Ausschnitt von einem Arbeitstisch aus einer Schreibwerkstatt

Werkstatt-Texte

Das Virtuelle Lyrik-Atelier Herbst 2020 - mit Schirin Nowrousian

Von September bis November 2020 hat das Bremer Literaturkontor gemeinsam mit der Lyrikerin Schirin Nowrousian ein virtuelles Lyrik-Atelier angeboten. Das Atelier richtete sich an Menschen, die schon seit einer Weile Lyrik schreiben und gerne mit jemandem vom Fach ihre Gedichte intensiv besprechen und weiterentwickeln wollten. Zum Abschluss stellten alle Teilnehmer*innen am 18. Dezember 2020 im Rahmen einer öffentlichen Zoom-Lesung ihre Textfassungen vor, die sie im Rahmen des Ateliers erarbeitet hatten. Einige der bei der Lesung vorgetragenen Gedichte können hier nachgelesen werden. Das Copyright aller Texte liegt bei den Autor*innen. Viel Freude bei der Lektüre! 

Porträt von Farhan Hebbo
© privat

Farhan Hebbo, 1949 auf einem Bauernhof in der Nähe der Stadt Kamischli in Nordsyrien geboren, schreibt schon seit etlichen Jahren Lyrik auf Arabisch. Seit Juni 2015 lebt er in Bremen. Er hat 2015 über mehrere Monate jeden Montag eine Kolumne für den Weser-Kurier verfasst. Von 2017 bis 2019 hat er an einer Schreibwerkstatt für Geflüchtete teilgenommen, die von der Autorin Angelika Sinn in Kooperation mit dem Bremer Literaturkontor geleitet wurde. Veröffentlichungen u.a. in der Anthologie „So nimmt man das Leben mit“ (hrsg. V. Angelika Sinn, Sujet Verlag, 2019).

Die Rose

Die Rose
erstrahlt, die Sonne
muss fliehen den Mond,
entschwindet die Dunkelheit
und mit ihr die Angst.

Die Rose erwacht,
entfaltet sich und
öffnet den roten Mund,
öffnet die leuchtenden Augen,
wiegt sich im leichten Wind
und tanzt.

Am Abend muss die Sonne gehen
und die Dunkelheit kehrt zurück,
aber allein und ohne Angst.

Die Rose kugelt sich ein, still und ruhig,
spricht nicht, sieht nicht, hört nur.

Lächelnd wartet die Rose
auf die Geburt des neuen Tages.

Die ersten Sonnenstrahlen erhellen den Tag.

Die Rose erwacht,
öffnet den roten Mund.

Von Farhan Hebbo, zunächst vom Autor in Kooperation mit Josef Frieling Teamen aus dem Arabischen ins Deutsche gebracht, dann im Virtuellen Lyrik-Atelier mit der Autorin Schirin Nowrousian be- und überarbeitet.

Porträt von Angela Müller-Hennig
© privat

Angela Müller-Hennig schreibt seit 1980 Gedichte, die sie bisher nur vereinzelt veröffentlicht hat. Sie hat über viele Jahre das Literatreff bei Otmar Leist besucht und dort von Zeit zu Zeit auch vorgelesen. Sie hat ferner an einer Lyrikwerkstatt des Autors Artur Becker teilgenommen, die ebenfalls in Kooperation mit dem Bremer Literaturkontor veranstaltet wurde.

wassermelodie (2)

weit voraus schickt der fluss
seine wasser
wellen spielen leicht

vogelstimmen schwarze
vogelschwingen
nebel schluckt
das sonnenlicht

boote folgen
den launen des windes
unbeirrt
neigt sich die boje
fort flitzt der fisch

am ufer stehen
dem wasser lauschen

hier geht’s weiter
raunt der stein

Porträt von Donka Dimova
© privat

Einst

Das Rabenkind bin ich.
Schwarz sind meine Augen,
das Weserwasser mein Spiegel,
der Wind eine Wiege.
Was ich loslasse,
bringt er mir zurück.

Im gleißenden Licht eines Frühlings
fiel ich aus dem Nest und verschwand
in den Gedanken der Vorbeilaufenden.

Lasst mich erzählen…

Einst ist das erste Gedicht eines Zyklus mit dem Titel Deichraben. Die Folgetexte finden Sie hier 
 

Donka Dimova, geboren im Dezember 1986 in Burgas, Bulgarien. Seit 2002 Mitglied im Literaturkreis „Mythische Vögel“ der Dichterin Roza Boyanova und im „Verein der Bulgarischen Schriftsteller“ mit Sitz in Burgas. 2005 — 2012 Studium der Politikwissenschaft (B.A.) und der Europäischen Studien (M.A.) in Bremen und Hannover. Seit 2013 beratende Tätigkeiten im Sozial- und Bildungsbereich. Seit 2015 verfasst und übersetzt sie Lyrik auf Deutsch und Bulgarisch. Öffentliche Lesungen in beiden Ländern. Seit 2016 Leitung von künstlerisch-pädagogischen Projekten für Kinder und Jugendliche in Bremen und Bulgarien nach dem eigenen Konzept „Spiele mit Sprache“. Veröffentlichungen auf Bulgarisch in den Lyriksammlungen „Mythische Vögel“ (2002), „Poesie aus dem magischen Haus“ (2004) und „Ein Teilchen des Sonnenuntergangs“ (2012) sowie in regionalen und nationalen Zeitschriften; Poesieband „Übersetzung des Alltags“ (2014), erschienen bei Faber Verlag, Bulgarien. Weitere Veröffentlichung auf Deutsch in der „Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“ und auf: www.donka-dimova.de

Porträt von Gesine Hasselmeier
© privat

Frühlicht

Dunkel draußen
Alles deutet auf Morgen
Die Zeit tickt beständig
Auch wenn sie uns flieht

Helles Grün im Gefieder
Es leuchten Hoffnung und angst
Bei Tagesanbruch der Schnee

Schmelzende Gitterstäbe
Tatsächlich in Freiheit getaucht

Zukunft ist keine Fata Morgana


© Friederike Hermanni, 2020
 

Gesine Hasselmeier alias Friederike Hermanni über sich selbst in 7 Sätzen: Das Leben ist kein Hochglanzmagazin und in meiner Vita haben Stufen auf einer Karriereleiter wenig Bedeutung. Es zählen nur die Leute, die mich glücklich machen, die Gedanken, die mich tragen, und die Worte, die ich finde oder die zu mir finden. Das Schreiben von etlichen Regalmetern Tagebüchern, dicken Bündeln an Briefen und Postkarten, Myriaden an digitalen Nachrichten und – soweit mich die Muse küsst – Gedichten und Kurzprosa bietet mir tagein, tagaus Geländer und Brücken, um mich in diesem Leben nicht zu verlieren. Es ist mein Weg, die Komplexität der menschlichen Interaktionen, die inneren und äußeren Zustände sowie die allgemeine Weltlage aushalten, verstehen und deuten zu können. Worte verbinden mich mit meinem tieferen Selbst, mit meinem Sinn und Zweck, mit meinen Liebsten und, oho, manchmal sogar mit Fremden, die der Zufall, den es nicht gibt, in mein Leben spült. Was ist sonst noch von Bedeutung? Die Bäume vor meinen Fenstern, meine Handpan, Yin-Yoga, die Wochenzeitung, mein Literaturgott Herr Murakami und meine Spielwiese www.lyricfactory.net
 

Porträt von Laura Beck
© sagmalspaghetti

Laura Beck, geb. 1985, hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Anglistik, Kunstgeschichte und Französische Romanistik in Mainz und Dijon studiert und danach in der Germanistik an der Universität Bremen promoviert. Nach vier Jahren als Lektorin für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Liège (Belgien) ist sie jetzt Postdoktorandin an der Universität Bremen und arbeitet außerdem als freie Texterin sowie in der Schreibberatung. In den Zwischenräumen schreibt sie Kurzprosa und Lyrik. Texte von ihr erschienen in Lyrikzeitschriften wie „Der Dreischneuss“ (Hefte: Labyrinthe; Von Schiffen) und „Wortwerk“ (Heft: Trieb_haft), in Anthologien wie „Bremen verdichtet“ (hrsg. von Natalia Sadovnik) oder in der Reihe „MiniLit“.

Das Große

Das Große geht heimlich zu Ende,
es schleicht in den Wald, einem 
alten Tier gleich, um dort einsam 
zu sterben.

Das Große macht sich klein, rollt sich
ein, jeder Teil seines zentrifugal 
versprengten Seins
zieht sich aus der Welt und
ins schweigende Zentrum zurück.

Es steckt seine Nase unter die Rute,
zum Schutz. Und weiß:
Es hat nie so laut und schön gelärmt wie gewollt,
hat sich nie so froh und groß gezeigt wie gewollt,
hat sich sehen lassen 
nur von Einem.
Von einem zu keinem; 
ein nur scheinbar winziger
Schritt, 
ein umso schärferer Schnitt. 
Das Große geht heimlich, 
es schleicht sich, es weiß sich allein,
endlich!  Endlich? - lässt das Große sich ruhen,
muss das Große nichts tun, lässt das Große 
sich sein.

Porträt von Ursula Pickener
© Uwe Meier

Liebeserklärung

schau mich an
mit deinen glänzenden lötaugen
sieh meine high-density qualität

lass uns neue leiterbahnen aus dem kupfer ätzen
galvanische trennungen überwinden
unsere leiterplatten durchkontaktieren

ich bleibe in verbindung mit dir
trotz glasfaser und acrylisolierlack
ich erkenne dich trotz lötpasten-maske

du bist mein prototyp
meine unplatonische experimentierplatine
unsere kontaktflächen sind metallisiert

lass uns unser wärmemanagement gemeinsam optimieren
deine feinen nuten
und mein hexagonales raster zusammenfügen

so generieren wir mit neuen primärpünktchen
ein weiteres sub-netz
und bestehen jeden kurzschlusstest

schau mich an sei ganz mein
mit deinen elektrolytisch verstärkten lötaugen
und reich mir auf ewig deine steckverbindung 


(geänderte (End-) Fassung / 14.10.2020 / Ursula Pickener)
 

Ursula Pickener lebt und arbeitet in Bremen. Sie ist Bauingenieurin, Lehrerin, Mediatorin und Autorin. Nach dem Architekturstudium (Dipl. Ing.) folgte eine kurze Berufstätigkeit, dann ein ausgedehntes Studium (Deutsch, Sport, Psychologie, Kunst, Behindertenpädagogik) an der Universität Bremen. Viele Jahre war sie an einem Schulzentrum (Gymnasium, Fachoberschule und Bauberufsschule) als Lehrerin, Mediatorin und Beraterin tätig. Seit 2018 ist sie freiberufliche Autorin. Sie schreibt Prosa und Lyrik und veranstaltet Lesungen eigener Texte in Kooperation mit anderen Künstler*innen (aus den Bereichen Musik, Malerei, Fotografie und Tanz) an unterschiedlichen, oft ungewöhnlichen Orten. Ihre Texte sind in Anthologien und Literaturzeitschriften im deutschen Sprachraum veröffentlicht worden. 2019 erschien ihr Kriminalroman „Utopia war gestern“. Sie ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller*innen sowie im Bremer Literaturkontor und gehört den „Mörderischen Schwestern“ an.

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Das hat (vielleicht – die Anwälte streiten sich noch) Karl Valentin gesagt. Dass diese Arbeit aber ebenfalls schön sein kann, habe ich in der Zusammenarbeit mit Schirin Nowrousian im Virtuellen Lyrikatelier erleben dürfen.
Mir hat Schirins Sorgfalt und ihr Blick für Details besonders gefallen. Von der Gesamtidee und -aussage des Gedichtes bis hin zum letzten Komma oder Punkt. Alles fand Beachtung und Wertschätzung, ohne jedoch kleinlich oder dogmatisch zu sein. Ernsthafte Arbeit am Text mit heiterer Leichtigkeit – so macht es Spaß.
Vielen Dank dafür, Schirin!
Ursula Pickener

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Schutzraum zu zweit in den Treffen mit dir. Wir ließen uns gerne Schwung von dir mitgeben und bekamen Anregungen, verstärkt an unsere Vielfalt in Sprache und Denken zu gelangen. Es hat Spaß gemacht und mein Schreiben ermutigt und angeregt, danke!!

Angela Müller-Hennig
 

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Schirin Nowrousian hat mit ihrem Lyrik-Atelier einen weiteren Juwel zu meinem Leben hinzugefügt. Sie hat meine Gedichte wach, klar und aufmerksam bis ins kleinste Detail gehört, gelesen und gespiegelt, dass es für mich eine reine Wortfreude und somit kostbare, inspirierende und künstlerische Kreativarbeit war. Mehr davon!

Friederike Hermanni

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Mir hat das Atelier wirklich sehr viel Spaß gemacht. Ich habe mich besonders darüber gefreut, dass das Atelier die Möglichkeit gab, auch an explizit unfertigen Texten zu arbeiten. Auf der einen Seite fand ich den sehr intensiven Dialog über die einzelnen Texte sehr bereichernd, auf der anderen Seite aber auch den spielerischen Umgang mit ihnen. Die Texte nochmal durchzurütteln, um die Kernideen rauszuarbeiten, fand ich richtig befreiend. Ich fand auch, dass [Schirin Nowrousian] immer den richtigen Tonfall getroffen [hat] und habe [ihre] Kritik durchgängig als absolut konstruktiv empfunden! Herzlichen Dank nochmal dafür!
Laura Beck

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Porträt von Schirin Nowrousian
© Nowrouz Photography

Schirin Nowrousian ist im Ruhrgebiet geboren und auch dort aufgewachsen. Derzeit lebt sie bei Bremen auf dem Land. Sie hat Romanistik, Germanistik und Kunstgeschichte in Deutschland und Frankreich (Mainz, Dijon, Berlin) sowie Theater- und Literaturwissenschaften in Paris studiert. Von September 2014 bis August 2017 hat sie an der Universität Vilnius in Litauen gelehrt und geforscht, von Herbst 2017 bis Herbst 2019 war sie mit einem Postdoc-Forschungsstipendium an der Universität Paderborn tätig. Die Autorin arbeitet in den Bereichen Literatur (vorrangig Lyrik, experimentelle Kurzprosa und Essay), Übersetzung, Dramaturgie & Performance, Moderation, Ausrichten von Workshops, Kulturmanagement, philologische Forschungen und Sprachlehre. Neben zahlreichen Gedichtveröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien und Sondereditionen in Deutschland, Belgien, den USA, Großbritannien und Litauen erschien 2008 ihr Debütband Ziryabs Gnu in einer zweisprachigen (deutsch- englischen) Ausgabe mit Audio-CD bei Farpoint Recordings in Dublin. Im Juni 2012 erschienen die zwei Lyrikbände Ast – است und Aus Paris heute… im Sujet Verlag, die im Frühjahr 2016 in die Zweitauflage gingen. Zusammen mit Ziryabs Gnu bilden sie die Trilogik des Griffes. Im November 2019 ist ihr jüngster Gedichtband Gläserne Fehde (ebenfalls im Sujet Verlag) erschienen.