Jutta Reichelt: ›Lebensgeschichtslosigkeit – eine autobiographische Annäherung‹

Ich suchte nach Literatur, weil ich immer nach Literatur suche, wenn mich etwas beschäftigt, wenn ich von einer Frage umgetrieben werde. Ich suchte nach Literatur und war verblüfft, wo ich sie fand: Ich besaß sie längst. In meinen Regalen stapelten sich unzählige ganz überwiegend ungelesene Texte, die sich mit Fragen autobiographischen Erzählens beschäftigten, mit Problemen der Erinnerung. Mit der Unmöglichkeit und gleichzeitig unbedingten Notwendigkeit des Erzählens als Traumafolge. Mit den Veränderungen, die das Schreiben ermöglicht, wenn eine/r zur Autorin, zum Autor der eigenen (Lebens-)Geschichte wird.

Und ich fand nicht nur „fremde“ Texte. Ich staunte auch, wie oft ich schon versucht hatte, über mich zu schreiben. Versucht hatte, mir selbst etwas zu erklären oder anderen. Es ging in diesen Texten doch um mich? Oder nicht? Manchmal konnte ich mich weder an den Text erinnern, noch daran, von wem da überhaupt die Rede war. Hatte ich diese fragmentarischen Notizen wie einen Tagebucheintrag verfasst oder hatte ich die Ich- Erzählerin zum Zeitpunkt der Niederschrift als fiktive Figur angesehen? Ich soll es aufschreiben. Angeblich spielt es keine Rolle, wo ich beginne – ich könne auch mit der Beschreibung des Zimmers anfangen, in dem ich mich gerade aufhalte. Wenn es keine Rolle spielt, kann ich auch so anfangen: Ich soll es aufschreiben. Es. Was mit „es“ gemeint ist, weiß ich und weiß ich nicht. Würde ich nachfragen, wäre es ein weiterer Beleg dafür, dass ich zu viel nachdenke. Oder über die falschen Dinge. Es. Schreiben Sie es auf. Erst nach mehrmaliger Lektüre dieser handschriftlichen Notiz erinnerte ich mich, dass hier nicht von mir die Rede ist, sondern von Thomas Hellweg, dem Protagonisten meines ersten Romans Nebenfolgen, den ich nach der Fertigstellung des Romans noch eine Zeitlang nicht los wurde und daher kurzerhand in einer psychosomatischen Klinik unterbrachte, wo er von der zuständigen Psychotherapeutin aufgefordert wurde: Schreiben Sie es auf!

Bücher, Texte, Notizen, Literaturangaben. So viel Material. Hatte ich mich mein halbes Leben lang auf eine Expedition vorbereitet, ohne es zu bemerken? Schließlich war ich für mich selbst kaum weniger überraschend als für mein soziales Umfeld und noch dazu reichlich spät Schriftstellerin geworden. Ich bloggte Über das Schreiben von Geschichten und hatte einen Geschichten-Generator erfunden. Wie oft schon hatte ich andere Menschen ermutigt, ihr Leben aufzuschreiben in Workshops, die den Titel trugen Meine Geschichte schreibe ich selbst? Wie oft hatte ich andere darin bestärkt, dass sie das Recht besaßen, ihre Version der Geschichte zu erzählen? Sich selbst und anderen. Mein ganzes Leben drehte sich seit zwei Jahrzehnten um Fragen des Erzählens, der Erzählbarkeit, mein ganzes Leben war zu einem unermesslichen Strom an Worten, Sätzen und Geschichten geworden. War das alles womöglich eine Vorbereitung gewesen, um wiederzugewinnen, was mir im Lauf meines Lebens abhandengekommen war – meine eigene Geschichte?

Porträt von Jutta Reichelt
© Nicolai Wolff

Jutta Reichelt (1967) lebt als Schriftstellerin und Geschichtenanstifterin in Bremen. Sie schreibt Romane, Erzählungen, literarische Essays, bloggt „Über das Schreiben von Geschichten“ und entwickelt Schreibprojekte für Schulen, Hochschulen, Theater und Museen. Sie erhielt verschiedene Auszeichnungen, darunter 2001 den Würth-Preis der Tübinger Poetik-Dozentur. Gerade erschienen ist das Buch „Blaumeier oder der Möglichkeitssinn“, für das sie die Texte verfasst hat. Im Rahmen der Kooperation zwischen der Universität Bremen und dem Bremer Literaturkontor erhielt Jutta Reichelt im Bereich „Kreatives Schreiben“ in diesem Wintersemester einen Lehrauftrag zum Thema „Meine Lebensgeschichte erfinde ich selbst – Anregungen zum autofiktionalen Schreiben“.

Begründung der Jury

Projektstipendium
In ihrem literarischen Essay Lebensgeschichtslosigkeit – eine autobiographische Annäherung gibt Jutta Reichelt sich und jenen Menschen eine Stimme, die ihre eigene Lebensgeschichte anzweifeln, sich selbst immer wieder in Frage stellen oder nicht genau wissen, ob das Erlebte tatsächlich genau so passiert ist, wie sie es bisher erinnert haben. Dabei geht die Autorin zwar von ihrer eigenen Biografie aus, taucht allerdings auch immer wieder in autobiographische Werke der Welt- und Gegenwartsliteratur ein, um ihr eigenes Leben an ihnen zu spiegeln. Diese Intertexte sind schlüssig eingebaut, weiten den Blick auf das Thema und wirken zusätzlich inspirierend – zugleich bleibt der Text bei allen Verweisen auf andere Schriftsteller*innen und Bücher stets geerdet. Im Kontrast zu diesen Suchbewegungen um ein Lebensgeheimnis stehen die klar strukturierten fünf Kapitel, in denen zentrale Fragen nach den (Un-)Möglichkeiten des Erzählens der eigenen Lebensgeschichte verhandelt werden. Die Idee des Gesamtprojekts – die essayistische Tiefe und die erzählerisch-literarische Flüssigkeit – hat die Jury überzeugt; bereits der eingereichte Textauszug („Statt eines Vorworts: Das auslösende Ereignis oder Was hat dieser Text mit mir zu tun?“) weckt unmittelbar die Neugier und großes Interesse daran, den kompletten Essay möglichst bald lesen zu können. Ein Text, der lange nachhallt.

Zur Jury 2020 gehörten Dr. Alexandra Tacke (Referentin für Literatur beim Senator für Kultur), PD Dr. Karen Struve (TU Dresden & Vorstand Bremer Literaturkontor), Alexandra Rempe (Geschäftsführerin Buchhandlung Storm), PD Dr. Ian Watson (freier Autor & Vorstand virt. Literaturhaus) und Helge Hommers (Journalist & Stipendiat 2018).