Werkstatt-Texte

Wo Literaturarbeit vollbracht wird, entsteht auch Literatur. Ergebnisse aus unseren zahlreichen Werkstätten und Seminaren sind hier präsentiert. Stöbern Sie nach Lust und Laune in den Texten der Teilnehmer*innen. Es sind Arbeiten aus vielen unterschiedlichen Angeboten der vergangenen Jahre dabei.


Das Virtuelle Lyrik-Atelier Herbst 2020

Von September bis November 2020 hat das Bremer Literaturkontor gemeinsam mit der Lyrikerin Schirin Nowrousian ein virtuelles Lyrik-Atelier angeboten. Das Atelier richtete sich an Menschen, die schon seit einer Weile Lyrik schreiben und gerne mit jemandem vom Fach ihre Gedichte intensiv besprechen und weiterentwickeln wollten. Zum Abschluss stellten alle Teilnehmer*innen am 18. Dezember 2020 im Rahmen einer öffentlichen Zoom-Lesung ihre Textfassungen vor, die sie im Rahmen des Ateliers erarbeitet hatten. Einige der bei der Lesung vorgetragenen Gedichte können hier nachgelesen werden. Das Copyright aller Texte liegt bei den Autor*innen. Viel Freude bei der Lektüre! 

© privat

Farhan Hebbo, 1949 auf einem Bauernhof in der Nähe der Stadt Kamischli in Nordsyrien geboren, schreibt schon seit etlichen Jahren Lyrik auf Arabisch. Seit Juni 2015 lebt er in Bremen. Er hat 2015 über mehrere Monate jeden Montag eine Kolumne für den Weser-Kurier verfasst. Von 2017 bis 2019 hat er an einer Schreibwerkstatt für Geflüchtete teilgenommen, die von der Autorin Angelika Sinn in Kooperation mit dem Bremer Literaturkontor geleitet wurde. Veröffentlichungen u.a. in der Anthologie „So nimmt man das Leben mit“ (hrsg. V. Angelika Sinn, Sujet Verlag, 2019).

Die Rose

Die Rose
erstrahlt, die Sonne
muss fliehen den Mond,
entschwindet die Dunkelheit
und mit ihr die Angst.

Die Rose erwacht,
entfaltet sich und
öffnet den roten Mund,
öffnet die leuchtenden Augen,
wiegt sich im leichten Wind
und tanzt.

Am Abend muss die Sonne gehen
und die Dunkelheit kehrt zurück,
aber allein und ohne Angst.

Die Rose kugelt sich ein, still und ruhig,
spricht nicht, sieht nicht, hört nur.

Lächelnd wartet die Rose
auf die Geburt des neuen Tages.

Die ersten Sonnenstrahlen erhellen den Tag.

Die Rose erwacht,
öffnet den roten Mund.

Von Farhan Hebbo, zunächst vom Autor in Kooperation mit Josef Frieling Teamen aus dem Arabischen ins Deutsche gebracht, dann im Virtuellen Lyrik-Atelier mit der Autorin Schirin Nowrousian be- und überarbeitet.

© privat

Angela Müller-Hennig schreibt seit 1980 Gedichte, die sie bisher nur vereinzelt veröffentlicht hat. Sie hat über viele Jahre das Literatreff bei Otmar Leist besucht und dort von Zeit zu Zeit auch vorgelesen. Sie hat ferner an einer Lyrikwerkstatt des Autors Artur Becker teilgenommen, die ebenfalls in Kooperation mit dem Bremer Literaturkontor veranstaltet wurde.

wassermelodie (2)

weit voraus schickt der fluss
seine wasser
wellen spielen leicht

vogelstimmen schwarze
vogelschwingen
nebel schluckt
das sonnenlicht

boote folgen
den launen des windes
unbeirrt
neigt sich die boje
fort flitzt der fisch

am ufer stehen
dem wasser lauschen

hier geht’s weiter
raunt der stein

© privat

Einst

Das Rabenkind bin ich.
Schwarz sind meine Augen,
das Weserwasser mein Spiegel,
der Wind eine Wiege.
Was ich loslasse,
bringt er mir zurück.

Im gleißenden Licht eines Frühlings
fiel ich aus dem Nest und verschwand
in den Gedanken der Vorbeilaufenden.

Lasst mich erzählen…

Einst ist das erste Gedicht eines Zyklus mit dem Titel Deichraben. Die Folgetexte finden Sie hier 
 

Donka Dimova, geboren im Dezember 1986 in Burgas, Bulgarien. Seit 2002 Mitglied im Literaturkreis „Mythische Vögel“ der Dichterin Roza Boyanova und im „Verein der Bulgarischen Schriftsteller“ mit Sitz in Burgas. 2005 — 2012 Studium der Politikwissenschaft (B.A.) und der Europäischen Studien (M.A.) in Bremen und Hannover. Seit 2013 beratende Tätigkeiten im Sozial- und Bildungsbereich. Seit 2015 verfasst und übersetzt sie Lyrik auf Deutsch und Bulgarisch. Öffentliche Lesungen in beiden Ländern. Seit 2016 Leitung von künstlerisch-pädagogischen Projekten für Kinder und Jugendliche in Bremen und Bulgarien nach dem eigenen Konzept „Spiele mit Sprache“. Veröffentlichungen auf Bulgarisch in den Lyriksammlungen „Mythische Vögel“ (2002), „Poesie aus dem magischen Haus“ (2004) und „Ein Teilchen des Sonnenuntergangs“ (2012) sowie in regionalen und nationalen Zeitschriften; Poesieband „Übersetzung des Alltags“ (2014), erschienen bei Faber Verlag, Bulgarien. Weitere Veröffentlichung auf Deutsch in der „Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“ und auf: www.donka-dimova.de

© privat

Frühlicht

Dunkel draußen
Alles deutet auf Morgen
Die Zeit tickt beständig
Auch wenn sie uns flieht

Helles Grün im Gefieder
Es leuchten Hoffnung und angst
Bei Tagesanbruch der Schnee

Schmelzende Gitterstäbe
Tatsächlich in Freiheit getaucht

Zukunft ist keine Fata Morgana


© Friederike Hermanni, 2020
 

Gesine Hasselmeier alias Friederike Hermanni über sich selbst in 7 Sätzen: Das Leben ist kein Hochglanzmagazin und in meiner Vita haben Stufen auf einer Karriereleiter wenig Bedeutung. Es zählen nur die Leute, die mich glücklich machen, die Gedanken, die mich tragen, und die Worte, die ich finde oder die zu mir finden. Das Schreiben von etlichen Regalmetern Tagebüchern, dicken Bündeln an Briefen und Postkarten, Myriaden an digitalen Nachrichten und – soweit mich die Muse küsst – Gedichten und Kurzprosa bietet mir tagein, tagaus Geländer und Brücken, um mich in diesem Leben nicht zu verlieren. Es ist mein Weg, die Komplexität der menschlichen Interaktionen, die inneren und äußeren Zustände sowie die allgemeine Weltlage aushalten, verstehen und deuten zu können. Worte verbinden mich mit meinem tieferen Selbst, mit meinem Sinn und Zweck, mit meinen Liebsten und, oho, manchmal sogar mit Fremden, die der Zufall, den es nicht gibt, in mein Leben spült. Was ist sonst noch von Bedeutung? Die Bäume vor meinen Fenstern, meine Handpan, Yin-Yoga, die Wochenzeitung, mein Literaturgott Herr Murakami und meine Spielwiese www.lyricfactory.net
 

© sagmalspaghetti

Laura Beck, geb. 1985, hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Anglistik, Kunstgeschichte und Französische Romanistik in Mainz und Dijon studiert und danach in der Germanistik an der Universität Bremen promoviert. Nach vier Jahren als Lektorin für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Liège (Belgien) ist sie jetzt Postdoktorandin an der Universität Bremen und arbeitet außerdem als freie Texterin sowie in der Schreibberatung. In den Zwischenräumen schreibt sie Kurzprosa und Lyrik. Texte von ihr erschienen in Lyrikzeitschriften wie „Der Dreischneuss“ (Hefte: Labyrinthe; Von Schiffen) und „Wortwerk“ (Heft: Trieb_haft), in Anthologien wie „Bremen verdichtet“ (hrsg. von Natalia Sadovnik) oder in der Reihe „MiniLit“.

Das Große

Das Große geht heimlich zu Ende,
es schleicht in den Wald, einem 
alten Tier gleich, um dort einsam 
zu sterben.

Das Große macht sich klein, rollt sich
ein, jeder Teil seines zentrifugal 
versprengten Seins
zieht sich aus der Welt und
ins schweigende Zentrum zurück.

Es steckt seine Nase unter die Rute,
zum Schutz. Und weiß:
Es hat nie so laut und schön gelärmt wie gewollt,
hat sich nie so froh und groß gezeigt wie gewollt,
hat sich sehen lassen 
nur von Einem.
Von einem zu keinem; 
ein nur scheinbar winziger
Schritt, 
ein umso schärferer Schnitt. 
Das Große geht heimlich, 
es schleicht sich, es weiß sich allein,
endlich!  Endlich? - lässt das Große sich ruhen,
muss das Große nichts tun, lässt das Große 
sich sein.

© Uwe Meier

Liebeserklärung

schau mich an
mit deinen glänzenden lötaugen
sieh meine high-density qualität

lass uns neue leiterbahnen aus dem kupfer ätzen
galvanische trennungen überwinden
unsere leiterplatten durchkontaktieren

ich bleibe in verbindung mit dir
trotz glasfaser und acrylisolierlack
ich erkenne dich trotz lötpasten-maske

du bist mein prototyp
meine unplatonische experimentierplatine
unsere kontaktflächen sind metallisiert

lass uns unser wärmemanagement gemeinsam optimieren
deine feinen nuten
und mein hexagonales raster zusammenfügen

so generieren wir mit neuen primärpünktchen
ein weiteres sub-netz
und bestehen jeden kurzschlusstest

schau mich an sei ganz mein
mit deinen elektrolytisch verstärkten lötaugen
und reich mir auf ewig deine steckverbindung 


(geänderte (End-) Fassung / 14.10.2020 / Ursula Pickener)
 

Ursula Pickener lebt und arbeitet in Bremen. Sie ist Bauingenieurin, Lehrerin, Mediatorin und Autorin. Nach dem Architekturstudium (Dipl. Ing.) folgte eine kurze Berufstätigkeit, dann ein ausgedehntes Studium (Deutsch, Sport, Psychologie, Kunst, Behindertenpädagogik) an der Universität Bremen. Viele Jahre war sie an einem Schulzentrum (Gymnasium, Fachoberschule und Bauberufsschule) als Lehrerin, Mediatorin und Beraterin tätig. Seit 2018 ist sie freiberufliche Autorin. Sie schreibt Prosa und Lyrik und veranstaltet Lesungen eigener Texte in Kooperation mit anderen Künstler*innen (aus den Bereichen Musik, Malerei, Fotografie und Tanz) an unterschiedlichen, oft ungewöhnlichen Orten. Ihre Texte sind in Anthologien und Literaturzeitschriften im deutschen Sprachraum veröffentlicht worden. 2019 erschien ihr Kriminalroman „Utopia war gestern“. Sie ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller*innen sowie im Bremer Literaturkontor und gehört den „Mörderischen Schwestern“ an.

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Das hat (vielleicht – die Anwälte streiten sich noch) Karl Valentin gesagt. Dass diese Arbeit aber ebenfalls schön sein kann, habe ich in der Zusammenarbeit mit Schirin Nowrousian im Virtuellen Lyrikatelier erleben dürfen.
Mir hat Schirins Sorgfalt und ihr Blick für Details besonders gefallen. Von der Gesamtidee und -aussage des Gedichtes bis hin zum letzten Komma oder Punkt. Alles fand Beachtung und Wertschätzung, ohne jedoch kleinlich oder dogmatisch zu sein. Ernsthafte Arbeit am Text mit heiterer Leichtigkeit – so macht es Spaß.
Vielen Dank dafür, Schirin!
Ursula Pickener

***

Schutzraum zu zweit in den Treffen mit dir. Wir ließen uns gerne Schwung von dir mitgeben und bekamen Anregungen, verstärkt an unsere Vielfalt in Sprache und Denken zu gelangen. Es hat Spaß gemacht und mein Schreiben ermutigt und angeregt, danke!!

Angela Müller-Hennig
 

***

Schirin Nowrousian hat mit ihrem Lyrik-Atelier einen weiteren Juwel zu meinem Leben hinzugefügt. Sie hat meine Gedichte wach, klar und aufmerksam bis ins kleinste Detail gehört, gelesen und gespiegelt, dass es für mich eine reine Wortfreude und somit kostbare, inspirierende und künstlerische Kreativarbeit war. Mehr davon!

Friederike Hermanni

***

Mir hat das Atelier wirklich sehr viel Spaß gemacht. Ich habe mich besonders darüber gefreut, dass das Atelier die Möglichkeit gab, auch an explizit unfertigen Texten zu arbeiten. Auf der einen Seite fand ich den sehr intensiven Dialog über die einzelnen Texte sehr bereichernd, auf der anderen Seite aber auch den spielerischen Umgang mit ihnen. Die Texte nochmal durchzurütteln, um die Kernideen rauszuarbeiten, fand ich richtig befreiend. Ich fand auch, dass [Schirin Nowrousian] immer den richtigen Tonfall getroffen [hat] und habe [ihre] Kritik durchgängig als absolut konstruktiv empfunden! Herzlichen Dank nochmal dafür!
Laura Beck

***

© Nowrouz Photography

Schirin Nowrousian ist im Ruhrgebiet geboren und auch dort aufgewachsen. Derzeit lebt sie bei Bremen auf dem Land. Sie hat Romanistik, Germanistik und Kunstgeschichte in Deutschland und Frankreich (Mainz, Dijon, Berlin) sowie Theater- und Literaturwissenschaften in Paris studiert. Von September 2014 bis August 2017 hat sie an der Universität Vilnius in Litauen gelehrt und geforscht, von Herbst 2017 bis Herbst 2019 war sie mit einem Postdoc-Forschungsstipendium an der Universität Paderborn tätig. Die Autorin arbeitet in den Bereichen Literatur (vorrangig Lyrik, experimentelle Kurzprosa und Essay), Übersetzung, Dramaturgie & Performance, Moderation, Ausrichten von Workshops, Kulturmanagement, philologische Forschungen und Sprachlehre. Neben zahlreichen Gedichtveröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien und Sondereditionen in Deutschland, Belgien, den USA, Großbritannien und Litauen erschien 2008 ihr Debütband Ziryabs Gnu in einer zweisprachigen (deutsch- englischen) Ausgabe mit Audio-CD bei Farpoint Recordings in Dublin. Im Juni 2012 erschienen die zwei Lyrikbände Ast – است und Aus Paris heute… im Sujet Verlag, die im Frühjahr 2016 in die Zweitauflage gingen. Zusammen mit Ziryabs Gnu bilden sie die Trilogik des Griffes. Im November 2019 ist ihr jüngster Gedichtband Gläserne Fehde (ebenfalls im Sujet Verlag) erschienen.


Licht:Wort:Spuren Herbst 2020

Die folgenden Texte sind im Rahmen unseres Werkstattprojekts ›Licht:Wort:Spuren‹ unter der Anleitung von Donka Dimova entstanden. Der Workshop mit Jugendlichen fand an vier Oktobertagen in den Herbstferien 2020 statt. Die Ergebnisse sollten eigentlich im Rahmen des Festivals ›Feuerspuren‹ präsentiert werden, das dann aufgrund der Corona-Maßnahmen im November ausgefallen ist. Die Texte sind auf einzelnen Lichtobjekten erschienen, die von den Teilnehmenden selbst kreiert wurden.

© Donka Dimova
© Donka Dimova

 

Ein
kleines
Mädchen ritzt
ein Herz in den Baum
Es tut bestimmt weh.
Eine Spur der Erinnerung.

© Donka Dimova
© Donka Dimova

 

Der
letzte
Schultag
Fest für alle.
Wettbewerb mit Stempeln.
Ali hat gewonnen und eine Kette
bekommen. Drin war sein Gesicht.

© Donka Dimova
© Donka Dimova

 

Der
himmelblaue
Teller fliegt aus meiner
Hand. Ein Vogel in der Küche.
Es kracht. Opa rennt erschrocken.
Die Narbe wird meine Erinnerung sein.

© Donka Dimova

›Literarischer Kulturaustausch‹ 2020

Die folgenden Texte sind im Rahmen unserer Schreibwerkstatt ›Literarischer Kulturaustausch‹ unter der Anleitung von Angelika Sinn entstanden. Des Seminar fand an drei Samstagen im Februar, April und September 2020 statt, wobei der zweite Termin aufgrund der Corona-Pandemie online durchgeführt wurde.

Ohne Titel

wenn der Raum begrenzt wird
gibt es nicht mehr so viel zu durchschreiten
wie früher
kann man sich Zeit lassen
um von A nach B zu kommen
wir schlendern
und entdecken links und rechts
unerwartete Dinge
von denen wir nicht wussten, dass es sie überhaupt gibt
aus der Perspektive der Schildkröte
aus der Perspektive der Weinbergschnecke
in meiner Größe
in meinem Tempo
finde ich Schätze
in allen Buchstaben des Alphabets

Musik

Der Mensch ist das Produkt seiner Umwelt, so lautet ein Sprichwort.

Von Weitem höre ich klassische Musik durch das Rauschen des Windes hindurch. Aber an diese Art von Musik bin ich nicht gewöhnt und so wandern meine Gedanken und Phantasien noch einmal zurück in mein Heimatland.

In diesem Moment weiß ich schon, wo ich ihn finde, unseren Hirten, mit seinem Esel, seinem Hund und den Schafen. Er erzeugt eine besondere Musik, indem er an den Hals des Widders eine Glocke hängt und dadurch immer weiß, wo seine Schafe sind.

Als er mich sah, nahm er seine ewige Freundin, die Flöte, und begann eine Willkommensmelodie zu spielen, die ich liebe. Meine Füße und Hände begannen von ganz alleine zu tanzen – so schwamm ich mit den Wellen der Flöte hin und her, ganz nackt, ohne mich zu schämen.

Als ich aufwache, finde ich mich in einem Raum wieder, dessen Decke schön verziert ist. Darin stehen Stühle, weit auseinander, und darauf sitzen Menschen – miteinander, nebeneinander und auseinander. Fahnen der Angst flattern zwischen ihnen.

Verklungene Musik

Die Musik endet, der Wind und das Rauschen der Bäumen sind jetzt zu hören, vom Fenster aus kann ich die Wolken auf ihrem Weg sehen. Wir befinden uns in einem Raum mit Arkadenfenstern und barockem Stuckhimmel, in den Kristalltränen des Leuchters bricht sich das Licht.

Die Schatten der Bäume spiegeln sich mit ihren tanzenden Blättern im Raum, die Musik ist verklungen, wir sitzen am Rande des Zimmers.

Wir sind da, in Spätsommerstimmung, bei fröhlicher Musik. Die langen Tage im Frühling, an denen ich allein war, kommen mir ins Gedächtnis: Ich habe den Frühling gerochen, die Blumen wachsen gesehen, dem Gesang der Vögel gelauscht und mir selber zugehört, habe meine Schritte durch die Wohnung gehört, das Öffnen der Kühlschranktür, das Brodeln der Kaffeemaschine und das Rascheln der Buchseiten beim Umblättern.

Ich habe meine Schritte auf der Treppe gehört, habe die Haustür geöffnet, ohne den Griff mit der Hand zu berühren, mir den Schal über die Nase gezogen und bin mit dem Fahrrad ins Grüne hinaus gefahren.

…, wenn das Telefon klingelt 

Mit dem Porträt in der Hand

Ich weiß nur, dass du da warst. Dein Porträt ist jetzt in meinen Händen und… und… Erinnerung.

Die Plaça de Catalunya voller Lärm und überall die unbekannten Gesichter, die lachten, die neugierig auf La Sagrada Familia de Gaudi waren und die keine Ahnung hatten, wie groß unsere Freude war. Ich traf dich, ich hörte dir zu. Nur ein Tisch, zwei Tassen Kaffee.

Deine gute Laune, deine Geschichten und Anekdoten, der Anruf deiner Mutter, deine Sorge wegen der Hitze, dein Mangel an Schminke, deine brasilianischen großen Fan-Ohrringe, deine Worte der Euphorie in jedem vierten Satz, deine Haare zu einem Knoten zusammengebunden, die Sonnencreme auf dem Tisch neben deinem Flamenco-Fächer ohne Spitzen und dieses Wiedersehen nach 8 Jahren. Seitdem saßen wir nicht mehr am gleichen Tisch und ich habe nie wieder Creme Brûlée probiert.

Heute fehlen mir eine tröstliche Umarmung, die Spaziergänge zu zweit, der lachende Komplizenblick und der Strand. Ich habe nur dein Porträt in der Hand, deine Stimme am Telefon und viele Jahre der Sehnsucht.

Was ich an dir schätze, Carolina

Jeder sagt “durch dick und dünn”. Da sind wir in der weltweiten Krise, wir lachen über absurde Witze und kindliches Benehmen. Deine Hand ist immer voller Hoffnung und Vertrauen für mich. Deine Geschichten, die von Heilung handeln. Ich fühle deine Gesellschaft in der Ferne. Die schlechten Nachrichten scheinen immer gar nicht so schlecht zu sein, weil sie die beste Ausrede sind, mit dir zu sprechen. Die Welt steht Kopf, es gibt Kalamitäten, ich höre keinen Reggaeton, ich lese die amerikanischen Zeitungen, ich schreie in der Stille unter dem Kissen, ich sehe die alten Filme bis zum Ende der Dunkelheit, und ich teile den Geschmack für venezolanische Schokolade mit dir. Dein Wort ist notwendig, wenn keiner mit mir spricht. Ich ernähre mich von deinem positiven Verstand.

In der Sekunde einer Pandemie

In der Sekunde, als alles begann. Weltweite Einsamkeit erobert die Straßen und wirft unseren Kalender ins Leere. Niemand hat einen Zeitplan oder einen festen Termin.

Von diesem Moment an wird die Beschränkung zu etwas Alltäglichem, und unsere Seelen müssen auf sich selbst aufpassen. Ein Aufruf, uns von unseren Mitmenschen zu distanzieren, bringt Kälte wie Schnee auf die Schultern und lässt sie langsam erfrieren. Vergiss die Umarmungen, den Tango, den Bolero, den Quinceañeras-Walzer, zwei spanische Begrüßungsküsse.

Transparentes antibakterielles Handgel-Antiseptikum in jeder Tasche, Toilettenpapier ist nirgends zu finden, Menschen schauen misstrauisch, Menschen entfernen sich voneinander, Husten ist nicht erlaubt.

Und was mache ich? Ich bleibe unter der Decke versteckt. 8 Tage, 2 Wochen, 56 Tage, 3 Monate, unbestimmte Zeit.

Und was machst du? Du rufst mich an. Einmal in der Woche, donnerstags und an den Sonntagen, alle zwei Tage, jeden Tag, mittags.

Deine hoffnungsvolle Art, mich davon zu überzeugen, dass die Zukunft besser sein wird als diese Gegenwart, ist das einzige, was mich begleitet. Deine Stimme voller weiser Ratschläge nimmt mich bei der Hand in der Verzweiflung und der Unsicherheit.

Und jetzt fühle ich mich mehr denn je deinem violetten Licht näher, wenn die Welt dazu gezwungen ist, sich nicht die Hand zu geben.

Humor, stundenlange Gespräche, mein Erdungsdraht.

In dieser Sekunde, wenn wir alle in unseren Häusern eingesperrt sind, in der sich alle Freunde in größter Entfernung fühlen, in der sich Familien getrennt vorkommen, in der viele Menschen nur ihren Hund Conan, Bruno oder Luna als Mitbewohner haben, wenn es keine Mandarinen auf den Tischen und keine Geburtstagsblumen gibt, wenn viele ihre Geschenke per Post erhalten und ich nicht mal das. Alle Gedanken drehen sich in einem endlosen Kreis. Die Worte wiederholen sich wie die Tage. Ich fühle mich wie ein verlassenes Kind, dessen einziges Spielzeug ein Telefon ist. Durch das Telefon habe ich die gleiche Distanz zu jedem, der anruft, egal wo auf der Welt er ist. Ja, deine Stimme in der Hand: Dein makelloser Geist erfüllt mein Zimmer mit Optimismus. Alles hat Licht.

Meine freiwillige Einsamkeit malt meine Kalender weiß. Aber die Zeit gewinnt jedes Mal ihren Wert zurück, wenn das Telefon klingelt.


Shortcuts im Park — Textsammlung

An einem etwas verregneten und kühlen Nachmittag im September schrieben fünf Jugendliche kurze Texte im Park. Die Gedanken kreisten um drei großen Themen — den Park, als einen Ort, der uns verbindet; den Weg, mit möglichen Abkürzungen, und das Ziel. Die Überlegungen führten uns in die Zukunft und wir blickten auf sie mit gemischten Gefühlen, aber entschlossen, nicht immer den kürzesten Weg zu wählen.

Auf dem Weg

eine gemeinsame Überlegung

Manche Wege sind schön, weil dort Blumen wachsen,
aber sie sind komplizierter.
Manche Wege führen durch eine schöne Umgebung,
andere durch dunkle Gassen.
Manche Wege machen mich neugierig,
aber sie sind voll mit Müll.
Manche Wege sind sauber,
aber voll mit Katzen, die einen anfauchen.
Manche Wege machen mir Angst,
aber sie sind schneller.

Grün

Mit Lack verdeckte, glatte, splitterfreie Bänke im Park
stehen im Widerspruch zu der Freiheitsstatue.
Leicht verrostet und mit der Zeit grün verfärbt. Grün, weil sie mit Sauerstoff in Verbindung kam.
Es passiert immer Unerwartetes, wenn sich Sachen verbinden.


Die Zukunft ist ein Pfeil,
der nach rechts zeigt,
wobei es im Hintergrund immer dunkler wird.
Soll ich folgen oder fliehen?


Voller Sorgen

Mein Name ist Tim. Ich bin 14 Jahre alt und hatte soeben, wie eigentlich jeden Tag, Streit mit meiner Mutter. Jedes Mal muss ich an die Sätze denken, die ich im Fernsehen hörte. Mein Weg ist voller Sorgen. Sorgen, die in der Gegenwart begonnen haben und die Zukunft mit sich nehmen werden. 

Ich weiß nicht, ob ich der einzige bin, dem es so geht. Manchmal denke ich, ich würde nicht existieren. Mich würde es nicht geben. Ich denke, ich bin nur ein Gedanke, der nicht wahrhaben will, nur ein Gedanke zu sein. Denis ist mein bester Freund. Nur er versteht mich. Er erzählt mir immer wieder genau dasselbe. Mein Weg ist voller Sorgen. Sorgen, die in der Gegenwart begonnen haben…

Dennoch habe ich manchmal ein wenig Hoffnung. Hoffnung, die mir Freude bereitet. Hoffnung, die meine Angst vor der Zukunft verschlingt. Wie zum Beispiel der Tag, an dem ich eine Eins in Mathe hatte oder auch der Tag, an dem ich ein Fahrrad zum Geburtstag bekommen habe. An solchen Tagen denke ich immer wieder an das Zitat im Fernsehen. Ob es wirklich stimmt oder einfach Schwachsinn ist. Ob mein Weg wirklich voller Sorgen ist? Sorgen, die die Zukunft mit sich nehmen werden?

Shortcut

Ich gehe über Wasser und schwimme an Land.
Aus zwei Welten schaffe ich es nicht mich zu lösen.
Dunkle Tage und doch Licht in der Nacht.
Nicht mehr allein. Zwei Gedanken verblassen.


Die Zukunft ist eine große Wiese voller Menschen. Die Sonne scheint, doch ich kann die Ränder nicht erkennen.

Sam liegt alleine auf einer Wiese und schaut in den Himmel. Die Wiese ist auf einer Waldlichtung und mit dunkeln Bäumen begrenzt. Sam ist dort alleine, doch nicht unzufrieden damit, denn er weiß, dass es nicht so bleiben wird. Meine Zukunft ist eine Wiese voller Menschen, sagt sich Sam und ist beruhigt. Hoffnungsvoll steht er auf und geht in den dunklen Wald. Endlich traut er sich. Die Sonne scheint, doch hier ist es dunkel. Er kann nur Umrisse erkennen. Er geht weiter und kommt an einen Fluss. “Meine Zukunft fließt so unbestimmt wie dieser Fluss. Ich weiß, dass am Ende meine Zukunft eine große Wiese voller Menschen sein wird. Doch wie komme ich dahin? Immer, wenn ich eine Richtung wähle, treffe ich eine Entscheidung. Wie weiß ich welche zur Wiese führt? Denn die Wege sind dunkel und ich kann die Ränder nicht erkennen.”

Sam plagt sich mit diesen Fragen, kann sich nicht entscheiden, gefangen zwischen den Möglichkeiten während er weiter mit sich hadert, folgt er plötzlich einen neuen Impuls. Er lässt sich fallen. Das Wasser fängt ihn hart auf, wirbelt ihn durch, oben wird unten, rechts wird links. Nach kurzer Zeit tauscht er wieder auf. Ohne die Richtung zu wissen, lässt er sich treiben. Schließlich kommt er zu einer großen Wiese voller Menschen. Die Sonne scheint hier, doch er kann die Ränder nicht mehr erkennen.

Meine Zukunft ist wie der Himmel.
Sie ist so hell, aber ich kann sie nicht anfassen.

Im Park

Wenn es regnet, gehen wir immer in den Park.
Wir machen Fotos und Videos.
Die Haare werden nass,
die Klamotten werden nass,
aber wir halten unsere Hände
und drehen uns im Kreis.
Wie ein Karussell.


Lehrauftrag ›Stoffentwicklung und Storytelling‹ im SoSe 2020 bei der Autorin Anna Lott

Im Sommersemester 2020 war die Autorin Anna Lott Dozentin des Kurses ›Storytelling und Stoffentwicklung‹ an der Uni Bremen. 12 Studierende nutzten die Chance, mit Personen, Plots und Erzählperspektiven zu experimentieren und der eigenen Erzählstimme ein Stück weit näher zu kommen. Das gesamte Semester fand coronabedingt im digitalen Modus statt.

Nachdem die Studierenden eine Figur entwickelt hatten, schrieben sie eine Szene mit einem einfachen Handlungsablauf. Im vorliegenden Beispiel trank die Protagonistin Alyssa (25) eine Tasse Tee. Nachdem die Szene geschrieben worden war, ging es darum, einen Antagonisten/ eine Antagonistin zu entwickeln und in die Szene miteinzubinden. Ziel war es, zu erforschen, inwiefern diese Gegenbewegung die Handlung der Hautfigur beeinflusst.

Antagonist 1: Ein körperliches Problem (hier: ein Tremor)

Alyssa hatte einen sehr erfolgreichen Tag: Noch nie hat sie so viel Geld auf einmal erbeutet. Allerdings hat sie für das ganze Unterfangen sehr lange gebraucht und wurde fast geschnappt. Es fiel ihr immer schwerer, ihr Werkzeug zu benutzen, denn ihre Hände zitterten unkontrollierbar. Weil sich ihre wochenlangen Vorbereitungen jedoch ausgezahlt hatten, wollte sie sich als Belohnung einen Pfefferminztee zubereiten und ihn vor ihrem Kamin in aller Ruhe genießen. Als erstes musste sie hierfür den Wasserkocher befüllen. Mehrmals musste sie ansetzten, denn ihre Hand zitterte so sehr, dass das Wasser mehrmals daneben ging. Aber auch beim zehnten Versuch war sie immer noch nicht erfolgreich gewesen. Alyssa stellte den Wasserkocher ins Waschbecken und ließ so das Wasser vom Hahn in den Teekocher laufen. Dabei fühlte sie sich, als müsste sie ihren ganzen Stolz und ihre Würde ablegen. Auch wenn es sich hierbei nur um eine kleine Alltagshandlung handelte, machte sie der Gedanke fertig, dass sie nicht einfach ihre Hände dafür benutzen konnte. Sie atmete tief durch, den Tränen nahe und hatte schon Angst davor, die Packung mit dem Tee zu öffnen, geschweige denn einen Beutel zu entnehmen und das kochendheiße Wasser in die Tasse zu gießen. Aus diesem Grund hatte sie schon ewig keinen Tee mehr getrunken, beim letzten Mal hatte sie sich fürchterlich verbrannt. Da kam ihr plötzlich eine Idee: Sie könnte versuchen, die Verpackung mit den Zähnen zu öffnen. Dies tat sie dann auch und es fühlte sich genauso entwürdigend an, wie vorher mit dem Wasserkocher. Immerhin war sie jetzt fast fertig. Um das nun fertige Teewasser einschenken zu können, musste sie all ihre Konzentration aufbringen und hielt die Hand, in der sich der Wasserkocher befand, zur Sicherheit mit der anderen fest. Außerdem zog sie sich vor dem Unterfangen eine dicke Jacke über, um sich im Zweifelsfall vor Verbrennungen am Oberkörper schützen zu können. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie den Tee aufgegossen hatte. Als sie es endlich geschafft hatte, trug sie die nur halbvolle Tasse zum Sofa und konnte nun endlich ihren Fair-Trade-Tee genießen, wartete aber noch etwas, bis er abgekühlt war. Nur für alle Fälle.

Antagonist 2: Eine Naturgewalt (hier: Ein Erdbeben)

Alyssa hatte einen sehr erfolgreichen Tag: Noch nie hat sie so viel Geld auf einmal erbeutet und das alles in nur fünf Minuten. Natürlich hat die Vorbereitung mehrere Wochen in Anspruch genommen, doch das war es wert. Ihr Plan ging perfekt auf und zur Belohnung für ihre zielstrebige und ehrgeizige Planung wollte sie sich nun in aller Ruhe eine Tasse Pfefferminztee vor ihrem Kamin genehmigen. Sie befüllte den Wasserkocher, stellte ihn an, öffnete die Teepackung, holte einen Beutel heraus, öffnete diesen, legte ihn in die Tasse und goss kurze Zeit später das sprudelnde Wasser über den Teebeutel aus Fair-Trade-Herstellung. Gerade als sie ins Wohnzimmer gehen wollte, um das Heißgetränk auf ihrem bequemen samtenen Sofa zu trinken, erschütterte plötzlich ein Rütteln das Haus. Erdbeben waren in dieser Gegend nichts Unübliches, aber dieses war stärker als alle, die Alyssa je miterlebt hatte. Schnell sprang sie unter den Küchentisch, die Hände schützend auf ihren Kopf gelegt. Der Strom fiel aus, Regale und Bilder fielen von den Wänden und die Alarmanlagen aller Autos auf der Straße fingen an schrill und erbarmungslos zu kreischen. Vor lauter Angst hatte sie für einen kurzen Augenblick ihren Tee vergessen, doch als das Geschirr ihrer Großmutter aus der Vitrine fiel und klirrend zu Boden ging, kam ihr der erfrischende Minztee wieder in den Sinn. Alyssa lugte unter dem Tisch hervor und zu ihrem Erstaunen stellte sie fest, dass die Teetasse noch ganz unversehrt auf der marmornen Arbeitsplatte stand. Sollte sie es wagen? Sie kniff die Augen zusammen. Das Beben pausierte. Alyssa sprang auf, sprintete zu ihrem Tee, legte ihre Hand über die Tasse, um nichts zu verschütten, und versteckte sich wieder unter dem massiven Küchentisch. Hier war sie sicher und endlich konnte sie ihren Fair-Trade-Tee genießen. Das war das Risiko jawohl wert. Oder?

Die Studierenden experimentierten über mehrere Seminareinheiten mit ihrer Hauptfigur und ihren Antagonist*inn*en. In diesem Zusammenhang wurden auch unterschiedliche Erzählperspektiven ausprobiert, unter anderem die Ich-Perspektive und Erzählperspektiven aus Sicht der jeweiligen Antagonist*inn*en, wie die folgenden Szenenbeispiele von Jana Kipry zeigen:

Perspektive 1: Ich-Perspektive

Schweiß rann meinen Rücken hinab, als ich den Vorhang der Bühne hinter mir schloss. Das Jubeln der Männer vibrierte durch meinen Körper, mengte sich unter den trampelnden Regen und das stetige Knurren des Gewitters, welches seit den Morgenstunden über die Stadt zog. Obwohl nun der rote Samtstoff zwischen uns war, brannten ihre gierigen Blicke noch immer Löcher durch das durchsichtige Kleidchen, welches meine Haut nur mäßig bedeckte. Meine Kehle war schon seit Stunden ausgetrocknet und es war lange her, dass ich mich derart erschöpft gefühlt hatte nach einem Auftritt. Etwas zu trinken wäre gut, vielleicht ein Glas Milch, ungestört, fort vom Lärm, dem Gestank von Erregung und Schweiß des Bühnenraumes. Eines der Mädchen eilte mit meinem Überwurf und Schuhen herbei. Nach dem Anziehen nahm ich die Treppe nach oben in den zweiten Stock. Mit jeder Stufe floss das letzte bisschen Kraft aus meinem Körper, welches meine Glieder nur noch mit dünnen Fäden zusammengehalten hatte. Beim Zurückschieben des gelben Vorhangs lauschte ich auf die Stille, die hier herrschte. Stille, hier als Abwesenheit von betrunkenem Geschrei und obszönen Pfiffen, denn der Donner war hier umso lauter und der Regen knallte gegen die Fensterscheiben. Er beruhigte mich. Ich nahm einen tiefen Atemzug und konnte mich selbst endlich wieder hören, spüren, wie sich meine Lungen mit Luft füllten. Es roch nach Essen und Wein und Holz. Viel angenehmer.

Plötzlich ein lauter Knall, das Licht verschwand, es roch verbrannt. Blitzeinschlag. Nicht selten in der Sturmsaison. Ich tastete an der Wand nach dem Lichtschalter, aber es blieb dunkel. Durch das Fenster drang ein dämmriger Schein von den Straßenlampen hinein, welcher gerade ausreichte, um verschwommene Umrisse zu erkennen. Vorsichtig tastete ich mich voran, bückte mich, fasste in der Dunkelheit nach dem Griff des Küchenschranks. Fühlte das kühle Glas der Milchflasche, die Rundung des Glases. In der Hocke sitzend öffnete ich den Schraubverschluss und trank in großen Schlucken. Erst jetzt merkte ich, wie durstig ich tatsächlich gewesen war. Ich setzte mich auf den Holzboden, lehnte mich an den Schrank. Meine Augen schlossen sich. Nur gedämpft drangen jetzt wieder tiefe Stimmen und langsame Musik in die Küche, als befände sich mein Kopf unter Wasser, im Hintergrund das Rauschen des Sturms.

Die nächste Tänzerin hatte die Bühne betreten.

Perspektive 2: Die Naturgewalt (das Gewitter bzw. der Blitz)

Brüllen, Knurren, Keifen fegte durch die Gassen und Straßen, über Schornsteine und Backsteinhäuser. Der Wind war heute auf meiner Seite und stürmte mit mir in jeden Winkel der Stadt, riss Fensterläden aus den Angeln und die Regentropfen mit ihren kurzen Beinen auf das Kopfsteinpflaster stolpern. Was war das? Ein anderes Donnern, ein anderes Brüllen, ein Ansturm heftiger Erregung, welcher das Gebäude dort vorn erzittern ließ. Eine junge Menschenfrau, um ihr blasses Gesicht floss schwarzes Wasser, sie trat hinab von einem Podest, glitt hinter einen dunkel roten Wasserfall. Da, davor, vor dem Wasserfall, auf totem Holz tobte der Sturm. Menschenmänner donnerten aus ihren kleinen Kehlen, dass sie mein Brüllen übertönten. Was lag in ihren Blicken für eine Habgier, eine Selbstsucht, sie bleckten die Zähne — was musste dieses kleine Menschenweib getan haben, um mit solcher Brutalität empfangen, verjagt zu werden. Das Weibchen, die schwarzen Wellen umschmeichelten ihr bleiches Gesicht, welches leuchtete wie ein Stern, der nach mir am Himmel schimmern würde. Noch nie hatte ich Sterne gesehen, konnte mich nie mit den kichernden Kindern von Sonne und Mond unterhalten. Auch der Wind hatte nie Zeit, denn er war sprunghaft, schnell fort, weckte mich sodann erneut, bevor er mich wieder in die Weite des Himmels entließ.

Das Sternenmädchen ging in einen Raum hinter einem sonnengelben Wasserfall. Sie versteckte sich hinter so vielen Wasserfällen. War auch sie allein, ausgesetzt dem stetigen Sturm um sie herum?

In mir trafen Luft und Wasser und Hitze aufeinander, und ich brüllte über den Himmel. Mein Zorn sollte das gewaltige Tosen der Menschenmänner übertönen, sie es nicht hören lassen. Sie sollte nur mein liebevolles Schnurren hören und die Regentropfen sollten an die durchsichtigen Wände schreiben, Ich bin da ich bin da ich bin da.

Mein Blitz entlud sich über ihren Köpfen, zuckte durch das Gestein, und die oberen Lichter des Hauses erloschen. Kommt raus, schrie mein Donner, kommt raus und schweigt! Lasst sie in Frieden mit euren gierigen Zähnen.

Aber es rührte sich nichts. Ich sah das Sternenmädchen, das nun durch einen dunklen Raum tastete, schließlich ein Gefäß mit weißem Wasser fand. Sternenwasser, eingefangenes Sternenlicht in flüssiger Form, das musste ihr Geheimnis sein. Ich war impulsiv gewesen, hatte meine Wut entladen ohne zu bedenken, dass sie sich im Raum befand. Das spöttische Husten des Windes klang in mir nach. So unvorsichtig, unüberlegt.

Ich beobachtete, wie sie das Sternenwasser trank, und bildete mir ein, um ihren Körper einen hellen Schein zu sehen.


Lehrauftrag ›Kreatives Schreiben‹ — WiSe 2019 / 2020: ›Zeit, Ort, Atmosphäre‹

In dem Seminar ›Kreatives Schreiben‹ haben sich die Studierenden im Wintersemester 2019 / 20 damit beschäftigt, wie wichtig Zeit, Ort und Atmosphäre für einen Text sind und wie es ihnen gelingen kann, diese Komponenten in ihre Geschichten einfließen zu lassen. Zwei Exkursionen standen auf dem Programm: zum Hauptbahnhof und in den Bürgerpark. Lesen Sie hier eine Auswahl der nach den „Begehungen“ entstandenen Texte.

Verspätung

Ich schlage mein Buch zu, gähne ausgiebig und schaue genervt zu der großen Anzeigetafel, die mir verkündet, dass mein Zug 40 Minuten Verspätung hat. Wenigstens habe ich hier meine Ruhe, da der Bahnsteig um diese Zeit beinahe leer ist. Gesellschaft leistet mir nur eine Krähe, die auf dem Boden nach Essbarem sucht. Ein kalter Windstoß lässt mich erschaudern, und ich stecke die Hände tief in die Taschen meines Mantels.
Ich höre das laute Rumpeln eines herannahenden Güterzuges. Wie schon so oft fange ich an, die Waggons zu zählen. Bis 13 komme ich, als der Zug mit einem lauten, in den Ohren schmerzenden Quietschen anhält.
Inzwischen verkündet mir die Anzeige hämisch, dass mein Zug wohl doch 50 Minuten Verspätung hat. Gedanklich lege ich schon mal weitere zehn Minuten drauf. Mein Blick wandert zurück zu dem Güterzug, und ich betrachte den ausgeblichenen Schriftzug auf einem der Container. „Wir fahren für Volkswagen“, daneben das alte Logo der Firma.
Auch die anderen Waggons sehen alt und verdreckt aus. Werden Güterzüge eigentlich gewaschen? Gibt es eine Waschanlage für Züge? Wenn ich daran denke, dass man bei einer Zugfahrt oftmals durch die schmutzigen Scheiben nicht nach draußen blicken kann, bezweifle ich das.
Ich starre den Güterzug an. Er starrt zurück. „Wir kommen hier wohl beide so schnell nicht weg, was?“ Grade als ich den Gedanken zu Ende gebracht habe, rollt er wieder an.
Meine Bahn fällt aus.

Am See

Mina starrte auf die blaugrauen Wellen. Der Wind fegte ihr um die Ohren, die Schaukel, auf der sie saß, bewegte sich leicht. Eigentlich war sie mit ihrer Freundin Sofie verabredet gewesen, aber sie hatten sich in der Schule gestritten. Da war Sofie alleine nach Hause gegangen, und Minas Füße hatten sie hierher an den See gebracht. Außer dem lauten Rauschen des Windes hörte sie kaum etwas, nur hin und wieder mal das Kreischen eines Vogels oder, weit entfernt, das Geräusch fahrender Autos. „Blöde Sofie, immer dasselbe mit ihr“, murmelte Mina, befreite ihre Füße aus dem Sand und stieß sich ab. Sie schaukelte immer höher und höher, und es begann ihr  Spaß zu machen. Plötzlich fühlte sie sich nur noch frei und leicht. Die Sonne bahnte sich einen Weg durch die Wolken, und die Welt schien wieder ein kleines bisschen besser zu sein.

Das Wiedersehen

Es war schon spät, als Vyven am Bahnhof ankam, um dort auf Robin zu warten. Der Bahnhof war nicht mehr als ein Holzdach und ein Steinfußboden neben zwei Gleisen mitten im Nirgendwo. Hinter den Gleisen wuchsen ein paar Bäume. Der Himmel war in oranges und rosa Licht gehüllt, das von den Wolken aufgenommen wurde, und der helle Boden funkelte im Schein der tief stehenden Sonne.
Um einen geeigneten Platz zum Warten zu finden, schaute Vyven sich um. Nur zwei Personen waren auf dem Bahnsteig zu sehen: ein Elf, der hin und wieder zur Uhr schaute, die von der Decke herabhing, und ein junger Wind Genasi, dessen helles Haar wehte, obwohl es windstill war. Auch Vyven schaute nun auf die Uhr. Robin sollte bald ankommen.
Plötzlich trommelte Regen auf das Dach, und hin und wieder hörte man einen Wassertropfen, der durch ein Leck drang, in eine sich schnell bildende Pfütze fallen. Das sanfte Plopp-Geräusch war nur zu hören, wenn man sich darauf konzentrierte.
Entspannt schloss Vyven die Augen, und ein friedliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Dem warmen Sommerregen hörte er gerne zu, und der Geruch von warmer, nasser Erde ließ sein Lächeln noch breiter werden. Er wurde an die Zeit erinnert, die er mit Robin auf der Waldlichtung verbracht hatte. Sie hatten sich gerade erst kennengelernt, und der Ort wurde zu einem Treffpunkt, den er so schnell nicht vergessen würde. Doch ohne Robin war es dort traurig und leer. Zum Glück musste er jetzt nicht mehr lange auf ihn warten.
Nach einer Weile wurde er vom Pfeifen des Zuges aus seinen Gedanken gerissen. Schnell trat er ein paar Schritte zurück, damit Robin ihn gleich entdecken konnte, und schaute dem Zug, der in den Bahnhof einfuhr, entgegen. Als der Zug zum Stehen gekommen war und die Türen endlich aufgingen, lehnte Vyven sich etwas vor, aufgeregt, Robin endlich wieder in seine Arme schließen zu können. Glücklicherweise musste er nicht lange warten, da kam der dunkelhäutige junge Mann schon auf ihn zugerannt. Vor Freude fing Vyven an zu strahlen. Er schloss die Arme um den Körper seines Geliebten. Der bekannte Geruch von Zitrone und getrockneten Kräutern stieg ihm in die Nase, und ein wohliges Gefühl breitete sich in ihm aus. Endlich fühle er sich wieder komplett.

Verlaufen

Sie rutschte aus und fiel hin. Matsch sickerte durch den Stoff ihres Rockes und klebte kalt an ihren Beinen. War ihre Strumpfhose zuvor schon von etlichen Laufmaschen durchzogen gewesen, hatte sie sich nun endgültig ein Loch in den feinen Nylonstoff gerissen. Ein Spaziergang bei Regen, in Rock und Bluse und abseits des angelegten Weges, war keine gute Idee gewesen. So weit in die kleine Wildnis des Parks hineinzulaufen, dass man die Orientierung verlor und nun bei Starkregen den Weg zurück finden musste, eine geradezu miserable.
Fluchend erhob Caro sich von dem durchweichten Boden, sehr darauf bedacht, das Gleichgewicht zu halten. Der Geruch vermodernder Blätter stieg ihr in die Nase.
Durch ihre nassen Haare hindurch versuchte sie, die Umgebung zu erkennen. Der plötzliche Wolkenbruch hatte sie an dem sonst so schönen Herbsttag überrascht. Sie fror, ihre Kleidung war komplett durchnässt, und weit und breit war niemand zu sehen, den sie nach dem Weg hätte fragen können. Sie versuchte nicht in Panik zu verfallen. Dies war nur ein kleines Stück Wald, angelegt in einem Park, der Regen würde aufhören und sie würde einen Weg zurück finden. Es war weder Nacht, noch war sie die Hauptdarstellerin eines Horrorfilms, in dem sich eine junge, alleinstehende, naive Frau alleine auf den Weg in einen Wald macht, nur um von den Naturgewalten überrascht zu werden und sich zu verlaufen… wobei sie ja eigentlich genau diesem Bild entsprach! Ärgerlich schüttelte sie den Kopf. Sie sollte besser aufhören, Bücher mit Titeln wie „Murder Park“ zu lesen!
Auf wackeligen Beinen hatte sie sich wieder aufgerichtet. Sie hielt sich am Ast des nächsten Baumes wie an einem Rettungsanker fest, strich sich die nassen Haare aus den Augen und hinterließ dabei eine dunkle Spur aus Matsch auf ihrer Stirn. Dann sah sie sich um, konnte aber höchstens zehn Meter weit sehen, so sehr schränkte der Sturzbach, der vom Himmel auf sie herabprasselte, ihre Sicht ein. Der Trampelpfad, dem sie auf eine kleine Anhöhe gefolgt war, entpuppte sich als Hindernislauf. Die kahlen Bäume ragten spitz in ihren Weg, graue, teilweise mit Moos bedeckte Zweige lagen auf dem Boden, Wurzeln brachen aus der Erde hervor und bildeten tückische Stolperfallen.
Alleine bei dem Gedanken, ihre relativ sichere Position verlassen zu müssen, nahm ihr Herzschlag zu. Der Ast gab ihr Halt. Die nackte Baumkrone über ihr bot zumindest ein wenig Schutz vor dem Regen. Doch es gab keine Alternative. Sie würde weitergehen müssen, um aus dem Wald herauszufinden, über Wurzeln, spitze Äste und rutschigen Matsch.


Uni-Seminar bei Betty Kolodzy (WS 2018/19)

Der Mann mit dem Buch

Ich laufe zur Bushaltestelle – wie fast jeden Tag. Mein täglicher Weg führt an einem kleinen türkischen Laden vorbei – die Verkäuferin lächelt mich immer herzlich an und vor dem Laden riecht es nach frischen Blumen, die dort unter anderem verkauft werden. Außerdem ist hier jede mögliche Obst- und Gemüsesorte zu finden. Knallrote Äpfel, dunkelgrüne Zucchinis.
Eigentlich muss ich meinen Bus bekommen, aber ich betrete den Laden. Es riecht nach Gewürzen – Curry, Kurkuma, Chilli. Und nach frisch gebackenem Fladenbrot. Ein kleines Paradies. Es ist ruhig. Beruhigend. Die Atmosphäre lädt zum Stöbern ein.
Ich sehe eine offene Tür und ein Hinterzimmer. Dort sitzt ein Mann und liest ein Buch. Irgendein türkisches Buch. An den Farben des Buchumschlages erkenne ich, dass es sich um ein anderes Buch als beim letzten Mal handelt. Letztes Mal war es grün. Heute braun.
Und ich frage mich ob dieser Mann den ganzen Tag auf seinem Stuhl sitzt und liest. Wie viele Bücher er dann wohl schon gelesen hat? Und ob er nicht langsam genug hat von der Geruchsmischung aus Gewürzen und Fladenbrot und Blumen. Aber – ich glaube nicht. Er sieht nämlich ziemlich zufrieden und in sich ruhend aus. Immer, wenn ich hier bin. Und ich denke: manchmal muss man gar nichts besonderes tun, um glücklich zu sein. Manchmal muss man nur, umgeben von Gewürzen und Fladenbrot, auf einem Stuhl sitzen und lesen.
Ich verlasse den Laden und fühle mich, als würde ich eine andere Welt betreten. Eine Welt mit lauten Autos, die die Luft verschmutzen und gestressten Menschen, die durch ihren Alltag hetzen. Aber dieses Mal ist irgendetwas anders. Ich nehme den Stress um mich herum anders wahr, lasse mich davon nicht anstecken. Ich denke an den Mann mit dem Buch und freue mich schon, gleich eine Gemüsepfanne zu kochen, die neuen Gewürze auszuprobieren und zu lesen. Den Bus hab ich eh längst verpasst.

Unerwarteter Besuch

Der zweite Advent. Die Kekse sind im Ofen – heute werden es Zimtsterne, meine Lieblingskekse in der Weihnachtszeit. Mit einer Tasse Tee in der Hand verlasse ich die Küche, um es mir auf dem Sofa gemütlich machen zu können, während die Sterne im Ofen vor sich hin backen. Ich streife mir meine Hausschuhe von den Füßen, zünde zwei Kerzen von meinem selbst gebastelten Adventskranz an und mache es mir mit Tee und Buch auf dem Sofa gemütlich. Wirklich schön, diese Adventssonntage, an denen die
Wohnung nach frisch gebackenen Keksen, Duftkerzen und Lebkuchen riecht. Heute muss ich die Wohnung nicht mehr verlassen. Stattdessen kann ich ganz in Ruhe von meinem Sofa aus das Schneetreiben vor meinem Fenster beobachten und auf meine Freunde warten, die später mit Wein und Pizza zum Tatort gucken vorbeikommen. In der Weihnachtszeit geht es für mich gar nicht um Geschenke. Viel schöner und wichtiger sind solche Tage wie heute. An denen ich Zeit für mich finde, zur Ruhe komme und einen
schönen Abend mit meinen Liebsten verbringe. Es geht um Besinnlichkeit und Dankbarkeit.
Plötzlich klingelt es an der Tür – es ist gerade erst nachmittags. Meine Freunde werden es nicht sein, wir sind schließlich erst in vier Stunden verabredet. Kurz überlege ich, das Klingeln einfach zu ignorieren. Aber beim Anblick des Schnees und Sturms vor dem Fenster verwerfe ich meinen Gedanken schnell wieder. Was, wenn die Person, die gerade geklingelt hat, Hilfe benötigt? Also ziehe ich meine Hausschuhe an und gehe zur Haustür.
Die Hausschuhe sind eigentlich echt nicht für den Winter geeignet. Mir ist grundsätzlich kalt und eigentlich sind es eher Latschen, die vorne auch noch offen sind. Aber sie waren ein Geschenk meiner Oma und sind echt bequem.
An der Tür angekommen drücke ich auf den Summer, höre, wie sich die Tür unten öffnet und eine Person die Treppe hochkommt. Noch ist meine Wohnungstür geschlossen. Ich möchte lieber erst einmal durch den Spion gucken.
Ich sehe, wie eine Frau vor meiner Tür auftaucht. Sie ist relativ klein, hat dunkle, lange Haare, braune Augen und sieht ziemlich durchgefroren aus.
Ich öffne die Tür. „Kann ich Ihnen helfen?“
„Es tut mir wirklich leid, Sie an einem Sonntagnachmittag stören zu müssen. Sie sind die einzige Person, die mir die Tür geöffnet hat. Ich komme nicht von hier und mein Handyakku ist alle. Ich muss unbedingt einen Freund erreichen, den ich heute Abend treffen wollte, und natürlich steht unser Treffpunkt in meinem Handy. Ich habe tatsächlich weit und breit kein Café gefunden, in dem ich mein Handy aufladen konnte, und danach googlen war ja auch nicht möglich … heutzutage sind wir echt aufgeschmissen ohne diese Dinger!“
Ganz kurz denke ich, dass das vielleicht alles nur ein Vorwand ist, um mich auszurauben oder sowas. Aber dann schäme ich mich für den Gedanken. Wir sind alle viel zu misstrauisch geworden, denke ich, und bitte die Frau, hereinzukommen.
Als sie ihr Handy anschließt, stellt sie sich vor. „Ich bin übrigens Maria und wohne in Frankfurt. Ein Freund von mir wohnt hier in Hannover und eigentlich war ausgemacht, dass ich heute Abend direkt vom Bahnhof aus zu unserem Treffpunkt fahre. Irgendwie bekam ich dann aber heute Morgen die Benachrichtigung, dass mein Zug ausfällt und ich die Möglichkeit habe, einen früheren zu nehmen. Ich musste mich ziemlich beeilen und dachte, dass ich im Zug mein Handy aufladen und meinem Freund Bescheid sagen
könnte. Bei meinem Glück gingen die Steckdosen dann aber nicht, also saß ich ohne Handyakku im Zug und kam vor zwei Stunden in Hannover an, ohne zu wissen wo ich hin soll. Ich bin dann erst mal losgelaufen. Später fiel mir dann ein, dass ich im Bahnhof bestimmt irgendwo mein Handy hätte aufladen können, aber da war ich schon hier in Ihrer Straße. Ich bin wirklich froh, dass Sie aufgemacht haben! Länger hätte ich es in dieser eisigen Kälte echt nicht ausgehalten… — ah, mein Handy ist an. Ich telefoniere schnell und dann sind Sie mich auch wieder los.“
Während Maria telefoniert, fallen mir die Kekse im Ofen ein. Ich dachte der komische Geruch kommt von draußen, aber nein … ich laufe in die Küche und natürlich sind die Kekse verbrannt. Ich hab sie total vergessen.
„Oh nein, ich habe Sie total abgelenkt!“, sagt Maria, als sie in die Küche kommt und mich vor den schwarzen Keksen sieht. „Das tut mir so leid. Ich werd Sie jetzt wieder in Ruhe lassen und draußen an der Bushaltestelle gegenüber warten. Mein Freund wird mich dort später abholen, gerade kann er leider noch nicht. Aber das ist nicht schlimm. Danke, dass Sie mich überhaupt reingelassen haben.“
Ich zögere nicht lange und frage Maria, ob sie nicht einfach hier warten möchte. Ich habe mich zwar auf den Nachmittag allein gefreut, aber Gesellschaft ist schließlich auch schön und außerdem scheint sie echt nett zu sein. Und ich bringe es echt nicht übers Herz, sie wieder in die Kälte zu schicken.
Sie freut sich über mein Angebot und wir machen es uns mit Tee auf dem Sofa gemütlich.
Eineinhalb Stunden und gute Gespräche später steht ihr Freund unten vor der Tür. Wirklich schade, Maria und ich sind absolut auf einer Wellenlänge. Wir haben unsere Nummern ausgetauscht, und sie verspricht mir, nicht nur ihren Freund bei ihrem nächsten Hannoveraufenthalt zu besuchen, sondern auch mich.
Als sie nach unten geht und ich die Tür hinter mir schließe, denke ich, wie froh ich bin, mein Misstrauen vorhin beiseitegeschoben und an das Gute geglaubt zu haben. Vielleicht macht genau so etwas die Weihnachtszeit aus.


Seminar im Bereich Kreatives Schreiben an der Uni Bremen

„Literarische Figuren“ – Wintersemester 2018 / 2019, Dozentin: Angelika Sinn 

Schreibaufgabe „Spiegelbilder“

1. Teil
Die von Ihnen erfundene Figur betrachtet sich im Spiegel. Unterschiedliche Settings sind möglich. Versetzen Sie sich in ihre Protagonistin / Ihren Protagonisten, nehmen sie deren / dessen Perspektive ein. Schreiben Sie dann einen Text in der Ich-Form, in den die Beobachtungen, Gedanken und Empfindungen der Figur einfließen. Es entsteht ein innerer Monolog.

2. Teil
Nehmen Sie die gleiche Szene wie im ersten Teil der Aufgabe zur Grundlage. Die Figur betrachtet sich im Spiegel. Die Autorin / der Autor betrachtet die Figur dabei, wie sie sich im Spiegel betrachtet. Die Autorin / der Autor weiß nicht, was die Figur denkt oder fühlt, beobachtet sie lediglich wie durch eine Kamera (filmischer Blick). Nur durch die Aktionen, durch Mimik und Gestik der Figur erfahren wir etwas über ihre Gedanken und Empfindungen.

Ein interessantes langweiliges Mädchen 

Ich blicke kritisch in den Spiegel, betrachte mein Gesicht, versuche zu lächeln. Es ist der Morgen des ersten Schultages nach den Sommerferien, und ich habe weder Lust noch bin ich bereit, mich dem Alltagsstress wieder zu stellen. Der einzige Lichtblick ist, dass ich nicht so müde aussehe, wie ich mich fühle. Mit den Gedanken an Leistungsdruck und die neugierigen Fragen der Lehrer, die genau wissen wollen, wie man die Ferien verbracht hat, ist das nur ein schwacher Trost. Seufzend fahre ich mir durch die Haare, bis sie mir unordentlich um den Kopf fallen. So sehe ich bedeutend weniger langweilig aus, als ich eigentlich bin. Mehr Schein als Sein, so war ich schon immer. Ein letzter Blick in den Spiegel: Ich schneide mir eine Grimasse, eine letzte Rebellion gegen die Maske, die ich mir selbst aufzwinge und die mich durch meinen Alltag trägt. In meinem Kopf wiederholt sich das Mantra: Ich bin ganz normal. Mein Spiegelbild blickt zurück und weiß, dass ich lüge.

Sie ist ein lebender Gegensatz. Zu Beginn, als mein Blick auf sie fällt, während sie sich im Spiegel betrachtet, wirkt sie langweilig. Durchschnittlich. Braune Haare, braune Augen, nicht zu dick oder zu dünn, nicht außergewöhnlich hübsch oder hässlich. Auf den zweiten Blick entpuppt sich die Annahme, sie wäre ganz normal, als Irrtum, denn ihre Mimik ist es, die verhindert, dass ich weggucken kann. Offensichtlich weiß sie nicht, dass sie beobachtet wird. Ihre Stirn ist gerunzelt und doch liegt ein Lächeln auf ihren Lippen. Wie, als müsste sie sich darauf konzentrieren, einen freundlichen Gesichtsausdruck zu zeigen. Im nächsten Moment verschwinden die Stirnfalten ebenso wie das Lächeln, und sie streckt sich selbst die Zunge heraus, beginnt zu schielen, zieht die Nase kraus. Mit den Händen fährt sie sich durch die Haare, bis sie ihr wild und ungezähmt ins Gesicht fallen. Dann glättet sich ihre Miene wieder, sie seufzt und wendet endlich den Blick von ihrem Spiegelbild ab. Auch ich schaue weg und kann doch nicht vergessen, was für ein interessantes langweiliges Mädchen mir begegnet ist.

Im Neonlicht

Ich wache auf, mein Hirn wummert mit voller Kraft gegen die Innenseite meines Schädels.
Mordskater. Ich brauche ein Glas Wasser. Langsam und mit nur halb geöffneten Augen taste ich mich durch meine Wohnung bis ins Badezimmer. Ich knipse das Licht an, und auf einmal zucken abertausende Blitze durch mein Blickfeld. Meine Augen haben sich immer noch nicht vollkommen an das Neonlicht gewöhnt, als ich mir selbst im Spiegel entgegenblicke. Ekelhaft. Ich habe mich gestern Nacht weder abgeschminkt noch ein frisches T‑Shirt angezogen. Ich sehe aus wie die schlechteste Version von mir: Die Augenringe legen sich dunkellila unter meine mit Make-Up beschmierten und angeschwollenen Augen, meine Haare sind eklig fettig und zerzaust — ein Vogel könnte sie glatt für sein neues Zuhause halten. Ich strecke mir die Zunge heraus und sehe den dicken Belag und einen Hauch von Rot. Kirschlikör. Mein Blick fährt hinab zu meinen Händen. Sie sind seltsam zerkratzt, der Lack an den Fingernägeln fast vollkommen abgeblättert. Durch die Lücken im Nagellack kann ich dunkle Ränder unter den Nägeln entdecken, also drehe ich das Wasser auf, pumpe viel zu viel Seife auf die Nagelbürste und beginne zu schrubben. Als ich damit fertig bin, lasse ich das Wasser weiter laufen und halte meinen Kopf mit geöffnetem Mund darunter. Das tut gut. Ich richte mich wieder auf und schaue mir mein Ebenbild noch einmal genauer an: Flecken auf dem Shirt, das sich mahnend über meinen Oberkörper spannt, als wolle es sagen: „Du warst auch schon mal schlanker!“

Ich trete einen Schritt zurück und betrachte mich von der Seite, stelle mich auf Zehenspitzen und fahre über meinen Bauch. „Weich“, fällt mir als erstes ein. Ich schüttele den Kopf. Auch mein Gesicht hat sich innerhalb der letzten Jahre nicht zum Positiven verändert. Ich habe ein paar Falten bekommen, die Poren sind tiefer geworden, und ich scheine es nicht mehr hinzubekommen, meine Augenbrauen in symmetrischer Weise zurechtzuzupfen. Dazu gesellt sich der Ansatz eines Doppelkinns, für das die Neonröhre über dem Badezimmerspiegel wahrlich kein Geschenk ist.
Nichts, was eine heiße Dusche nicht wieder hinbekäme, würde meine Oma sagen. Ich nicke, bekomme ein schiefes Lächeln hin und steige, mich selbst belügend, in die Wanne.

Etwas ratlos und verloren steht sie da vorm Spiegel. Sie sieht unglücklich aus. Unglücklich, müde und unzufrieden. Ihre Augen sind gerötet und geschwollen, ihre Haare ein einziges Chaos.
Sie zupft lieblos an ihrem Körpers herum und beäugt sich kritisch. Die dunklen Brauen ziehen sich zusammen. Es scheint, als würde sie bezweifeln, dass die Person, die sie dort im Spiegel sieht, wirklich sie selbst ist. Sie streckt sich die Zunge heraus, und wenn man genau hinschaut, kann man erkennen, wie sie beim Anblick ihrer belegten Zunge angewidert erschaudert. Als ihr Blick auf ihre Hände fällt, lässt er ihr Spiegelbild für einen Moment allein. Sie beginnt, sich die Hände zu waschen, viel zu viel Seife, es schäumt wie verrückt. Das Wasser lässt sie laufen, hält dann den Kopf unter den Strahl. Ein paar Strähnen ihres dunklen Haares werden nass. Sie trinkt, als hätte sie seit zwei Tagen keine Flüssigkeit mehr zu sich genommen. Während sie sich wieder aufrichtet, läuft das Wasser weiter, doch sie bemerkt es nicht, denn sie ist viel zu beschäftigt damit, ihr eigenes Erscheinungsbild im Stillen zu kritisieren. Sie schüttelt mit finsterer Miene ihren Kopf, so als würde sie das komplette Unbehagen von sich werfen wollen. Das Nest aus Haaren auf ihrem Kopf bewegt sich nur leicht. Mit einem tiefen Seufzer blickt sie sich selbst ein letztes Mal tief in die Augen, lächelt gequält und dreht den Wasserhahn zu. Dann streift sie ihr knappes T‑Shirt ab, lässt ihren Slip zu Boden gleiten, steigt in die Wanne und verschwindet hinter einem quietschgelben Duschvorhang.


›Was für eine Katastrophe!‹

Schreibworkshop für junge Bremer Autorinnen und Autoren (2014) bei Janine Lancker 

Einspurig

Zu Anfang hatte niemand sehen können, dass der Lastwagen noch einen zweiten Anhänger mit sich führte. Erst, als er um die Kurve kam, ausbrach, wohl wegen der feuchten Steine, riss der Fahrer das Lenkrad weiter nach rechts, um nicht von dem auf ihn zu schlitternden Wagen getroffen zu werden.  Dort rechts war nichts mehr und der Bus kippte, zu schnell, um es  begreifen zu können, und überschlug sich, immer und immer wieder. Irgendetwas Hartes prallte gegen ihre Schläfe.

Zuerst sah sie nur wirre Farben, doch die roten und grauen Splitter Lack, die den Boden übersäten, nahmen langsam Gestalt an. Rucksäcke häuften sich dazwischen, auf der rechten Seite, ihrer Seite, sie hing in der Schräge. Ihr Kopf war gegen die Seitenlehne des Sitzes gekippt und ihr linker Arm zwischen zwei Sitzlehnen eingeklemmt, sie spürte ihre Finger nicht. Marlene saß noch immer neben ihr, Blut sickerte aus ihrem Oberschenkel und ihre Augen waren geschlossen. Der dünne Streifen Metall, der die mittlere Eingangstür von der ersten Fensterscheibe des hinteren Busrumpfes trennte, war alles, was sie im Bus hielt, zwei Reihen weiter vorne war das Metall hart auf Holz gestoßen und hatte nicht standhalten können.

Als sie in den Bus gestiegen waren, hatte sich Marlene noch geärgert. „Wir sitzen nicht mal am Fenster. Mir wird bestimmt schlecht werden, wenn ich nicht rausgucken kann“. Im Laufe der Fahrt war sie dann doch froh gewesen. Von der Ebene hinauf ins bolivianische Hochland schlängelte sich die Straße in engen Kurven, einspurig und ohne Leitplanke. Die Sitze ruckten in den Kurven manchmal ein wenig zur Seite und durch das Plexiglasfenster der Bustür konnten sie sehen, dass neben den Rädern nichts anderes war als der Abgrund. Direkt neben der Straße ging es steil hinab ins Tal, erst einige Meter in der Tiefe wurde das Gelände etwas flacher und war mit Sträuchern und Bäumen bewachsen.

Sie versuchte, ihren Oberkörper leicht nach links zu drehen und drückte mit der Rechten gegen den Sitz, der ihren Arm gefangen hielt. Zentimeter um Zentimeter gelang es ihr, ihn hinter sich zu schieben, weg von sich, sich zu befreien. Als sie es endlich geschafft hatte, rutschte er kreischend über den Metallboden und blieb knapp vor der zersplitterten Fensterscheibe an einem Rucksack hängen. Sie war ihm mit dem Blick gefolgt, hatte sich nach rechts gewandt und erst in dem Moment, als der Sitz leicht nach hinten kippte und in dieser Position verharrte, sah sie, dass, auf dem Polster zusammengesackt, jemand saß. Sie starrte durch das Loch in der Scheibe in die Tiefe, auf den steilen Abhang, der nicht zu enden schien, dann auf das leere Gesicht der jungen Frau, deren Kopf zur Seite gekippt war. Das Gesicht war nur halb zu sehen, daneben sah sie die Splitter, die Stoffe, die Blätter der Äste, die durch die Fenster in den Innenraum des Busses ragten. Die Buswand war von den Baumstämmen an mehreren Stellen eingedellt, hinter ihr, vor ihr, und ganze Sitzreihen waren nicht mehr da, wohl einfach durch die zersplitternden Fensterscheiben weiter in den Abgrund gestürzt. Sie wandte sich wieder um, dachte einen Moment an die Andenken, fein säuberlich in Kleidungsstücke eingewickelt, unten im Gepäckraum, für ihre Familie – und daran, dass sie ihren Flug nicht erreichen würden. Wo hatte sie die Pflaster hingepackt? Marlene blutete immer noch. „Marlene“, sie berührte sie leicht an der Schulter, „Marlene, hörst du mich? Wir haben ein Problem.“, sagte sie und merkte, wie ihre Finger zu zittern begannen. „Marlene?“ Ihre Freundin reagierte nicht, hing nur blass und reglos im Sitz. Sie wollte Marlene schütteln, sie wieder quirlig und aufgedreht, wie sie immer war, durch die Berge springen sehen, während sie selbst sich keuchend die Hände in die Seiten stemmte und ihr hinterherrief: „Jetzt warte doch mal auf mich!“. Sie wollte von einem ihrer endlosen Redeschwälle überrollt werden, bei denen sie selbst gar nicht mehr zu Wort kam und über die sie sich manchmal wirklich ärgerte.  Sie atmete tief ein und aus, sie durfte jetzt nicht in Panik verfallen. Erste-Hilfe-Kurs. Da hatte sie so etwas doch gelernt. Nie mit dem Daumen nach dem Puls suchen, immer mit den restlichen Fingern. Sie legte sie auf Marlenes Hals. Nach einigen Versuchen hatte sie die Halsschlagader ertastet und hielt den Atem an, um sich nur auf das erhoffte Pochen konzentrieren zu können. Erleichtert ließ sie die Hand sinken, nachdem sie das zwar schwache, aber doch schnelle, rhythmische Strömen des Blutes an ihren Fingerspitzen gefühlt hatte. Nun begann sie, die Schmerzen zu spüren, die in ihrer eigenen Schläfe vibrierten. Sie strich mit der Hand über ihre Kopfhaut und fühlte schon jetzt eine Beule anschwellen. Sie lehnte ihren Kopf an Marlenes Schulter, kniff für einen Moment die Augen zusammen und richtete sie dann wieder auf die verstreuten Gepäckstücke. Etwas weiter vorne entdeckte sie Marlenes Rucksack, an dem noch die kleine, braune Mütze hing, die Diego ihnen zum Abschied geschenkt hatte. Eigentlich Marlene geschenkt hatte.

Nur ein paar Tage wollten sie zusammen reisen und dann waren es Wochen geworden. Diego und Marlene, immer wieder Diego und Marlene, lachend und völlig in sich verloren. Ein tränenreicher Abschied. Das war nur ein paar Tage her. Das war vor wenigen Tagen gewesen, dass er in einen Bus gestiegen war, Richtung Süden. Und sie noch gewinkt hatten und Marlenes Tränen, nachdem der Bus um die Ecke gebogen war und sie an diesem Abend beide viel zu viel getrunken hatten. Und irgendwann dann doch lachen mussten, aus den Hängematten gekugelt waren und sich lachend an den Händen gehalten hatten, betrunken und ein bisschen selig und brauselig im Kopf. Und vorgestern, als sie aufgewacht waren und alles wieder eigentlich ganz in Ordnung war, weil Marlene nicht mehr um Diego trauern musste und sie sich beide auf Zuhause freuten. Nach all den Monaten doch mal wieder deutschen Boden betreten und alle wiedersehen.

Von einem Geräusch schreckte sie hoch. Ein Rauschen und Knacken drang durch den Bus, den bis eben außer dem Wispern der Blätter kein Geräusch erfüllt hatte. Irritiert sah sie um sich, doch auf den ersten Blick hatte sich nichts verändert. Nun nahm sie auch die weiteren Personen um sich herum wahr, die reglos auf den noch im Bus befindlichen Sitzplätzen hingen. Ob sie noch lebten? Sie wollte es gar nicht wissen, lieber dem Knacken nachgehen, das inzwischen von Wortfetzen durchbrochen schien. Es kam definitiv aus dem vorderen Teil des Fahrzeugs. Sie musste dort hinkommen, fuhr es ihr durch den Kopf, als ihr bewusst wurde, woran sie die Geräusche erinnerten – ein Funkgerät? Vorsichtig löste sie den Gurt und blickte sich nach etwas um, nach dem sie greifen konnte, um an der Öffnung vorbei zu kommen, an der sich vor dem Aufprall noch die Tür befunden hatte. Sie fand an der Verankerung der gegenüberliegenden Sitzreihe Halt, krallte sich mit beiden Händen an den Metallstreben fest und rutschte mit den Füßen an den Treppenstufen vorbei. Damit war das gefährlichste Stück geschafft, denn die vordere Tür war intakt geblieben und bot vermutlich noch Halt. Sie schob sich zu der Stelle, an der der Stamm eines Baumes seine eigene Form in den Busrumpf gedrückt hatte, richtete sich dort ein wenig auf und schnaufte. In ihrem Arm und ihrem Kopf pumpte das Blut stärker und sie musste ein erneutes Zittern unterdrücken, als sie Blutflecken neben der vor ihr liegenden Reihe entdeckte. Nicht hinsehen, nicht hinsehen. Sie sank wieder auf die Knie und kroch weiter den Gang entlang, möglichst nah am Boden, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und in Richtung der Fenster zu stolpern. Und um nicht zu sehen, was mit den anderen Passagieren um sie herum geschehen, was der Aufprall des Busses mit ihnen angerichtet hatte. Reihe um Reihe, von Metallstrebe zu Metallstrebe tastete sie sich vor, manchmal nur an ein Gepäckstück geklammert, wo die Sitze bereits hinausgestürzt waren. Das Rauschen und Knacken wurde lauter und sie glaubte auch, nun ganze Worte dazwischen zu hören, die sie allerdings nicht verstand. Als sie an die vordere Eingangstür kam, hatte sie freien Blick auf die Fahrerkabine. Sie war leer, der Sitz des Fahrers musste bei dem Sturz, wie viele weitere, das Seitenfenster durchschlagen haben und dann in der Tiefe verschwunden sein. Irgendwo hier musste aber auch die Stimme herkommen. Sie tastete durch die Kabine und entdeckte rechts neben dem Lenkrad einen kleinen schwarzen Kasten, der durch ein Kabel mit einer Sprechmuschel verbunden war. Aufgeregt inspizierte sie die Tasten, drückte auf einige und rief „Hola? Holaa?“ in die Sprechmuschel. Endlich bekam sie eine Antwort. „Hola. Quién habla?“ Durch das Rauschen fiel es ihr schwer, die spanischen Worte in ihrem Kopf zu ordnen und nur stockend brachte sie den Satz „Caímos de la ruta“ hervor. Die folgenden Worte aus dem Lautsprecher waren von so lauten Knackgeräuschen begleitet, dass sie nur zwei Ortsnamen zu verstehen glaubte – Beginn und Ziel ihrer Fahrt. „Si, si, esa ruta!“, rief sie, „necesitamos ayuda!“ Wir brauchen Hilfe. Sie sank Richtung Boden, “necesitamos ayuda”. Sie rutschte ein Stück in Richtung des Fensters und kam mit ihren Füßen an der Buswand auf. Ein Zittern fuhr durch ihren Körper, unaufhaltsam und stark, und sie spürte, wie das Rauschen zusammen mit den Bildern vor ihren Augen zwischen Tränen und Dröhnen im Kopf zu verschwimmen begann.


Werkstattheft MiniLit Nr. 9

Während der Werkstatt ›Dann leben sie noch heute …!‹ sind folgende Texte entstanden, die in einem Werkstattheft unserer Reihe MiniLit (Nr. 9) veröffentlich wurden.

 

Vogel werden

Ich nehme mein Schwesterchen an die Hand. Ihre Hand ist klein und warm. Mein Schwesterchen spricht nicht viel, hat noch nie viel gesprochen. Schon mit dem ersten Wort hat sie sich lange Zeit gelassen. Sie zeigte auf eine Ente und rief: „Voooogel!“ Sie sprach immer wieder dieses Wort aus, als wollte sie prüfen, ob sie es noch konnte. Sie freute sich jedes Mal, wenn es ihr gelang, lachte dann, und wir lachten auch. Wir freuten uns, dass sie nun zu sprechen begonnen hatte.

In letzter Zeit schläft Mama ziemlich viel. Ein bisschen wie Dornröschen, hat Papa erklärt, weil es eine Weile dauern wird, bis sie nicht mehr so müde ist. Morgens besuchen wir sie in ihrem Zimmer. Die Vorhänge sind zugezogen. Mama liegt unter der Daunendecke, streckt ihre Hand aus und streicht uns über den Kopf. Dann laufen wir los, Hand in Hand, nach draußen in den Park, zum Ententeich.

Meine Schwester sagt „Stein“. Beim Ententeich spielen wir, dass wir Steine sind. Ein großer und ein kleiner Stein. Wir knien uns auf den Boden, machen uns kugelrund, bleiben einfach so. Wir dürfen nur flach atmen und keine Geräusche machen, denn die Leute, die vorbeigehen, sollen nicht sehen, dass wir keine Steine sind; und sie erkennen uns tatsächlich nicht, obwohl wir manchmal kichern müssen. Sogar Papa fällt darauf herein, als er uns zum Essen ruft. Wir wollen noch nicht nach Hause, wollen noch eine Weile Steine bleiben. Erst als die Dämmerung einsetzt, gehen wir zurück. Mein Schwesterchen sagt: „Vergiss mich nicht!“ Ihre Hand liegt klein und warm in meiner.

„Nein, ich vergess’ dich nicht, und du vergisst mich auch nicht.“

Sie blickt nach unten, setzt hastig einen Fuß vor den anderen und sagt: „Nimmermehr!“

Am Tag danach ist Mama immer noch müde. Sie streicht uns über den Kopf, richtet sich mühsam auf, beugt sich nach vorne und gibt uns einen Kuss auf die Stirn. Dann fällt sie zurück in die Kissen und schläft weiter. Wir spielen wieder am Teich, legen uns auf den Bauch. Jetzt sind wir das Gras. Gras war das dritte Wort, das meine Schwester in ihrem Leben gesprochen hat. Die Leute spazieren über uns hinweg, die Hunde tollen auf uns herum, die Kinder spielen Frisbee und Federball auf uns. Wir werden besser, können uns zusammenreißen, unser Kichern unterdrücken. Nur manchmal entwischt uns noch ein kleines Glucksen. Wieder findet uns Papa nicht, als er uns zum Essen ruft. Wir wollen jetzt nicht zurück, es ist einfach noch zu schön, Gras zu sein.

Also bleiben wir so, bis die Dämmerung einsetzt. Mein Schwesterchen fragt: „Du vergisst mich doch nicht, oder?“

„Nein, ich vergess’ dich nicht, und du vergisst mich auch nicht.“

„Nimmermehr“, sagt sie und drückt fest meine Hand.

Am nächsten Tag sitzt Mama aufrecht im Bett, hat bereits auf uns gewartet, streicht uns über den Kopf und küsst uns auf die Stirn. Dann sind wir schon wieder am Teich.

Wir setzen uns ans Ufer, wollen so still sein wie das Wasser, das schweigend vor uns liegt. Wir sind gut geworden, schaffen es, kein einziges Wort zu sprechen. Als Papa uns zum Essen ruft, erkennt er uns nicht. Wir sind eins geworden mit dem Teich. Bald wird es dunkel, aber ein bisschen wollen wir noch bleiben.

„Du vergisst mich nicht und ich vergess’ dich auch nicht!“, erklärt mein Schwesterchen mit fester Stimme.

„Nimmermehr“, sage ich.

Sie nickt zufrieden. Eine Stimme ruft nach uns, sie klingt vertraut, wir haben sie lange vermisst. Meine Schwester lässt überrascht meine Hand los und dreht sich um. Unsere Mutter kommt ans Ufer gelaufen und setzt sich zu uns. Auch sie ist ganz still, ist jetzt wie wir eins mit dem Teich.

Wind kommt auf und mit ihm erhebe ich mich in die Luft. Mit ein paar Flügelschlägen gelange ich zur Mitte des Teiches, lasse mich auf dem Wasser nieder. Es ist kalt, umspielt meine Federn, kühlt meinen Bauch. Ich sehe, wie meine Schwester etwas zu meiner Mutter sagt und ihre Lippen Worte formen, aber ich kann sie nicht verstehen. Die Dämmerung hat eingesetzt. Ich sehne mich nach dem Grund unter mir, die Sehnsucht steigt langsam immer weiter in mir auf, bis sie beginnt, unter meinem Gefieder zu pulsieren.

Meine Schwester und meine Mutter blicken in meine Richtung, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie mich sehen können oder durch mich hindurchblicken auf die Landschaft hinter mir. Ich breite meine Flügel aus, schlage ein paar Mal in die Luft, ohne abzuheben, spreize noch einmal die Federn, lege die Flügel wieder an, halte meinen Vogelleib gespannt und tauche, Schnabel voran, zum Grund hinab.

(Adaption von »Fundevogel«)

Hinter der Rosenhecke

Die Blätter schlugen mir ins Gesicht. Ein paar Schritte vor mir hatte Bertha sich durch das grüne Dickicht gewühlt. Ich folgte ihr. Farne, Schmetterlingsbäume, hüfthohe Brennnesseln, die sogar durch unsere Kleidung stachen. Meine Haut brannte. Rosenranken türmten sich hoch über uns auf, ihre dornigen Widerhaken bohrten sich durch meine Jacke und hielten mich fest. Von weiter vorne hörte ich Bertha murmeln: „Rosa canina, Rosa bracteata, Rosa phoenicia Boiss, Urtica dioica, Osmunda regalis, Buddleja davidii …“

„Bertha! Wie kommst du so schnell da durch?“

Bertha blieb stehen. Ich kämpfte mich weiter voran. Um einige Schrammen reicher, gelangte ich schließlich bei ihr an. Mit einem Taschenmesser schnitt sie soeben einen Rosenzweig ab, der eine Knospe, Blätter und Dornen trug.

Sie steckte ihn in ihren Rucksack. „Für später“, sagte sie.

Ich nickte, zog meine Kamera hervor und dokumentierte meine Verletzungen. „Fotografier auch noch die Trollblume und den Grünen Nieswurz! Die sind auf der Roten Liste der aussterbenden Arten. Ich habe die jahrelang nicht mehr gesehen.“

Ich fotografierte die Blumen, auf die Bertha zeigte. Die gelben Blüten der einen lagen übereinander wie ein zerknautschtes misslauniges Gesicht.

„Los, weiter!“, drängte Bertha.

Wir hörten nur das Rascheln der Blätter und unsere Schritte.

Wo waren die Vögel? Wo waren die Käfer, Schmetterlinge und anderen Insekten? Wir standen jetzt inmitten von Dornenbüschen. Es war dunkel um uns herum. Ein bisschen Licht fiel nur durch einen kleinen Durchgang hinter uns, der sich – bildete ich mir das ein? – langsam wieder schloss.

„Zeit für die Machete?“, fragte ich unsicher.

„Ich fürchte, ja.“

Bertha holte die Machete aus ihrem Rucksack. Sie lag sicher in ihren sehnigen, starken Händen und bahnte uns einen Weg durch das Geäst. Ich hatte jedes Gefühl für Zeit verloren. Ich schaute auf mein Handy. Zwei Stunden schlugen wir uns schon durch diese wilde Vegetation. Plötzlich ein scheppernder Laut. Bertha musste mit der Machete etwas Hartes getroffen haben. Eine Wand? Ich leuchtete mit dem wenigen Licht, das mein Handy bot, durch die Dornen: graue, dunkle Steinquader.

„Es ist hier.“

Meine Stimme bebte vor Erregung. „Wir müssen den Eingang finden.“

Wir bewegten uns nun an der Wand entlang, schabten und schlugen die knorrigen Äste vom Mauerwerk und tasteten jede Unebenheit ab, in der ständigen Erwartung, auf ein Fenster, eine Tür oder ein Loch zu stoßen.

„Hier ist etwas!“

Hinter den Dornen lag, kaum sichtbar, eine modrige Holztür mit einer rostigen Klinke. Bertha befreite die Tür vom Gewächs. Ich begann an der Klinke zu rütteln, zu ziehen und zu drücken.

„Nicht mit Gewalt.“ Bertha legte sanft ihre Hand auf meine und drückte die Klinke herunter. Die Tür ließ sich öffnen, schwerfällig und knarzend.

Drinnen herrschte dichtes Schwarz. Der Geruch von Fäulnis strömte uns entgegen. Nur das Handylicht warf einen blassen Lichtkegel vor unsere Füße.

„Wie viel Akku hast du noch?“

„Dreizehn Prozent“, las ich vom Display ab. „Wenn ich das Licht anlasse, vielleicht noch eine Stunde, vielleicht nur eine halbe.“

„Und die Kamera? Mach mal ein Foto mit Blitz, ich will sehen, was hier ist, wie groß der Raum ist.“

Ich holte die Kamera hervor. Für einen kurzen Augenblick war alles in gleißendes Licht getaucht. Ich war geblendet.

„Zeig das Foto!“, verlangte Bertha.

Pilze, Schimmel überwucherten, was vielleicht einmal Möbel gewesen waren. Weiter hinten im Raum ein Durchgang.

„Da müssen wir durch.“ Vorsichtig bahnten wir uns einen Weg durch den Raum, im engen Radius des Handylichts. Ich versuchte, den Pilzgeschwüren auszuweichen, doch Bertha zogen sie magisch an.

„Ich will eine Probe nehmen“, sagte sie und griff mit einem Plastikbeutel nach einem Pilz, der im schwachen Licht schleimig glänzte. Doch als sie den Pilz abzog, sah sie, dass sich darunter alter Stoff hob und senkte.

Vor Schreck hielten wir die Luft an und hörten – ganz leise – einen fremden Atem. Wir fuhren den riesigen Schleimpilz mit dem Licht ab. Er hatte sich um einen Körper geschlungen. Am Boden des Pilzes lugten zwei Füße hervor, die in altmodischen Schlappen steckten.

Die Gerüchte bewahrheiteten sich also. Damit hatte ich nicht gerechnet.

„Weiter!“, flüsterte Bertha schließlich und schob mich entschieden fort, ins nächste Zimmer. Auch dort waren überall riesige Pilze – und jetzt, da ich es wusste, hörte ich ganz leise von überall her Atemgeräusche …

Wir bewegten uns von Zimmer zu Zimmer. Bertha nahm Probe um Probe. Der Akkustand sank beständig. Zuletzt, als nur noch drei Prozent verblieben, fanden wir uns vor einer geschlossenen Tür wieder. Alter Lack blätterte ab.

Wir zogen die Tür auf. Vor uns wand sich eine steinerne Wendeltreppe in die Höhe. Wir stiegen empor. Unsere Schritte hallten. Als wir auf der obersten Stufe standen, waren wir in einem kleinen Raum angekommen. Mit Löchern in den Wänden, durch die Schlingpflanzen und Rosen in das Zimmer wuchsen.

Ein einsames Bett und ein Spinnrad standen dort.

(Adaption von »Dornröschen«)


Werkstattheft MiniLit Nr. 6

Während der Werkstatt ›An Bord — ÜberLeben von A nach B‹ sind folgende Texte entstanden, die in einem Werkstattheft unserer Reihe MiniLit (Nr. 6) veröffentlich wurden.

Blätterfall 

Kälte. Kaltes Meer an das Boot schlägt. Kalte Luft meine Haut peitscht. Fest zusammengeschnürt den Stoff um mich gehüllt, wasserabweisend, doch nicht resistent. Alles ist Kälte. Ich versuche, langsamer zu atmen. Die Kälte gelangt in einem Sog in meine Lunge und packt sie, umhüllt sie mit eisigem Schauer. Atemzug um Atemzug breitet sie sich aus und will nicht mehr entweichen.

Ich muss die Luft anhalten, die Kälte abschütteln. Sie wird mein Tod sein. Nicht in den Fluten ertrinken. Nicht durch Hunger oder Trinkwassernot wird das Leben ein Ende nehmen. Ich halte die Luft an, Energie sparen. Lausche dem Meer, welches ich nicht mehr ertragen kann. Es ist kein Lauschen, schon lange nicht mehr. Ich bin dem ausgesetzt, ausgeliefert. Das permanente Geräusch des Meeres dröhnt in meinen Ohren.

30 Sekunden sind verstrichen oder schon mehr. Zähle ich zu langsam oder zu schnell. Das Dröhnen. Ich nehme einen Atemzug und öffne dabei die Augen. Ein Blatt, es fällt vom Himmel. Es wird still um mich. Und noch eins! Ich kann das Meer nicht mehr hören. Kein Geräusch. Frost weicht Wärme. Ich will schreien, rufen, meinen Kameraden die Blätter zeigen. Die Kameraden, lange habe ich schon nicht mehr an sie gedacht. Ich musste Energie sparen. Schon seit Tagen beachte ich sie nicht mehr, die neben mir stehen. Einer steht vor mir, vier oder fünf auf der rechten und zwei auf der linken Seite. Es ist einerlei, welchen Platz ein Mensch in diesem Boot einnimmt. Doch jetzt möchte ich rufen: „Hört hin, der Lärm, ja der Lärm, ich höre ihn nicht. Fühlt, atmet, die Kälte ist vergangen.“

Ich könnte in das Meer springen, die Blätter mit den Händen greifen. Sie aus dem Meer fischen und keine Kälte würde ich spüren. Es wäre nicht mal bedenklich oder gar todesmutig. Das Meer hat sich auf meine, auf unsere Seite gestellt. Die Kälte und den Lärm mitgenommen. Kann das sein?

Blätter fallen vom Himmel, wahrhaftig, mitten auf dem Meer. Kein Wald, kein einziger Baum steht in der Nähe. Meine Kameraden haben die Augen verschlossen. Ich sollte sie wecken, aber vielleicht fallen die Blätter dann schneller ins Meer oder das Ereignis entflieht innerhalb einer Sekunde und die Kälte kehrt zurück. Vielleicht darf nur ich dieses Spektakel erleben. Wie in Zeitlupe fallen die Blätter, langsam, langsamer, noch langsamer. Ich atme. Wärme durchströmt mich. Hitze.

Nein! Ich werde niemanden rufen. Dies ist mein Erlebnis. Das sind meine Blätter. Ich versuche, keinen Laut von mir zu geben und langsam zu atmen. Wie wunderschön die Blätter sind. Eins kann ich doch greifen. Langsam den Arm strecken, leise, noch leiser und zugreifen. Meine Blätter. Der linke Kamerad öffnet die Augen. Verflixt, ich war zu laut. Er lächelt und ruft: „Schaut, Blätter fallen vom Himmel.“ Da öffnen alle Kameraden die Augen. Kein weiteres Blatt fällt mehr vom Himmel. Ich atme kalte Meeresluft ein. Vielleicht stürze ich mich auf den Kameraden. Vielleicht schließe ich die Augen und werde sie nie wieder öffnen. Vielleicht springe ich ins Meer. Langsam schließe ich die Augen. Kälte.

An Bord eines Raumschiffs

I

Ich stehe an der Reling im Wind, im Wiiiind. Ich konzentriere mich auf das Gefühl, wie er über meine Haut streicht, mich leicht frösteln lässt. Ich will es speichern, einpacken, mitnehmen. Ich werde es vielleicht nie wieder spüren. Mein Bauch beginnt zu grummeln, nicht vor Hunger, es ist diese verwirrende Mischung aus Aufregung, Ungeduld und Angst. Was wird mich erwarten?

Mein Abschied ist unter dem Mantel dieser Gefühle an mir vorbeigezogen. Als sie mich in die Arme schlossen und mir „Viel Glück!“ wünschten. Die Kollegen aus dem Labor, die meinten: „Wieso ausgerechnet du und nicht ich?“ Meine Eltern, die mir eigentlich sagen wollten: „Warum machst du das? Wir brauchen dich hier.“

Ich muss es tun, seinetwegen. Ich wusste es in dem Augenblick, als ich die Ausschreibung sah. Kein Moment des Zweifelns. Auch jetzt nicht, da ich das Raumschiff vor mir sehe und alles zum Greifen nah ist.

Es war sein Traum. Er hatte von nichts anderem mehr gesprochen und mir zu Weihnachten ein Teleskop überreicht. „Siehst du, das hier ist die Erde.“ Er zeigte auf unsere Füße: „Da sind wir jetzt.“ Dann drehte er am Objektiv des Fernrohrs: „Und wenn ich mal nicht mehr bin, dann treibe ich irgendwo dort draußen umher.“

Worte, die sich in mein kleines Gehirn einbrannten.

„Er ist nicht mehr ganz richtig im Kopf“, hatten meine Eltern gesagt. Und jetzt dachten sie dasselbe über mich.

Entschlossen wende ich mich um und gehe hinein, um auf den Morgen zu warten, auf den Abflug, auf den Moment, in dem sich alles umkehrt und mein Himmel nicht mehr blau ist, sondern tiefschwarz und voller greifbarer, funkelnder Möglichkeiten.

II

Klicken, Rauschen. Die Knöpfe blinken in meinen Augenwinkeln. Ganz wild, ganz rot. Ein schlechtes Zeichen? Geht irgendwas schief? Etwas drückt auf mich, die Tonnen Metall um mich herum bewegen sich. Es ruckt und wackelt. Ich kippe zur Seite, sehe die Schemen der anderen vorbeiziehen. Was, wenn ich falle … was, wenn ich mich verletze … wenn … Mein Magen stürzt ab, wie in diesen High-Speed-Aufzügen. Ich klammere mich an den Sitz und meine Fingerknöchel werden weiß. Ich sehe kein Draußen. Ich spüre, wie wir an Höhe gewinnen, aber ich sehe es nicht. Meine Gedanken entwischen mir, ich fühle den Druck auf meinen Schläfen, sehe das Augenpaar mir gegenüber, weit aufgerissen, und frage mich, wie ich selbst aussehe. Auf meinem Sitz gekauert. Wir sind jetzt Schatten. Erstarrte Silhouetten inmitten von roten Blinklichtern.

III

Ich schwebe zu einem der Sessel und lasse mich darauf nieder. Die anderen sind in Bücher vertieft oder in einem anderen Teil des Raumschiffs unterwegs. Sie haben aufgehört, täglich Videobotschaften zu senden. Ich habe noch keine einzige verschickt.

Die anfängliche Begeisterung über die Schwerelosigkeit hat nachgelassen, die regelmäßigen Zusammenstöße in der Luft auch. Jetzt vergeht die Zeit zäh, wie in einem endlosen Zustand.

Wir sind zu viert. Maggie ist sehr ruhig, sie sitzt meistens am Fenster, aber wenn sie sich doch ins Gespräch einmischt, funkeln ihre Augen vor Vorfreude und ihre ruhige Stimme bringt alle zum Zuhören und Träumen. Ben hingegen ist immer aufgekratzt, unruhig, er kann das Warten am wenigsten ertragen und bringt uns mit seinen Witzen und seiner Unruhe entweder zum Lachen oder treibt uns zur Weißglut. Nur Linda bringt ihn manchmal zum Schweigen, wenn sie sich durch ihre glänzenden Haare streicht und ihn abschätzig anblickt. Noch schaut sie auf uns alle herab, aber wenn ihr endgültig bewusst werden wird, dass es nur uns vier gibt und die Zuschauer vor dem Fernseher nichts für sie tun können, wird sie von ihrem hohen Ross heruntersteigen müssen. Ich halte mich meistens raus. Ich muss meine Position erst noch finden und werde bis dahin beobachten.

IV

Wir befinden uns nun in einem seltsamen Zwischenraum, in dem wir nicht so recht aufeinander zukommen. Über unsere Erinnerungen, denen wir nachhängen oder von denen wir uns langsam zu lösen versuchen, wollen wir nicht gerne sprechen. Nur manchmal brechen Hoffnungsschimmer aus dem einen oder anderen heraus. Wir geraten ins Schwärmen, überlegen, wie es wohl sein wird. Maggie dreht sich dann zu uns um und malt die Zukunft in den buntesten Farben. Sie blickt dabei oft zu mir herüber und ich fühle mich unwohl und geschmeichelt zugleich, da sie mich anscheinend als Teil dieser Zukunft akzeptiert hat.

Jedes Mal gelangen wir irgendwann an den Punkt, an dem Ben stöhnt: „Wären wir doch endlich da.“ Danach herrscht wieder Schweigen, und wir kehren zu unseren Beschäftigungen zurück – als wäre nichts geschehen.

Mars One

I

Mir scheint, so weich wie heute war das Fell hinter deinen Ohren noch nie. Bereits eine halbe Stunde sitze ich hier und streichle in Gedanken deinen Kopf. Ich spüre dich so deutlich, dass ich anfange, lose Haare von meiner Hose zu zupfen. Wie blöd kann man sein?

Tiere sind nicht erlaubt, ich fliege allein. Das habe ich mir so ausgesucht, und es wird mir den Schlaf rauben.

Ich werde die Erde verlassen, einen Neustart wagen, alles auf null setzen. Als einer der ersten Menschen. Allen Ärger, alles, was uns belastet, können wir zurücklassen. Wir starten ohne Krieg in unserer Geschichte. Ohne Geld. Wir werden eine neue Gesellschaft bilden. Wer könnte da Nein sagen? Wir werden die Zukunft sein.

II

Meine Knie zittern, ich kann sie nicht stillhalten. Was willst du halten?

Diese Vibration. Dieser Druck. Den Weg zurück gibt es nicht, Maggie.

„Halt den Mund!“

Mein linkes Auge pocht, es brennt, will bersten. Ein weißer Blitz rammt sich in meinen Schädel. Zurück! Weg! Schluss! Ich werde verrückt. Grün. Gelb. Schwarz. Meine Welt dreht sich. Herum. In meinem Magen. Drückt sich. Heraus. Der Lärm schluckt alles. Er wird dich schlucken! Jetzt.

III

Ich habe angefangen, mir Rituale zu schaffen. Morgens, oder besser: Wenn ich die Augen öffne, rezitiere ich das erste Gedicht, das mir einfällt, oder singe die erste Liedzeile stumm vor mich hin. Ich nehme einfach den allerersten Gedanken und erzähle eine kleine Geschichte, nur für mich. Zeit ist relativ.

Jedes Mal erstaunt es mich aufs Neue, wie meine Augenlider irgendwann vor Erschöpfung zufallen und mich mit diesem Akt der Milde in einen Dämmerzustand zwischen Traum und Nichts sinken lassen. Heben die Lider sich, durchschreite ich das Tor zu meiner persönlichen Hölle.

Unsere menschlichen Geräusche vermischen sich mit den Geräuschen der Maschine, den Piepsern, dem Rauschen des Air Conditioners, der unsere Luft keimfrei aufbereitet zu unseren Lungen zurückschickt. In diesem Chaos wabert die eine Seite zur anderen, immer häufiger entgleitet mir das Oben und Unten, bis selbst Mensch und Maschine ununterscheidbar werden.

Ich hoffe jeden Tag, dass mir die Worte bleiben, die Lieder, die Geschichten, dass sie auf eine unergründliche Art angespült werden und ich sie aufsammeln kann wie die Muscheln als Kind.