedanken wirbeln die Fragen und Antworten hin und her. Etwa so:

Möchte ich das Virus in meinen Geschichten thematisieren?

Nein, auf gar keinen Fall. Das reale Virus macht bloß Angst und hilft aktuell niemandem. Mal davon abgesehen, habe ich keine Lust dazu.

Könnte das Virus nicht ein Bild für einen starken Antagonisten sein?

Ja, möglicherweise. Die grauen Männer in Michael Endes „Momo“ waren eine fabelhafte Übersetzung der Depression in Figuren.

Ist vielleicht irgendetwas am Virus lustig?

Grundsätzlich nein, aber es geschehen Dinge, die tragisch-komisch sind.

Aha. Was ist tragisch-komisch?

Die Reaktion einiger Menschen. Sie sind vordergründig komisch, doch im Kern tragisch. Beispielsweise Menschen mit fast komplett verhülltem Gesicht. Es sieht lustig aus, aber darunter verbirgt sich möglicherweise Angst.

Möchte ich das thematisieren?

Ja. Denn hier zeigt sich das Menschsein in all seinen Facetten.

Das ist es.

Ich blende die aktuelle Situation nicht aus, ich arbeite mit ihr. Ich entnehme ihr Komik und Tragik für meine Geschichten. Ich kreiere Antagonisten. Ich lache und ich weine mit meinen Figuren. Ich schüttle über sie den Kopf und könnte sie zum Mond schießen. Genauso wie es vielleicht einst Otfried Preußler und Michael Ende und die vielen, vielen anderen Autorinnen und Autoren getan haben und/oder noch heute tun. Wer weiß das schon.

Ich jedenfalls mache mich nun an die Arbeit. Weiter geht´s!

Porträt von Corinna Gerhards
© Laura Bostelmann

Corinna Gerhards vom 20. bis 24. April 2020

Corinna Gerhards (*1977): Gelernte Tischlerin, später Studium der Germanistik und Kulturwissenschaften. Heute arbeitet die alleinerziehende Mutter als freie Schriftstellerin, ausgebildete Drehbuchautorin, Jugendbuch-Gutachterin, Journalistin und Dozentin für Kreatives Schreiben.

www.corinnagerhards.de

Tag 1, Montag, 20. April 2020
Eigentlich geht es mir gut 

Ich bin ein grundsätzlich optimistischer Mensch. Zumindest so lange mir andere dabei zugucken. Ich habe ein Dach, das mir auf den Kopf fallen kann. Ich kann mich darüber beschweren, dass ich immer dicker werde, so ohne richtige Bewegung und Fitnessstudio, weil ich einen vollen Kühlschrank habe. (Das mit dem Fitnessstudio steht an dieser Stelle symbolisch, natürlich gehe ich da sonst auch nicht hin, es geht ums Prinzip). Ich habe keine Eltern oder älteren Verwandten mehr, um die ich mich sorgen müsste, und keine kleinen Kinder, denen ich zum 27. Mal „Das Kleine Ich bin Ich“ vorlese, während ich auf allen Vieren als Wauwau durch die Wohnung robbe und sie das Sofa mit Fingerfarben verzieren.

Eigentlich geht es mir gut.

Ich suche nach den positiven Nachrichten, schaue mir immer wieder Fische in den Kanälen Venedigs an, die sinkenden CO2-Zahlen und Videos von Zusammenhalt und singenden Menschen auf Balkonen. Aber dann drücke ich einmal nicht schnell genug den Stopp-Knopf und statt glücklichen Delphinen sehe ich weinende Krankenschwestern. Und dann denke ich an den alten Mann, der im Kino immer in der Reihe vor mir sitzt. Und an meine Lieblings-Kioskverkäuferin, die das Rentenalter längst überschritten hat. Ich frage mich, ob sie noch da sind. Ich denke daran, wann ich das letzte Mal jemand umarmt habe, wann ich meine Freunde das letzte Mal gesehen habe und wann ich das letzte Mal im Kino, auf einer Lesung, einem Konzert oder einfach in einem Straßencafé gewesen bin und dabei noch nicht einmal wusste, dass es ein letztes Mal war. Ich versuche, nicht daran zu denken, dass ich keine Ahnung habe, wo meine nächsten Aufträge herkommen sollen, ohne die üblichen Netzwerk-Veranstaltungen. Ohne Filmproduktionen. Ohne Lehre. Ohne Menschen! Und es funktioniert nicht ganz mit dem Nicht-daran-Denken.

Dann bricht alles zusammen.

Für einen Augenblick, vielleicht auch für mehrere, vielleicht für Stunden, legt sich die Angst schwer auf meine Brust – ob es jemals wieder so wird, wie es war, und wie lange dauert es noch? Und dann schäme ich mich, so zu fühlen, weil es anderen so viel schlechter geht.

Ich setze meine selbstgemachte Schutzmaske auf und gehe unter Einhaltung aller Sicherheitsregeln eine Runde in der Sonne spazieren und für einen Moment fühlt es sich wieder fast normal an.

Fast.

Eigentlich geht es mir gut.

Tag 2, Dienstag, 21. April 2020
Die Sache mit der Schlafanzughose

Wir sind aufgeflogen.

Normalerweise geschah das, was wir Autoren den ganzen Tag machen, hinter verschlossenen Türen. Es hatte etwas Magisches, Geheimnisvolles, wenn der Schreiberling sich in sein Sanktum zurückzog und mit einem fertigen Manuskript wieder hinauskam.

Jetzt fühle ich mich durchschaut.

Selbst in meiner eigenen Vorstellung sitzt der Autor hübsch gestriegelt wahlweise in Tweetanzug oder im fließenden Gewand an einem Jugendstil-Schreibtisch, krault gelegentlich die Katze auf dem Schoß und nippt an einem Rotwein oder einer Teetasse, während er unermüdlich entweder sehr intelligent vor sich hin sinniert oder mit fliegenden Fingern die Tasten bearbeitet.

Da die meisten Autoren das immer schon in ihren eigenen vier Wänden machen, handelt es sich sozusagen um den Prototyp des Homeoffice.

Was für viele bisher ein mystisches Wort, vielleicht im besten Fall eine Traumvorstellung war, ist von heute auf morgen Alltagsrealität geworden.

Die meisten Ratschläge für die Arbeit im Homeoffice, beginnen mit den gleichen zwei Punkten:

Stehen Sie auf!
Ziehen Sie sich eine Hose an!
Da man das „normal“ arbeitenden Menschen ja auch nicht extra auflistet, wird somit automatisch unterstellt, dass Menschen im Homeoffice das nicht zwangsläufig tun.

Ich möchte mich dazu an dieser Stelle nicht weiter äußern …

Dennoch bin ich mir bewusst, dass, wenn ich jetzt sage, ich arbeite von zu Hause, mir ein wissendes, leicht spöttisches Nicken entgegengebracht wird, vielleicht sogar gemischt mit ein wenig Mitleid. Denn jeder weiß jetzt, dass das heißt:

Stundenlange „Recherche“ (Nur noch ein Artikel, dann lege ich wirklich los!), zahlreiche, über den Tag verteilte Ausflüge zum Kühlschrank (nur noch ne Kleinigkeit Essen, dann lege ich wirklich los!!). Schnell noch einmal checken, ob auf Social Media nicht was ungemein Wichtiges passiert ist (nur noch…) und der plötzliche unerklärliche Drang, die Badezimmer-Armaturen mal wieder richtig gründlich zu polieren … Bis es schon fast Abend ist und man verzweifelt versucht, das Tagespensum noch zu schaffen.

Immerhin – während ich mir sehr intensiv vornehme, gleich richtig los zu arbeiten, liegt tatsächlich ein Kater auf meinem Schoß und sabbert ein bisschen im Schlaf. Wenn er wieder aufsteht, hinterlässt er eine Wolke seines Winterfells auf meiner Schlafanzughose.

Es wird Frühling. Auch im Homeoffice.

Tag 3, Mittwoch, 22. April 2020
Die Sache mit David Lynch

David Lynch sagte kürzlich in einem Interview, er glaube daran, dass die Welt nach Corona „more spiritual and much kinder“ wird. Mal ganz abgesehen von seiner sehr privilegierten Sicht der Dinge, mit Haus und Geld und Sicherheiten, weiß ich nicht ganz, was ich davon halten soll. Obwohl das ganze Szenario gerade durchaus an einen Lynch-Film erinnert, ist er ja nun nicht gerade für seine strahlenden Happy Ends bekannt.

Als albtraumhaft und surrealistisch beschreibt Wikipedia Lynchs Filme. Und irgendwie trifft es die Zeit gerade ganz gut. Aber so geheimnisvoll und gegen unsere Sehgewohnheiten diese oft sind, verfolgen sie doch immer einen dramaturgischen Bogen, angeführt durch eine innere Getriebenheit.

Zurzeit fühlt es sich dagegen eher an wie „zwischen den Jahren“, jene dumpfen Tage einer eingefrorenen Nicht-Zeit, nur mit mehr Warm. Und dass wir nicht wissen, wann Silvester ist.

Dabei wäre es so schön, dieses eine Datum zu haben, an dem mit einem Knall auf der ganzen Erde die Türen wieder auffliegen, die Menschen sich auf der Straße in den Armen liegen, Samba-Bands durch die Straßen ziehen und alle wild tanzend den Neubeginn begrüßen.

Stattdessen mutet es eher an wie eine mittelmäßige Serie, “Lost” vielleicht, die recht spannend anfängt, dann aber immer mehr nachlässt, viel zu oft verlängert wird und am Ende in Banalitäten versiegt, weil sich herausstellt, dass selbst die Macher lange nicht wussten, wie sie eigentlich enden sollte.

Was wird dann aus all den Rufen nach einer neuen Welt? Nach mehr Solidarität und den ganzen Dingen, von denen wir jetzt entweder merken, dass wir sie gar nicht brauchen oder dass wir sie ganz dringend brauchen und viel zu lange für selbstverständlich genommen haben? Schütteln wir uns in einigen Wochen oder einigen Monaten oder einigen Jahren wie ein nasser Hund und machen einfach so weiter wie zuvor?

Irgendwann fragen unsere Enkel uns dann vielleicht nach “damals, als die Welt still stand”, und alles, an das wir uns erinnern, ist irgendetwas Diffuses mit Toilettenpapier …

Tag 4, Donnerstag, 23. April 2020
Die Sache mit den Gummibären

Immer wenn ich zurzeit mit anderen Filmemachern spreche, kommt irgendwann das Thema auf, ob wir (logistisch und finanziell beiseite gelassen) überhaupt noch „ganz normale“ Filme machen können, wenn das alles ansatzweise vorbei ist. Wenn ich jetzt an einem Drehbuch arbeite, dürfen sich die Leute darin umarmen? Dürfen sie dichtgedrängt in Clubs rumhängen und ohne Gesichtsmaske einkaufen gehen? Oder heißt es dann gleich: „Ach! Du drehst historisch!“

Sprich: Werden wir in Zukunft Filme und Bücher in „Before Corona“ (BC) und „After Corona“ (AC) einteilen müssen? Zucken wir nicht jetzt schon leicht zusammen beim Fernsehen und möchten den Schauspielern zurufen: Wo ist denn hier der Mindestabstand??

Seit Stunden scrolle ich hin und her, wechsle zwischen Netflix und Prime, schaue die ersten Minuten einer neuen Serie, über die ich schon ganz viel gehört habe, und gehe wieder raus.

Seit wann sind eigentlich alle Serien so düster? Selbst solche, die noch nett angefangen haben, werden ab der dritten Staffel spätestens deprimierend und dunkel. Als ob eine gute Charakterentwicklung nur stattfinden kann, wenn wir uns nach anfänglichem In-Sicherheit-Wiegen, erst langsam und dann immer rasanter ihren Abgründen nähern.

Wenn ich gerade Abgründe sehen möchte, schalte ich die Nachrichten ein.

Als der Streamingdienst Disney+ im März in Deutschland an den Start gegangen ist, haben alle damit gerechnet, dass „The Mandalorian“ sprunghaft an die Spitze der meist geschauten Serien schnellt. Stattdessen fand sich auf Platz Eins etwas gänzlich anderes wieder:

Die Gummibärenbande.

Und ich traue mich mal zu behaupten, dass das nicht nur an den ganzen gelangweilten Kindern lag …

Um ehrlich zu sein, hat mich diese Plattform bisher null interessiert. Aber auch mein erster Gedanke war: Es gibt die Gummibärenbande?? Wie sieht das noch mal mit dem Probemonat aus?

Ich glaube tatsächlich, dass sich etwas in der Filmwelt ändern wird.

Ich glaube, die Zeit des „dunkler, schwerer, grausiger, depressiver“ ist vorbei.

Es ist als ob wir all diese dystopischen Serien, Filme und Bücher brauchten, weil wir tief in uns wussten, dass wir uns darauf vorbereiten mussten, dass es bald sehr viel härter wird, dass die Freiheit und die Sicherheit, in der wir uns so selbstverständlich wiegten, auf sehr dünnem Eis steht.

Aber jetzt, wo wir es erleben, wird es wieder Zeit uns zu erinnern, was wir eigentlich wollen, statt uns damit zu beschäftigen, wo wir hinkommen könnten, wenn alles den Bach runtergeht. Ziemlich viel ist in einem wahren Wasserfall, viel schneller und unerwarteter flussabwärts gegangen, als wir je gedacht hätten. Nun brauchen wir wieder Medien, die uns zeigen, wo wir hinkommen könnten, wenn alles ein bisschen besser wird, mit Hoffnung und Utopien, vielleicht genauso überzeichnet wie vorher die Dystopien.

Es lebe die Gummibärenbande und das kleine Stückchen heile Welt!

Tag 5, Freitag, 24. April 2020
Ruhe

Ich weiß noch, dass es mich immer ein wenig gewundert hat, in Filmen oder Literatur über Krieg zu beobachten, dass trotz aller schrecklichen Dinge, die passierten, der Alltag irgendwie weiterging. Kinder wurden geboren, Menschen verliebten sich, Kuchen wurden gebacken.

In jenen ersten verwirrenden, überwältigenden Tagen des Lockdowns, die so gar nichts mit Alltag zu tun hatten, fast undenkbar. Da fiel in einem amerikanischen Magazin ein Satz, der mir seitdem immer wieder durch den Kopf geht:

„The feeling you are feeling now is grief.“

Wir hatten nicht nur unsere momentane Freiheit, Treffen mit Freunden und Familie und eventuell unseren Job verloren, sondern vor allem ein Sicherheitsgefühl, mit dem die meisten von uns aufgewachsen sind. Wir mussten plötzlich erfahren, dass die Welt, wie wir sie kannten, von jetzt auf gleich eine ganz andere werden konnte, oder noch schlimmer – eine Welt, von der wir noch immer nicht wissen, wie sie in einem Monat oder einem Jahr aussehen wird. Da war Trauer doch ein sehr angebrachtes Gefühl.

Durch unsere globalisierte Vernetztheit konnten wir also plötzlich beobachten, wie Milliarden von Menschen auf der ganzen Erde geschlossen wie nie die berühmten 5 Phasen durchliefen:

Angefangen beim Leugnen – „Alles nicht so schlimm“, „Nur ´ne Grippe“, „Kann uns nicht gefährlich werden“ – ging es nach den ersten Einschränkungen und der Erkenntnis, dass uns das sehr wohl doch passieren kann, schnell in Zorn über. Von „Wie kann man uns nur so maßregeln!“ bis hin zu einem exemplarischen Dieter Nuhr, der wettert, dass er gefälligst auftreten will.

Dann folgte das Verhandeln, zu dem durchaus auch Verschwörungstheorien gehören, die im Grunde nur ein verzweifelter Versuch sind, dem Ganzen einen Sinn zu geben. Aber auch das konstante Aufzählen der vielen guten Seiten, die Bilder von einer sich erholenden Natur und dem Zusammenhalt der Menschen verfolgen eigentlich das gleiche Ziel.

Die vorletzte Stufe ist die Trauer selber, bis hin zur Depression, das langsame Abschiednehmen von der Welt, die wir kannten.

Wir haben viele Dinge, die wir liebgewonnen haben, zumindest vorübergehend verloren. Eine melancholische Schwere drückt mittlerweile auf die panische Aufregung der ersten Wochen, und zu wissen, dass sie da auch noch eine Weile liegen bleiben wird, drückt auf unsere Schultern.

Aber wenn die erste Schockstarre vorbei ist, wenn die Phasen der Trauer durchlaufen sind, egal ob es sich um einen Krieg, eine Trennung, den Verlust eines geliebten Menschen oder eine weltweite Pandemie handelt, wenn Leugnen, Zorn, Verhandeln und Depression überwunden sind, dann tritt die Akzeptanz ein, die uns letztendlich wieder handlungsfähig macht.

Es hat nur wenige Wochen gedauert und wir wechseln automatisch die Straßenseite, können uns eine Welt ohne Zoom kaum noch vorstellen, wundern uns, wenn wir einen Laden direkt betreten können, ohne vorher in zwei Meter Abständen davor auf Einlass gewartet zu haben.

Kinder werden geboren, Menschen verlieben sich, Kuchen werden gebacken (oder in unserem Fall eher Unmengen an Brot). Die Welt dreht sich weiter. Und zusammen mit der Akzeptanz kommt nach all den Wochen des emotionalen Chaos’ endlich wieder Schritt für Schritt ein bisschen von der inneren Ruhe zurück, die wir so vermisst haben.

Auch wenn selbst diese Ruhe jetzt eine andere ist.

Porträt von Meike Dannenberg
© Blaise Bougois

Meike Dannenberg vom 27. April bis 1. Mai 2020

Meike Dannenberg, geb. 1974 in Bremen, begann während des Studiums der angewandten Kulturwissenschaften in Lüneburg, für verschiedene Medien zu schreiben. Seit 2010 ist sie Redakteurin des BÜCHERmagazins und ist außerdem Krimi-Autorin. Meike Dannenberg wohnt mit ihrer Familie in Bremen.

www.meikedannenberg.de

Tag 1, Montag, 27. April 2020
Schreiben zu Zeiten von Corona

Ich weiß, was ich NICHT schreibe. Ich arbeite nicht an meinem Roman, nicht an meinem Krimiplot. Der Krimi erscheint mir gerade zu banal und der Roman ist zwar fast fertig, aber da ist diese Atmosphäre: Aufbruch, Frühling, Jugend. Dieses Erwachen der Protagonistin ist schön und verheißungsvoll, aber ich höre frühmorgens meinen Mann im Bad husten. Das tut er immer, er ist ein richtiger Schnaufer, Allergiker, das hält mich auch sonst wach, aber im Moment klopft mein Herz dann schneller. Kurz vor Sonnenaufgang ist die Stunde der Angst und ich denke darüber nach, wer sich um unser Kind kümmert, wenn wir beide ins Krankenhaus müssten. Meine siebzigjährige Mutter?!

Stream of Consciousness heißt es, wenn man den Stift aufs Papier setzt und einfach drauf los schreibt. Ich nutze das gelegentlich, um mentalen Ballast abzuwerfen, um kreativ arbeiten zu können, doch im Moment ist alles nur Stream of Corona. Neulich erzählte mir eine Kollegin von ihrem Roman-Journal, dort hält sie fest, woran sie beim nächsten Mal, wenn sie Zeit hat (zwei Kinder, ein Brotjob im Homeoffice) im Manuskript arbeiten möchte, weil sie sonst völlig den Faden verliert. Die erste Assoziation, die daraufhin in meinem neuen Journal landete, war, dass ich gerne mit Peter Wohlleben sprechen würde. Er soll mir erklären, wie das ist mit dem gestressten Wald, der angeblich sogar den Stresspegel eines Menschen beeinflussen kann. Wenn mich sogar ein Wald stressen könnte, dann ist es ja kein Wunder, dass ich verkrampft aus einem Supermarkt komme und heulen möchte. Wir eiern mittlerweile so um einander herum, das Ganze erinnert mich zunehmend an einen erzwungenen Tanz. Welchen Soundtrack mag der „Corona-Step“ haben? Irgendwas Computer-Generiertes, Ambient vielleicht. Da war etwas Seltsames an den Ambient-Partys, Anfang der Neunziger, man konnte springen, Arme und Beine in alle Richtungen werfen und nie traf oder trat man jemanden. Kontaktarme Musik. Also Ambient. Nicht die Ode an die …

Verschlafenes Kind: „Darf ich Fernseh gucken?“

„Was? Nein!“

„Warum nicht?“ Maulig.

Es ist neun Uhr. Du musst frühstücken, bei itslearning schauen, ob da neue Aufgaben sind. Der Computer …“

„Ich mach das auf deinem Handy!“

„…“

Nicht mehr ganz so verschlafenes Kind: „Was!? Wir sollen jetzt mit der Mai-Aufgabe fürs Baumtagebuch beginnen?, ich hab doch noch nicht mal…!“

Ich bezweifle, dass Ambient der Soundtrack ist, eher Neue Musik, irgendwas mit Rückkopplung.

(Vierzig Minuten später telefoniert das Kind mit einer Klassenkameradin. Auf ihren Hausaufgaben-Zoom haben sie keine Lust mehr, das hat alle gestresst, auch wenn es gut war, zu sehen, dass sie alle vor den gleichen Problemen sitzen: ein Berg, der nicht kleiner wird, Aufgaben kommen dazu, keiner weiß mehr genau, was wann fertig werden soll.)

Alleine ist doof. Zusammen vor dem Bildschirm aber auch.

Wir sind alle dünnhäutig im Moment. Ich taue Safranwecken auf.

Stream of Corona, wo war ich?

Eine Bekannte erzählte, sie käme im Moment so wenig dazu, an ihrem Buch zu arbeiten, dass sie sich ein Roman-Journal angelegt hat … Eine Erfahrung seit Corona: Ich mache viele Dinge zwei Mal, wegen der Unterbrechungen. Über Ambient hatte damals ein Freund gesagt, diese Musik sei wie ein Kleiderschrank, man hänge sich einfach rein. Jetzt hängen wir im Corona-Schrank und wenn mein Mann hustet, zieht sich die Schlinge um den Hals enger.

Ich habe noch weiter recherchiert, über die Verbindung von Bäumen untereinander. Mykorrhiza hieße das Netz aus Feinbodenpilzen, das die Bäume im Wald miteinander verbindet. Der Pilz ist abhängig von den Bäumen, die Kommunikation erfolgt über einen Austausch von Nährstoffen. „Wood-Wide-Web“ nannte der Wissenschaftler in der GEO das. Wenn sogar die Bäume so verbunden sind, und mein Herz schneller schlägt, wenn mein Mann hustet, was sagt das dann über den Soundtrack aus, dem wir uns täglich aussetzen?

Vielleicht müssen wir den ändern. In Walzer, oder so. Irgendwas mit Anfassen, zumindest mental, etwas Geschmeidiges, das verbindet, obwohl alle so fern sind.

Tag 2, Dienstag, 28. April 2020
Gestern schrieb ich, der Krimi, an dem ich arbeite, käme mir im Moment so banal vor. Das hat mich den Rest des Tages beschäftigt, denn das Thema ist ganz und gar nicht banal: Es geht um Vergewaltigung. Mir kommt es eher banal vor, die Realität in einen spannenden, unterhaltsamen Plot zu gießen, wenn die Realität so wenig unterhaltsam ist. Dabei war das, siehe unten, schon vor Corona ein Problem, doch plötzlich sitze ich obendrein an einem historischen Roman. Historisch, weil die Zeit sich derart geändert hat, dass alles fern und vergangen erscheint. Der Roman beginnt im Taumel einer Sommernacht, Menschen sind in den Parks und Straßen unterwegs, Zweisamkeit, Gemeinsamkeit, Gelächter. Es gibt Restaurantbesuche, Partys. Und sexuelle Übergriffe, auch eine schwere Vergewaltigung, bei der das Opfer misshandelt wird.

Zum Schreiben gehört für mich als Krimiautorin Recherche. Und was diese zutage förderte, erschreckte mich (vor allem als Mutter einer Tochter, die irgendwann flügge werden wird): Bremen hatte in der Polizeilichen Kriminalstatistik 2018 die höchste Anzeigenrate im Bezug auf schwere Vergewaltigung, sexuelle Nötigung oder Übergriffe (einschl. mit Todesfolge) nach §177,178 StGB im ganzen Bundesgebiet.

Glauben Sie nicht? Ich hoffe auch immer noch, irgendein kruder Rechenfehler ist am Werk. Aber ich hatte mehrfach nachgerechnet: In Bremen wurden 2018 149 Anzeigen wegen der oben genannten Vergehen aufgenommen, es gab 683.000 Einwohner, das macht einen Prozentsatz von 0,02182.
In Hamburg waren es bei 211 Anzeigen bei 1.841.000 Einwohnern = 0,01146 %, also etwa halb so viele Anzeigen auf Einwohner gerechnet.

Ja, jetzt kommt das Argument mit den Stadtstaaten.

Ohne Bremerhaven, also nur Bremen Stadt (127 Anzeigen auf 569.000 Einwohner) sind es immer noch 0,02232 Prozent.
Berlin: 768 Anzeigen auf 3.645.000 Einwohner = 0,0210 Prozent. Köln, 238 Anzeigen, aber bei 1.085.664 Einwohner knapp hinter Bremen: 0,02192 Prozent. Und so geht das immer weiter.

Ich habe den Prozentsatz für alle Bundesländer und vergleichbare Städte ausgerechnet, wurde richtig manisch. Nicht allen Krimiautoren ist die Realität wichtig, sie stört manchmal sogar. Die Zahlen haben mich auch eingeschüchtert, meine Geschichte gebremst. Wie kann ich dem gerecht werden? Was hat das zu bedeuten, wo kommt es her? Ist 2018 nur ein zufälliger Ausreißer?

Die Kriminalstatistik 2019 ist seit kurzem online. Und ja, es sind nur winzige Abweichungen, zweite oder dritte Nachkommastelle. Aber wenn ich davon ausgehe, dass die Hälfte der Bremer Frauen sind (ohne Kinder rauszurechnen), zeigt etwa eine von 4500 Frauen eine schwere Vergewaltigung an, in Hamburg nur eine von 9000. Zeigt an, wohlgemerkt. Man könnte überlegen, ob Bremerinnen offensiver sind, wenn es um Anzeigenerstattung geht. Ebenso das sogenannte Dunkelfeld. Dieses wird nach einer Studie, erwähnt im BKA Viktimisierungsservey 2017, bei Sexualdelikten übrigens auf mindesten sieben Mal höher geschätzt Das ist die Krux bei Statistiken. Diese Zahlen haben mich traurig gemacht. Pisa-Schlusslicht und Vergewaltigungsspitze? Unklar auch, warum in den neuen Bundesländern deutlich weniger Vergewaltigungen angezeigt werden. Auch hier haben sich Zweifel gemeldet.

Was bedeutet das nun fürs „Schreiben“ und vor allem „zu Zeiten von Corona“?

Das Thema ist nicht banal! Ganz im Gegenteil, die meisten Sexualstraftaten finden im nahen Bekanntenkreis, Familienumfeld oder in Partnerschaften statt. Und ich befürchte, die Anzeigen werden zurückgehen, weil alles, das menschliche Interaktion betrifft, im Moment schwierig ist. Eine Spurensicherung am Körper ist ein sehr intimer Akt.

Der Park erscheint mir plötzlich sicherer. Obwohl mir der Gedanke naiv vorkommt, ein Vergewaltiger hätte mehr Angst vor Corona als vor der Polizei.

Das Buch wartet darauf, dass ich weiterschreibe, der Krisenmodus muss sich nur erst wieder verlagern.

(Quellen: PKS Jahrbuch 2018 S. V10, Viktimisierungsservey BKA 2017, Einwohnerzahlen Statista.de)

Tag 3, Mittwoch, 29. April 2020
Der Corono-Familienknast lässt uns rotieren. Manchmal wird der Ton rau, vor allem, wenn Zettel weg sind und schlechte Laune aufkommt, weil Geräte oder Materialien nicht verfügbar scheinen. Dann bricht für einen Moment alles zusammen, die mühsam zusammengefaltete Stimme will sich blähen, ausbrechen aus dem freundlich, hilfsbereiten Ton-Korsett. Aber was kann das Kind dafür, dass es in seinem Alter dazu genötigt wird, sich an Tagen wie diesem – linker Fuß vorm Bett, grauer Himmel – alleine zu mehreren Stunden Heimarbeit zu motivieren?

Ich durchforste mein Hirn nach den Dingen, die uns derzeit Struktur geben und die Laune heben.

1) Ausmisten: Wahrscheinlich hätten wir ohne die erzwungene Zeit niemals das Kinderzimmer so effizient in ein Jugendzimmer verwandelt. Müllsäcke voll mit Ausmalbildern, Plastikfigürchen, zerbrochenen Flummis und Kram, der Kindern in unserer Konsumgesellschaft fast aufgenötigt wird, von der Plastikkatze als Flohmarktgeschenk (Bitte Kind, sag einfach Nein!) bis zum jährlichen Aufkleber-Sammelfiguren-Album-Wahnsinn in der Weihnachtszeit. Fünf Mal füllten wir die Kiste vor der Haustür mit Spielzeug, Büchern, Murmeln und Kleinkram, verschickten Pakete, motteten das Playmobil für die Zeit ein, in der es wieder Flohmärkte gibt, stellten die Möbel um und Sachen im Internet ein.

2) Bewegung in den vier Wänden: Von dem Geld hat sich das Kind eine Turnmatte gekauft. Airtrack, wie ich lernte. Die Kohlefasern in der Luftkammer machen so ein interessantes Geräusch: Whuum, Whuum, manchmal knallt sie auch auf den Boden, wenn eine Ecke sich durch den Schwung hebt, Wapp. Das hat also, wie vieles gerade, zwei Seiten, aber Handstand, Radschlag und ‑wende, das läuft. Den ganzen Tag, über den Tag verteilt. Wir finden das gut, obwohl es im Wohnzimmer stattfindet. Vor Corona wären wir durchgedreht, aber jetzt ist das irgendwie in Ordnung. Die Akrobatikgruppe des Bremer Zirkusviertels probt während der Zoom-Stunden gerade Sofa-Kunststücke, um sie zu einer Online-Zirkusshow zusammenzuschneiden. Das Kind probiert, was sich von der Turnmatte aufs Sofa übertragen lässt. (Ruhig bleiben!)

3) Wichtel: In Hamburg hat jemand an einem Baumstamm ein Wichtelhaus gebaut, kleine Tür, Tischchen, Namensschild. Sehr niedlich und weil die Idee so einleuchtend ist, (Spielplätze gesperrt), ist der Schanzenpark jetzt mit Wichteln bevölkert, die man zwar nicht sieht, aber ihre Häuschen. Also: Wichtelhaus für Bürgerpark bauen! Wir waren beunruhigt, dass die Laune sinken könnte, wenn es jemand abräumt, schließlich ist es ein öffentlicher Park. Aber nach drei Tagen tauchten stattdessen ein Marienkäfer, ein winziger Kürbis und ein Bild in dem Ensemble auf, die Gegenstände wurden verrückt. Das Kind ist entzückt. Ich träume von einem Bürgerpark voller Wichtelhäuschen, während und nach Corona.

4) Kisten in den Straßen: Wir gehen spazieren, das tun wir sonst eher im Wald, aber hier finden wir Dinge. Mein Mann verfolgt seit Jahren das Prinzip erratischer Bildung. Wenn er von einem Thema eines Buches keine Ahnung hat, sieht er es als Zeichen und nimmt es mit: Zoologie der wirbellosen Tiere, Bionik, Kunst aus Altvorderasien und Ägypten. Er hat mich über die Knotenschrift der Inkas informiert, so profitieren wir alle. Im Moment ist die Zeit gut für Horizonterweiterung, überall in unserer Gegend stehen Bücherkisten. Neulich hat er „Porträt zeichnen“ aufgesammelt, das Buch aus den Achtzigern ist nicht so streng naturalistisch, da wird auch gekrickelt, das Kind schloss sich an. Mein Mann sagt, und ich bin froh drum, dass er das nicht tut, wenn er hier in der Gegend Soziologie, Philosophie und politisches Sachbuch mitnehmen würde, müssten wir anbauen.

5) Brettspiele: Wir spielen auch sonst Brettspiele. Seit einigen Tagen wird mit einer weiteren Familie über Brettspiel.de und Boardgamearena.com gespielt. Parallel läuft ein Video, damit man sich über die Tonspur unterhalten kann. Aber es wurden auch schon Computer auf Bücherstapeln schräg gestellt, im Auge der Kamera das Spielbrett eines Spiels, das beide Familien besitzen. Ging auch irgendwie.

Das alles aufzuschreiben, was unser Leben derzeit bereichert, hat jetzt tatsächlich etwas genutzt, ich lächle und bin gerührt. Wir Menschen sind so unglaublich gut, kreative Lösungen für Probleme zu entwickeln, wir müssen uns nur daran erinnern. Und inzwischen sind auch die Hausaufgaben erledigt.

Tag 4, Donnerstag, 30. April 2020
Heute wollte ich über die Angst schreiben, aber dann bekam ich Angst, dass ich jammere. Das gefällt mir im Moment nicht besonders: Ich habe sehr große, immer wieder aufflammende Angst, reflexartig werde ich von Freunden beruhigt. Niemand möchte, dass das, was ich empfinde, näher an der Realität liegen könnte als ein vermeintliches Sicherheitsgefühl. Aber wer weiß das schon so genau? Auf jeden Fall ist es unangenehm – mir und meinem Gegenüber –, dass ich ständig als Cassandra herumunke, aber ich kann nicht so recht aus meiner Haut. Ich hatte das vor Corona schon, wir sind enge Vertraute, die Angst und ich.

Neulich hielt ein junger Mann vor unserer Vorgartentür, wir hatten da diese Verschenkekiste stehen, und er suchte sich etwas für seine noch recht kleinen Kinder raus, während ich eine Blume eintopfte.

„Fünf und drei Jahre?“, sagte ich. „Wie kommt ihr klar?“

„Tja, gereizt“, antworte er. Er hatte dunkle Schatten um die Augen. Er sagte, dass er nicht verstehe, was das alles solle, Schweden, und alles gar nicht so schlimm.

Ich sagte, ich könne das alles sehr gut verstehen, sei fast froh darum, dass die Regeln meinen Ängsten so entsprächen, dann müsste ich mich nicht als nervöses Nervenbündel outen. Ich meinte, dass das bestimmt durch meine Erkrankung käme, dass ich wisse, wie es sich anfühlt, vom eigenen Körper verraten zu werden (Ich habe keine Haare).

Er guckte ein wenig mitleidig. Randgruppe. Klar. Dann sagte ich, dass Lebenserfahrungen unsere Ängste prägen und dass die Politiker (Altersdurchschnitt fünfzig) sicher überwiegend schon Erfahrungen mit Krankheit und Tod im näheren Umfeld gemacht hätten. Er sei doch wahrscheinlich gerade mal dreißig, oder?

Unser Gespräch wurde unterbrochen, er war sicher sehr froh darüber. In meinem Kopf lief es noch weiter. Ich wollte ihm erklären, dass ich damit meinte, die Politiker seien nicht objektiv, genau wie ich. Anhand der Zahlen ist es objektiv nicht zu erwarten, dass sowohl mein Mann als auch ich sterben werden, und trotzdem habe ich dazu in vielen Nächten Alp-Wachträume.

Morgens um Vier ist die Stunde des Wolfes.

Am Anfang der Pandemie, als „Triage“ zur Realität in den Nachbarländern wurde, scherzte ich, ich würde mir mit Edding: „Das ist kein Krebs, sieht nur so aus“, auf die Glatze schreiben. Es war nur ein halber Scherz, denn das Gefühl, als Mensch in gesund, alt, jung, schön, gebildet oder ungebildet kategorisiert zu werden, ist ein sehr bedrohliches Szenario, das allerdings auch unterschwellig in sozialer Interaktion mitläuft.

Ich habe es, und das ist natürlich subjektiv, schon häufiger so empfunden, dass ich ohne Perücke gleichzeitig als arm wahrgenommen wurde. Eine seltsame Kausalität, die etwas damit zu tun haben könnte, dass mir auch manchmal im Job anscheinend weniger zugetraut wurde. Oder als Kleingärtnerin (wobei unser Garten für sich spricht, wir können das tatsächlich nicht so besonders gut). Und natürlich ist es eine unbotmäßige Unterstellung, dass im Krankenhaus nicht die tatsächliche Ursache einer solch verwirrenden Erkrankung erfasst und verstanden werden könnte. Ich kann also froh sein, nur kahl und nicht achtzig plus zu sein, aber in dem Falle würde ich womöglich über eine Botox-Behandlung nachdenken und versuchen, mir falsche Papiere zu beschaffen, wenn die Zahlen bedrohlich stiegen.

Mein Mann ist hier der Pragmatiker. Er sagt, es ginge sowieso nicht um die Menschen oder den Schutz von Randgruppen, sondern darum, dass wir nicht in der Lage seien, die Wirkung einer Exponentialfunktion zu erfassen. Wenn man die dann versteht, wäre es bereits zu spät, dann wäre nicht nur das Gesundheitssystem am Ende, sondern die Wirtschaft gleich mit, weil in Deutschland rund 11 Millionen Menschen gleichzeitig mit Fieber im Bett lägen.

Ich schaue mir die „Übersterblichkeit“ an und denke, bald wissen wir mehr, und dann habe ich hoffentlich nicht mehr so viel Angst. Oder noch mehr, wer weiß das schon. Aber es tut mir leid, dass ich den jungen Mann so abgekanzelt habe, er hat das Recht, keine Angst zu haben. Ich beneide ihn darum und werde nicht über persönliche Wahrheiten streiten. Zum Glück gibt es Regeln von Menschen, die so viel Angst haben wie ich.

Tag 5, Freitag, 1. Mai 2020
Heute ist Feiertag. Seit fast zwanzig Jahren arbeite ich im Homeoffice und Feiertage sind wichtig. Sie sind nicht dazu da, die Sachen nachzuholen, die man an anderen Tagen nicht geschafft hat! Ja, ich weiß: Außer man hat nichts geschafft und viel zu tun und das Wochenende (oder der Feiertag) fühlten sich schon vorher an wie eine besonders geeignete Zeit, in der man viel mehr tun könnte. Hah! Wenn es vorher nicht geklappt hat, ändert auch die Tatsache, dass die Geschäfte geschlossen sind, wenig, vor allem jetzt. Im Gegenteil, es wird sich ungerecht anfühlen, an einem Tag zu arbeiten, der normalerweise frei wäre.

Heute ist also Zeit für etwas anderes.

(Aber ein Tipp zum Homeoffice für die, die allein zu Hause sind: Lichtwecker kaufen, auf fünf stellen. Und To-Do-Listen in Spalten aufbauen, sodass auch Haushalt und allgemeiner Orga-Kram Platz findet. Es ist außerdem leichter, um elf einen Timer auf eine Stunde zu stellen, in dieser Zeit das Bad zu putzen, einen Kaffee zu trinken und zu telefonieren und anschließend weiterzuarbeiten, als demotiviert auf den Rechner zu starren. Das mentale Äquivalent zu Bleistiftanspitzen hat ja keinen Sinn, wenn es niemand sieht.)

Die BÜCHER-Redaktion, zu der ich gehöre, hat in den letzten zwei Wochen alles nachgeholt, was vorher liegen geblieben ist, gestern war das nächste Heft pünktlich fertig. Natürlich waren die Bedingungen erschwert. Es gibt bei uns im Team eine Mutter von dreijährigen Zwillingen und zwei weitere Mütter mit Kindern unter fünf. Wir sind übrigens alles Frauen, und bei den meisten ging der Großteil der Familienarbeitskapazitäten für die Jobs der Männer drauf.

Bei unserem ersten Zoom-Meeting vor etwa vier Wochen stellten wir obendrein deprimiert fest, dass wir, leidenschaftliche Leserinnen, Schwierigkeiten hatten, uns auf Bücher zu konzentrieren, selbst wenn Zeit da war. Ein echter Schock! Wir waren irritiert, es zeigte, wie viel aus dem Gleichgewicht geraten war. Inzwischen haben wir lesen müssen. Ich kann sagen, dass es hilfreich ist. Es dauert zwar länger, sich auf ein Buch einzulassen, aber der Gewinn ist auch größer. Für eine Zeit ist man wieder woanders, bei anderen Menschen mit Corona-freien Schicksalen, das Hirn wird mit anderen Themen stimuliert.

Ich war hocherfreut, als die Buchhandlungen wieder öffneten, obwohl ich befürchte, dass viele Menschen gerade das Gefühl haben, während der Lektüre eines Buches etwas Wichtiges zu verpassen, wir sind ja in Alarmbereitschaft. Aber das ist nur der innere Zustand, der äußere verordnet Ruhe und Distanz. Vielleicht ist es auch diese Diskrepanz, die unsere Synapsen so sehr strapaziert, ein Buch kann also Abhilfe schaffen, zumindest gegen das Zappeln. Und deshalb hier ein paar Buchtipps zum Feiertag – Romane, die mich und meine Kolleginnen in den letzten Wochen wieder ins Lot gebracht haben, indem sie uns emotional und intellektuell berührten:

Für mich war eine besondere Entdeckung die Biographie von Natalia Ginzburg, ich brauchte nur wenige Sätze zu lesen und ich war bei Sandra Petrignani, die als junge Frau Natalia Ginzburg in ihrer Wohnung besuchte. Petrignani ist selbst erfolgreiche Schriftstellerin und erzählt aus ihrer Perspektive, wie sie Stück für Stück mehr über Natalias Leben erfährt, beschreibt Gespräche oder Briefe, Begegnungen mit Freunden der Autorin und Verlegerin. Als ich das las, spürte ich die Liebe zur Literatur der beide Frauen, die ihr ihr ganzes Leben widmeten, und wusste wieder, warum ich tue, was ich tue.

Meine Kollegin Tina, Liebhaberin der Bücher von Siri Hustvedt, nannte als eines ihrer Lieblingsbücher des Frühlings „Je tiefer die Wasser“ von Katya Apekina, in dem es um Schwestern geht, die zu dem entfremdeten Vater, einem Schriftsteller, nach New York kommen, nachdem die Mutter „etwas Dummes“ getan hat. Kunst, die Metropole, das seltsame Familienkonstrukt, der Roman hat viele spannende Aspekte.

Gefesselt hat sie auch die Lektüre der Abenteuergeschichte von Christopher Kloeble über einen hochbegabten indischen Waisenjungen, der 1854 zwei deutsche Brüder bei ihren Reisen bis zum Himalaya begleitete – mit dem Wunsch, später ein Museum seines riesigen Landes zu gründen „Das Museum der Welt“.

Da ich das Ressort Krimi betreue, freue ich mich immer wieder über Kriminalromane, die so viel mehr sind, als nur eine spannende Geschichte. „Miracle Creek“ von Angie Kim entwickelt vom ersten Augenblick an einen Sog, der dann aber weniger in eine getriebene Kriminalgeschichte führt als in eine intelligente und schonungslose Gesellschaftsanalyse, in deren Zentrum eine Familie koreanischer Einwanderer und eine Gruppe Mütter von Kindern mit Behinderungen stehen. Trotzdem gibt es ein Verbrechen, aber von wem, das klärt sich erst während eines Prozesses, der aus verschiedenen Perspektiven geschildert wird.

Auch meine Kollegin Katharina, die das Hörbuch betreut, kann verstehen, warum wir und das Kind, uns so auf den dritten Teil von „Kannawoniwasein!“ freuen. Das Buch scheint unter Eltern bereits Kreise zu ziehen. In den Geschichten über die Freunde Finn und Jola aus der „Tzitti“ geht es im besten Sinne abenteuerlich zu, und Jolas „Berliner Schnauze“ wird von Stefan Kaminski genial gelesen. Leider dauert es noch bis Juni zum dritten Teil, aber den ersten und zweiten Band gibt es ja schon, läuft hier rauf und runter.

Ich könnte die Liste noch fortsetzen, aber ich möchte die Länge dieses Blogs nicht weiter überstrapazieren. Vor allem möchte ich zeigen, dass das Reisen nicht ganz vorbei ist: zwischen zwei Buchdeckeln fand ich, wie immer, eine ganze Welt. Und wie gesagt: Heute ist Feiertag, bauen Sie ein Wichtelhaus und bringen sie es in den Park, gute Laune bei anderen hebt auch die eigene. Wir sind ein Wald und tanzen den Corona-Walzer.

Bleiben Sie gesund!

PS: Hier die Übersicht zu den erwähnten Büchern:
Sandra Petrignani: Die Freibeuterin, Randomhouse/btb
Katya Apekina: Je tiefer die Wasser, Suhrkamp Verlag
Christopher Kloeble: Das Museum der Welt, dtv
Angie Kim: Miracle Creek, hanserblau
Martin Muser: Kannawoniwasein! Gelesen von Stefan Kaminski, Silberfisch
Die Nächste Ausgabe des BÜCHERmagazins erscheint am 20.05. im falkemedia Verlag.

Porträt von Jörg Isermeyer
© privat

Jörg Isermeyer vom 4. bis 8. Mai 2020

Jörg Isermeyer, geboren 1968 in Bad Segeberg. Nach einem Studium der Soziologie, Psychologie und Pädagogik in Göttingen zog er die freie Künstlerlaufbahn einer Universitäts-Karriere vor und lebt heute als Schauspieler, Regisseur, Theaterpädagoge, Musiker und Schriftsteller mit seiner Familie in Bremen.

Kontakt: j.isermeyer@gmx.de

Tag 1, Montag, 4. Mai 2020
Jetzt bin also ich dran mit „Schreiben in Zeiten von Corona“. Ich könnte natürlich was über „Schreiben in Zeiten von Corona“ schreiben. So selbstreflexiv — über mich am Computer, wie ich schreibend mit der Krise umgehe. Allerdings sitze ich gerade selten am Computer – zumindest nicht, um zu schreiben. Außerdem: Das Projekt geht in die 4. Woche und die Gefahr, in einer Wiederholungsschleife zu landen, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Würde immerhin zur Zeit passen.

Repetition als Lebensgefühl.

Bestimmt sitzen etliche B‑Promis bereits an ihren Werken über ihr Leben im Home-Office, wo sie seitenlang darüber berichten, dass sie nichts zu berichten haben. Wobei das ja nichts Neues ist. Trotzdem, mir graut vor den Neuerscheinungen des nächsten Jahres …

Andere Medien sind da weiter. Da ist der Alptraum bereits Realität. Neulich hab ich so eine Miniserie gesehen, 10-Minutenfilme über eine Frau vorm Computer in Zeiten von Corona. War ein Tipp von einer Freundin meiner Freundin. Aber ich hab nur die erste Folge ausgehalten, und auch die nur mit Ach und Krach. Geht um Probleme von Leuten, die keine Probleme haben. Fängt dementsprechend damit an, dass die Frau vorm Computer am Computer googelt: „10 dinge gegen die langeweile“ (genau so – für Großbuchstaben benutzt man eher zwei Hände, aber wenn man so richtig gelangweilt googelt …).

Also, „10 dinge gegen die langeweile“:

Diese Serie gucken
Das kam natürlich nicht als Antwort. So selbstreflexiv war die nicht (also die Serie).

Die Beziehung beenden.
Stand auch nicht da, hätte ich aber lustig gefunden. Hat sie (also die Frau, nicht die Serie) nämlich vorgehabt, gefühlt auch aus Langeweile (Die Beziehung zur Serie habe ich dann beendet, definitiv aus Langeweile).

Einen Verriss über eine langweilige Serie schreiben.
Das mach ich gerade – dabei ist mit gar nicht langweilig. Im Gegenteil, endlich sitze ich mal wieder am Computer und arbeite kreativ, dem Literaturkontor sei Dank. Dieser Blog ist nämlich mein erster Job als arbeitsloser Schriftsteller in Zeiten von Corona. Mit Veröffentlichen ist im Moment schwierig, weil die Verlage ihre Programme ausdünnen oder komplett nach hinten verschieben. Und für die Schublade schreiben ist nicht so motivierend, außerdem quillt die eh schon über. Auf Lesereisen gehen ist auch nicht angesagt. Genauer gesagt sind die alle abgesagt. Ich könnte natürlich mal wieder was fürs Theater schreiben, da komme ich ja her …

Okay, kein Kommentar.

Schreibe ich also meinen ersten Blog. Das habe ich zwar noch nie gemacht und auch keine Ahnung, wie das geht – aber das finde ich noch heraus.

Ich habe ja Zeit … in Zeiten von Corona.

Tag 2, Dienstag, 5. Mai 2020
Toll, bin ich jetzt also Blogger. Klingt gut, so modern — ich fühle mich gleich 10 Jahre jünger. Blog, Blogger, am bloggesten. Und dass ich dabei vielleicht so oberflächlich rüberkomme wie die Frau aus der Serie, von der ich gestern geschrieben habe, stört mich kaum. Hängt vielleicht irgendwie zusammen.

Ist das jetzt … äh … jüngerenfeindlich?

10 Dinge gegen die Langeweile:

Neue Begriffe erfinden.
Jüngerenfeindlich ist mir zu sperrig. Jüngerfeindlich geht nicht, das klingt zu sehr nach Neuem Testament. Wie wär’s mit Juvenilist? Scheint es noch nicht zu geben, zumindest zeigt mir mein Schreibprogramm das als Fehler an. Aber Juvenilist könnte auch positiv gemeint sein.

Also Antijuvenilist? Aber dazu müsste es erst mal die Juvenilisten geben. Gibt’s vielleicht auch, liest man ja immer wieder: Der Jugendwahn der Gesellschaft – aber die nennen sich nicht so. Und ohne echte Gegenspieler macht das Ganze keinen Spaß.

Vielleicht Agist (sprich: Eydschist)? Das ist in beide Richtungen offen und passt super zum Zeitgeist, Spaltung der Gesellschaft und so: Die „Alten“ sind Schuld an der Klimakrise, die „Jungen“ wollen unbedingt weiter konsumieren und Party machen und nehmen dabei billigend Corona-Tote in Kauf … oder verzichten auf alles und bevormunden die „Alten“ damit, was ja auch irgendwie … äh … positiv agistisch (sprich: eydschistisch) ist.

Gebongt, ich mag den Begriff. Eignet sich auch prima als Schimpfwort:

„Ey, du Agist!“

Und egal ob ich nun selbst Agist bin und alle doof finde, die nicht genauso alt sind wie ich oder sich so alt fühlen oder so alt riechen oder von mir als so alt gefühlt oder gesehen oder gerochen werden — langweilig ist mir nicht.

Und meinen zweiten Blog-Eintrag habe ich auch fertig.

P.S.:

Mir sind die Neuerscheinungen des nächsten Jahres noch im Kopf rumgespukt … und dabei vor allem die Frage: Wie könnte eine Corona-Literatur aussehen, die dem Thema auch formal gerecht wird?

Vielleicht wäre sie so ähnlich wie Minimal Music gestrickt: ständige Wiederholung eines einfachen Grundmusters mit leichten Abweichungen. Da käme die Copy & Paste-Funktion mal so richtig zum Einsatz.

Bisher habe ich mich noch nicht an einen 800-Seiten Wälzer herangetraut, aber so gesehen hat der Gedanke etwas Verlockendes …

Tag 3, Mittwoch, 6. Mai 2020
Prima Sache, so ein Blog. Beim Schreiben – sagt man – ist ja 90 % Handwerk. Oder 95 %. Oder 98 %, je nachdem, wen man fragt. Wenn ich einen Roman schreibe, mache ich mir einen wahnsinnigen Kopf über Dramaturgie, Personenentwicklung, Perspektive, Perspektivwechsel usw. usw … Oder was man bei einem Gedicht alles beachten muss: Rhythmus, Reim (okay, muss heutzutage nicht mehr sein), Hebung, Senkung, Jambus, Trochäus – das klingt schon fast nach einem Zauberspruch, bei dem es auf jedes Atemholen ankommt. Beim Blog hingegen – nix. Ich kann einfach schreiben, was mir durch den Kopf geht. Wenn ich also „Fruchtjoghurt“ denke, schreibe ich das auf. Natürlich schon aufs Thema bezogen.

Vielleicht so als Metapher: Fühle mich wie ein Fruchtjoghurtbakterium – drehe mich ständig um mich selbst.

Oder so: Fühle mich wie neulich vorm Fruchtjoghurtregal – ich weiß nicht, was ich tun soll. Die Situation überfordert mich. So viele Geschmacksrichtungen, und jede nochmal von zig Marken. Und das trotz Krise! Folge ich also dem Herdentrieb und gehe ein paar Regale weiter zum Klopapier. Ich weiß zwar nicht, wie das schmeckt – aber wenn das alle machen …

Zum Glück ist Klopapier alle. Aber die Zettel an den Regalen finde ich lustig.

Tragisch.

Bemerkenswert.

Wohin führt es eine Gesellschaft, wenn die, die als Erstes durchdrehen, die Richtung vorgeben?

Können Fruchtjoghurtbakterien eigentlich auch durchdrehen? Oder sind die mehr so meditativ wie die tanzenden Derwische? Vielleicht sollte ich so mit der Situation umgehen: einfach mal ein paar Runden um mich selbst drehen, statt einfach dem nächsten Hype oder dem nächsten Buchprojekt hinterherzuhecheln.

Ohne Ziel, ohne Richtung …

Entschleunigung …

Die Krise als Chance …

In der Sonne vorm Rewe stehen und sich drehen …

… drehen

… drehen …

Andererseits:

Was sind das für Zeiten, wo

ein Blog über Fruchtjoghurt fast ein Verbrechen ist?

Also Schluss mit der Nabelschau. Mein nächster Blog-Eintrag wird politisch.

Tag 4, Donnerstag, 7. Mai 2020
10 Dinge gegen die Langeweile:

Nicht mehr „10 dinge gegen die langeweile“ googeln. Stattdessen gucken, …
… wie es z.B. in den Unterkünften für Geflüchtete hier um die Ecke aussieht. Da ist es nicht so leicht, die Abstandsregeln einzuhalten. Da kann man sich richtig kreativ Gedanken machen. Oder tolle Rechenaufgaben fürs Homeschooling erstellen: Wie groß muss ein Zimmer sein, damit 6 Bewohner jederzeit einen Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten können? Okay, wenn x‑hundert Geflüchtete in einem Haus leben, ist das ja eine Hausgemeinschaft, quasi ein große Familie. Die dürfen dauerkuscheln. Aber die müssten dann auch zusammen spazieren bzw. demonstrieren dürfen, ohne dafür belangt zu werden. Da weiß die Bremer Behörde anscheinend selbst nicht so genau, was sie will …
… wie es sich in den völlig überfüllten Lagern z.B. auf Lesbos leben lässt. Oder sterben lässt. Seitdem sich die deutsche Politik nach einem kurzen „Wir schaffen das!“ einen eingebildeten Bandscheibenschaden geholt hat und sich die Richtung von einer (zugegebenermaßen nicht unerheblichen) fremdenfeindlichen Minderheit vorgeben lässt, traut sie sich nur noch, kleinste Päckchen zu schnüren — man könnte sich ja verheben. 47 unbegleitete Minderjährige! Puh, ganz schön heavy!! Kann ein Land mit über 83.000.000 Einwohnern das schaffen?!? Von dem Kraftakt muss man sich jetzt erst mal erholen.
… wie es gerade um die Seenotrettung im Mittelmeer steht. Muss man natürlich nicht. Man kann es auch mit dem Innenministerium halten, das am 6.4. an die deutschen Seenotrettungsorganisationen schrieb: „Angesichts der aktuellen schwierigen Lage appellieren wir deshalb an Sie, derzeit keine Fahrten aufzunehmen und bereits in See gegangene Schiffe zurückzurufen.“ Weggucken ist immer eine gute Lösung. Was ich nicht seh, tut mir nicht weh. Und wer ertrinkt, kann kein Corona-Virus an Land schmuggeln – da ist das Weggucken richtig konstruktiv.
… wie die Corona-Pandemie in den Ländern des globalen Südens wirkt, wo der nächste Arzt bzw. das nächste Krankenhaus weit weg oder unbezahlbar ist. Wo die Staaten über keine Mittel verfügen, die drohende Massenarbeitslosigkeit aufzufangen, und ein Großteil der Bevölkerung eh schon von der Hand in den Mund lebt … und eine Ausgangssperre deswegen genauso tödlich sein kann wie keine. Straßenverkäufer im Home-Office – klingt vielleicht lustig, ist es aber nicht: „In Ruanda, Uganda und Kenia starben mehr Menschen durch Polizeigewalt im Rahmen der Ausgangssperre als durch das Virus. Doch jetzt kommt die Phase, in welcher viele nicht an Covid-19, sondern an Hunger und Mangelerscheinungen zugrundegehen“ (taz, 30.4.2020)
Sich fragen, was zu tun ist.
Okay, die Zustände in den überfüllten Lagern auf Lesbos waren schon vor Corona unhaltbar, die flüchtenden Menschen an den Grenzen Europas sind auch ohne Virus ertrunken. Die Welt war bereits vorher für viele kein Paradies. Aber wo gerade gerne von Solidarität, Verantwortung, Zusammenhalt etc. geredet wird, könnte man das zur Abwechslung ernst nehmen und nicht am erstbesten Gartenzaun enden lassen.

Ein Beispiel:

Einerseits teile ich den Zweifel mit einigen Leuten, ob ich für bestimmte Corona-Hilfsprogramme wirklich bedürftig genug bin. Ob ich anderen nicht vielleicht etwas wegnehme, die es dringender brauchen. Noch geht’s. Andererseits spüre ich die Unsicherheit. Die Krise kann dauern. Für kulturelle Veranstaltungen sieht’s gerade bis ins nächste Jahr düster aus.

Oder noch länger …

Aber damit fallen auch die Soli-Konzerte oder –Lesungen weg, die ich sonst mache. Die mir wichtiger sind als vieles, was andere für unverzichtbar halten. Wo steht geschrieben, dass die Prioritäten der anderen auch meine sein müssen? Gönne ich mir also weiter diesen Luxus / Ablasshandel / diese Geste / Selbstverständlichkeit und begreife mich als Umverteilungsstelle, als Korrektiv einer Politik der Ausgrenzung — und beantrage trotzdem, was ich darf.

Ich weiß ja, dass es Leute gibt, die es dringender brauchen.

Und wo ich sie finde …

Morgen drehe ich mich dann wieder brav um mich selbst. Aber immerhin als linksdrehendes Fruchtjoghurtbakterium.

Tag 5, Freitag, 8. Mai 2020
Heute ist mein letzter Eintrag hier. Meine Blog-Zeit ist um. Also die, für die ich angefragt wurde und wo die Einträge vom Literaturkontor veröffentlicht werden. Aber irgendwie habe ich mich daran gewöhnt. Vielleicht sollte ich einfach weitermachen. Sozusagen virtuell. Ein Blog ohne Web ist ja wohl virtuell. Virtuell in einer virtuellen Welt – so ähnlich wie minus mal minus plus ergibt. Ist zwar am Ende dann auch ganz banal nur ein Text auf einem Blatt Papier – aber virtueller Blog, das klingt doch voll vorn.

Außerdem … wenn ich mir vorstelle, ich würde ein Buch schreiben, greift gleich wieder mein hoher Anspruch auf Inhalt und Sprache und Form und … und schon geht der schöne Fluss flöten.

… und mein Ansatz mit der Minimal Literature hat mich nicht so überzeugt.

… und da es an Aufträgen mangelt, muss ich mir selber Aufträge generieren.

Also blogge ich einfach weiter. Ich könnte mir auch einen Stift nehmen und auf einen Block schreiben – aber dann wäre ich ja ein Blocker, und das klingt überhaupt nicht nach Schreibfluss.

Und außerdem nach voll hinten.

Allerdings:

Noch mehr Avantgarde wäre es, einfach zu schweigen. Die Datenmenge, die unseren Planeten überschwemmt, nicht weiter mit Filmchen und Bildchen und Textchen zu füttern. Jetzt, wo wirklich alle ins Netz drängen und um jeden Klick kämpfen, einfach verstummen.

Verschwinden.

Schweigen als Kunst.

Eigentlich ein sinnvolles Konzept, nur leider nicht marktkonform. Dafür kriegt man weder Geld noch Aufmerksamkeit noch Applaus (okay, der wäre dafür eh zu laut). Vielleicht könnte ich einen Förderantrag stellen? Wobei das auch nicht zum Konzept passt. Für Schweigen als Kunst – dafür muss man keinen Antrag stellen.

Hm .…

Vielleicht sollte ich zu meinen Wurzeln zurückkehren? So Richtung Straßenmusik? Jetzt, wo der Lockdown sich langsam wieder lockert und die Autolobby schon voll am durchstarten ist, dort gegensteuern? Bevor ratzfatz aus der Fußgängerzone eine Autobahn geworden ist. Der SUV ist ja der ideale Abstandhalter.

Was mich mit am meisten reizt am Theater, an der Musik, an Lesungen und dem ganzen in der Regel unter „Kunst“ subsumierten Kram, den ich so mache, ist doch vor allem die Begegnung und der Moment, das Feuer und die Verletzlichkeit des Augenblicks, den ich nicht nachträglich am Schneidetisch bearbeiten kann? Also wenn ich ehrlich bin: Abgefilmtes Theater erinnert mich immer an Leichenschauhaus.

Wieso also nicht, statt alle Kunst ins Netz zu verlagern, nach Nischen in der realen Welt suchen. Wieso nicht Balkon-Theater? Fenster-Lesungen? Baugerüst-Musik? Terrassen-Tanz? … und Gedichte plakatieren, Exponate exponieren? Geht alles, habe ich teilweise schon gemacht – nicht aus der Not heraus, sondern aus Lust am Experiment – aber darauf ließe sich jetzt aufbauen.

Der Balkon vom Goethe-Theater wäre zum Beispiel wie gemacht dafür. Davor können sich genug Leute mit dem nötigen Mindestabstand verteilen, Hygieneregeln etc. ließen sich relativ einfach einhalten. Also, wie wär’s, Herr Börgerding? Am besten wie das fahrende Volk zu Molières Zeiten: Statt Lautsprecher aufstellen sich einfach selbst hinstellen, als laut Sprecher. Wenn Sie oder Ihr Ensemble nicht wollen … ich stell mich gern dahin. Und lese meinen nächsten Blog vor. Oder Block. Oder was auch immer …

Was (voll) hinten und (voll) vorn ist, ist sowieso nur eine Frage der Perspektive.

Porträt von Colin Böttger
© Victor Ströver / nordsign

Colin Böttger vom 11. bis 15. Mai 2020

Colin Böttger arbeitet als freier Schriftsteller, Schreibdozent und Tennis-Coach. Für seine drei bisher veröffentlichten Romane hat er verschiedene Preise erhalten. Bereits seit mehreren Jahren leitet er die Offene Schreibwerkstatt des Bremer Literaturkontors. Er ist Vater von zwei Söhnen und lebt in Bremen.

Zur Offenen Schreibwerkstatt mit Colin Böttger​​​​​​​

Tag 1, Montag, 11. Mai 2020
Liebe Freunde,

Da ich als zahnschwitzender Irrer gesehen werden müsste, wenn ich mich schriftlich hinsichtlich meiner Gefühle zu Corona und den Maßnahmen äußern würde, bin ich mal lieber nicht ganz so blöde. Es ist alles blöde, wie jeder weiß, und irgendwann habe ich mich tatsächlich an eine von mir längst vergessene halbfertige Erzählung erinnert, über ein Liebespaar, das auf einer Amerikareise zugrunde geht, und die einfach mal weitergeschrieben. Ich schreibe gerade an einem Kapitel, in dem das Paar auf eine Gruppe junger Neo-Hippies trifft.

So fängt es an …

Never trust a hippie but some parts of the hippie dream are true

„Bis zum White Mountain National Park sind es vielleicht hundert Meilen. Wir können da eine Nacht bleiben, dann weiter nach Norden durch Maine bis nach Kanada hinauf, würde ich sagen. Also, Neu-Frankreich. Auch wenn uns da keiner versteht. Was meinst du?“ Merle hebt die Schultern und sieht aus dem Fenster, und Simon versucht sich zu sagen, dass das eben ein Zeichen ihrer behaupteten Unkompliziertheit ist und nicht etwa Desinteresse an seinen langweiligen Reiseplänen. Er sagt all das, was er letzte Nacht über Howard und June gedacht hat. Merle findet schon, dass es eine Tragödie ist, wenn Liebende sterben, auch wenn sie alt sind und ewig lange zuvor glücklich lebten. Aber sie findet außerdem, dass es von allen Tragödien die kleinste ist.

„Meine erste Freundin, wenn du so willst, Hester, hatte einen ziemlichen Hippietouch und Dreadlocks. Wir waren in der zehnten Klasse. Ich war fünfzehn und sie schon sechzehn, und wir kamen auf Klassenfahrt zusammen.“

„Die, mit der du nur geknutscht hast, weil du dich nicht vor ihr ausziehen wolltest, weil du zurück mit der Pubertät warst?“ Merle grinst, und Simon grinst zurück. „Hab ich dir schon erzählt, oder sieht man mir das immer noch an? Egal. Jedenfalls, ich war kein Hippie, sondern ein Normalo, und ich war mit fünf weiteren Normalos auf einem Zimmer. An jedem langweiligen Abend nach Bettruhe benoteten wir das Aussehen aller Mädchen aus der Klasse. Alle fanden, dass Hester eine glatte sechs war und dass sie sich nicht wäscht und nach Schnodder riecht.“

„Und was hast du dazu gesagt?“

„Nichts. Ich hab ihr ne vier gegeben. Das war auffällig genug.“

„Verstehe, du Feigling.“ Merle stößt Simon an. „Und wie sexy findest du die Hippies da drüben? Glaubst du, die riechen nach Schnodder?“

„Ich finde die gut.“

Auf der Campsite gegenüber stehen zwei bunt bemalte Vans, aus denen vorhin lauter junge Hippies zusammenströmten. Jetzt sind allerdings gerade alle ausgeflogen.

Eigentlich hatten Simon und Merle die White Mountains bloß durchfahren wollen, aber dann haben sie die Hippie-Vans gesehen und sind ihnen aus Spaß gefolgt. Bis hierher auf den Cold River Campground, und jetzt sind sie Nachbarn.

„Ich glaube, dass alle Hippies aller Zeiten so ziemlich nach allem riechen, was menschliche Körper so hergeben“, sagt Simon, „aber auf eine irgendwie gute Weise.“

„Du meinst, es ist sexy, wenn speziell Hippies nach all ihren Körperflüssigkeiten riechen?“

„Nicht explizit sexy“, wehrt Simon vorsichtshalber ab, „aber eben auch nicht schlimm.“

„Wieso, weil sie so tolle und freie Menschen sind? Also, ich hab schon mal mit Hippies in einer WG gewohnt und niemand hat je abgewaschen oder das Klo geputzt. Findest du Hippies auch dann noch gut, wenn du wüsstest, dass ich lauter Kamasutra-Orgien mit ihnen hatte?“

Simon stutzt. „Was kommt denn jetzt noch?“ Fragt er mit Bangen.

„Nichts, war nur Quatsch. Erleichtert?“

„Etwas erleichtert. Aber lieber du und tausend Hippies als du und einer meiner Klassenkameraden aus der zehnten Klasse.“

„Finde ich auch“, sagt Merle.

„Und zwar deshalb, weil Hippies im Allgemeinen nicht dem düsteren Traum von Eroberung nachjagen. Es liegt am Hippietraum. Sie sind so … da sind sie ja wieder.“ Simon freut sich richtig, so wie als kleiner Junge im Kino, und der heiß ersehnte Film beginnt.

Aus dem Wald ist Gelächter zu hören und hell klingende junge Stimmen, und Sekunden später kommen die neuen Nachbarn zwischen den Bäumen hervor und laufen zu ihren Vans. Alle sieben Jungen und die vier Mädchen.

Sie haben bestimmt alle miteinander Sex, denkt Simon. Wenn Menschen Wesen sind, die entweder zu aggressiven Schimpansen oder Bonobos tendieren, dann ist klar, woher das Hippie-Gen kommt.

Seit die ersten Hippies vor einem halben Jahrhundert auf diesem Planeten aufschlugen, sind sie nie ganz wieder verschwunden. Und vielleicht bleiben sie ja für immer, ganz gleich, wohin sich der ganze große Rest der Welt dreht. Denn es ist etwas am Traum der Hippies – eine Sehnsucht, oder Wahrheit, oder Schönheit – das einfach nicht sterben will und wie ein Bazillus des Guten immer wieder neue Wirte findet.

„Und?“, fragt Merle. „Sollen wir jetzt gleich zu ihnen rübergehen?“

„Unbedingt.“

Von den jungen Hippies aus den Vans ist John der beste Sänger und Gitarrist, und als das Feuer richtig auflodert und schon Glut abgeworfen hat, spielt und singt nur noch er. Nirvana, die Lemonheads, Shins und Songs aus der Zeit der ersten Hippies.

Er kann jeden Song, den Merle hören will. Und Merle ist fasziniert und um so vieles begeisterter als bei Simons Vorlesen am Sebago Lake.

„Etwas von PJ Harvey wäre jetzt gut“, sagt Merle und John wirft den Kopf etwas zurück, und sein Haar – es ist so lang und dunkel wie Merles Haar – bewegt sich gutaussehend mit. John nickt und sagt mit sonorer Stimme: „Lass mich mal überlegen.“

Er muss nur kurz überlegen, um dann so gefühlvoll wie gekonnt eine ziemlich maskuline Version von „I can hardly wait“ zu bringen.

Merle wartet den Applaus der Gruppe ab, an dem Simon sich verhalten beteiligt, um nicht blöd aufzufallen, und als er verebbt, sagt sie nur: „Wow!“

Simon nickt dem Hippie neben ihm, der ihm die Hand auf die Schulter gelegt hat, lächelnd zu.

John macht Pause. Er möchte kalifornischen Rotwein und einen Joint, von zarten Frauenhänden gedreht. Simon hat so seine Bedenken, aber er lächelt weiter. Ausgerechnet John. So wie John Travolta, John Wayne, John Rambo oder – was vielleicht am allerschlimmsten ist – Long John Silver. Wie kann ein John ein Hippie sein?

Simon denkt einmal mehr an Wiebke, das rothaarige Mädchen von seiner Schule, das er als Geliebte verpasst hat. Was hatte sie, die grundsätzlich die richtige Interpretation für jedes Phänomen der Wirklichkeit hatte, im entsprechenden Tonfall gesagt? Sie sagte: Die Hippiebewegung hat die Männer sexuell befreit, nicht die Frauen.

Simon sieht Merle an, die seinem Blick auszuweichen versucht. Vielleicht, weil sie frei sein möchte von ihm.

„Hier, für dich“, sagt das wahrscheinlich jüngste Mädchen, das sich als Dawn vorgestellt hat, und gibt den schnell und dabei kunstvoll gebauten Joint an Merle.

Merle zieht genussvoll und gibt ihn weiter an natürlich John, der zufrieden in den Sternenhimmel schaut. Natürlich fällt es Simon schwer, den Joint nicht als phallisches Symbol zu deuten. Er lehnt als Einziger ab, bleibt bei seinem Wein und schaut in die Runde.

Alle anderen jungen Typen hier sind weicher als John. Mehr so wie man sich Hippies wünscht und weniger wie hedonistische Surfer an den Küsten Kaliforniens oder Hawaiis. Zum Beispiel Pete – Poor Pete – wie er sich nannte. Und dann lachte er wie ein kleiner Strolch aus Schwarzweißfilmen von früher. Er ist der beste Freund der zwei Mischlingshunde, die immer um ihn herumstreichen, und jetzt liegen sie zusammengerollt auf seinen Füßen. Ein so netter Typ. Merle könnte mit ihm fast tun, was sie wollte, Simon wäre fast gar nicht böse, aber ihn hat Merle nicht angesehen. Oder eben nur freundlich angesehen. So wie sie die Mädchen hier angesehen hat oder deren Freunde.

Und keines der Mädchen hat Simon angesehen, außer der schweren Hippie-Lady mit dem massiven Körpergeruch neben ihm, die ihr Bein gegen seines presst.

Wenn Merle das sieht, denkt Simon, wird sie was John angeht keine Hemmungen mehr kennen. Aber er zieht sein Bein nicht zurück.

Megan heißt die schwere Hippie-Dame, und ihr Gesicht ist tatsächlich wie ein Pfannkuchen, aber auch irgendwie süß, wenn man so will.

Simon ist sich zwar nicht sicher ob er wirklich will, aber er ist trotzig entschlossen. Er lächelt ihr zu und sie strahlt zurück. Simon spürt den Druck ihres – man kann es gar nicht anders sagen – Fleisches und presst nun aktiv sein Bein gegen ihr viel dickeres Bein, das nachgibt und sich halb um seines legt.

Jetzt sieht Merle zu ihm hin und lächelt. Hohn und Spott liegen nicht darin, auch nichts Gönnerhaftes, sondern eine Freundlichkeit, die sie ihm selten schenkt. So wie man einem platonischen Freund zulächelt, auf den man sich stets verlassen kann. Oder ist es ein dankbares Lächeln, das so viel heißt wie: Lieb von dir, dass du das auf dich nimmst, damit ich die Party meines Lebens haben kann?

Es gibt viele weitere Oder, aber was es auch ist, Simon kann nichts davon gefallen. Er wirft Merle einen Blick zu. Er weiß nicht, wie er gucken soll und wie sein Blick ihm gerät. Vielleicht flackert darin ein bisschen Zorn und noch ein bisschen mehr Unsicherheit, aber ganz sicher liegt darin keine Überzeugungs- und so überhaupt keine Anziehungskraft.

Morgen mehr …

Tag 2, Dienstag, 12. Mai 2020
Und weiter…

Schließlich wendet sich Merle wieder John zu, als der seine Gitarre gestimmt hat und einen Nirvana-Song spielt. „I´m so happy cause today I found my friends,” singt er, aber kein bisschen so unschuldig und anrührend wie damals Kurt Cobain.

Was jetzt? Diesem John hinterhersteigen, wenn er in den Wald geht, um selbstverliebt gegen den größten Baum zu pissen, den er finden kann? Es wäre sicher nicht schwer, diesem Typen ein wenig Angst zu machen. Nur würde der Typ deswegen nicht aufhören Merle zu gefallen, und peinlich wäre es auch.

Simon mochte immer die Geschichte, in der der echte Kurt Cobain den ursprünglichen Nirvana-Drummer feuerte, weil der den Liebhaber seiner Freundin verprügelt hatte. Eine Mackerpose, die für eine Band wie Nirvana untragbar war. Simon mochte die Geschichte umso mehr, weil dem Blödmann durch sein Mackerverhalten ein Vermögen entging. Und niemand kennt heute seinen Namen.

John verprügeln geht also nicht, aber der Drang, so mackerhaft er auch sein mag, ist da. Und wahrscheinlich ist es weniger peinlich als hier bloß zu sitzen und so zu tun, als sei alles halb so wild. Oder vielleicht findet Merle ihn sogar sexy, wenn er John niederstreckt. Oder einfach nur armselig. Sicher ist nur, im Augenblick findet sie ganz allein John sexy und die softe aber durchdringende Männlichkeit seiner Stimme.

Simon denkt an alte Filmklamotten, in denen die Eifersüchtigen wütend und in unfreiwilliger Komik davonstapfen, wenn die Situation unerträglich wird. Auch diesen Drang gibt es, und Simon verspürt ihn unverkennbar und stark. Aber das geht natürlich auch nicht. Vielleicht würde eine unauffällige Flucht das augenblickliche Schamgefühl lindern, aber dafür käme es umso machtvoller und langanhaltender zurück.

Aber eigentlich muss er nichts tun, denn da ist ja noch Megan direkt neben ihm, deren Körper beharrlich und machtvoll gegen seinen drängt. Sie hat sich so unauffällig sie konnte in seine Richtung geneigt, ihre Schulter drückt schwer gegen seine, und ihre riesige Brust fällt auf seinen Unterarm. Der Schweißgeruch, den sie verströmt, ist überwältigend.

Jetzt stützt sie sich hinter ihm auf ihrem Arm ab und schiebt ihre Hand von hinten in seine Hose unter seinen Hintern, den er bereitwillig hebt. Ihre Hand arbeitet sich vor, bis ihr dicker Mittelfinger gegen seinen noch jungfräulichen Anus drückt, und für Simon fühlt sich das richtig an. Richtig gut sogar.

Soll John doch weiter singen und lass Merle ihn doch anschmachten. Er wird auf jeden Fall Dinge tun, die krasser sind als das, was Merle sich mit John vorstellen mag.

Diverse Songs und einige Joints später sind die jungen Hippies endlich auf die Idee gekommen, die alle lebenden und toten Hippies immer und in jedem Jahrzehnt ihres Daseins überkam. Sie sind nachts im Mondschein durch den Wald zum Fluss gelaufen, um nackt zu baden.

Alle jungen Hippies springen in kindlicher Freude in den Fluss, und Petes Hunde laufen aufgeregt bellend mit ihnen. Merle und John sind weniger kindlich. Sie gehen nebeneinander bis sie zur Hüfte im Wasser sind, dann tauchen sie gemeinsam ein, wobei ihre Hinterteile für einen Moment synchron aus dem Wasser ragen.

Nur Megan und Simon stehen noch einige Meter voneinander entfernt am Ufer. Merle und John tauchen gleichzeitig auf, lachen, dann schwimmt Merle so schnell sie kann zum anderen Ufer und John folgt natürlich so schnell er kann. Er folgt ihr an Land und hinter die Bäume, hinter denen Merle gerade verschwunden ist.

Der Mond scheint überall hin, besonders auf Megan, die sich ihrer ganz besonderen Nacktheit nicht schämt. Sie ist entweder sehr tapfer oder so sehr Hippie, dass alles Natürliche in irgendeiner Weise schön für sie ist. Sogar sie selbst, dabei würden sich alle Jungen und Männer auf diesem Planeten, die sie schön fänden, fragen, was wohl nicht mit ihnen stimmt.

Simon weiß genau, was mit ihm nicht stimmt. Er ist wütend, gedemütigt und will Rache. Eigentlich keine Gefühle, die zu sexueller Spannung führen, aber er sieht diese ungeheure Frau an und sein Schwanz reagiert.

„Warte noch“, sagt er, als Megan sich anschickt ins Wasser zu steigen. „Ich langweile mich im Wasser. Ich weiß eigentlich nie, was ich darin machen soll.“

Tag 3, Mittwoch, 13. Mai 2020
Und weiter…

„Du kannst alles darin machen was du willst.“ Sie macht einen weiteren Schritt Richtung Fluss, aber Simon ist gleich darauf bei ihr und nimmt ihre Hand. „Nein, ich will dich so, wie du jetzt bist“, sagt Simon. Megan schaut ihn fragend an, aber geschmeichelt ist sie auch, das ist sicher. Sie lässt sich von Simon vom Wasser wegziehen. „Was meinst du mit: so wie ich jetzt bin?“

Simon holt gespielt tief Luft und sagt: „Ich kann dich nicht so riechen und schmecken wie ich möchte, wenn du erst im Wasser warst.“

„Oh“, sagt Megan.

„Also, was sagst du? Macht es dir was aus?“

„Nein, wenn du es unbedingt willst, wenn es wichtig für dich ist, dann ist es schon okay.“ Sie nimmt ihre Kleider, dreht herum und stapft voran, zurück in den Wald, aus dem sie gekommen sind. Simon folgt ihr.

„Hier ist es gut“, hört er Megans Stimme aus dem Wald. Als Simon hinter die Bäume tritt, hat sie ihre Kleider im Moos ausgebreitet und sich darauf niedergelassen.

Simon geht zu ihr, sie fasst mit beiden Händen seine Hüften, zieht ihn zu sich heran, und es hat etwas Zeremonielles, wie sie ihn mit ihren Lippen umschließt, bis er in ihrem Mund explodiert. Simon wankt einen Schritt zurück. Er lächelt Megan freundlich an. „Jetzt will ich das bei dir machen.“ Er legt sich hin und schaut in den Nachthimmel. Noch sind da Baumkronen und Sterne, und es dauert, bis Megan sich aufgerichtet hat, aber schließlich steht sie da und verschluckt sogar das Mondlicht. Nicht, dass er es anders gewollt hätte, aber jetzt gibt es nur noch Schwärze, die sich nass und schwelend auf ihn herabsenkt.

Zuletzt kann Simon eine gefühlte Minute lang nicht atmen, und wie unter Wasser hört er Megans ebenso lang anhaltendes Aufschreien, dann verschwindet die Schwärze vor seinen Augen und Megan lässt sich neben ihm nieder.

„Das war schön“, sagt sie und streichelt seine Brust, über die Flüssigkeiten in seine Bauchkuhle laufen und dort eine Pfütze bilden.

Simon bemerkt erst jetzt, wie weich und zart ihre Stimme ist. Ist das wirklich ihre Stimme, oder ist es der Hippietraum selbst, der diesen Klang erzeugt? Oder muss man diese Süße und Sanftheit schon in sich haben, um für den Traum überhaupt empfänglich zu sein?

„Ich fand es auch schön“, sagt Simon und wundert sich über die Weichheit seiner eigenen Stimme. Sein Gesicht ist völlig von einem Film überzogen, sein Haar ist verklebt, alles genau so wie er es sich in seinem Rachedurst ausgemalt hatte, aber Megan hat recht, es war eher schön als geil und dreckig. Und der starke Geschmack in seinem Mund passt zum Mond und den Sternen über ihm, und in ein paar Stunden wird er zur aufgehenden Sonne passen. Simon will Megan dichter an sich heranziehen, aber das geht nicht so leicht wie mit Merle, sie muss ihm dabei sozusagen assistieren.

„Wie fühlst du dich jetzt?“, fragt sie.

„Gut“, sagt Simon, und es stimmt sogar. „Und du?“

„Sehr gut. Aber ich habe mich vorhin am Feuer schon gut gefühlt. Du warst wütend auf deine Freundin. Bist du immer noch wütend?“

„Im Moment kein bisschen mehr. Morgen vielleicht schon. Aber so waren immerhin wir zusammen.“

„Weil du wütend warst? Das wäre ein eher trauriger Grund für unser Zusammensein, findest du nicht?“

Irgendwann hat Simon mal gelesen, dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist. Er will ehrlich sein zu Megan, aber nicht so ehrlich, dass es ihr weh tut. Er legt seine Hand auf ihre, die schwer auf seiner Brust liegt. „Ich finde schön, dass wir jetzt zusammen sind, aber ich hätte es nicht getan, wenn Merle nichts gemacht hätte. Mit niemandem.“

„Verstehe. Und willst du noch, dass Merle auf dich wütend ist?“

„Ich glaube, ich hätte es lieber, wenn sie nicht wütend auf mich ist.“ Er weiß selbst nicht, ob das auch nur ein bisschen stimmt. Er selbst fühlt keine Wut, sondern ist ganz gelassen und sogar ein klein wenig high, und das nicht nur weil seine übergroße Geliebte so viele Spuren auf ihm hinterlassen hat, wie er wollte. Er kann nur hoffen, dass Megan, die ihn ja durchschaut, nicht auf die Idee kommt, dass ihre vermeintliche Unattraktivität Teil seines Racheplans war, aber vielleicht kommt sie ja als Hippie nicht auf so krude Ideen, und dieser Teilaspekt bleibt sein schmutziges kleines Geheimnis.

Pete, Dawn und die Anderen sind noch immer am Flussufer. Simon kann nicht genau hören, was sie reden, aber ihre Stimmen liegen warm und harmonisch übereinander. Er würde gern mit Sicherheit wissen, ob sie so verschworen sind wie damals er und seine teilweise entschwundenen Kindheitsfreunde, oder eigentlich wie ungebundene Atome, die einfach nur in der gleichen Richtung durch den Kosmos treiben, weil ihre Stoßrichtung dieselbe war. Und es können beliebig viele hinzukommen, verloren gehen oder ausgetauscht werden. Vielleicht, denkt er mit Nietzsche und den Indianern, sind sie so egoistisch wie Herdentiere, die zwar miteinander ziehen, aber eigentlich hofft jedes Herdentier nur auf den Schutz der Herde und kümmert sich ansonsten nicht um die anderen Tiere. Es hofft bloß, dass das Tier neben ihm statt seiner gerissen wird und es selbst fliehen kann, weil die Raubtiere mit dem unglücklichen Artgenossen beschäftigt sind, das ihm diesen unfreiwilligen Dienst erwiesen hat.

Tag 4, Donnerstag, 14. Mai 2020
und weiter…

Andererseits hat Simon Filme von kämpfenden Zebras gesehen, die verletzte Tiere aus der Herde gegen Löwen verteidigen.

„Wollen wir zurück zu den anderen gehen?“ Megan küsst ihn auf den Mund und beginnt aufzustehen.

„Ja, möchtest du? Okay.“ Simon ist schneller auf den Beinen, hebt ihre Kleider auf und gibt sie ihr. Eigentlich hat er keine Lust zu gehen. Und schon gar nicht will er jetzt Merle treffen mit ihrem blöden John.

„Wie ist das eigentlich mit euch? Wollt ihr für immer Hippies bleiben und herumziehen? Oder wollt ihr zusammen für euch so etwas wie Eden finden und euch da niederlassen, wenn ihr zu alt für dieses Leben seid?“

„Du fragst dich: Wie lange kann man ein richtiger Hippie sein, bevor das hippiegerechte Eigenheim kommen muss?“ Megan zupft ihr Kleid zurecht. „Jetzt gerade ist mein Vertrauen ins Leben noch groß, und ich würde sagen, dass ich noch sehr lange so herumziehen möchte. Mit meinen Leuten, so wie du mit Merle zusammenbleiben willst, wie ich vermute.“

„Ja, das will ich wohl. Trotz allem.“ Er nimmt ihre Hand, sie gehen so zurück zum Flussufer, und zu seiner Erleichterung sind die Anderen gerade im Aufbruch, und von Merle und John ist nichts zu sehen.

„Wir gehen zurück“, ruft Dawn ihnen zu. Die Hunde stürmen heran, springen einmal an Megan empor und rennen zurück zu Pete.

„Bis gleich“, ruft Megan zurück, und alle winken und gehen weiter.

Simon zieht sich an und greift nach seinen Zigaretten. „Weißt du, es war ganz schön taktvoll von dir, dass du nicht zurückgefragt hast, ob Merle und ich überhaupt ein richtiges Paar sind.“

„Wieso, wegen John?“ Megan winkt lachend ab. „Das macht doch nur so viel mit euch, wie du daraus machst.“

„Ach ja? Klingt ja fast logisch und noch dazu ganz einfach. Es war aber Sex.“ Simon hat seine Zigarette heiß geraucht und tritt sie in den Sand. „Aber nochmal zu eurer Gruppe. Magst du jeden von euch? Ich meine, nicht als brothers and sisters, sondern so wie er oder sie ist? Jeder für sich?“

„Ja, jeden auf seine Art: Auch John, wenn du das wissen wolltest. Vielleicht sogar ganz besonders John.“ Sie lächelt.

Simon zieht kräftig an der nächsten Zigarette, aber das bewusste lange Ausatmen hilft überhaupt nicht gegen das Ziehen in der Magengegend. Er macht einen Schritt auf Megan zu und stoppt, weil er nicht sicher ist, ob er bedrohlich wirkt. Und das will er auf gar keinen Fall. Allerdings kann er nicht verhindern, dass ein Knurren in seiner Stimme liegt als aus ihm hervorbricht: „John ist keiner von euch. Jeder würde das sofort bemerken. Er ist nicht einmal ein Hippie, der mit euch träumt, sondern ein beschissenes Rolemodel, ein selbstverliebter blöder Macker, wie es ihn überall auf der Welt in jeder Szene gibt. Wenn ich mich frage, warum ein Typ wie der zu euch Hippies gestoßen ist, dann deshalb, weil er von einem Hippie, ganz anders als von einem Rapper, nichts zu befürchten hat, wenn er dessen Freundin knallt.“

„Aber du bist kein Hippie. Also wirst du dir das nicht gefallen lassen und ihm die Fresse polieren, oder wie ihr das bei euch nennt?“ Megans Stimme hat einen lauernden und besorgten Unterton, aber die Sanftheit ist noch immer da. Ganz im Gegensatz zu Simons Gebell, das noch immer peinlich unangenehm nachklingt.

„Natürlich nicht“, sagt er so milde wie er kann, schaut zu Boden und denkt einmal mehr an Wiebke Harms, seine verpasste rothaarige Geliebte, und ihre These von der sexuellen Befreiung der Männer durch das Hippietum.

Vielleicht, kommt ihm in den Sinn, sind Hippiemänner ja einfach nur feiger als die anderen heteronormativen Männer aus der normalen Welt. Sie ficken sich durch alle Weibchen des Rudels und darüber hinaus, und geben einander dann das Peacezeichen, um die eigentlich vorgesehenen Revierkämpfe nicht austragen zu müssen.

„Komm, gehen wir zurück“, sagt Megan und will ihn mit sich ziehen. Simon lässt ihre Hand nicht los, rührt sich aber auch nicht vom Fleck, was einen optisch unauffälligen aber festen Karatestand erfordert.

Megan lässt los. „Du willst jetzt aber nicht Merle und John abfangen, oder? Er ist kein bisschen so, wie du es dir ausmalst.“

„Und ich bin kein Axtmörder. Ich will jetzt einfach nicht zurück zu den anderen. Und nicht weil ich sie nicht mag oder sowas. Wenn du dir Sorgen machst, dass ich John im Fluss ertränke, dann bleib doch einfach. Ich bin jetzt gern mit dir zusammen, aber ich will nicht zurück ans Feuer.“

„Klingt okay für mich. Und zu dem, was du vorhin gesagt hast, von wegen taktvoll. Ich finde übrigens schon, dass ihr ein richtiges Paar seid, du und Merle. Sogar ein sehr schönes.“

„Ja, findest du? Schöner als du und ich. Oder als Merle und John? Oder ist jedes Liebespaar schön?“

„Ja, jedes echte Liebespaar ist schön.“ Megan gibt ihm einen Klaps auf den Hintern, der ihn nach vorn Richtung Fluss taumeln lässt, mit dem linken Fuß ins Wasser.

„Liebe macht schön. Und ihr seid ein schönes Paar. Das ist etwas Besonderes. Aber nicht weil ihr so besonders seid, verstehst du? Ihr seid nicht das eine, alles überstrahlende Herrschaftspaar. Oder, hey Sportler, willst du mit deiner Braut die Nummer eins sein und alle Liebesturniere gewinnen?“

Ich habe einen Nassen, denkt Simon. Er tritt mit dem linken Fuß auf, und aus dem Schuh schmatzt es. Bestimmt hatte er schon anderthalb Jahrzehnte lang keinen Nassen mehr, aber es ist ein angenehm vertrautes Gefühl. Er öffnet die Arme ganz weit und legt sie so weit er kann um Megan. „Ich hoffe schon mein ganzes Leben lang, dass ich nicht so blöd bin.“

“Sei einfach nicht blöd“, sagt Megan noch eine Spur weicher und wärmer als sonst. „Und komm bald nach.“

„Meine Schwester hat gesagt, dass ich dich wahrscheinlich hier finden würde.“ Es ist Johns softe und dabei durchdringend männliche Stimme in seinem Rücken. Simon hat ihn kommen gehört, ist aber reglos sitzengeblieben und hat weiter auf den Fluss und die Bäume dahinter gestarrt, deren Wipfel in leichter Bewegung sind. Genau die Bäume, unter denen Merle freien Hippiesex hatte.

Simon weiß selbst am besten, dass die Geste unecht ist und er den stolzen Indianer spielt und vielleicht noch mehr den durch den wilden Westen streifenden Shaolin Caine aus der Fernsehserie von früher, der immer alles richtig machte. Allerdings war Caine, so weise und friedfertig er auch war, in jeder Folge dazu gezwungen, seine allen überlegenen Kampfkünste zu demonstrieren.

Simon hat drei hastige Zigaretten geraucht, nachdem Megan gegangen war, dann sah er Merle und John am anderen Flussufer. Während sie durch den Fluss schwammen, robbte er rückwärts hinter die erste Baumreihe zurück und dachte wütend: Diese Flecken kriegst du nicht mit Wasser weg. Er sah zu, wie sie einander abrieben, miteinander herumalberten, sich endlich anzogen und schließlich Richtung Campground gingen. Erst wollte er hinterherschleichen, aber dann kehrte er bloß zum Fluss zurück, um abzuwarten ob Merle kommen würde.

„Was tust du hier? Warum kommst du nicht zu uns?“ Jetzt ist da auch noch Johns Hand, die sich freundschaftlich auf seine Schulter legt. Du traust dich ja was, denkt Simon. Ich könnte diese Hand nehmen und damit machen, was ich wollte.

Simon fährt in einer plötzlichen Bewegung empor.

„Okay, Mann, das war schnell“, sagt John, der ein paar Schritte zurückgewichen ist und sich um eine beschwichtigende Haltung bemüht. Simon ist damit zufrieden. Er lässt noch ein paar Sekunden vergehen, dann sagt er so soft er kann: „Ich wollte gerade zu euch, aber jetzt setz du dich doch zu mir.“

„Okay.“ John setzt sich und wartet, ein bisschen so wie ein Schüler ohne Hausaufgaben vor Unterrichtsbeginn.

Simon setzt sich ihm gegenüber. „Wer ist denn deine Schwester?“, fragt er und beugt sich etwas vor.

„Meine Schwester Megan. Ich glaube, in ganz bestimmter Weise kennst du sie besser als ich. Auch wenn ich sie schon mein ganzes Leben kenne.“

„Deine Schwester Megan. Meinst du eine von deinen vielen Schwestern, weil ihr doch alle Brüder und Schwestern seid?“

„Nein, Megan ist meine große Schwester. Meine richtige Schwester, oder meine leibliche Schwester, um es ganz deutlich zu machen. Und ganz sicher ist sie meine über alles geliebte Schwester, die alle Schläge meines Stiefvaters auf sich genommen hat, die eigentlich für mich bestimmt waren.“

„Oh, verstehe.“ Simon lässt den Mund offen stehen, bis sich davor eine Blase bildet, die „Plopp“ macht. Seine Feindseligkeit verliert sich, denn auf irgendeine Weise gleicht das die Sache aus. Zumindest, wenn man einer ganz bestimmten kruden Männerlogik folgt, die er zwar immer gehasst hat, aber die ganz offensichtlich bestimmend für ihn ist, trotz Curt Cobain, Alternativ Rock und Philosophiestudium.

„Magst du meine Schwester?“ John fragt das völlig offenherzig, ohne jeden Unterton, höchstens, dass so etwas wie Vertrauen mitschwingt. Überhaupt wirkt er kein bisschen mehr so selbstverliebt wie vorhin am Lagerfeuer, als er all die Songs raushaute, und vielleicht war es es auch vorhin nicht, und der in seiner Eitelkeit verletzte Freund Merles hat alles hässlich verzerrt wahrgenommen. Oder John ist jetzt einfach nur unsicher, ob dieser Typ aus Deutschland, der stumpf und stoisch am Flussufer vor sich hinbrütete, nicht doch noch um sich schlägt wie seine antiken oder auch moderneren Vorfahren.

„Ja, schon“, sagt Simon. „Doch irgendwie schon ganz schön.“

„Das kann keiner besser verstehen als ich“, sagt John lächelnd.

Vielleicht ist er auf eine ähnliche Weise erleichtert wie Simon, oder dieses archaische Erbe drückt ihn einfach weniger, oder er kennt dieses Gift gar nicht, oder der Hippietraum war stark genug für eine Art von Exorzismus.

Tag 5, Freitag, 15. Mai 2020
und die letzte Nacht.… 

„Was ist mit dir und Merle? Auf eine gewisse Weise kennst du sie ja nun so gut wie ich. Magst du sie?“

John zögert. „Ich finde sie sehr aufregend und inspirierend, und sie hat bestimmt eine weiche Seite, aber … tut mir leid, ich fang nochmal von vorne an. Weißt du, Megan und Merle haben mir beide gesagt, du würdest mich im Fluss ertränken, wenn ich was Falsches sage, und es klang, als wäre es nicht nur ein Witz.“

„Schon gut, ich werde nicht Megans Bruder umbringen, und jede andere Szene wie zum Beispiel, dass ich dich schlage, wäre mir zu peinlich. Also sag schon was du wolltest.“ 

„Okay, ich glaube das mal.“ John holt tief Luft. Er macht das so unauffällig wie möglich, und sein Blick ist offen, freundlich und besorgt. „Weißt du, ich hab gefühlt wie schnell es geht, ihr gefallen zu wollen. Sogar ihr zu verfallen. Und ich bin froh, dass es ganz klar ist, dass sie mit dir weiterziehen will und dich behalten will. Ihr werdet weiterziehen, und nicht sie und ich. Und wenn es dich nicht gäbe und sie alleine hier bei uns aufgetaucht wäre, ich würde alles versuchen, ihr nicht zu verfallen. Ich meine, du weißt es viel besser und fühlst unendlich viel stärker für sie als ich. Du berührst sie und fühlst: Das ist mehr als die große Liebe, das ist das wahre nackte Leben. Und du willst das alles, aber es ist so viel größer als du. Du kannst es nicht fassen, schon gar nicht festhalten. Ich meine, du liebst sie und wirst mit ihr ziehen, aber vielleicht wäre es besser für dich, du würdest Megan lieben und bei uns bleiben. Aber das ist nur so ein Gefühl von mir, und vielleicht ist es ja auch verrückt, und du kannst den Blödsinn vergessen, und Merle ist das größte Glück, das man haben kann.“

John steht auf und kramt in seiner Hosentasche. „Sorry“, sagt er und zieht ein Handy hervor. „Hey, große Schwester, ich sitze hier am Fluss mit deinem Lover, und es ist alles cool … nein, er hat mich verschont. Er ist sehr cool, und wir kommen gleich.“ John steckt das Handy wieder weg und reicht Simon die Hand, um ihn emporzuziehen.

„Ihr und Handys?“

„Na klar, für den Notfall.“ 

„Wir haben extra keine mit.“

„Echt nicht? Jesus … wollen wir gehen?“

„Geh ruhig. Ist ja jetzt alles cool. Ich bleibe noch hier.“

John lässt den ausgestreckten Arm sinken und nickt. „Dachte ich mir schon. Okay, aber pass gut auf dich auf, versprochen?“ 

Pass gut auf sie auf, sagte Vince eindringlich und sein trauriger Blick, den Simon vom Mond her zu fühlen glaubt, war nicht ohne Vertrauen. Vince, der weiter im Süden seine Kreise zieht, immer seine verlorene Tochter vor Augen, für die er nichts mehr tun kann. 

Simon ist ein paar hundert Meter flussaufwärts gegangen, bis er eine Stelle fand, an der es viele flache Steine gab, die er bis zum anderen Ufer springen lassen konnte. Break on through to the other side, denkt er. Einer nach dem anderen auf die rettende Seite. 

Auf Merle aufpassen und zugleich auf sich selbst war vielleicht ein zu großer Widerspruch, um ihn zu leben. Merkwürdig, diese lebensklugen, pragmatischen Ratschläge von jemandem wie John. Wirf deine Liebe woanders hin, sonst verglühst du. War das der zentrale Vorschlag? 

Oder gerade gar nicht merkwürdig bei jemandem wie John, der vorgibt, ein Hippie zu sein, dabei nichts so richtig liebt, sondern ganz vieles einfach nur ganz geil findet. Vielleicht mit Ausnahme seiner Schwester Megan. 

Simon findet einen nahezu perfekten Stein, aber er ist missmutig und wirft ihn hastig und in einem schlechten Winkel, so dass der Stein einfach nur ins Wasser schießt und still versinkt. 

Es gibt da einen alten japanischen Haiku, in dem es heißt: In den alten Teich. Fällt ein Frosch. Plumps. Und Simon kann sich auch denken was Castanedas Schamane mit milder Strenge zu ihm gesagt und ihn dazu mit seinen Habichtaugen durchleuchtet hätte: Du bist wütend und fühlst dich deshalb im Recht, und du nimmst dich so verdammt wichtig. 

Es stimmt schon, beschließt Simon. Der Gedanke, dass John nichts weiter ist als ein oberflächlicher Partylöwe, der zufällig auf einer Hippieparty landete, hat mit seinem übersteigerten Gefühl der eigenen Wichtigkeit zu tun. Es ist ein Gedanke, der aufplustert, hässlich macht, und wahrscheinlich sogar völliger Blödsinn ist.

Dieser John, obwohl jünger als er, hatte ehrlich besorgt geklungen. Sogar so als wüsste er, wovon er sprach. Und er klang wie ein Freund. 

Oder doch nicht, fällt es Simon an, du willst doch nur deine kleine Seele beruhigen, indem du dich dem Aggressor an den Hals schmeißt. 

Simon findet einen weiteren flachen Stein und wirft ihn. Er kennt diese gedanklichen Querschläger, die ihm die Wirklichkeit so ungenießbar machen sollen wie nur möglich. Sie kommen wie ein Schwarm Hornissen durch ein offen gelassenes Fenster, und sie klingen auch so. Simon weiß auch, woher sie kommen. Es sind Stimmen, die erstmals kurz nach dem Abitur in ihm laut wurden, als die Visionen bezüglich seines eigenen Lebens ausblieben und er nach einer Reise durch Indianerland sein Philosophiestudium begann. Sie sagen: Du bist ein Bürgerkind, dem es immer gut ging. Was du tust und denkst, hat keinen Wert, weil du nie für etwas kämpfen musstest. Alles was du je erreichen wirst, wird auch nur ein Geschenk sein. Auf dich allein gestellt wirst du immer versagen, und wenn du nicht versagst, hattest du Hilfe, die du auch nicht verdient hast. 

Alles Gedanken, die Hand in Hand gehen mit der gefühlten Geringschätzung, die Merle ihm manchmal entgegenbringt. 

Aber andererseits, was könnte eine von so heftigen Wesen bewohnte Frau wie Merle dazu treiben, mit jemandem zusammen zu sein, den sie verachtet? Nichts vielleicht. Wahrscheinlich nichts, oder ein Abgrund in ihr, den er noch nicht kennt. Aber Spekulationen ab ins Feuer, sagte David Hume schon vor Jahrhunderten, und Simon steckt sich eine Zigarette an und dann noch eine und stellt fest, dass ihn nun keine kleinen Krämpfe mehr schütteln. Verfluchte Hippies, denkt er noch belustigt, und vor ihm ist der Fluss und dahinter große Waldgebiete, die er noch nicht kennt, so wie er den allergrößten Teil der Welt noch nicht kennt. Riesige Wälder, die nach Norden hin bis zur Hudson Bay reichen und still ruhen wie vielleicht große unentdeckte Räume seiner selbst.

Er wird das Versprechen halten, das er Vince gegeben hat. Vince, dessen Umlaufbahn sie verlassen haben. Vince, der Merles Verletzlichkeit sah und Vertrauen zu ihm hatte. 

Und was kennt dagegen John schon von Merle außer dem Duft ihrer Möse an einem bestimmten Tag, womit er kurzzeitig unverschämtes Glück hatte? Und vielleicht, höchstwahrscheinlich leider, hatte er noch Glück mit ein oder zwei Dingen, die Merle mit ihm angestellt hat. Na und? Schon sehr bald wird er sich nicht mehr so richtig daran erinnern. 

Aber einen weiteren Stich gibt es Simon doch. Er selbst hat immer mehr in die Frauen und Mädchen investiert, die er gekannt hatte. Er hat nie vergessen, wovon sie nachts träumten, aber ihre Düfte, so zentral sie für ihn auch waren, und das waren sie, sind nicht mehr klar in seinen Erinnerungen. 

Aber soll das jetzt irgendwie tröstlich für ihn sein? Er ist ja nicht John. Vielleicht erinnert John sich nur an die Düfte und an das, was die dazugehörigen Frauen mit ihm anstellten. 

Und was weiß der Typ dann nicht? Was absolute Verbundenheit ist und das eigene Leben füreinander in die Waagschale werfen und die nicht endende Liebe? 

Simon geht auf der Suche nach neuen flachen Steinen am Flussufer auf und ab und weiß nicht so recht. Howard und June hatten all das, aber sind sie jetzt, am Ende, besser dran als John es sein wird, für den Fall, dass er die ganze Sache auch weiterhin lässt? So wie Hermann Hesses Goldmund, der sein Leben lang auf Wanderschaft ist und Glücksfragmente sammelt, aber sie sind am Ende wie bunte Mosaiksteine, die nichts ergeben, die sich zu keinem Muster fügen, zu keiner Geschichte, die einen Sinn ergibt. Und doch hat Hesse so viel lieber über Goldmund geschrieben als über die Sesshaften und Schätze Bewahrenden, über die letztendlich ja auch Pest und Tod hinwegraste. 

Wusste der sterbende Goldmund, dass er jede Menge Schönheit berührt und gekostet hatte? Aber wenn Goldmund dankbar starb – Simon weiß es nicht mehr – dann heißt das auch nur, dass Hesse seinen Liebling nicht ins Leere laufen lassen wollte. Der wunderschöne Goldmund, der Suchende und Liebhaber, der alle großen Gefühle kannte und tiefgründig war, wie ein Mensch es nur sein konnte. 

Wenn John so wäre wie Goldmund, gäbe es keine Schwierigkeiten. Simon würde Merle Goldmund gönnen und Goldmund Merle, gar kein Problem. 

Aber John ist vielleicht doch in erster Linie ein Lebemann in Hippiekostümierung, der stumpf und tough genug ist, seinem neben ihm sitzenden Tod auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: Es ist okay, nimm mich mit und, danke Gott, es war wirkliche eine Riesenparty, die du für mich geschmissen hast.

Und wie abgeklärt wird dagegen Howard sein, wenn er aus der Symbiose herausgerissen wurde? Und wird er dankbar sein für all die Jahre der Liebe, wenn sie unwiederbringlich vorbei sind? Soll er Junes Geist lieben, den er sich selbst herbeiphantasiert? 

„Simon!“ Das war Merles Stimme, etwa von dort, wo die Hippies vorhin ins Wasser gehüpft sind. Dann rufen auch die anderen nach ihm.

„Ich bin hier“, ruft Simon zurück, weil er nicht beleidigt oder neurotisch erscheinen will. „Ich komme zu euch.“

Ich komme zu euch … hm … Morgen beginnt wieder ein Kinderwochenende ohne Kinder, denn Corona ist ein Verbündeter meiner Ex, und es sieht so aus, als würde jeder Maskenträger ihr recht geben … 

Es heißt ja in vielen Büchern, Filmen und Serien, dass man sehr auf der Hut sein sollte, wenn Begriffe wie “Solidarität” und “Verantwortung” im Umlauf sind, aber eine glaubhafte Verschwörungstheorie finde ich auch nicht. 

Porträt von Anke Bär
© Cosima Hanebeck

Anke Bär vom 18. bis 22. Mai 2020

Anke Bär ist Autorin, Illustratorin und Kulturforscherin und lebt mit ihrer Familie in Bremen.
 Es macht sie glücklich, Bücher für Kinder zu schreiben und zu illustrieren, am liebsten beides auf einmal.

www.ankebaer.de

Tag 1, Montag, 18. Mai 2020

Liniertes Papier

Ich schreibe von Hand. Das habe ich lange nicht getan.

An vielen Morgen der letzten Wochen habe ich mich wie heute hingesetzt mit einer Ruhe, die es in Zeiten eines normalen Schulbetriebs für mich nicht gibt.

Eine große handgebundene Kladde vor mir. Der Kugelschreiber aus Metall, schwarz und dünn, liegt kühl in meiner Hand. Dazu ein erster Kaffee.

Es ist nicht so, dass ich im Alltag nicht mit der Hand schreiben würde. Ganz im Gegenteil, ich brauche meine Hand, um schreibend und zeichnend zu denken. In meinen Denkprozessen breiten sich Notate und kleine Scribbel über ganze Seiten aus wie Wolken, die aufquellen und sich verdichten, nur begrenzt durch die Kanten des Papiers.

Überhaupt ist mir als Illustratorin der Stift in der Hand sehr vertraut.

Aber längere Texte, literarische Texte und auch Sachtexte schreibe ich seit Langem am Computer. Die Bearbeitung und der Überblick sind so viel einfacher. Alles lässt sich umstellen, neu kombinieren, korrigieren – und es bleiben keine verwirrenden Spuren vorheriger Versionen zurück.

Aber auf dem Papier fließen die Gedanken anders und das Innehalten erscheint mir genussvoller.

Die Linien ziehen mir geradezu die Gedanken aus dem Kopf.

Jetzt also schreibe ich für den Corona-Blog.

Hier geht es letztlich um ein digitales Format.

Und so entsteht wieder einmal die für mich typische Umständlichkeit, so als könnte ich nie einfach nur den direkten Weg nehmen.

Aber auf Umwegen gibt es viel zu entdecken.

Ich liebe Umwege, auch wenn ich mich manchmal verlaufe.

Und ich bin vielleicht ein wenig altmodisch, jedenfalls konservativ im Sinne von bewahrend.

Ich bin Geschichte(n)sammlerin. Und das möchte ich auch in den nächsten Tagen tun: Geschichtensammeln, Gedanken, Wünsche, Beobachtungen anderer, im Hier und Jetzt.
In diesen außergewöhnlichen Zeiten.

Tag 2, Dienstag, 19. Mai 2020

Löschen und erinnern

Ich bin neugierig auf Menschen.

Das ist wohl die wichtigste Zutat in meinem beruflichen Potpourri.

In meinem Leben überhaupt.

Ich kommuniziere exzessiv, nicht selten bis zur Verausgabung.

Gleichzeitig ist der Austausch von Gedanken und Ideen für mich wesentliches Lebenselixier.

„Wir müssen Ihnen als Provider Ihrer Webseite leider mitteilen, dass Sie keine weiteren Nachrichten empfangen können. Ihr Speicher ist voll. Wir empfehlen Ihnen zunächst Ihren Mülleimer zu leeren.“

Der Mülleimer ist nicht mein Problem. Und endlich ist einmal Zeit, in den Abgrund zu sehen.

Ich arbeite mich durch 2774 markierte E‑Mails. Tauche fast einen ganzen Tag lang ab in Stimmen aus der Vergangenheit, eigene und die von anderen, sammle offene Enden ein, schreibe hier und da eine E‑Mail, um einen Faden wiederaufzunehmen. Es ist ein wilder Mix aus persönlichen Nachrichten und beruflicher Kommunikation.

Viel zu viele Ideen, um alle zu Ende gedacht zu werden. Beinahe erschlagend in ihrer Fülle.

Aber auch ein Schatz, ein Fundus, aus dem ich bewusst und unbewusst schöpfe.

Löschen, löschen, löschen und noch einmal löschen, es fällt nicht leicht loszulassen … und darauf zu vertrauen, dass wiederkommt, was wiederkommen soll.

Um frei zu sein für die Gegenwart.

Schnitt.

Ich rufe meine ehemalige Nachbarin und Freundin an. Sie ist 84 Jahre alt und wohnt in einem Wohnstift. In der Recherchezeit zu meinem Buch „Kirschendiebe oder als der Krieg vorbei war“ habe ich viele Stunden mit ihr gesprochen, mäandernde Gespräche, auf den Spuren der Erinnerung.

Nun möchte mich mit ihr über die Gegenwart unterhalten, darüber, wie sie die ganze Situation wahrnimmt. Wie sich das Leben im Wohnstift anfühlt, ob es sich verändert hat, ob die Einsamkeit größer geworden ist.

Nein, eigentlich fühlt sie sich nicht einsamer.

Sie vermisst den intensiven persönlichen Austausch mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin — und zwar schmerzlich. Aber auch im Wohnstift sind neue Formen der Gemeinschaft aufgekeimt. Gemeinsame Zweierrituale, zum Beispiel die täglichen zehn Minuten auf dem Trainingsrad gemeinsam mit einer Freundin aus dem Haus, verwegene Picknicks im Flur, mit Kaffee und Rummikub, wöchentliches Singen im Hof und von den Balkonen, gemeinsame Gymnastik unter freiem Himmel. Die Unterbrechung der Normalität belebt, auch hier.

Am Ende kommen wir im Gespräch auf die 1940er Jahre zurück. Kriegsende. Der 8. Mai liegt wenige Tage zurück. Nur 75 Jahre ist es her, dass der zweite Weltkrieg beendet wurde. Unvorstellbare 60 Millionen Menschen hat er das Leben gekostet.

Es ist so wichtig, dass wir uns erinnern.

Und auch gerade jetzt darf nicht alles andere ins gedankliche Hintertreffen geraten angesichts der Corona-Pandemie.

Tag 3, Mittwoch, 20. Mai 2020

Umherflatternde Gedanken 

Ich bin nicht nur süchtig nach Kommunikation, sondern nach Input aller Art.

Also lese ich, was mir zwischen die Finger kommt.

Endlich ist die Stadtbibliothek wieder geöffnet.

Ich streife durch die Etagen wie ein ausgehungertes Tier. Lasse meinen Blick über die Buchrücken wandern, bleibe hängen an Büchern, die im Display stehen, schweife durch meine eigenen Gedanken, folge einem Impuls nach dem anderen und stehe am Ende mit einem riesigen Berg von Büchern an der Ausleihe. So geht es mir jedes Mal.

Ganz besonders liebe ich es, in den Neuanschaffungen zu stöbern. Nirgendwo in der Bibliothek gibt es eine wildere Themenmischung als hier. Dicht an dicht. Es ist, als würden die Bücher schon von sich aus miteinander kommunizieren.

Belletristik, Sachbücher, Lehrbücher, Reiseführer, Gedichtbände, Fachbücher, Graphic Novels, Kochbücher, Geschichtsbücher, Werkbücher, Bildbände …

Mein Geist verbindet sich mit allem und jedem.

„Ich kenne kaum Gleichaltrige, die noch lesen. Die haben gar keine Bücherregale“, sagt Zoe, mit der ich mich später auf einen zweistündigen Spaziergang treffe, um mich mit ihr über ihre Wahrnehmung der Corona-Zeit und die Kontaktbeschränkung auszutauschen. Sie ist sechzehn.

Zoes Aussage erinnert mich daran, dass ich vor Kurzem meiner zwölfjährigen Tochter vorschlug, wir könnten uns beide mit unseren Büchern an den Werdersee legen und lesen.

„Voll peinlich!“, war ihr Kommentar dazu. Dabei liebt sie es, in Geschichten einzutauchen.

„Ich spüre zurzeit mehr, was ich selbst will“, sagt Zoe und erzählt auch davon, dass sie sich in diesen Wochen ohne normalen Schulbesuch zum ersten Mal richtig auf ihre viel jüngeren Geschwister einlässt. Es ist ein bisschen so, als ob sie sie noch einmal ganz anders kennenlernen würde, weil plötzlich so viel Ruhe und Zeit da ist, ihnen zu begegnen, mit ihnen zusammen zu sein.

Zoe genießt die gemeinsame Zeit mit ihrer Familie.

Und doch ist es schwierig, dass Jugendliche durch die Umstände plötzlich gezwungen sind, in den Schoß der Familie zurückzuschlüpfen, obwohl alle Zeichen auf Abnabelung stehen.

Für andere Jugendliche wiederum gibt es keine familiäre Geborgenheit, in die sie zurückkehren könnten.

Tag 4, Donnerstag, 21. Mai 2020

Überraschung und Erfüllung

Ich bin Optimistin, Krisen inklusive.

Ich bin Träumerin, aber schaue Menschen geradeheraus in die Augen.

Eine „unverbesserliche Optimistin“?

Laut Duden ist der Begriff eindeutig negativ konnotiert, fast schon ein Schimpfwort.

Zitat: „Du bist vielleicht ein Optimist! Du unterschätzt die sich ergebenden Schwierigkeiten (o.Ä.).“

Eine „hoffnungslose Träumerin“?

Hier die Definition von Duden:

Ein Träumer ist ein „Mensch, der gern träumt, seinen Gedanken nachhängt und mit der Wirklichkeit nicht recht fertig wird.“

Ich glaube, dass man reale Verhältnisse „erträumen“ kann. Das hat mit Vertrauen zu tun, mit innerer Ausrichtung. Und mit der Vorstellung, dass wir alle mit allem verbunden sind.

Natürlich ist die Welt kein Supermarkt, aus dem wir uns nach Lust und Laune bedienen können. Alles ist unendlich viel komplexer. Oft wissen wir ja nicht einmal, was gut für uns ist. Es geht um viel Grundsätzlicheres, sogar Außersprachliches. Und deshalb überrascht uns das Leben mit seinen konkreten Wendungen. Das ist kein Widerspruch: Überraschung und Erfüllung zugleich.

Im Grunde funktioniert meine gesamte Beruflichkeit so.

Ich bin überzeugt davon, dass Träume ein riesiges Potenzial beinhalten.

Individuelle Träume und auch kollektive Träume.

Und deshalb glaube ich auch daran, dass die Menschheit in der Lage ist, tiefgreifende Veränderungen herbeizuführen. Auch dem Tod ins Auge zu sehen, ihn wieder als Teil des Lebenskreislaufs zu begreifen.

Romantisiere ich?

Gibt es nicht unzählige Opfer in dieser Welt? Ausgeliefert an Kriege, tyrannische Machthaber, soziale Ungerechtigkeit, Rassismus, Krankheit, Hunger, Willkür, sexuelle Gewalt, Schicksalsschläge, wirtschaftliche Ausbeutung, Zensur, mangelnde Bildung, Naturkatastrophen …?

Kann ich nur so daherreden, weil ich selbst unendlich privilegiert bin?

Aber ich will keinen einzigen Menschen auf der Welt auf seine Rolle als Opfer reduzieren, gebannt in die totale Handlungsunfähigkeit. Selbst eingekerkert, bedroht, im Angesicht des Todes, haben sich Menschen ihre Würde bewahrt, haben Zeichen gesetzt, über sich selbst hinaus gewirkt.

Ich weiß nicht, ob ich die Kraft hätte.

Aber ich weiß, dass ich an Wunder glauben will.

Tag 5, Freitag, 22. Mai 2020

Erdenbewohner*innen

Gemeinsames Denken kann richtiggehend high machen.

Auch von Jonas möchte ich erfahren, wie er die Zeiten wahrnimmt. Er ist Neuntklässler.

Wir spazieren diskutierend durch die Sonne. Über das Wehr und am Fluss entlang.

Es beeindruckt mich vom ersten Moment an, dass wir in einer Art und Weise miteinander reden, die ich als höchste Kunst des Gedankenaustauschs bezeichnen würde.

Ein Wort gibt das andere, Thesen werden in die Welt gesetzt, wieder in Frage gestellt, Gedanken gedreht und gewendet, gemeinsam von unterschiedlichen Seiten beleuchtet. Es ist wie ein Schwingen auf einer Wellenlänge und genauso haben sich unsere Schritte sofort einander angepasst.

Dabei kannten wir uns bis vor wenigen Minuten noch gar nicht.

Jonas ist unglaublich informiert über politische Geschehnisse rund um den Erdball, wendig in seinen Gedankengängen. Es macht mir Spaß, mit ihm zu diskutieren.

Mehr als das. Es beglückt mich zu erleben, wie er sich als junger Mensch so tiefgreifende Gedanken macht, um das Leben vor der eigenen Haustür, um gesellschaftliche Entwicklungen, den Zustand der Welt.

Jonas kennt nur drei bis vier Gleichaltrige in seinem direkten Umfeld, die auch politisch interessiert sind.

Er startet bei Trump. Wir reden über den sich bewaffnenden Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen in Amerika. Und darüber, ob politisch radikale Stimmen von offiziellen Seiten im Internet verdrängt werden sollten in die Unsichtbarkeit, oder nicht. Wir erkunden den Vorschlag einer möglichen „Deanonymisierung“ des Internets, den Jonas aufgebracht hat.

Und das ist nur ein winziger Bruchteil der Themenkreise, die wir auf unserer Runde durchschreiten.

Jonas will nicht wegschauen, aber er möchte auch nicht schwarzsehen.

Fatalismus bringt nichts.

Ich nehme jede Menge Impulse aus diesem Gespräch mit.

Und habe neue Perspektiven gewonnen.

Schnitt.

Zuletzt möchte ich noch eine Gedenkminute einlegen für Kali, Bruno-Henriette und Lilly. Drei Hühner, die Herzensgefährten von Leif, Lasse und Janosch in den vergangenen Corona-Wochen. Die der Marder getötet hat. Vor wenigen Tagen nur.

Eigentlich wollte ich ihnen einen ganzen Tagestext widmen. Nun ist es anders gekommen.

Ich glaube, die Sache mit den Hühnern möchte lieber ein ganzes Kinderbuch werden. Eine Geschichte vom Leben, von langen gemeinsamen Wochen, von Annäherungen, geteilten Entdeckungen, auch eine Geschichte vom Sterben. Und davon, dass das Leben für die anderen weitergeht. Und dass im Herzen sogar Platz ist für neue Hühnerfreundschaften, auch wenn Kali, Bruno-Henriette und Lilly unersetzlich bleiben.

Schnitt.

Ich bleibe eine unverbesserliche Optimistin und möchte zuallerallerletzt noch zwei Links zu Texten teilen, die mich in den letzten Wochen ermutigt haben:

Mary Oliver: Wild Geese

und

Charles Eisenstein: Die Krönung (The Coronation)


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