Bild von einem grünschimmernden Käfer auf einem Blatt

Gregor Samsa sind ich


Porträt von Jörg Isermeyer
© privat

Jörg Isermeyer, geboren 1968 in Bad Segeberg, reiste als Straßenmusiker quer durch Europa. Nach einem Studium der Psychologie, Soziologie und Pädagogik zog er die freie Künstlerlaufbahn einer Universitäts-Karriere vor und lebt heute als Schauspieler, Regisseur, Theaterpädagoge, Musiker und Schriftsteller in Bremen. Er schreibt vorwiegend für Kinder und Jugendliche, seine Bücher und Theaterstücke wurden bereits mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Berliner Kindertheaterpreis und dreimal mit dem „Lesekompass“ der Leipziger Buchmesse.

„Hallo Krause! Das ist ja schön!“

Der Mann in der Tür erinnert mich an einen Politiker, ich weiß nur nicht, an welchen. Meiner spontanen Abneigung nach zu urteilen wahrscheinlich FDP. Er strahlt über das ganze Gesicht und breitet die Arme aus, als wollte er mich packen, an sich ziehen und umarmen. Unwillkürlich weiche ich einen Schritt zurück. Abrupt hält er inne und reißt die Hände entschuldigend nach oben.

„Natürlich, Corona – vergesse ich immer wieder.“

Wahrscheinlich steht mir die Panik ins Gesicht geschrieben. Nicht wegen Angst vor Ansteckung oder so, da bin ich nicht so empfindlich. Ich finde nur den Gedanken, von Thomas umarmt zu werden, an sich ziemlich gruselig. Zu Schulzeiten haben wir schließlich auch nur im Vorbeigehen müde die Hand gehoben. Wenn überhaupt. Und seitdem sind wir uns nicht näher gekommen, im Gegenteil.

„Hallo ... ja ... äh ...“, stottere ich, und nach ein paar hampeligen Ich-weiß-ja–auch nicht-was-wir-jetzt-so-machen-sollen-Gesten reiben wir unbeholfen unsere Ellenbogen aneinander.

„Nach so langer Zeit!“, schwadroniert Thomas los. „Das war vielleicht eine Überraschung. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Wie bist du überhaupt an meine Adresse gekommen? Na, ist ja egal, komm erst mal rein.“

„Soll ich die Schuhe ...“

In letzter Zeit lasse ich die Sätze öfter unvollendet in der Luft hängen. Meinem Selbstbewusstsein hat dieses Virus jedenfalls nicht gut getan.

„Ja, ist vielleicht besser.“ Er kneift den Mund zusammen und wackelt mit dem Kopf. Das soll wahrscheinlich heißen, dass er persönlich die Sache nicht so eng sieht, aber seine Frau oder wer auch immer anderer Meinung ist: „Die Kinder bringen schon genug Dreck rein.“

Kinder – ich habe geahnt, dass sich die auf Dauer bei meiner „Tour“ nicht vermeiden ließen. Thomas hat gleich drei davon, steht zumindest in seinem Facebook-Account. Und warum sollte er da schummeln? Um mit seiner Potenz anzugeben? Dann hätte er dreihundert gepostet - wenn schon, denn schon. Na ja, ich bin selbst schuld. Schließlich stehe ich vor seiner Tür. Aber die ohne Nachwuchs habe ich bereits hinter mir.

„Tja, Kinder sind eben Kinder“, entgegne ich, nicke wissend – obwohl ich nicht mehr über Kinder weiß, als dass sie eben welche sind und ich sie nicht ausstehen kann – streife demütig meine Treter ab und ziehe meinen Rollkoffer hinter mir her. Über eine Schwelle, die man kaum sieht, und die eigentlich auch nur eine ganz normale Türschwelle zu einem ganz normalen Einfamilienhaus in dieser ganz normalen Einfamilienhaussiedlung ist, die hier Borgfeld heißt, so wie sie woanders eben Wellingsbüttel oder Schmargendorf oder Klettenberg heißt.

Aber ich frage mich schon, wie ich so tief gesunken bin, um genau diese Schwelle zu übertreten.

,,Dio, che nell’alma infondere ...“

Das war mein Traum. Es hätte ja nicht unbedingt die Mailänder Scala sein müssen, ein ganz normales Drei-Sparten-Haus hätte mir gereicht, von mir aus sogar in der Provinz. Aber ich habe nicht mal die Aufnahmeprüfung fürs Musikstudium geschafft.

,,Un di, quando le veneri ...“

Meine Eltern haben mir dann Jura aufgeschwatzt. Das lief auch ganz gut, stumpfsinnig Sachen auswendig lernen konnte ich schon immer. Und mit dem Hiwi-Job an der Uni habe ich mir Privatstunden verdient, mein ganzes Geld habe ich diesem abgehalfterten Opern-Gigolo von Nicolo in den Arsch geschoben (ich glaube, sein echter Name war Norbert) und meine ganze Zeit, die mir die unmotivierten Studis bei den Staatsrechts-Seminar-Nachbereitungen übrigließen, dem Gesang gewidmet – nur um im zweiten, dritten und vierten Anlauf wieder zu scheitern.

,,Quando mi sei vicina ...“

Darauf habe ich mich so reingesteigert, dass ich mein Jura-Examen versemmelt habe und in dem Bereich nur noch als Aktenträger meine Brötchen hätte verdienen können. Da habe ich die Entscheidung getroffen: Wenn ich eh kein Geld verdiene, dann wenigstens mit meiner Leidenschaft. Zur Not eben vor gut betuchten Banausen auf ihren Angeberfesten. Auch in normalen Zeiten kein einträglicher Job, die echten Millionäre engagieren leider echte Opernsänger. Ich musste drei Stufen drunter operieren. Beim 50. Geburtstag des Autohausbesitzers, der silbernen Hochzeit des Sparkassen-Filial-Leiters, sogar den Kindergeburtstag einer ehrgeizigen Arztfamilie habe ich bereichert (und er mich) ...

... und dann kam Corona.

„La fatal pietra sovra me si chiuse ....“

Was soll ich sagen: Viren-Eindämmung und Arien vertragen sich nicht.

Eine ähnliche (etwas geschönte) Kurzfassung meines Lebens gebe ich auch Thomas und seiner Frau, nachdem sie die Kinder trotz Quengelorgie erfolgreich ins Bett verfrachtet haben. Dabei versinke ich fast in ihrem Ecksofa, ob vor Scham oder wegen der Geschmacksverirrung meiner Gastgeber ist mir dabei schnuppe. Immerhin ist der Rotwein passabel und die Chips nicht von Aldi.

Meine Gastgeber haben den Abstandsregeln sei Dank in Sesseln Platz genommen und nippen an ihren Gläsern. Sie sind noch bei ihrem ersten. Glaube ich. Ich bin bei meinem ... keine Ahnung. Thomas findet das alles wahnsinnig „spannend“ und „interessant“, was mich überhaupt nicht wundert. Er war schon in der Schule ein Schleimer. Eigentlich merkwürdig, dass er es nicht weiter gebracht hat. Sabine, die genauso langweilig ist wie ihr Name, nickt zu all dem und fragt mich natürlich die unvermeidliche Frage.

„Ich weiß nicht, ich würde ja gerne“, antworte ich und wiege zweifelnd mein Haupt, „aber die Aerosole ...“

„Oh, du hast recht“, wiegelt Thomas ab. „Wir wollen nicht der nächste Hot-Spot werden.“

Er scheint über meine Zweifel nicht unglücklich zu sein. Zumindest in dieser Hinsicht ist er mir sympathisch. Für einen kurzen Moment freue ich mich, dass ich Sänger bin. Als Cellist hätte ich mir auf meiner „Tour“ wahrscheinlich Abend für Abend die Finger wund spielen müssen. So brauche ich das „nein“ noch nicht einmal aussprechen und kann dabei noch den Verantwortungsbewussten mimen. Aber mein Anfall von guter Laune verfliegt so schnell, wie er gekommen ist. Ein Cellist kann auch mit Maske seine Brötchen verdienen.

Ein Cellist wäre nicht da, wo ich bin.

Es ist ja nicht so, dass die Politik nichts für die Kunst tut. Nur sind Politiker eben Politiker. Die treffen auf ihren Empfängen die Thomas Quasthoffs dieser Welt, mit prekären Künstler-Existenzen kennen die sich nicht aus. Wie generell mit allem Prekärem und Randständigem. Politik ist ja der Kampf um die Mitte, selbst in Coronazeiten drängelt sich da alles. Einer wie ich fällt dementsprechend durchs Raster. Vereinfachter Zugang zu Hartz IV hilft wenig, wenn man schon auf Hartz IV ist und sich mit Arien lediglich ein kleines Zubrot verdient (am besten schwarz, also sozusagen ein Schwarzbrot).

Außerdem ist Geld nicht alles, also bei mir ist da mehr weggefallen: Nach den Auftritten habe ich mir in der Regel den Bauch vollgeschlagen. Ich war nicht nur Gelegenheitstrinker, sondern auch Gelegenheitsesser. Mehr noch: Die Kunst, meine Auftraggeber dazu zu bringen, mir von sich aus die Reste ihres Buffets anzubieten, beherrsche ich aus dem ff. Meine Tupperdosen-Sammlung kann sich sehen lassen. Und jetzt? Ohne Aufträge nutzt mir das gar nichts und das schöne Plastik verstaubt ungenutzt in meiner Wohnung.

Meine Wohnung …

Wie die jetzt wohl aussieht?

In die Masche mit dem Internetportal hat mich ein Kollege reingezogen. Rober schlief schon seit Wochen bei uns in Heidelberg auf den Sofas seiner Freunde (bzw. denen seiner Bekannten und Bekannten von Bekannten). In seinem Loft fläzten sich derweil Urlauber im Bett rum. Naja, und als er eines morgens auf meinem Sofa aufwachte und feststellte, dass meine Bleibe sogar Neckarblick hat - wenn man den Hals reckt, sieht man ein Fitzelchen von der rechten Balkonecke aus -, hat er mir einen Deal vorgeschlagen.

Eine Woche später habe ich meinen Koffer gepackt, ihm den Schlüssel in die Hand gedrückt und das Weite gesucht. Für zwei couchsurfende Künstler ist unser örtlicher Bekanntenkreis zu klein, und da er schon im Geschäft drinsteckte ... Ich muss ihm für Gästebetreuung und Desinfizieren zwar die Hälfte abgeben, aber so kann ich wenigstens meine Miete zahlen. Oder besser gesagt: zahlen lassen. Auch wenn ich nicht weiß, was ich davon habe.

Wohnungslos bin ich ja trotzdem.

Thomas und Sabine erzähle ich den Teil natürlich nicht. Auch bei der dritten Flasche Wein habe ich mich so weit unter Kontrolle, dass ich stattdessen von „Sehnsucht nach den alten Zeiten“ und „unserer“ Jugend rede. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht übertreibe. Als ich Sabine erzähle, wie Thomas beim Lateintest mal so vertieft in seine Spickzettel war und der Greifhardt ihm geschlagene 5 Minuten dabei über die Schulter geschaut hat ... und mich dabei vor Lachen fast verschlucke, hat der Abend seinen Höhepunkt erreicht. Zum Glück haben sie ein Gästezimmer. Seitdem ich bei Ingo in Salzgitter auf dem Wohnzimmersofa schlafen musste und morgens von seinen Ablegern geweckt wurde, achte ich darauf. Manche Leute zeigen ja alles bei Facebook.

Als es ruhig wird im Haus, mache ich noch einen Abstecher am Kühlschrank vorbei. Alte Gewohnheiten legt man nicht so schnell ab, auch wenn sie sich aufenthaltsverkürzend auswirken können. Der Inhalt kann sich sehenlassen. Ein Stück Greyerzer kauend überlege ich, ob ich zu den 50 Millionen Binnenflüchtlingen zähle, die es weltweit gibt. Wahrscheinlich nicht, aber in diesem Augenblick fühle ich mich ihnen verbunden. Den Käse würde ich jedenfalls gern mit ihnen teilen. Obwohl es nicht meiner ist. Oder gerade deshalb.

So lasse ich ein Stückchen fürs Frühstück übrig. Danach will ich mir die Stadt anschauen.

Hoffentlich ohne Rollkoffer.

Ich sitze in der Straßenbahn, im Tagesrucksack steckt „Bremen entdecken & erleben: Das Lese-Erlebnis-Mitmachbuch für Kinder und Eltern “. Das hat mir Sabine aufgenötigt. Es wäre der einzige Reiseführer, den sie hätten – aber der sei „auch für Erwachsene ganz toll“. Auch gut, so kann ich wenigstens nachgucken, wo ich nicht hinwill.

Thomas war schon aus dem Haus, die Blagen ebenfalls. Nur Sabine hat „zur Gesellschaft“ noch ein Brötchen mitgefrühstückt und mich dabei mit Tipps versorgt, was ich mir „unbedingt angucken“ sollte. Ich habe versucht, interessiert zu wirken. Vielleicht habe ich als Kulturmensch bei ihr Chancen. Also hinsichtlich meines Bleiberechts.

Dabei interessiert mich Kultur nicht die Bohne. Nicht mehr, die Zeiten sind vorbei - mal abgesehen davon, dass ich mir Museumsbesuche im Moment nicht leisten kann. Vor irgendwelchen alten Schinken stehen und versonnen nicken, als würde tief in mir etwas bewegt oder eine Erkenntnis über mich ausgeschüttet …

Alles Selbsttäuschung.

Oder Konzeptkunst! Das einzige Konzept, was ich darin sehe, ist mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel Geld verdienen. Wobei dass eigentlich wieder spannend ist. Danach suche ich ja auch.

Selbst Oper interessiert mich nicht mehr. Inzwischen sehe ich meine Leidenschaft für Puccini als juvenilen Irrtum, der sich leider nicht mehr rückgängig machen lässt. Da fahre ich lieber Straßenbahn. Deshalb habe ich mir auch ein Tagesticket gekauft. Zur Not kann ich bis zum Abendbrot hin und her fahren und Leute beobachten. Das Leben ist sowieso interessanter als die Kunst. Auch wenn ich in der Suppe des Lebens nicht gerade oben schwimme – wenn ich in die Gesichter der anderen sehe, geht’s mir gleich besser. Seit Corona ist es zwar nur noch der halbe Spaß, aber die Augen sind ja das wichtigste.

Die Augen.

Spiegel der Seele.

Manche Spiegel sind ganz schön blind. Oder zersplittert. Oder könnten mal geputzt werden. Vielleicht sind es auch die Seelen, die blind sind. Da bin ich mir nicht sicher.

 Am schönsten ist es jedenfalls früh morgens im Berufsverkehr: Soviel Leere auf engstem Raum. Aber das gönne ich mir selten. Im Bett zu liegen und daran zu denken ist nämlich noch besser.

Jetzt hat die Straßenbahn nicht ganz so viel zu bieten. Längst nicht alle Sitze sind belegt. Man kann sich also aus dem Weg gehen. Schräg gegenüber sitzt ein junger Mann und nickt mit stumpfem Blick zu noch stumpferer Musik vor sich hin, die er zum Ausgleich so laut aufgedreht hat, dass wirklich jeder mit seinen Trommelfellen Mitleid kriegen muss.

„Sie haben Ihre Maske vergessen.“

Eine Frau hat sich vor ihm aufgebaut. Man hört, dass sie den Satz nicht zum ersten Mal sagt. Der Mann nickt weiter, die Frau wiederholt ihren Satz – und während die beiden in ihrer Zeitschleife gefangen sind, überlege ich, ob es eine Verschwörungstheorie gibt, wonach Corona über die Ohren verbreitet wird.

Am anderen Ende sitzt eine junge Frau mit mehr Augenringen als Augen und zwei Rotznasen im Schlepptau. Müssten die nicht in der Kita sein? Aber bei dem vielen Rotz haben sie die wahrscheinlich gleich wieder nach Hause geschickt. Sie wirkt so geschafft, als hätte sich die ganze Welt gegen sie verschworen. Kein Wunder, das Verschwörungstheorien Konjunktur haben.

Vielleicht sollte ich in das Geschäftsfeld einsteigen?

Ich hole Stift und Zettel aus meinem Rucksack und mache mir Notizen. „Bremen entdecken & erleben“ entpuppt sich dabei als ideale Schreibunterlage.

Bücher über Bücher. Und wen interessiert’s? Also im Vergleich zu den Einschaltquoten im Fernsehen wohl eher niemand. Und dabei gehört die ARD auch schon zu den aussterbenden Arten. Ein ganzes Haus mit frei zugänglichen Bildschirmen inclusive Netflix-Abo und einem gutsortierten Chips-Automaten würde wahrscheinlich besser angenommen. Aber solange die Staubschicht auf der Kultur nur dick genug ist, lässt sich Vater Staat nicht lumpen. Ich weiß, wovon ich rede – Oper und Opa klingen nicht nur von ungefähr gleich.

Ich sitze im „Lesegarten“ der Stadtbibliothek und frage mich, weswegen es in diesen hochsubventionierten Häusern nie einen anständigen Kaffee gibt. Wobei man für 80 Cent aus dem Automaten wirklich nichts erwarten darf. Ab und zu nippe ich an meiner Plörre (immer dann, wenn ich vergesse, wie plörrig sie ist) und mache mir Notizen. Dafür ist es der ideale Ort. Das geballte Wissen der Menschheit im Nacken laufe ich zu Höchstform auf: Ich erschließe eine neue Einkommensquelle für die arbeitslose Kreativ-Branche!

Frei nach dem Motto „Wenn du den Feind nicht besiegen kannst, musst du ihn verwirren“ falle ich über die dunklen Bedürfnisse her, die die Corona-Krise an die Oberfläche gespült hat, und mache sie mir zunutze. Warum dieses Feld den Attila Hildmanns dieser Welt überlassen?

Also …

Schritt eins: Neue Verschwörungstheorien kreieren.

Schritt zwei: Accessoires verkaufen, die vor dem „absolut Bösen“ als einziges schützen.

Alu-Hütchen basteln kann ja jeder, selbst ich würde das hinkriegen. Aber wie sieht es mit Bio-Schafwollpullovern mit eingestricktem Drudenfuß-Muster aus, die als einziges gegen die per Radiowellen übertragenen okkulten Sprüche der Allianz aus a) von den Grünen verstoßenen Esoterikerinnen, b) aus den geheimen Labors im Silicon Valley  entwichenen künstlichen Intelligenzen und c) der um ihre Frequenzen kämpfenden Freifunker-Szene besteht?

Oder Pillen mit Oggo-Oggo-Sanef-Extrakt (keine Ahnung was das ist bzw. sein könnte), die die von schwarzen Despoten in die Kanalisation der westlichen Industrienationen eingeleiteten unfruchtbar machenden Hormone neutralisieren, die unsere weiße Rasse vernichten sollen?

Man könnte auch eine Art Meta-Verschwörungstheorie in die Welt setzen, die besagt, dass alle anderen Verschwörungstheorien von linken Zecken aus der Kreativbranche in die Welt gesetzt wurden, um Spinnern und Rechten und rechten Spinnern mit obskuren Accessoires das Geld aus der Tasche zu leiern und sie von den eigentlichen Problemen dieser Welt abzulenken. Also z.B. von Klimawandel und Rassismus und so … Minus mal Minus ergibt plus. Blödsinn kann man am erfolgreichsten mit Blödsinn bekämpfen. Da fehlt mir allerdings noch die Idee für ein passendes obskures Accessoire.

Schließlich will ich ja Geld verdienen.

Ich schiebe meine Zettel zusammen und mache noch einen Schlenker an der Drogerie und einem Ramschladen vorbei, wo ich ein afrikanisch anmutendes Pillendöschen günstig erstehe. Den „Made in China“-Aufkleber pule ich natürlich ab. Wenn ich heute Abend Thomas und Sabine meine Oggo-Oggo-Sanef-Pillen verkaufen kann, steige ich in die Serienproduktion ein. Wenn nicht, mache ich lieber einen Ratgeber aus der Idee. Sollen sich andere daran die Finger verbrennen.

Mit Ratgebern soll man ja auch ordentlich verdienen.

„Und? Hast du die Maus im Dom gesehen? Die ist doch süß.“

Sabine scheint auf irgendein Highlight aus ihrem Reiseführer anzuspielen. Ich rette mich in einen vermeintlichen Weser-Spaziergang. Fluss ist Fluss, da werde ich irgendwas zusammenfabulieren können.

Wie gestern Abend haben wir drei uns in gehörigem Abstand in die Couchgarnitur versenkt. Allerdings gibt es statt Wein Tee. Das haben meine Gastgeber so entschieden. Vielleicht ein Zeichen, aber man kann Zeichen auch überbewerten. Immerhin durfte ich zwischen schwarzem oder Kräutertee wählen und vor allem sind die Kinder im Bett.

Nach dem nötigen Vorgeplänkel ziehe ich mein Pillendöschen hervor.

„Habt ihr eigentlich schon mal was von Oggo-Oggo-Sanef-Extrakt gehört?“

Verschwörerisch senke ich die Stimme. Thomas und Sabine sehen mich erstaunt an. Verwundert schütteln sie die Köpfe.

… und so nehme ich sie gnädig in den Kreis der Eingeweihten auf.

„Die vertreibe ich exklusiv“, beende ich meine Ausführungen. „Wenn ihr wollt … kostet nur 50,00 Euro.“

„Und die schützen?“ Thomas hat sich das Pillendöschen genommen und begutachtet skeptisch eine Pille. „Was bedeutet FF?“

„FF?“

Mist! Jetzt sehe ich es auch. Die Pillen sind nicht so neutral, wie ich gedacht habe. Vielleicht hätte ich sie mir vor dem Umfüllen genauer ansehen sollen. Und sie dann Firi-Firi-Ganesh genannt …? Besser ich hätte die anderen genommen. Aber die waren von der Form her verräterisch.

Während ich noch von „free force“ fasele, einer Formel, die die Wirkung unterstützt und gleichzeitig der Name des Vertriebsnetzwerkes ist, steckt Thomas sich eine Pille in den Mund. Bedächtig lutscht er darauf herum.

Mein Redefluss versiegt. Ich ahne, dass jedes weitere Wort verschwendet wäre.

„Ich glaube, es wird Zeit, dass du deine Sachen packst.“

Ohne mich anzusehen, legt Thomas die Schachtel auf den Tisch.

„Kein Problem“, nehme ich meine Niederlage auf die leichte Schulter, „das passt. Ich muss morgen sowieso los, ich habe da eine Anfrage in …“

„Ich rede nicht von morgen“, unterbricht mich Thomas.

„Äh …“

Erstaunt sehe ich ihn an.

Thomas schweigt. Den Oberkörper nach vorne geneigt, Ellenbogen auf den Knien, die Finger vorm Mund ineinander verschränkt – ich weiß nicht, wie er es in diesem Sessel hinkriegt, der jeden Körper mit seiner Labberigkeit aufsaugen oder zumindest infizieren müsste, aber wieder erinnert er mich an diesen FDP-Politiker. Der hat auch immer klare Kante gezeigt - zumindest wenn er wusste, dass er es mit Schwächeren zu tun hatte.

Und dass ich gerade ganz unten auf der sozialen Leiter stehe, ist Thomas endlich klar geworden.

An der Gartenpforte hebe ich im Abgang noch einmal die Hand. Thomas lehnt in der Haustür und sieht mir nach, ich spüre seinen rechtschaffenen Blick im Rücken. Aber umdrehen – nein danke! Den Triumph gönne ich ihm nicht. Wenn ich eines gelernt habe, dann als Verlierer eine gute Figur zu machen. Erhobenen Hauptes ziehe ich meinen Rollkoffer hinter mir durch die Nacht.

Erst als ich außer Sichtweite bin, bleibe ich stehen.

Ein leichter Nieselregen gibt der Einfamilienhaussiedlung einen silbrigen Glanz. Wo die Straßenbahnhaltestelle ist, weiß ich. Aber dass jetzt noch eine fährt, wage ich zu bezweifeln. Egal. Ich weiß sowieso nicht, wohin.  Für ein Hotel fehlt mir das Geld.

Und für alles andere auch.

Zum Glück ist es nicht Winter, eine Nacht im Freien werde ich überleben. Falls ich mir dabei eine Erkältung zulege, halten die anderen wenigstens Abstand – selbst Husten hat zwei Seiten. Aber das ist das einzig Positive, was mir gerade einfällt.

Ich stelle den Rollkoffer neben mir ab, ziehe frierend die Schultern hoch und stecke meine Hände in die Manteltaschen. Meine Finger stoßen auf ein Döschen. Gedankenverloren stecke ich mir eine Oggo-Oggo-Sanef-Pille in den Mund. Ich muss ja nicht auch noch impotent werden. Dann fällt mir ein, dass ich mir den Mist selbst ausgedacht habe, und spucke das Ding wieder aus.

Es schmeckt wirklich zu deutlich nach Pfefferminz.

Die Augen geschlossen neige ich den Kopf nach hinten, recke mein Gesicht den Regentropfen entgegen und öffne den Mund. Es ist nicht genug. Nicht genug, um den Geschmack zu vertreiben. Nicht genug, um meinen Durst zu stillen. Nicht genug, um mich zu ersäufen. Nicht genug für irgendwas.

Auch wenn ich ewig so stehen bleiben würde.

Entschleunigung, na toll. Darüber können sich die Leistungsstreber freuen, die im Hamsterrad dem Herzinfarkt entgegenstrampeln und dann in üblicher Bescheidwisser-Manier davon schwafeln, dass die Krise auch eine Chance sei. Ich hatte mein Leben bereits entschleunigt. Alle zwei Wochen ein paar Arien trällern, das kriegt auch ein Faultier im Rentenalter noch hin. Und jetzt?

Ich bin am Nullpunkt angelangt.

Noch mehr Entschleunigung geht nicht.

Mein Handy brummt.

Eine Weile ignoriere ich es, dann gucke ich aufs Display. Eine SMS von Rober. Meine Wohnung wird nicht mehr gebucht. Damit war zu rechnen: Die Herbstferien sind zu Ende, außerdem empfiehlt die Politik im Angesicht der zweiten Welle allen, zu Hause zu bleiben. Das heißt auch für mich, ich kann nach Hause kommen.

Für einen kurzen Moment freue ich mich. Dann denke ich an meinen Kontostand.

Ab jetzt bin ich im Rückwärtsgang, und zwar mit Vollgas.


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