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>> Bremer Autorenstipendium 2016

>> Bettina Beutler-Prahm: ›Ob es reicht‹

>> Sabine Breitbach: ›Das Foto‹

 

>> Bremer Autorenstipendium 2015

>> Katharina Mevissen: ›Ich kann dich hören‹

>> Gianna Lange: ›Elise‹

 

>> Bremer Autorenstipendium 2014
>> Philipp Böhm: »Elektrisches Pferd am Himmel über Berlin«
>> Benjamin Titjen: »›Mister Gute Mine«

 

>> Bremer Autorenstipendium 2013
>> Nicoleta Craita Ten’o: »Man bezahlte den Kuckuckseiern den Rückflug«
>> Betty Kolodzy: »›Lux«

 

>> Bremer Autorenstipendium 2012

>> Janko Marklein: »Florian Berg (AT)«
>> Renate Ullerich: »Die Stunde«

 

>> Bremer Autorenstipendium 2011
>> Corinna Gerhards: »Alleiner«
>> Fabian Hischmann: »Am Rand«

 

>> Bremer Autorenstipendium 2010

>> Christina Böhm: Persephones Reise
>> Torsten Wohlleben: So ging ich fort und kam bald wieder

 

>> work in progress: Im Steinbruch der Literatur
>> Volker Heigenmooser: Italienische Reise. (Non) in memoriam G.
>> Peter Abromeit: Monster
>> Marlis Thiel: In der Schule des Schimpfens
>> Bernd Oei: Also antwortete ich Zarathustra
>> Jürgen Alberts: In der Krise – Die Rednerschule
>> Jens-Ulrich Davids: Happy day: Triumphzüge, dialektisch
>> Janine Lancker: Adaption III, Allerleirauh
>> Heide Marie Voigt: Allerlei-Rauh

 

>> work in progress goes crime
>> Jürgen Petschull: Abgeschossen
>> Joe Schlosser: Brennecke
>> Rose Gerdts-Schiffler: Tod im Zeitungshaus 
>> Christiane Franke: Blind Dead
>> Helge Thielking: »Wagen 13«

 

>> Welttag des Buches 2010  
>> Ina Kronenberger: Ein Buch, das mein Leben geprägt hat

 

 

 

Bremer Autorenstipendium 2016

Die Bremer Autorenstipendien 2016 gehen an Bettina Beutler-Prahm und Sabine Breitbach.

Lesen Sie hier Auszüge aus den eingereichten und prämierten Manuskripten.

›Ob es reicht‹ (AT) von Bettina Beutler-Prahm - Auszug aus dem eingereichten Manuskript

Oktavsprung

 

Er hatte seinen Panzer angezogen und war raus. Die Tür zugeschlagen, Beats auf und abgetaucht. Es begann gerade hell zu werden, die ersten Geschäfte machten schon auf, aber Paul hatte vorgesorgt. In seinem Turnbeutel, den er über die Schultern gehängt hatte, befand sich genug Proviant, mehr würde er nicht brauchen. Bloß keinen Kontakt. Zu niemandem.

Jetzt nicht.

Als er sie das erste Mal traf, im Supermarkt, zusammen mit Felix – du weißt doch, Mama, Felix, Felix aus dem Kindergarten – hatte er sie im ersten Moment für Felix’ Bruder gehalten, mit dem komischen Haarschnitt und den weiten Klamotten. Hatte sie für seinen Bruder gehalten und, weil sie so klein war und ihn so breit angrinste, geglaubt, der sei irgendwie nicht ganz richtig im Kopf. Das hatte er nicht gewusst, dass Felix einen Bruder hatte, der nicht ganz richtig im Kopf war, im Kindergarten hatte er den jedenfalls noch nicht gehabt. Jetzt aber auch nicht. Anna war nicht sein Bruder, und sie hatte erst recht keine Meise – jedenfalls nicht mehr als die meisten anderen und er selbst auch. Eigentlich sogar noch deutlich weniger als er selbst.

Anna. ANNA. Trotzig schaltete Paul die Musik lauter. Sie hatten richtig viel Spaß miteinander gehabt. Anna. Warum hatte es nicht so bleiben können. Lachen, bis man keine Luft mehr bekam und wirklich Angst hatte, zu ersticken, aber dann auch wieder keine Angst, weil, es wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, es war gerade so schön. Scheiße bauen, sich zusammen stark fühlen, Geheimnisse haben, den ganzen Tag zusammen auf dem Bett liegen und zocken, aus dem Fenster gucken, lästern, Videos ansehen, boxen, den Kopf streicheln, die seidigen Haare, die blonden Locken. Ey Alter, was geht.

Irgendwann wurde es schwierig. Damit hatte er nicht gerechnet, war nicht vorbereitet gewesen, was auch immer. Die brennende Röte, die es Paul bei dem Gedanken an die letzten Begegnungen mit Anna vor Weihnachten ins Gesicht trieb, bahnte sich sofort – instant, Alter – einen Weg zu dem leichten Gefühl von Übelkeit weiter unten im Körper, verband sich, schoss hinein, hob die Übelkeit an, die in einer geradezu organischen Welle ins Gehirn zurückschwappte und alles andere daraus verdrängte. Wie Hirnfrost, nur in heiß. Hirnbrand. Instinktiv schob Paul die geballten Hände tiefer in die Taschen seines Anoraks und beschleunigte seinen Gang.

Anna war anders gewesen als die anderen Mädchen, hatte er gedacht. Anna war doch anders.

Aber dann eben doch wieder nicht. (...)

 

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Bettina Beutler-Prahm

›Das Foto‹ von Sabine Breitbach - Auszug aus dem eingereichten Manuskript

Eines Tages, viele Jahre später, wird sie an einem frühen Morgen, noch vor dem Weckerklingeln wach werden und vor ihrem inneren Auge, auf der Leinwand, auf der gerade noch die nächtlichen Traumfilme liefen, wird immer noch ein Bild zu sehen sein. Dieses Standbild wird nach dem Aufstehen nicht verschwinden, auch nicht beim Duschen oder beim Frühstück und selbst am Abend wird es immer noch nicht verblasst sein. Sie wird es nicht mehr vergessen, nun, nachdem sie damit begonnen hat, sich daran zu erinnern. Es ist die Erinnerung an ein Foto, das sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat und sie wird sich erinnern, dass sie dabei war als dieses Foto entstand. Jedenfalls wird sie glauben, sich daran zu erinnern. 

Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt zwei Personen vor einer Ziegelmauer und eine Brettertür im weichen Licht eines verregneten Vormittags. Die zwei, eine junge Frau und ein etwas jüngerer Bursche, sind Bruder und Schwester, es sind ihre Geschwister. Die Schwester schaut direkt in die Kamera und krümmt sich vor Lachen, der Bruder rechts daneben sieht betreten grinsend zum Fotografen. Dort hinter der Tür neben den beiden steckt der Anlass für ihr Gelächter, eine dritte Person, unsichtbar. Diese Person, der kleinere Bruder, würde gerne das ungastliche Chemieklo verlassen, das er wegen Durchfalls an diesem Vormittag schon viele Male aufsuchen musste, kann es aber nicht, denn von außen ist der Riegel vorgeschoben. Später wird sie, die jüngste Schwester, sich an sein wütendes Getrampel und Geheule hinter der Brettertür zu erinnern meinen, aber was bedeutet das schon? Sie meint, sich auch zu erinnern, als dieses Foto entstand, rechts knapp hinter ihrem Vater gestanden zu haben, gerade erst hinzugelaufen, als er seine alte Balgenkamera gehoben hatte, um die letzten Fotos auf dem Film auszunutzen. Vielleicht, und das ist ebenso wahrscheinlich, hat er jedoch mit der kleinen Sucherkamera fotografiert, die ihre Schwester zur Konfirmation bekommen hatte. Sie ist ziemlich sicher, hingelaufen zu sein, weil gelacht wurde, meint sich außerdem zu erinnern, auch jenes Mal wieder nicht verstanden zu haben, worüber eigentlich gelacht wurde. Sie hätte eben gerne mitgelacht. 

Es war eine kurze Pause im Dauerregen einer Reihe trister Tage. Für ein paar Minuten hielten die Wolken, die sich schwer und grauschwarz und grünlich über den Himmel wälzten, dicht. Wahrscheinlich waren sie alle einfach nur erleichtert, jetzt endlich wieder nach Hause zu fahren. Und vielleicht bedeutete dieses Lachen auch nichts anderes als Erleichterung, nur Rolf kam nicht herunter von diesem Plumpsklo in dem Bretterverschlag. 

Später wird sie sich fragen, ob sie damals auch gelacht hat, ihren nur wenig älteren Bruder ausgelacht hat in seiner Notlage und seiner Wut, und sie wird sich wünschen, nicht gelacht zu haben, und wenn doch, würde sie sich heute noch dafür schämen, über vierzig Jahre später, denn wie auf dem Foto ist dieser Bruder auch in der heutigen Wirklichkeit nicht sichtbar, sondern seit Jahren verschwunden. Und sie wird sich fragen, was da in diesen Jahren eigentlich so schief gelaufen ist, dass er so gründlich hatte verschwinden müssen. Sicher war es nicht nur diese eine Szene und der Vater, der nichts Besseres zu tun hatte, als ein Foto davon zu machen, während Rolf hinter der Tür randalierte. Und sie wird dieses Foto im Kopf mit sich herumtragen und es nicht verstehen, wieder einmal nicht verstehen, was vor sich ging und warum eigentlich gelacht wurde. So wie sie damals oft dabei gestanden hat und sich ein Bild, einen Satz, einen Gesichtsausdruck zu merken versuchte, um ihn später zu verstehen, später, wenn sie größer wäre. 

 

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Sabine Breitbach

Bremer Autorenstipendium 2015

Die Bremer Autorenstipendien 2015 gehen an Katharina Mevissen und Gianna Lange.

Lesen Sie hier Auszüge aus den eingereichten und prämierten Manuskripten.

›Ich kann dich hören‹ von Katharina Mevissen - Auszug aus dem eingereichten Manuskript

(Prolog)

Zuerst und vor allem sollst du zuhören. Denn so habe ich angefangen, und nach allem, was wir erlebt haben, kann ich dir mit geradem Blick in dein Gesicht sagen, dass das Zuhören etwas unfassbar Schönes ist. 

Ella hat mir dieses Zuhören beigebracht, auch wenn ich schon vorher gar nicht so übel darin war. Ich hab sie gehört, oft, lange, gründlich, hab ihr zugehört, ihre Sätze fast auswendig gelernt. Ich würde sagen, dass ich sie kenne. Obwohl ich kein Bild von ihr habe, keinen Geruch. Das ist nicht so wichtig. Ohne Ella hätte ich nicht angefangen. 

(…)

Ich schleiche auf der Radspur entlang, das Cello auf meinem Rücken ist schwerer als sonst. Müll und Pfand auf dem Weg. Loses Laub und leere Bäume. Ich will Kaffee jetzt, Kaffee mit Zucker, zum mitnehmen und weglaufen. Ich fühle mich verklumpt. Mein Kopf ist verstopft vom Wochenende im Ruhrgebiet, dem völlig daneben gespielten Notenmatsch von der Prüfung, dazwischen geistert Ellas Stimme herum. Die Tage wueden kürzer, es dämmert schnell, das Tageslicht überholt mich und verschwindet. Die gewissenhaften Radfahrer fahren mit Licht und klingeln mich vom Fahrstreifen. Ich rege mich heute noch nicht mal auf über diese beknackten Verkehrsklugscheißer, ich starre nach vorne und die Ampellichter starren glimmend zurück, durch die leeren Bäume. Nach Hause. Ich muss zumindest dieses beschissene Cello loswerden. 

Ich komme nach Hause, oder zumindest nach dort, wo ich wohne.

Das Licht ist noch an, es ist schon wieder vergessen worden.

Abwesend puhle ich mir die Kontaktlinsen aus den Augen. Ansonsten lasse ich alles so, wie es ist. Den Belag auf den Zähnen, den Zucker, das Schlechte. Das Licht brennen, ich kann heute nicht, kann heute wirklich nicht der Letzte sein, der, der es ausmacht.

Jetzt bin ich bei dir, Ella. Setzte mir Kopfhörer auf, damit ich dich nicht teilen muss, damit ich mit dir alleine bin. Knipse deine Stimme an. Ich höre dich. 

Track 8:

„Wir gucken in die Wolken, liegen im kalten Sand, die Wolken sind dick und quellig, wir gucken ihnen nach, wie schnell sie ziehen.

Auf Wolken kann man nicht liegen. Das ist nur Wasserdampf. Das hast du mir damals wirklich gesagt, als ich dir erzählt hab, dass ich mich gerade oben auf die Wolken legen würde, und fliegen. Nein, meintest du, hast, auf Wolken kannst du nicht liegen, die sind aus Wasserdampf, nur Wasserdampf, da fällst du einfach durch.“ 

Track 9:

„Hello, hi. Thank you for taking us. Yes, Galway is perfect. And... oh, sorry. I am Ella, my name is Ella. That’s my sister, Jo. (Geräusche: irisches Autoradio, undeutliche Männer- stimme) Yes, yes, from Germany, you know Hamburg, of course? We are from Hamburg. (Wieder Männerstimme, unverständlich, Radio wird lauter gedreht). „I don’t know that song, but I like it. Yes, the music is good. (Männerstimme) Oh, no, she can’t hear it. My sister is deaf. (Musik wird noch lauter gedreht) No, no, she won’t hear it, only the beat, sometimes.“ 

Ich drücke auf Pause. Halte die Augen geschlossen. Höre halbe Sätze Musik, die in meinen Ohren anschwellen, und sehe den riesigen, dicken Wolken zu, auf denen ich nicht liegen kann. Ich presse meine Handflächen fest in die Matratze.

 

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Katharina Mevissen

›Elise‹ von Gianna Lange - Auszug aus dem eingereichten Manuskript

Sie waren sich alle so sicher. Selbst Elise. Sprach und hustete Blut. Und dann riefen sie an und sagten, dass sie gelogen hatten. Dass sie gestorben war. Letzte Nacht, völlig unerwartet, denn an Tuberkulose stirbt heute niemand mehr. Und es stimmte auch nicht, dass ein totes Gesicht aussieht wie ein schlafendes. In einem schlafenden Gesicht ist das wache noch sichtbar. Es legt sich unter die oberste Hautschicht und wartet und schimmert durch den Schlaf. Und mit ihm sein Lachen, sein Weinen, seine Wut, die Falten, die dazu gehörten. Die Anstrengungen, die ein jeder Tag brachte, die die Knochen kleiner drückten und die Falten falteten. All das war jetzt weg. Es war aus diesem Gesicht gewichen und hatte etwas Farbe mitgenommen. Hier lag ein Gesicht, das keine Spuren mehr hatte. Durch die Haut, dabei war sie jetzt so hell, schimmerte nichts mehr hindurch. Ursprünglich sah es aus. Wie ein Gesicht, das kein Leid kannte, Ungerechtigkeiten und Trauer noch nicht kennengelernt hatte. Die Lachfalten um die Augen hatten ihre Arbeit verloren und lagen hilflos und untätig um die Augen meiner Mutter, die oft gelacht hatte. Mit dem Mund und den Falten und den Grübchen, aber nicht immer mit den Augen. So als müsste es reichen, der Welt zu zeigen: 'Sieh, ich lache noch. Aber sieh nicht so genau hin. Sieh nur auf den Mund und die Falten und die Grübchen. Siehst du? Ich lache noch. Siehst du, Sohn? Ich lache noch. Also sorge dich nicht.' Das hab ich nie, warum sollte ich jetzt damit anfangen? Sag mir, Elise, warum soll ich?

Als mein Unterbewusstsein feststellte, dass Emma meiner Mutter ähnelte, begann es umgehend, mir Sigmund Freuds Weisheiten an den Kopf zu werfen. 'Was soll denn das werden, Ödipus?' Und ich sah Emma an und sie lächelte mit den Augen. Anders als Elise, deren Augen schon lange nicht mehr gewusst hatten, wie das ging. Und wenn ich sie ansah, hielt alles in mir endlich die Schnauze. 

 

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Gianna Lange, Foto: Franziska Evers

Bremer Autorenstipendium 2014

Die Bremer Autorenstipendien 2014 gehen an Philipp Böhm und Benjamin Tietjen.
Lesen Sie hier Auszüge aus den eingereichten und prämierten Manuskripten.

›Elektrisches Pferd am Himmel über Berlin‹ von Philipp Böhm – Auszug aus dem eingereichten Manuskript

Zunächst war da ein Brummen in der Luft, ein Brummen so tief, dass es in den Eingeweiden spürbar war, womit primär der Magen gemeint war und vermutlich auch der Darm, der nun schwang, in Schwingung gesetzt. Zunächst war da ein Brummen, es war zuerst da und dann kam erst der Schatten, der nicht recht zu lokalisieren war, es musste hinter den Wolken sein, aber können wir überhaupt Dinge sehen, die hinter den Wolken fliegen? Beantwortet wurde der Klang zuerst von den Hunden und die drei weißen Möpse mit schwarzen mittelgroßen Flecken, die von der älteren Dame in der hellblauen Windjacke geführt wurden, deren offen präsentierte Arschlöcher keine drei Meter vor uns bisher meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten, setzten zu heulen an, schickten langgezogene Klagelaute dem Himmel entgegen, wo sich der große Schatten bewegte, den wir nicht recht finden konnten. Wir wussten nur: Er war da. Etwas flog da oben über dem Majakowskiring, über Berlin. Es war ein Herbsttag, der dem Ende entgegen schritt, so wie das Jahr unerbittlich gen Weihnachten ging. Majakowskiring, Berlin, Bäume ohne Blätter, tropfend vom letzten Regenfall, der noch nicht so lange zurück lag. Wir standen dort auf dem Trottoir zu dritt und vor uns heulten die Möpse, missachteten die ältere Dame, die an den Leinen riss, um sie zum Weitergehen zu ermuntern, das Gesicht gerötet, peinlich berührt. Doch auch sie konnte den Klang hören und warf ängstliche Blicke in den Himmel, den Wolken entgegen. Wir wussten nicht recht, ob wir stehenbleiben oder weitergehen sollten, wussten auch nicht, ob wir bereits an Lotte Ulbrichts Haus vorbei waren. Keiner von uns kannte sich aus in Berlin: Hartmann nicht, auch nicht die Frau vom Mond, und ich schon gar nicht. Ratlos harrten wir aus und ich zog die schwarze Wollmütze über meine Ohren, doch es war nicht möglich, das Geräusch draußen zu halten, die Schwingung war durchdringend. Gerade hatte Hartmann noch gesagt, er habe jetzt gerade ein Gedicht über Majakowski gelesen. Er hatte gesagt: Es handelt von Majakowskis Waffe, seiner Pistole, die irgendwer verkaufen möchte. Sei das nicht wunderlich? Majakowskis Kopf wurde selbst mit einer Kugel verglichen. Kanonenkugelkopf, sagte Hartmann, wurde er damals auch genannt. Und gerade als er sagte, Matthew Dickman, es sei Matthew Dickman gewesen, der das Gedicht geschrieben habe, brach der Huf durch die Wolken. (...)

 

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›Mister Gute Miene‹ von Benjamin Tietjen – Auszug aus dem eingereichten Manuskript

Feierabend. Die Menschen drängten sich auf dem Bahnsteig. Beleuchtet vom künstlichen Licht. Unter der Erde. Sie schauten auf ihre Armbanduhren. Sie tippten in ihre Handys. Sie lasen Zeitung. Einige unterhielten sich.
Er stieg die Treppen zum Bahnsteig tänzelnd runter. Ganz so, als wären die Stufen die Tasten eines Klaviers, das er mit seinen Stiefeletten bespielte. Beinahe in Trance. Ganz in Schwarz. Im Rhythmus zu der Musik, die aus seinem Walkman kam.    
Er schrieb mit einem schwarzen Marker ›Imagine there's no Heaven‹ an die Fliesen der U-Bahnstation. Seine Handschrift war nicht die eines Writers. Er schrieb Buchstabe für Buchstabe in sauberer Druckschrift. Hier und da verlief die Farbe. Er malte einen Schrägstrich hinter ›Heaven‹ und schrieb ›It's easy if you try‹.
Die Menschen lasen Zeitung. Ein Mann streichelte seinen verunsicherten Hund. Die Luft stand.
Er schrieb ›No hell below us‹. Ein Schrägstrich. Dahinter ›Above us only sky‹.
Die erste Strophe war fertig. Am Ende stand ›Living for today‹, und dann kam das Werbeplakat für ›Hugo Woman‹. Geschaffen aus einer neuen ungezähmten Lust am Leben.

Er ging zurück und schrieb unter die erste Strophe die zweite. Darunter die Dritte, die Vierte, den Schluss. Dann malte er dem weiblichen Model auf dem Werbeplakat eine runde Sonnenbrille. Dorthin, wo zuvor ihre bestechenden Augen waren. Und über ihren ernsten Mund malte er einen lachenden Mund.
Dann kam die Bahn. Er setzte sich ans Fenster und schaute auf die Wand. Alex nickte ihr zu. Ganz so, als kommuniziere sie mit ihm. Als bestätige er zufrieden ihren neuen Look.

(...)

 

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Bremer Autorenstipendium 2013

Die Bremer Autorenstipendien 2013 gehen an Nicoleta Craita Ten’o und Betty Kolodzy.
Lesen Sie hier Auszüge aus den eingereichten und prämierten Manuskripten.

Nicoleta Craita Ten’o ›Man bezahlte den Kuckuckseiern den Rückflug‹ (Romanprojekt) - Auszug aus dem eingereichten Manuskript

Gheorghe Dinu starrte auf das Bild von Ceausescu auf der ersten Seite eines Anleitungsbuches, als ihm am 25ten Juli 1988 diskret ein Zettelchen in die Hosentasche gesteckt wurde. Das schönste Porträtfoto des Diktators schmückte die erste Seite aller Bücher, die in Rumänien gedruckt und eingeführt wurden, von den Sachbüchern bis zu den Ratgebern, von den Kinderbüchern bis zu den Wörterbüchern. Ceausescus Porträtfoto war eine Meisterleistung. Hinter vorgehaltener Hand behaupteten gedämpfte Stimmen von mutigen Antisozialisten, das Foto sei durch intensive Nachbearbeitung zu diesem tollen Schnappschuss gemacht worden, denn Ceausescu sei sehr eitel und seine Ohren seien viel zu groß. Gheorghe Dinu schnitt keine Grimasse, er schlug die nächste Seite auf und bemühte sich, so vertieft in die Lektüre wie nur möglich zu erscheinen, obwohl er kein einziges Wort mehr verstand. Erst in der Sicherheit seiner eigenen Wohnung suchte er das Zettelchen in der linken Hosentasche. Schweißgebadet, mit zittrigen Händen warf er einen Blick an die Decke, weil er das Zettelchen nicht wiederfand, verzweifelt tastete er in seine rechte Hosentasche, konnte sich im Augenblick nicht erinnern, in welche Hosentasche der lebensbedrohliche Fetzen Papier vor ein paar Stunden, bei der Arbeit, hineingeschoben worden war. Auf dem Zettel stand nicht mehr als »1.11.1988 Timisoara - schwimmen wie ein Fisch - Angel mitnehmen«. Gheorghe Dinu hatte eine unglaubliche Geduld, die ihm nun zustatten kam. Er verbrannte das Stückchen Papier und schmiedete keine eigenen Pläne, unternahm überhaupt nichts, nein, er ging wie seit Jahren jeden Tag arbeiten, er verbrachte anschließend seine Abende in seiner Stammkneipe und bezahlte regelmäßig seine Miete. Mehr als das, er machte sich keine Hoffnungen, er wagte es nicht, sich das Ergebnis seines Vorhabens in irgendeiner Weise auszumalen. Er rechnete weder mit einem Erfolg noch mit einer Verhaftung. Er hatte nichts zu verlieren. So stieg er am 1.11.1988 in den Zug nach Timisoara. Es war mitten in der Nacht. Der Zug war leer und nicht geheizt. Die Sitze marode, die aufklappbaren Fenster defekt, es zog und roch stark nach Zigarrenqualm. Die Fahrgäste betrieben das Wenige, was man zu der Uhrzeit und in jener Lage betreiben konnte. Manche Erzähler überbrückten das Schweigen mit Fragen. Andere rauchten schon seit der Abfahrt. Die Kartenspieler nutzten das diffuse Licht aus, um den Gegner hinters Licht zu führen. Doch allen gegenwärtig, omnipräsent, war die Anspannung - um es nicht "Angst" zu nennen,- wegen der dunklen Kontrolleure, welche, mit eisernen Schritten, den Zug entlang patrouillierten.

 

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Nicoleta Craita Ten'o

Betty Kolodzy: ›Lux‹ (Romanprojekt) – Auszug aus dem eingereichten Manuskript

Bergers Gedanken erscheinen mir so vertraut. Ich träume mich in die Vorstellung hinein, dass sich ein Buch an die Innenwelt seiner Leser anpasst. Dass sich die Worte ändern, je nachdem, wer es in der Hand hält und wessen Blick über die Zeilen gleitet. Ein Buch, das dem Leser unter die Haut kriecht und seine Sprache beeinflusst. Das zu einem Teil von ihm wird, wie der Leser zu einem Teil des Buches.
»Ihr hättet mich informieren müssen!«
Luca.
Ihre Stimme überschlägt sich, wird zur Stimme eines Pubertierenden:
»Ihr könnt doch nicht einfach über meinen Kopf entscheiden, was hier passiert!«
Gilberts Bass, dann Viktors dahingemaultes Nuscheln.
»Du hättest ihn da nicht alleine hinbringen dürfen! Und was ist mit Manu? Wie konntest du sie wegfahren lassen?« Jetzt schreit sie. »Seid ihr denn total durchgedreht?«
Nach einer Stille lautes Schluchzen.
Ich habe Luca noch nie weinen gehört. Es klingt nach Ich-kann-nicht-mehr, es ist eine andere Luca, die da unten zusammenzubrechen scheint.
»Hilf ihr«, hat er mir gesagt. Und ich stand da wie versteinert. Und war es immer noch, als Viktor Manus Hand nahm.
Was ist nur los mit mir?

 

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Betty Kolodzy

Bremer Autorenstipendium 2012

Die Bremer Autorenstipendien 2012 gehen an Janko Marklein und Renate Ullerich.
Lesen Sie hier Auszüge aus den eingereichten und prämierten Manuskripten.

Janko Marklein: »Florian Berg (AT)« (Auszug aus dem eingereichten Manuskript)

Florians Eltern waren damals noch ein Herz und eine Seele. Doch es war ein heißer Sommer in Wulsbüttel und Florians Mutter beschwerte sich regelmäßig über die hohe Todesrate. Sie sagte Dinge wie: »Ein paar Grad zu viel und die alten Frauen sterben wie die Fliegen.« Je mehr alte Frauen starben, desto weniger Mitglieder hatte die Kirchengemeinde Wulsbüttel, und desto mehr Arbeit hatten Florians Eltern mit den Beerdigungen.

Am Ende des Sommers hatte Florians Mutter beim Abendessen einen stressbedingten Nervenzusammenbruch. Sie warf ihr Milchglas gegen die Küchenwand. Florians Vater empfahl ihr, ein paar Tage blau zu machen. Florians Mutter fragte, wie er sich das vorstelle, ob er etwa wolle, dass die alten Frauen noch vor ihrer Beerdigung vergammelten? Florians Vater legte eine Hand auf ihre Schulter und sagte, auch in Wulsbüttel gebe es eine Leichenhalle mit funktionstüchtigem Kühlsystem. Florians Mutter brach in Tränen aus, woraufhin Florians Vater sie in den Arm nahm und immer wieder sagte, es sei ja schon gut.

Florian wollte das alles nicht mehr länger mitansehen und entschloss sich, einen Abendspaziergang durch das Gebiet zu machen. Er packte den sechsten Harry-Potter-Band und eine Taschenlampe in seinen Rucksack und verließ das Haus. Der sechste Harry-Potter-Band war erst vor wenigen Wochen erschienen und Florian hatte ihn bisher nur zweimal gelesen. Noch immer konnte er es nicht fassen, dass der große Albus Dumbledore nicht mehr lebte.

Nachdem Florian den größten Forellenteich einmal umrundet hatte, setzte er sich ins Ufergras und versuchte, die friedliche Nachtstimmung auf sich wirken zu lassen. Doch die Mücken nervten. Und der Geruch nach Algen. Und das Rauschen der nahegelegenen Autobahn. Florian stand wieder auf und wollte gerade zu einem Spaziergang um den zweitgrößten Forellenteich aufbrechen, als er hinter sich, im Gehölz, ein Klicken hörte.

Er drehte sich um. In der Dunkelheit konnte er nichts erkennen. Noch einmal war das Klicken zu hören. Florian nahm die Taschenlampe aus seinem Rucksack und leuchtete in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Er sah eine mit Tannenästen und grünem Kunstrasen beklebte Holzkabine, aus der ein Kameraobjektiv ragte.

 

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Renate Ullerich: »Die Stunde« (Auszug aus dem eingereichten Manuskript)

Das Namensschild ist schon wieder abgerissen. Der Klingelknopf daneben ist an den Rändern mit einer spakigen Schicht bedeckt, zur Mitte hin glänzt er, poliert von den vielen verschiedenen Fingerkuppen, die sich täglich auf ihn pressen. Ich drücke immer nur mit dem kleinen Finger der linken Hand darauf und vermeide es, das Spakige zu berühren.
»Ja?«, krächzt es aus der Sprechanlage.
 »Lehnert«, sage ich und lege meine rechte Hand in Schulterhöhe mit leichtem Druck an die Tür. Der Summer ertönt, die Tür gibt meinem Druck nach, ich lasse mich einfach ins Haus hineinfallen. Ich weiß mittlerweile genau, wie viel Gewicht ich einsetzen muss, um die schwere Tür zu bewegen. Als ich das erste Mal hierher kam, machte ich es anders. Ich wartete, bis der Summer ertönte und drückte dann hastig gegen den Messingtürknauf. Später entdeckte ich einen metallischen Geruch an meiner Hand und während der ganzen Stunde musste ich immer wieder verstohlen daran riechen, obwohl es mir widerwärtig war. Das ist nun schon fast ein Jahr her.
Ich steige hinauf in den zweiten Stock. Das Treppenhaus gefällt mir. Obwohl es hier sehr dunkel ist, mache ich nie Licht. Oben drücke ich wieder auf eine Klingel. Sofort ertönt ein Schnarren und ich kann die Tür aufziehen. Hier ist der Knauf aus Kunststoff und hinterlässt keine Geruchsspuren an der Hand.
Im Vorraum stehen vier Stahlrohrschwingstühle mit schwarzem Lederbezug und ein Kleiderständer mit metallenen Bügeln, die aneinander klingeln, wenn man etwas aufhängen will. Die üblichen Grünpflanzen: ein Ficus benjaminus, die weiß geränderte Variante, ein Philodendron und ein Gummibaum. So ein Gummibaum, wie er früher im Wohnzimmer meiner Großeltern stand. Er wucherte, wuchs in einem atemberaubenden Tempo. An der Decke angelangt, machte er einen rechtwinkligen Knick und wuchs so weiter, bis sein eigenes Gewicht ihn wieder runter zog.  Spätestens dann wurde er gekappt. Es fällt mir erst jetzt auf, dass er irgendwann einfach weg war. Mein Großvater war gestorben, meine Großmutter ging ins Heim und der Gummibaum war einfach weg. Meine Eltern hatten ihn wohl nie gemocht, sonst hätten sie ihn doch zu sich genommen, denke ich. Ich vermisse ihn auf diese besondere Art, wie ich etwa auch meine ersten Boots vermisse, die mit der ganz weichen Sohle und dem hellen, feinen Leder. Ich trug sie so lange, bis die Sohle Wasser durchließ und der Schuster meinte, dass hätte keinen Zweck mehr. Da verschwanden sie aus meinem Leben, und jetzt wünsche ich mir manchmal, dass ich sie noch einmal anziehen könnte, sie würden sicher noch passen. Aber in meine erste Jeans, eine Lee, würde ich heute nicht mehr reinkommen, die war ja auch damals schon zu eng. Meine Schuhe jedoch würden alle noch passen und ich bereue es, dass ich nicht zumindest meine ersten Boots aufgehoben habe, dann würde ich sie heute noch ab und zu anziehen können und das weiche Leder wieder spüren wie es sich an meine Knöchel schmiegt, sie gingen nämlich über die Knöchel, aber ungefüttert, die ließen sich sogar im Sommer gut tragen. Und nun sind sie verloren, so wie der Gummibaum, aber bei dem ist es mir egal, den würde ich wahrscheinlich auch gar nicht wiedererkennen.
Noch zwei Minuten bis zur vollen Stunde, ich setze mich nicht hin, nehme auch kein GEO - Heft von dem Plexiglastischchen, trete lieber ans Fenster: Unten ist wieder mal Stau vor der Ampel. Da stehen erst drei rote und dann drei silberne Autos, und dann alle möglichen Farben durcheinander. Im Büro gegenüber öffnet ein langhaariger Typ das Fenster, bleibt einen Moment stehen und ich bilde mir ein, dass er zu mir herüberschaut, dass wir uns anschauen,  Kontakt aufnehmen. Ich stehe ganz still.
Vom anderen Zimmer her sind Geräusche zu hören, die Tür öffnet sich, Hellwig ist da, kommt einen Schritt auf mich zu.

 

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Bremer Autorenstipendium 2011

In diesem Jahr erhalten Corinna Gerhards und Fabian Hischmann die vom Senator für Kultur ausgeschriebenen Stipendien.
Lesen Sie hier Auszüge aus den beiden prämierten Manuskripten.

Corinna Gerhards: »Alleiner« (Auszug aus dem eingereichten Manuskript)

Mara fährt


Ich habe meine Zeit verloren. Irgendwo am Rande dieser Straße. Vielleicht liegt sie im hohen Gras, vielleicht unter einer Laterne im Regen, vielleicht auch mitten auf dem Weg, und jedes Mal, wenn ein Auto dort entlang fährt, wirbelt sie ein Stück in die Luft und sinkt wieder auf den Asphalt. Ich schlafe wenn ich müde bin, und ich esse wenn ich hungrig bin. Ich esse nicht viel, weil ich mich kaum bewege. Mein Lebensraum beträgt etwa einen Quadratmeter. Wenn ich mich aufrolle wie eine Assel kann ich mich hinlegen. Oder wie ein Baby. Ich habe seit Tagen nicht geduscht und in keinen Spiegel mehr gesehen. Ich frage mich, ob ich vergessen kann, wie ich aussehe.
Ich bin nicht weggelaufen. Das kann man nämlich nur, wenn jemand einen festhalten will. Wenn es allen egal ist, was man tut oder wo man ist, ist es kein Weglaufen, denn dann hat man ja gar nichts vor dem man weglaufen kann. Dann braucht man auch kein Ziel. Dann muss man immer nur weiter laufen, wie der Typ in »The long walk« von Stephen King, oder so.
 »Budapest?« hat Nic gefragt, als er angehalten hat und ich eingestiegen bin, und ich habe gesagt »OK«.
»Chewing gum?«, war seine nächste Frage, und er hat mir eine Packung mit Kaugummis hingehalten. Wir haben beide einen genommen, und dann haben wir gekaut und für einige Zeit nichts gesagt.
Später hat er mir von seiner Heimat erzählt und bunte Bilder in meinen Kopf gemalt, von tanzenden Menschen und Lagerfeuern am Strand, von Weinbergen und süßem Obst, von kleinen bunten Häusern und freundlichen Leuten. Er hat bulgarische Musik angemacht, und die Sängerin hatte die gleiche Sehnsucht in ihrer Stimme, wie Nic in seinen Augen, und von dort ist sie auf mich getropft, bis ich sie auch gefühlt habe und ein Ziel hatte. Eine Sehnsucht, nach etwas, das ich noch gar nicht kannte. Früher hatte ich mehr Sehnsucht. Wenn man ein Kind ist, sind Sehnsüchte viel größer, weil man noch nicht weiß, dass manche von ihnen, von alleine weniger werden und dass man sie sogar vergessen kann.
»Ich fahre dich soweit geht, dann suche ich für jemand nach Bulgarien. No problem. No Problem.« hat er gesagt.
Seit Stunden fahren wir jetzt schon durch die Dunkelheit.
Gelegentlich wischen die Lichter entgegenkommender Autos vorbei. Das Radio findet keinen richtigen Sender mehr und spielt, leise rauschend, eine Mischung aus einer Oper und Maccarena. Ich schaue vor uns auf die Straße und konzentriere mich auf den Rhythmus aus Begrenzungspfeilern und Mittelstreifen. Plötzlich zieht das Auto nach links. Vor uns ist niemand und mir ist nicht klar, was Nic vorhat. Als er auch noch auf die dritte Spur fährt, sehe ich zu ihm rüber. Sein Kinn ist auf die Brust gesunken und seine Augen sind geschlossen. Ich rufe laut seinen Namen und reiße von der Seite das Lenkrad rüber, nur Zentimeter bevor wir an die Leitplanke schlagen. Bevor unsere Reise in einem Regen aus Metall und Glas ertrunken wäre. »No Problem, no Problem« sagt Nic mit plötzlich aufgerissenen Augen, steckt sich gleich zwei Kaugummis in den Mund und hält mir die Packung hin. Am nächsten Rastplatz hält er an.
»Schlafen« sagt er.
 (…)

 

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Corinna Gerhards – Foto (c) Victor Ströver

Fabian Hischmann: »Am Rand« (Auszug aus dem eingereichten Manuskript)

Wir laufen über einen gefrorenen Acker. Unter manchen Schritten knackt die Erde. Im Herbsthimmel ist weiter weg ein Loch, ein ausgefranstes, scheint fahl. Bastian streckt seinen Arm aus Richtung Horizont, dorthin, wo die Windräder in die Höhe ragen. Sein Schritt drückt in meinem Nacken und ich halte seine kleinen Füße, die in gefütterten Wildlederschuhen stecken, in den Händen. Ein kurzes Stück renne ich. Er lacht.

Die Leine ist senkrecht gespannt in der Luft, der Drachen schlingert und der Griff drückt sich in meine kalten Handflächen. Bastian hängt an meinem Bein, guckt, schmiert seine Rotznase in die Fäustlinge.

Auf dem Rückweg ist er ganz still, vergräbt müde das Kinn in meiner Mütze. Zu Hause wird Christiane die Laterne zu Ende gebastelt, ihm einen Klausemann beim Bäcker gekauft haben. Sie verwöhnt ihren Bastian, ist ihm ganz und gar verfallen.
Er drückt mir die Hände auf die Ohren, ich nehme sie in meine und laufe ein paar Kurven, mache ein paar leichte Sprünge.
»Lassen sie meine Ohren zufrieden, mein Herr«.
Sein kleiner Finger ist so krumm wie meiner, vieles an ihm ist so wie ich, und einmal war Christiane fast eifersüchtig: »Er hat viel mehr von dir Lukas, schau doch«.
An manchen Abenden im Anfang, als er immer an ihrem Busen lag, dachte ich: Er hat viel mehr von dir, Christiane.

Ich schnalle Bastian in den Kindersitz. Es ist neblig geworden. Mein Husten wird besser, der Steckrübensaft hilft. Am Rand des Glases, in das er läuft, setzt es dunkel an.
Im Radio spielen sie Wham, es ist Ende November. Ich denke an den Schnee, an die breiten Schultern meines Vaters, seinen kratzigen schweren Mantel, wie er mich und Tom auf dem Schlitten durch den Wald zog. Ich durfte nie vorn sitzen, Tom war immer größer. Ein paar Male bugsierte er mich mit Po und Ellbogen vom Schlitten in die Spur. Unser Vater schimpfte dann und drohte umzukehren. Wir rissen uns zusammen.

Letzte Weihnachten waren wir bei Christianes Eltern. Sie sind viel älter als meine. Ihr Vater trägt eine Schiffermütze, wie viele alte Männer im Norden. Er kann gerade genug mit mir anfangen, in Bastian ist er vernarrt. »Ihr könnt stolz sein, ein guter Bengel«, sagte er und versenkte seine Fonduegabel in der heißen Brühe. Später spielte er Akkordeon und sang und ich glaubte etwas sagen zu müssen.
»Sehr schön das Lied.«
»Hans Albers.«
»Ein schönes Lied.«
Christiane streichelte mir den Rücken, ihre Mutter erzählte von der Sturmflut, davor, dass wir uns, dem Himmel sei Dank, nicht vorstellen könnten was da los gewesen sei. Bastian prüfte seinen neuen Stoffelefanten. »Ein prima Bengel, wirklich Kinder«, bekräftigte Herbert noch einmal und Martha stellte fest: »Er hat deine braunen Augen, Christiane.«
Schon damals war Bastians kleiner Finger so krumm wie meiner.
Wir tranken Feuerzangenbowle, der Zucker blieb am Glasrand kleben. Bastian schlief, seine Hand umklammerte den Rüssel des Stoffelefanten. Herbert legte Holz nach.
Irgendwann gingen wir schlafen.

Vor mir fährt ein Kleintransport, an seinem Heck Aufkleber aus der Bildzeitung, ein größerer Sticker mit dem Schriftzug: Ich bremse nur zum Kotzen. Ein Filter segelt aus dem Fahrerfenster. Ein kurzer Funkenflug gegen den Asphalt. Im Radio wird vor überfrierender Nässe gewarnt. Der Kleintransport setzt den rechten Blinker.

(…)

 

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Fabian Hirschmann

Bremer Autorenstipendium 2010

Die Bremer Autorenstipendien 2010 erhalten Christina Böhm und Torsten Wohlleben.

Zur Begründung ihrer Entscheidung hat die Jury, bestehend aus Konstanze Radziwill (Bremer Literaturkontor), Gudrun Liebe-Ewald (Stadtbibliothek Bremen), Ulrike Marie Hille (VHS Bremen), Matthias Wilde (Universität Bremen) und Martin Brinkmann (Bremer Autoren), die folgende Erklärung abgegeben:
»Persephones Reise« von Christina Böhm ist die Geschichte einer jungen Frau, die auf der Suche nach der Herkunft ihrer schweren Depression ist und sich dabei auf bruchstückhafte Informationen und Erinnerungen aus ihrer Familiengeschichte verlassen muss. Es gelingt der Autorin auf eine unspektakuläre Weise - in  schlichter, flüssiger Erzählform - sich einem dramatischen Problem anzunähern, das auf Effekthascherei und Spannung verzichtet und gerade dadurch Spannung erzeugt.
Torsten Wohllebens Novelle »So ging ich fort und kam bald wieder« handelt von einem jungen Angestellten, der das Haus seines Vaters verlässt, um sich mit seinem alten Auto auf den Weg zu einer mehrtägigen beruf­lichen Fortbildung zu machen. Während der Reise setzt er sich mit seiner un­be­friedigenden beruflichen Situation auseinander. Die Örtlichkeiten der Fortbildung bestätigen die gefühlte trostlose Situation – alles ist trist und grau.
Der Inhalt der Novelle steht in starkem Kontrast zu ihrer Form. Das Motiv der Novelle ist die Suche nach dem Glück in der heutigen Zeit. Um den kritischen Blick auf die Gegenwart zu verstärken, verwendet der Autor die Sprache der Dichter der Romantik. Durch dieses Stilmittel gelingt es ihm Spannung zu erzeugen und Neugier auf die weitere Handlung zu wecken.


Christina Böhm: »Persephones Reise« (Auszug aus dem eingereichten Manuskript)

Vor vielen Jahren, als ich noch ein Kind war, hörte ich wie meine Großmutter zu meinem Vater sagte: »Selbstmord liegt bei uns in der Familie«, woraufhin mein Vater sich verlegen räusperte.
Ich konnte die beiden nicht sehen, nur hören, denn sie standen in der Küche und ich saß auf dem Fußoden im Flur, die Tür zur Küche neben mir war angelehnt, in meinen kalten Händen hielt ich meinen Stoffhasen Fridolin. Meine Großmutter und mein Vater wussten nicht, dass ich dort saß, wussten nicht, dass ich sie hören konnte, wussten nicht, dass ich den Atem anhielt, aus Furcht, entdeckt zu werden. Bevor sie mit meinem Vater in die Küche gegangen war, hatte meine Großmutter für mich den Fernseher im Wohnzimmer eingeschaltet. Seit einiger Zeit ahnte ich, dass sie das nur tat, wenn sie mich für eine Weile beschäftigt wissen wollte, um etwas zu sagen oder zu tun, das nicht für meine Augen und Ohren bestimmt war. Deshalb schlich ich, kurz nachdem die beiden das Zimmer verlassen hatten, voller Neugier hinter ihnen her, sank im Flur auf die Knie und krabbelte mit dem Stoffhasen im Schlepptau leise neben die Küchentür. Dort war das erste, das ich aufschnappte, jener Satz meiner Großmutter. Ihre Stimme klang fremd und eigenartig. Eine erdrückende Angst erfasste mich, denn in ihren Worten lag nicht die warme und liebevolle Zärtlichkeit, die ich von ihr kannte. Alles, was ich hörte, war eine kalte stumpfe Drohung, karg und hohl zwischen ihren Lippen hervor gepresst, fast nur ein Zischen. Obwohl ich das Wort Selbstmord noch nie gehört hatte und nur ahnen konnte, wovon sie sprach, machte mir ihr Tonfall klar, dass es in unserer Familie etwas Gefährliches und Dunkles gab, das anscheinend nicht aufzuhalten war. Ich erinnere mich daran, wie ich auf eine Antwort meines Vaters wartete, ja gespannt darauf hoffte. Er sollte dieser Kälte in der Stimme meiner Großmutter etwas entgegen setzen, sollte böse werden und sie ausschimpfen, sie auslachen oder einfach nur sanft auf sie einreden, so wie er oder meinen Mutter es taten, wenn ich keuchend aus einem meiner Albträume erwachte und einer von ihnen an mein Bett kam, um mich zu beruhigen. Doch mein Vater schwieg. Er schwieg so lange bis mir schließlich Tränen in die Augen schossen und die Angst vor der Stimme meiner Großmutter sich in eine mächtige Übelkeit verwandelte, die schmerzhaft in meine Kehle drängte. Ich musste mich beherrschen, um nicht laut zu würgen. Still und vorsichtig stand ich auf und ließ den Stoffhasen fallen. Mit der Hand fest auf meinen Mund gepresst, schlich ich in das Badezimmer, wo ich mich, so leise es ging, in die Kloschüssel übergab.
Die Worte meiner Großmutter, ausgesprochen von einer kalten, scharfen Stimme, die ich so nie wieder von ihr hörte, dröhnten in meinem Kopf, unerträglich kreischend laut, als ich vor vier Wochen in die Josephus Klinik eingeliefert wurde, um davon abgehalten zu werden, der Tradition meiner Familie zu folgen.

 

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Torsten Wohlleben: »So ging ich fort und kam bald wieder« (Auszug aus dem eingereichten Manuskript)

Dicht am Hause stand der alte Wagen. Die Luft war recht kalt und ich beeilte mich, einzusteigen. Bevor ich die Tür von innen her zuzog, hörte ich, dass der einsame Sperling wohl schon vor mir aufgestanden war und eifrig die ersten Töne des jungen Tages übte.
Ich kurbelte das Fenster hinab, da mir seine Musik zur Abfahrt nicht entgehen sollte, und wie ich den alten Wagen anstellte, da knallte und brummte er gleich so, dass der Sperling wohl erschrak und erstmal gar nichts mehr sang.
Nun ade, Vogel Sperling. Ade, Vater und Heim und Kleinstadt.
Bei offenem Fenster fuhr ich endlich davon, recht bald war ich auf der Wagenbahn, so schnell, dass mir der Wind an der Mütze pfiff, aber doch viel langsamer als die anderen Reisenden, denn mein altes Gefährt hustete so kurios, dass ich mich dazu entschloss, es lieber zu schonen.
Doch es fuhr fleißig fort, ich steuerte es rechts und scherte nur nach links hin, wenn große Lastwagen mir zu sehr trödelten. Dann raste ich mit Einhundertzehn an ihnen vorüber, dass mein Herz gleich mitzurasen begann.
Wiesen und Dörfer flogen links und rechts vorbei, hinter mir hupten und blinkten andere Wagenlenker aufgeregt mit Hörnern und Lichtern, so dass ich bald lieber zwischen zwei großen Lastwagen verblieb, denn ich wollte ja ohnehin bloß von A nach B.
Die anderen wollten das auch, so dacht’ ich bei mir, aber sie wollten es schneller als in Windeseile. Sie hatten wohl gar keine Zeit mehr im Leben.
Vielleicht wollten sie späterhin auch Rennfahrer sein und das wiederum mocht’ ich ihnen nicht verdenken, denn ich war ja schließlich auch nicht glücklich in meinem richtigen Berufe.
Bei all dem beruflichen Unglück war denn ein vages Fünkchen Hoffnung bei mir, dass dieser kuriose Lehrgang vielleicht doch etwas verändern würde.
Ich dachte an die Worte meines Vaters: »Der Lehrgang ist ganz wichtig. Du bist zwar nur angestellt, aber es ist schon von Bedeutung, dass du dorthin darfst.« Und so dacht’ ich lang und feste daran und wollt’ meinem Vater gerne und unbedingt Glauben schenken, denn sonst trieb mich ja schließlich gar nichts dorthin.


Eine Lesung der Stipendiaten findet am Dienstag, den 18. Januar 2011, 20 Uhr, im Café Ambiente, Osterdeich 69a statt. 
Einführung und Moderation: Ulrike Marie Hille / Konstanze Radziwill

 

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Work in progress: Im Steinbruch der Literatur

In der Reihe »work in progress«, die das Bremer Literaturkontor in Kooperation mit der Stadtbibliothek 2007 ins Leben gerufen hat, gab es 2009 unter dem Titel »Im Steinbruch der Literatur« monatlich eine Veranstaltung in der Krimibibliothek, in der jeweils ein oder zwei Bremer Autoren gemeinsam mit dem Publikum eine allgemein bekannte Geschichte – sei es Mythos, Märchen oder klassischer Text – variierten, aktualisierten oder korrigierten.
Dem Publikum bot sich »Im Steinbruch der Literatur« die Gelegenheit, aktiv an der Veränderung eines Klassikers teilzuhaben sowie den Entstehungsprozess eines Stoffes von der Skizze bis zur Endversion mitzuerleben.

 

 

Work in progress: Im Steinbruch der Literatur

Volker Heigenmooser:
Italienische Reise. (Non) in memoriam G.

Begonnen 1980, überarbeitet 1985, neuerlich bearbeitet 2009, abgeschlossen Februar 2010.  Mit Dank an Tim Schomacker und die Teilnehmerinnen und Teilnehmern an der »work in progress«- Veranstaltung in der Bremer Stadtbibliothek für die Hilfe bei der Lösung des Schlussproblems. (Volker Heigenmooser)


Da ich, schrieb G., meine flüchtigen Bemerkungen dieser Tage zusammenbringe, schreibe und hefte, so findet sich’s, dass sie beinahe ein Buch werden, ich widme es dir. So wenig es ist, wird es dich erfreuen und wird mir in der Folge Gelegenheit geben, besser, ordentlicher und ausführlicher zu erzählen. Ich werde von Zeit zu Zeit einen Rasttag machen und das Vergangene in Ordnung bringen, denn in die Weite geht’s nicht und man mag zuletzt die einzelnen Blätter nicht mehr ansehen. Ich bin wohl, freien Gemüts und an diesen Blättern wirst du sehen, wie ich die Welt genieße.

G. blätterte in seinen Tagebuchnotizen und fragte sich ernsthaft, ob er mit den Notaten seiner Reise weitermachen sollte. Er fragte sich, ob es nicht besser wäre, die Blätter aus der Hand zu legen und das Geschehene geschehen sein zu lassen. Da dachte er an seinen Nachruhm. Na dann, fluchte G.

Es war Karfreitag, der Tag, an dem unser HERR jedes Jahr mit wechselndem Datum hingerichtet wird. Das Beste daran war, dass sich überhaupt niemand davon stören ließ, dass dieser
Tag ein Hinrichtungsgedenktag war.

Es war kalt an diesem Freitagmorgen und G. war ziemlich übellaunig. Er wollte endlich wieder einmal duschen. Das Badezimmer war kalt und die Dusche lieferte nach der Einseifprozedur lediglich kaltes Wasser. G. war aber danach wach und ganz fröhlich. So konnte er an das Frühstück aus altem vertrocknetem Weißbrot und zwei etwa kleinfingerdicken Scheiben ausgefetteter Salami gehen. Zur Flüssigkeitszufuhr stand ihm ein Magermilchjoghurt zur Verfügung. G. tat sich also, so gut er konnte, am trockenen Brot, das ihm immer wieder das Zahnfleisch vor allem an den empfindlichen Stellen an den Weisheitszählen aufriss, gütlich und ging sofort anschließend in ein Café, um seinen morgendlichen Capuccino zu trinken. Das Café lag gleich an dem Platz, an dem G. am Tag zuvor sein Auto geparkt hatte und wo sich aus einem zum Platz führenden Fenster eine Frau gelehnt hatte, was G. unbedingt in Entzücken hatte geraten lassen. Er meinte nämlich, sie hätte ihn bemerkt.

Nach dem Capuccino machte sich G. , der auf saubere Darmverhältnisse besonderen Wert legte – das beschmutzte Stehklo in der Bar hatte er nicht benutzen wollen -, wieder auf den Weg zu seiner Unterkunft, um sein Morgengeschäft zu erledigen. Danach schlenderte G. – einsam wie er war – zu dem fast vor dem Haus, in dem sich sein Quartier befand, liegenden Busparkplatz, um von dort aus die Stadt, in die er am Abend zuvor gekommen war, zu begehen. Er wollte ja Stoff für sein Tagebuch sammeln.

Die Stadt hatte einen Dom und ein Theater, das aber an diesem Vormittag noch geschlossen war, so dass G. noch einige Zeit hätte warten müssen, wenn er Henzes Kinderoper hätte erleben wollen. Dafür stand der Dom immerhin am höchsten Punkt des Berges und fasste mit den ihn umgebenden Palazzi einen schönen Platz ein, der kleiner und dennoch weiter war als der Platz Sienas. Aha, dachte G., Renaissance bedeutet in Italien offenkundig nicht nur Prachtentfaltung in den großen Zentren, in denen die Medici und ihre Rivalen so bestimmend waren, sondern auch in kleineren Städten. Auf seinem Weg durch die engen Gassen wurde G. von Düften süßen Teigs verlockt. Als er ihnen nachgegangen war, gelangte er an eine kleine Bäckerei, in die man von der Gasse aus bis in die Backstube blicken und sehen konnte, wie die Zutaten gemischt wurden und wie die Bäcker arbeiteten und wie die Teige in den Ofen geschoben wurden. Dieser Laden gefiel G. ausgezeichnet und auch, dass man die Arbeiter so ungeniert bei ihrer Arbeit betrachten konnte und sie so herrlich unter Kontrolle hatte. Das wollte er dem Herzog schreiben. G. vergaß es später. Er überwand sich schließlich nach seinem ausgiebigen Beobachten und ging in den Laden hinein, wo ihn der warme anheimelnde Duft des frischen Ostergebäcks umfing und ihn die runden mandelbestreuten Osterringe verlockten. G. vermutete eine Köstlichkeit, die er sich angesichts dieses Dufts einfach leisten zu müssen glaubte. Also griff er beherzt in seine Reisekasse und erstand das mürbe Hefegebäck. Nichts anderes war diese süße Versuchung. Immer wieder naschend setzte er seinen Erkundungsspaziergang durch die Stadt fort und notierte immer fleißig auf das mitgenommene Papier von den Bauwerken und Steinen, die er zu sehen bekam, um dann ganz harmlos der Frau von Stein berichten zu können als Liebender, der immer nur an sie dachte, wenn er nicht gerade vor interessanten Steinen, die er vorher noch nie gesehen hatte, stand. Bewunderung rief bei ihm hervor, wenn er sah, wie es die Italiener schafften, selbst in den schmalsten Gassen und kleinsten Häusern ohne weiteres Garagen unterbringen und darin auch noch Autos abstellen konnten. Ein wichtiger Grund liegt sicherlich darin, dachte G., dass die Maße in Italien wesentlich kleiner sind als in Thüringen.

Er musste sich an die Lektüre des Livius machen. Eigentlich hätte er das auch bequem im Zimmer seines Quartiers tun können, doch empfand er so etwas wie eine moralische Verpflichtung, sich wenigstens in Italien so oft wie möglich im Freien aufzuhalten. Er wollte am Egmont arbeiten. Doch ihm fehlte ganz einfach immer noch die Bresche in der römischen Geschichte. So saß er also im Park der italienischen Stadt und las Livius. Manchmal, wenn ihn der zu sehr ermüdete – er war ja wirklich ziemlich trocken und langweilig –  griff er ersatzweise zum Plutarch, der auch nicht besser war. Trotz der vorherigen Naschereien war er schon wieder hungrig. Da dachte er an einen der Sätze, die er in der Schule gelernt hatte, plenus venter non studet libenter*, und verbiss sich in den Text. Es war schwierig, das alles zu verstehen, vor allem deshalb, weil G. natürlich nur den Originaltext heranziehen durfte. (Was hätte sonst die Nachwelt von ihm gedacht.) Trotzdem er so beschäftigt war, schweiften seine Gedanken immer wieder ab zum Essen. Doch die ihm von der dicken Zimmerwirtin empfohlene Trattoria, in der es recht einfach zugehen sollte, das Essen jedoch delikat genannt werden können sollte, würde erst um acht Uhr abends öffnen. Also wendete er notgedrungen ein sorgfältiges Auge auf die verschiedenen Stile der Völker und die Epochen dieser Stile in sich. Er dachte, man könnte Jahre sehen und würde noch immer neue Bestimmungen finden, es ist zu sehr Stückwerk, was uns übrig bleibt. Deshalb übte er sich darin – sein Namensgedächtnis war gelinde gesagt katastrophal – die verschiedenen Gottheiten und Helden ein ums andere Mal zu repetieren. Als ihm bei dem vielen Repetieren die Buchstaben durcheinander kamen, entdeckte er in den Wörtern neuen Sinn und die Konkrete Poesie, die zuletzt Ernst J. in unnachahmlicher Weise entdeckt, und als seine Erfindung ausgegeben hat, und die Peter A., ein berühmter Dichter aus Bremen, in verschmitzter Art fortgeführt hat. All das war natürlich schon bei G. – wegen seiner bislang unbekannten Gedächtnisschwäche –  da, wie könnte es anders sein, und er musste zugeben, dass in den Namen ein Sinn verborgen war, der nicht ausgesprochen war und der nicht auszusprechen ist, wovon er deshalb auch nicht reden wollte, es sei denn, er könnte es heimlich seinen Freunden sagen. Doch das wollte er erst tun, wenn er sich selber sicherer fühlte. Wie man heute weiß, hat er sich darin nie so sicher gefühlt, dass es die Freunde erfahren hätten. Als die Sonne aufhörte, ihn mit ihren warmen Strahlen zu versorgen, wurde es auch G. trotz Italien zu kühl, weiterhin auf der Parkbank sitzen zu bleiben, und er packte seine Utensilien in dem unvermeidlichen Wachstuch zusammen. Lauernden Blicks ging er an der avisierten Trattoria vorbei und lugte, ob sie eventuell schon vor der Zeit geöffnet hätte. Da dies nicht der Fall war, entschloss er sich, vorher in einer Bar noch einen Aperitif zu nehmen.

Das Essen in der Trattoria war tatsächlich ausgezeichnet, der Wein schmeckte hervorragend und G.’s Laune war fast vorzüglich. Was ihm fehlte, war die prickelnde Anwesenheit eines Weibes, das ihn bewundert hätte. Dennoch, diese Art des Essens, das sich über bald zwei Stunden hinzog, obwohl es nicht gerade feudal zu nennen war, entsprach genau den Vorstellungen, die G. von italienisch Essen hatte. Die rothaarige Bedienung war ungeheuer freundlich und ihre italienische Aussprache beim Herzählen der zur Auswahl stehenden Gerichte entzückend. Zu gern hätte er ihr an einer verfänglichen Stelle einen kleinen Kniff versetzt, doch er musste, als seine Hand schon juckte, an den Satz denken, den ihm eine Bekannte, er konnte sich gerade nicht an ihren Namen erinnern, ins Antlitz geschleudert hatte, als er ein derartiges kleines Scherzchen gewagt hatte: ich bin weder billig noch schön, außerdem kann ich allein nach Hause gehn.
Bei dem Kniff hatte er sich gar nichts weiter gedacht. Blöde Zicke, war ihm damals durch den Kopf gegangen und er hatte sich gefragt, ob dieser merkwürdige Reim möglicherweise eine besonders kokette Form der Abweisung hätte gewesen sein können, die er damals nur nicht verstanden hatte. Vorbei, aus dem Auge, aus der Stirn, sagte sich G. und wandte sich der schließlich präsentierten Rechnung zu.

Was sollte er nun mit dem angebrochenen Abend beginnen? Nach kurzer Überlegung entschied er sich für die fast in einem Keller liegende Bar des gestrigen        Abends, die den schönen Namen Brozzo trug. Dort nahm er bald darauf sein Plätzchen an einem der drei Tische ein. Er saß vor einer Flasche des saueren Hausweins, spähte nach Frauen aus, fand aber keine, weil keine da war und so blieb ihm nichts anderes übrig als ein Blatt Papier hervorzuziehen und zu schreiben. Er kannte keine andere Möglichkeit, sich vor den Leuten, die die Bar besuchten, zu produzieren. Vielleicht konnte er auf diese Weise das bisschen Aufmerksamkeit erregen, die er immer brauchte. Er schrieb also: Nachdem die Zeit von der Zeit zeitliche Distanz geschaffen hat, wäre es eine Lüge zuviel, so weiterzufahren wie bisher. Die Distanz fordert Tribut. Es soll nichts beschönigt werden. Keine plumpen Abbilder der Wirklichkeit. Sie verdoppeln die Leiden nur. Keine Förderung der Scheinwelt, keine Verdoppelung vom Papier weg, sie machte das Leben des Alltags zum Spott. Nein, der Lüge keinen Vorschub leisten. Eher eingestehen, dass die Distanz manche Stränge verschiebt, Wahrheiten durcheinander fließen, Tatsachen sich vermischen und Lüge sowie Ekel produzieren. Lieber zugestehen, dass gerafft wird, durcheinander gewürfelt wird, wenn auch ohne Absicht. Doch die Distanz ist zu groß und keiner schwebt in luft- und geschichtsleerem Raum. Eher eingestehen, dass die beschriebene Wirklichkeit sich unterscheidet, damit nicht einer sagen könne, sieh her, so kann es auch sein…

An jenem Karfreitag des Jahres 1786 saß also der Mann, den sie G. nannten, in der Bar Brozzo und schrieb tiefsinnige Gedanken auf, die ihm im Grunde fremd waren. In der Bar herrschte Freitagabendandrang. Dabei war es an diesem Freitag für alle schön, immer wieder einen Blick in den unermüdlich flimmernden TV werfen zu können, wo sich der Papst reichlich abmühte, seinem Kult ein feierliches Aussehen zu verleihen, indem er zu nächtlicher Stunde in Fackelschein und Halogenlicht im römischen Collosseum munter herumzelebrierte. Leider war es in der Bar reichlich laut und ganz schön beschwerlich, die feierliche Handlung mitzubekommen. Der einzige, der überhaupt an einem Tisch saß, war G. Falls jedoch einmal die Gespräche in der Bar zu versanden drohten, war jeweils fast wie bestellt eine weibliche Fee auf einen kurzen Besuch in dem Raum, so dass die Männer ihr kennerische Blicke hinterhersenden konnten, wenn sie fluchtartig den Raum wieder verließ, und über deren vorstellbare Qualitäten neuer Stoff für Gespräche im Übermaß zurückblieb. Und jetzt hatten sich drei wirklich lockere junge Leute am Nebentisch platziert. Sie erkannten ihn natürlich nicht. Was sollte man auch schon von jungen Leuten anderes erwarten. Dabei hätte er wetten können – und die Wette hätte er gewonnen! -, dass die drei Deutsche waren. Sie beugten sich über den geöffneten Geldbeutel, eine alte Kassierertasche, bemerkte aufmerksam beobachtend G., endlich erhob sich einer von seinem Platz und ging zur Theke, von wo er mit Whiskey, Vermout und Kaffee zurückkam. Sie setzten sie sich vor dem Fernsehgerät zurecht und nahmen grinsend und feixend an den Handlungen des heiligen Vaters teil. G., der den Heiligen Vater im Fernsehapparat sah, musste an die Episode im Petersdom vor einigen Wochen denken. Er war dabei fast (wie man zu sagen pflegt) über den Papst gefallen. Nach dem Essen war er in der Kirche herumgegangen und hatte die schönen Steinarten, womit alles dort verziert ist, betrachtet. Tischbein, sein Freund und Ciccerone, zeigte ihm gerade einen vorzüglich schön gezeichneten Alabaster, eigentlich gewöhnlicher Kalkspat, an einem Grabmal, als er dem Gefährten aufgeregt ins Ohr flüsterte, da ist der Papst. Seine Heiligkeit kniete wirklich in langem weißem Gewand mit der roten Schnur an einem Pfeiler und betete. Die Monsignores vom Gefolge, von denen einer den roten goldbesetzten Hut hielt, standen mit ihren Brevieren nicht weit davon herum und unterhielten sich grinsend. Und anstatt einer feierlichen Stille machten die Leute, die die Peterskirche zu reinigen haben, einen Lärm ohnegleichen. Das machen sie nur, G. begriff das sofort, damit der Papst sie und ihren Fleiß bemerken sollte. Denn als er weg war, gaben sie sich ungeniert wieder der herrlichen Stille und dem Müßiggang hin. Nachher hatte ihm allerdings Tischbein erzählt, dass das gar nicht der eigentliche Papst gewesen sei, sondern nur einer von siebenunddreißig Papstdarstellern. Denn überall könne der Papst, der ja schon alt und verbraucht sei, gar nicht sein. Um dennoch den Romtouristen ein unvergessliches Erlebnis zu bescheren, werde alle halbe Stunde einer der Papstdarsteller in die Kirche geschickt, um sich zufälligen Besuchern zu zeigen. Alles sei sorgfältig einstudiert und die Darsteller arbeiteten im Schichtbetrieb. Doch sei es natürlich trotzdem toll, dass G. dieses einmalige Erlebnis haben durfte, denn, und das gehöre zur Show, auch der ordentliche Papst mache Schichtdienst und man könne deshalb nie sicher sein, ob nicht vielleicht doch der echte beim Schaubeten da gewesen sei.

G. war noch ganz gedankenverloren, als er den Maler auftauchen sah. Er hatte diesmal nur seine Kreuzigung unterm Arm. Bereits am Vorabend war der Maler in der Bar gewesen und hatte seine Werke angeboten. Deswegen kannte ihn G. schon. Als am Abend zuvor niemand auf seinen Verkaufswunsch eingegangen war, hatte der Maler, sei es aus Wut oder sonstigen undurchschaubaren Gründen, eines der Bilder genommen, es aus dem eingewickelten Zeitungspapier geholt und die Leinwand aus dem Rahmen geschnitten, den bemalten Stoff dem Wirt geschenkt und sich den Rahmen über den Kopf gestülpt und war dann in dieser Verkleidung laut schimpfend aus der Bar gelaufen. Heute hieß ein Bild, das er gestern schon gezeigt und angepriesen hatte, nicht mehr Kreuzigung. Heute hieß es Rom. Ach was. Später war sein Titel Palermo. Dann Napoli. Milano. Schnell hatte der Maler die Situation in der Bar überblickt und schon bot er den drei ihm Unbekannten das Werk an. Da keiner der angesprochenen Deutschen, jetzt war es offenbar, als Käufer in Frage kam, weil sie kein Italienisch verstanden, musste sich der Maler Alessandro – kein anderer war es nämlich – wohl oder übel wieder wie am Abend zuvor an G. wenden. Mit bedrückender Hartnäckigkeit, er musste die Wahlverwandtschaft gespürt haben, drückte er G. immer wieder das Bild in die Hand, denn Alessandro wollte das Bild unbedingt loswerden. Wie lange war er schon damit herumgelaufen, ohne dass einer einen Blick für seine Kunst, für Kunst überhaupt gehabt hätte. G. hatte den Eindruck, der Maler brachte seine Bilder nur deshalb an, um seine Vorstellung, seinen Auftritt zu haben und andere nach seinem Willen agieren zu lassen. Das war G. zutiefst zuwider. Doch vor dem versammelten Kneipenpublikum konnte er seinem Empfinden nicht freien Lauf lassen. Wie herrlich locker trägt der Papst das schwere große Kreuz, schöne Aufnahmen, dachte G. und starrte angeregt in den Fernsehapparat. Sein Verhalten drückte dem Maler gegenüber äußerste Ignoranz aus. Endlich ging Alessandro. G. starrte weiter wie gebannt in den Flimmerapparat. In seinen Augenwinkeln sah er, dass der Maler völlig aus einem Gesichtskreis verschwunden war. Aber er kam wieder. Zu früh gefreut, dachte G. Seltsame Anziehungskraft, dachte er weiter. Da wollte er, dachte er zumindest mit einem Seitengedanken, anders sein, sich nicht einfügen, keine Uniform tragen, auch keine uniforme Tarnkappe und dann kam einer, dem alle in der Stadt sein Anderssein bestätigten, immer wieder zu ihm. Es war entsetzlich.
Alessandro kam entschlossen auf G. zu. Er hielt ihm das Bild hin, legte es auf den Tisch, drehte sich weg, wollte ohne das Bild gehen, kehrte aber auf dem Absatz elegant um und hielt die Hand darauf. Wiederholung der Szene. Er nahm das Bild, hielt es G. vor die Nase, und sagte nur: »Roma!« G. schüttelte den Kopf, lachte gezwungen. Die Menschen am Tresen lachten auch. War G. das peinlich! Plötzlich zog Alessandro ein Taschenmesser von beachtlicher Größe aus der Jackentasche, klappte es auf, die Klinge war zur Hälfte abgebrochen, nahm das Bild, setzte die Klinge an und schnitt am Rahmen entlang das Bild heraus. Dabei führte er die Klinge immer zu G.’s Körper hin, dem deshalb leicht unwohl zumute wurde. Die Klinge könnte ausgleiten, dachte G. verschreckt. Alessandro nahm die nun aus dem Rahmen geschnittene Leinwand und legte sie vor G. auf den Tisch. Er wolle dafür einen Kaffee, sagte er. Es wurde hörbar ruhiger in dem Raum. Die meisten Anwesenden blickten jetzt zu dem merkwürdigen Touristen, dessen Gesicht ihnen irgendwie bekannt vorkam. G. zog eine Geldbörse aus der Gesäßtasche seiner Hose und gab dem Maler 100 Lire. Der wollte mehr. G. schien die Lage nicht mehr zu überblicken, denn er nahm die Nickelstücke aus seinem Geldbeutel und legte sie, vier oder fünf, dem Maler hin.    Alessandro lachte schrill, strich die Geldstücke in seine Hand und verschwand eilig zwischen den unvermittelt dicht gedrängten Menschenleibern um sie herum. G. blickte verwirrt in den Raum und auf die ihn beobachtenden Menschen. Blitzartig durchzuckte es ihn: die Nickelstücke waren 200-Lire-Stücke! Über 1000 Lire hatte er also bezahlt! Süßsäuerlich verzog er sein Gesicht zu einem Grinsen. Da kam Alessandro zurück. Er legte die Münzen auf den Tisch. Und G. entblödete sich nicht, die Münzen mit einem Gefühl der Erleichterung einzustreichen und dafür dem Maler das Bild hinzuhalten. Alessandro nahm es, zog einen Bleistift aus der Jackentasche und schrieb in großen Buchstaben auf die Rückseite der Leinwand: DINO D’ALESSANDRO DINO und darunter: 2121808182838485
Das sei seine Telefonnummer, sagte er, G. das Bild reichend. Dann forderte Alessandro 100 Lire. G. benahm sich endlich vollends daneben. Er kramte in seinem Geldbeutel das silbrige 100-Lire-Stück heraus und legte es auf den Tisch. Der Maler lachte und verlangte nun 1000 Lire. G. blieb sie ihm schuldig. Das Ende vom peinlichen Lied war, dass G. schließlich ein Bild besaß, für das er keinen Heller bezahlt hatte.

Als G. sich diese Nacht auf sein Lager legte, war er so übellaunig und depressiv, dass er trotz des nicht unerheblichen Genusses roten Weins Schwierigkeiten hatte einzuschlafen.


Am nächsten Morgen war  es nun so, dass G. es angesichts der wunderbaren toscanischen Sonne nahezu als Sünde begriffen hätte, sich in der Stadt auf dem italienischen Berg herumzutreiben und immer nur Steine zu sammeln und sich derart die kalten Winde um den Körper streichen zu lassen. Weil das so überaus einsichtig war, nahm sich G. vor, endlich eine kleine Wanderung ins Tal und die freie Landschaft zu unternehmen. Dorthin wollte er laufen, wohin bisher nur seine Blicke spazieren gegangen waren.

G. hatte das Gefühl, dem Bild, das er sich von sich machte, hinterherzulaufen. Vor allem in einem Punkt, der Männlichkeit. Er wollte seinen Anforderungen von Männlichkeit, die er für geziemend hielt, entsprechen und verachtete sie gleichzeitig. Wo war die Möglichkeit, wo die Hilfe, dem eigenen Trugbild zu entkommen? G. war, zumindest in dieser Hinsicht, unruhig und rastlos. Er stieg ständig Frauen nach, setzte sich zuweilen an gut einzusehende Plätze und spielte Voyeur. Er genoss es, beglotzt zu werden, obwohl es ihm zugleich unangenehm sein konnte. G. hatte es wirklich schwer mit dem weiblichen Geschlecht. Wenn er schließlich sein Problem nicht allgemein, ja allgemeingültig machen konnte, war ihm gar nicht wohl. Er hatte da vor allem Probleme mit dem Herzog. Denn der Herzog hatte ja Glück bei den Fraun! Nur ihn, G. hatte der süße kleine Gott in den bösen Weltwinkel der nur-geistigen Freuden relegiert. Auch hier in bella Italia: Die öffentlichen Mädchen der Lust waren unsicher wie überall, was ihn störte. Und die Zitellen waren in Italien keuscher als irgendwo, sie ließen sich nicht anrühren und fragten gleich, wenn man ihnen artig tat: e che concluderemo*? Das störte ihn auch. Das waren böse Bedingungen, denn naschen ließ sich nur bei denen, die so unsicher waren wie öffentliche Kreaturen. Leider verstanden diese Italienerinnen so ganz und gar nicht, was Herz war. Das bekümmerte G. gewaltig. Was blieb ihm da anderes übrig, als sich der Liebe der Männer zu erfreuen? Vorausgesetzt, dass sie selten bis zum höchsten Grad der Sinnlichkeit getrieben wurde, sondern in den mittleren Regionen der Neigung und Leidenschaft verweilte, so musste er sich doch sagen, dass er, wenn er einmal wieder mit sich selber sprach, und gerade war so ein Moment der tiefsten Trauer, dass er die schönsten Erscheinungen dieser Liebe mit eigenen Augen und Sinnen wie ein Naturforscher beobachten konnte. Aber er musste eigentlich fast resignieren, denn er sah sich von der Moral eingeengt und konnte von dieser Materie kaum reden, geschweige denn schreiben. Also wandte sich der frierende G. einer anderen Materie zu, über die zu schreiben er sich traute und die ihn von seinen schwermütigen Gedanken abzulenken versprach, seinen Egmont. Vor einem Café fand er ein windgeschütztes, aber sonnenbeschienenes Plätzchen, an dem er sich niederlassen konnte und sein hervorgezogenes Stück Papier mit krausen Gedanken vollkritzeln konnte. Im Übrigen hatte G. eine ganz schöne Schrift. Deshalb war er auch so erbost, als er die Nachahmung seiner unnachahmlichen Schrift erkennen musste, nachdem er einen Brief des Herrn von Stein aufgerissen hatte, der ihm mit reitendem Boten nachgesandt worden war. Jetzt saß er also vor dem italienischen Café und kaute gedankenverloren am Ende seiner Gänsefeder so lange herum, bis er einzelne Federhärchen in seinem Mund spürte, die er wild fluchend und spuckend schadlos zu entfernen trachtete. Gleich würde er schreiben.

Allem Wollen zum Trotz hatte G. Hunger bekommen. Also packte er seine Sachen nach einer geraumen Weile, ohne ein Wort geschrieben zu haben, wieder in das berühmte Wachstuch und ging in Richtung Piazza Grande. Dort hatte er eine Pizzeria entdeckt, aus der es schon von weitem würzig nach Oregano duftete.
Als er sich an einem freien Tisch niedergelassen hatte, fiel wie von selbst sein Blick auf die Frau, die am Tisch gegenüber saß. Heiß stieg in ihm bei deren Anblick das Blut derart empor, dass er spürbar rot wurde. Ein Seufzer entrang sich seiner Brust und leise – wenn man ganz genau hinhörte, konnte man die Worte verstehen – brabbelte er vor sich hin: Beim Himmel, dieses Kind ist schön, so etwas hab’ ich noch nie gesehn. Der Lippe Rot, ein guter Lippenstift, der Wange Licht, mein Gott, wie sie die Augen niederschlägt, das ist nun wohl zum Entzücken, doch wie stell ich´s an, ihre Bekanntschaft zu machen? Tja, da war guter Rat teuer. Doch G. wäre nicht G. gewesen, wäre ihm nicht augenblicklich der Anfang einer passenden Konversation eingefallen. Er erinnerte sich, nachdem er die Bestellung einer Pizza margherita e rustica aufgegeben hatte, an das fruchtbare Gespräch mit Tischbein in Rom. Glücklicher Einfall das, dachte G., da ließe sich ein guter Faden knüpfen, der das Ziel erahnen ließe. Als G. seine Pizza erhalten hatte, erhob er sich, nahm seinen Teller und ging ihn vor sich her balancierend mit vollendeter Grandezza zum Tisch der Dame, die offensichtlich ohne Begleitung war. Deshalb konnte er meinen, sich das erlauben zu dürfen, was er sich gerade erlaubte. Er verbeugte sich höflich mit dem steif gehaltenen Oberkörper, wobei er den Teller im gleichen Winkel wie den Oberkörper neigte, so dass die kross gebackene Pizza glatt und unversehrt auf dem Tisch der Dame landete, und fragte, ob er ihr Gesellschaft leisten dürfe. Da die Dame (bei der kurzen Ansprache hatte sich herausgestellt, dass sie die gleiche Sprache wie G. sprach, was diesen dünkte, es würde ihm die Konversation erheblich erleichtern) nichts dagegen hatte – Ihre Pizza ist ja schon da, sagte sie – konnte er sich setzen. Fast nebenbei mit großer Selbstverständlichkeit streifte er mit einer eleganten Bewegung der Hand die auf dem nackten Tisch liegende Pizza auf den Teller, den er plan zum Tisch hielt. Fast wäre sie ihm durch den Schwung, den er dem Hefefladen gegeben hatte, über den Teller hinaus und in seinen Schoß gefallen. Doch G. war äußerst geschickt und glich die physikalisch wirken wollenden Kräfte aus und konnte endlich den Teller mit der Pizza auf den Tisch platzieren. G. und die Dame aßen schweigsam. Verstohlen betrachtete G. die Frau, der er sich vergessen hatte vorzustellen. Jetzt war es dafür zu spät. Sah sie ihn an, vertiefte er sich heftig mit dem Messer schneidend in seine Pizza. Beinahe wäre ihm das Messer, mit dem er wild im knusprigen Teig herumwühlte, bei einer solch verbergenden Bewegung ausgeglitten. Das hätte eine Unglück geben können und einen Verlust für die Weltliteratur. Er musste endlich handeln. Das Schweigen und das schrille Kreischen des Messers auf dem edlen Industrieporzellan waren kaum länger auszuhalten. G. stellte sich vor, dass er sich ein Herz nahm und sie mutig fragte: Ihre Netzstrümpfe gefallen mir, tragen Sie Zwickel, Strapse oder Halterlose? Wollen Sie nachsehen? könnte die Schöne antworten und ihren Blick tief in die Augen G.’s versenken. Sie musste ihn erkannt haben, durchzuckte es ihn. Bei seiner Berühmtheit war das eigentlich gar nicht verwunderlich. Schwer schluckend wich G. dem Blick aus. Er musste jetzt aufgeblasen rot sein, spürte er. So etwas hatte er noch nicht erlebt. In dieser Situation wusste selbst sein sonst so schnell arbeitender Verstand nicht, welche Signale er geben sollte. Würde er nur nach dem Gefühl in der Hand gehen, müsste er sie ihren Weg finden lassen, doch sein Schamgefühl gab gerade gegenteilige Befehle aus. So kann man doch keine Konversation führen, dachte G. Er musste etwas sagen, spornte er sich an. Er musste unbedingt lächeln. Das wusste er. Doch da kein Lächeln zustande kommen wollte, dirigierte er die Hand, die eigentlich anderes wollte, zu seinem rechten Mundwinkel und zog ihn nach oben. Plötzlich und unerwartet, schien es ihm, stand die Frau auf. Sie bedankte sich so für die freundliche Gesellschaft ohne Worte, wie sie sagte, dass selbst G., der aus seinem frivolen Tagtraum aufgewacht war, die Ironie verstand. In aufrechtem Gang verließ die Unbekannte das Lokal. G. hatte nicht mehr die Kraft, den Anblick ihres Gangs, ihres Pos und ihrer Beine zu genießen, denn er wusste, dass er eine Niederlage erlitten hatte. Er saß da wie ein begossener Pudel. Trotz des Versuchs, auf andere Gedanken zu kommen, war G. nun deprimiert. Schlimme Gedanken verdunkelten sein Denken. Gedankenverloren starrte er auf den Fernsehapparat, in dem ein Film lief, der nichts außer gewisse geschlechtliche Manipulationen zum Inhalt hatte. Er stieß in wilder Verzweiflung den Teller mit den kalt gewordenen Pizzaresten von sich, zog seine Blätter Papier aus dem berühmten Wachstuch, nahm einen kräftigen Schluck vom Rotwein, den er missmutig bestellt hatte, setzte die Feder an, tauchte sie versehentlich ins Rotweinglas, leckte sie ab, tauchte sie ins Reisetintenfass und schrieb nicht. Ihm fiel ein, dass er nicht wusste, was er schreiben sollte. Sein Erlebnis war unmöglich zu beschreiben. Da blieb ihm nichts anderes übrig als an seine einzige Geliebte zu schreiben, an seine liebe Katharina Elisabeth: Vor allem muss ich Ihnen sagen, liebe Mutter, dass ich glücklich und gesund hier bin. Meine Reise, die ich ganz im Stillen unternahm, macht mir viel Freude. Ich bin ganz allein und unbekannt, auch achte ich eine Art Inkognito. Wie lange ich bleibe, weiß ich noch nicht, es wird darauf ankommen, wie es zuhause aussieht. Auf alle Fälle gehe ich über die Schweiz zurück und besuche Sie. Heute habe ich nicht die Zeit, viel zu sagen, nur wollt ich, dass Sie schnell die Freude mit mir teilten. Ich werde als ein neuer Mensch zurückkommen und mir und meinen Freunden zu größerer Freude leben…

 

 

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Work in progress: Im Steinbruch der Literatur

Peter Abromeit: Monster

Ein Beitrag zur Anatomie menschlicher Größe, basierend auf der erneuten Lektüre von Jonathan Swifts »Gullivers Reisen« und Thomas Hobbes »Leviathan«.


Seit Jahren lebe ich in einem Stall, den man errichtet hat, um Flugmaschinen vor der Witterung zu schützen, und sitze auf dem Trocknen. Mein Auslauf beschränkt sich auf ein braches Rollfeld, das Seiner Majestät dem Kaiser einst als Exerzierplatz diente.

Seit Jahren bin ich nicht mehr übern Zaun gestiegen, aus Angst versehentlich ein Hundchen zu zertreten, hier eine Brücke zu verbiegen, dort einen Mast zu knicken oder einen Baum. Ich habe mich dazu verpflichten müssen, zahm zu sein.

Des Morgens rollen Wagen aufs Gelände, von keinem Pferd gezogen, mit meiner täglichen Ration. Dann folgt die Müllabfuhr mit Kübelwagen, die meinen Harn abpumpen und zum Klärwerk fahren.
What have we here? A man or a fish? Dead or alive? He smells like a fish, a very ancient and fishlike smell.

Mein Futter ist genau berechnet: zwölf hoch drei. Das 1728-fache eines Durchschnittsbürgers steht mir zu. Ich bin ein Menschberg in den Augen dieser Leute. Um meinetwillen müssten sie die Schweine nicht halbieren. Ein Eisbein oder Schnitzel seh ich ohne Brille nicht.

Tatsächlich ist er fehlberechnet, mein Bedarf. Sie haben meine Länge hochgerechnet. Auf ein Volumen von dreieinhalbtausend Registertonnen! Als wäre ich so breit wie lang, so tief wie breit. Behörden sind nicht kleinlich wenn sie Großprojekte kalkulieren – und ich kann die Kartoffeln liegen lassen.

Sie wären Zwieback zwischen meinen Fingern, die Mauern dieser Stadt. Das wissen alle. Nach ihren Maßen bin ich 21 Meter hoch. Ein Riese zweifellos, ein Monster, dessen Notdurft ihre Tagebaue und ausgekohlten Stollen füllt. Aber ich spreche englisch und meine Haut ist weiß. Andernfalls wäre ich nicht mehr am Leben.

Einstweilen bin ich eine Attraktion in diesem Legoland, stehe Reklame für anabole Steroide, diene den Kindern als Klettergerüst. Ich weiß das kann sich ändern über Nacht. Ich kann von heut auf morgen zum Sozialfall werden.

Zum Wundarzt bin ich ausgebildet, bin zur See gefahren, und hab es bis zum Kapitän gebracht. Ein fest gebautes Kauffahrteischiff von dreihundertundfünfzig Tonnen kann ich wohl navigieren und kommandieren – nur gibt es keine Schiffe dieser Größe mehr.

Mit Erdarbeiten könnte ich mich nützlich machen, Pipelines verlegen, Kanäle graben, ihnen zur Hand gehen. Die Ställe des Augias zu reinigen galt einst als Heldentat. Doch seit sie ihre Kräfte bündeln mit denen der Natur, brauchen sie keine Helden mehr. Auf einen Kerl wie mich kann man getrost verzichten.
Were I in England now, as once I was, there would this monster make a man. Any strange beast there makes a man.

Noch bin ich populär. Noch fülle ich die Kasse. Noch lassen sie mich singen Nacht für Nacht, starving in the belly of the whale, unpluged & open air auf ihrem Tempelhofer Feld.

No more dams I´ll make for fish
Nor fetch in firing / at requiring
Nor scrape trenching nor wash dish
Ban ban Caliban / has a new master
Ban ban Cacaliban / get a new man

Ich ruiniere meine Stimme, I can´t use it any more. Ich singe im Falsett, knock knock knockin´ on heavens door, damit den Leuten nicht die Trommelfelle platzen. Niemand dort unten ist größer als mein Federhalter.

Ich finde keinen Anzug mehr in meiner Größe. Ich finde kein Paar Schuhe das mir passt. Die weite Welt, sie ist zu einem Lilliput geschrumpft, seit meiner Rückkehr in die Sphäre der Yahoos. Für mich gibt es kein Pferd mehr, das ich reiten könnte. Für mich gibt es hinieden kein Rettungsboot.

Die Masse trägt mich nur solange ich erträglich bin. Sie hat mich in der Hand, bestimmt die Regeln. Sie kann mir nicht das Wasser reichen. Sie kann mich aber ohne weiteres darin versinken lassen.

*

Für sich genommen ist jeder dieser Legoländer ganz erträglich. Da ihrer aber viele sind, viel mehr als ihre Summe, da sie Faktoren sind, Produkte bilden, sich potenzieren lassen, erscheinen sie mir ungeheurer als ich ihnen.

Die Wesen, die sie bilden, sind Giganten im Vergleich zu mir. Sie treten Wälder nieder ohne zu bemerken, was sie tun. Sie lesen es verwundert in der Presse und halten sich für unverantwortlich. Ihr Atem lässt die Kerne und die Gletscher schmelzen, sie aber wissen nichts davon und putzen sich die Zähne.

Die dünne Haut in der sie stecken isoliert sie kaum vom großen Ganzen, dessen Gegenstand und Konstrukteur sie sind. Aber das Teilsein überfordert ihre Sinne. Empfindungen sind individuell. Der Körper den sie bilden bleibt ihnen unsichtbar. Sie stellen ihn sich menschenähnlich vor, mit prallen Brüsten, da Milch und Honig innen fleußt.

Aus meiner Perspektive sind Germania, Britannia, Amerika, Justitia … dermaßen ungeheuerlich, dass jedes Bild (auch das des Grauens) mir geschönt erscheint.

Schaut euch Europa an, die Monroe der Antike, das pin-up girl der väterlichen Götter! Das Trauma ihrer Vergewaltigung hat die Geschändete dermaßen in die Breite gehen lassen, dass sie vom Mond aus noch zu sehen ist.

Die Zeus´sche Schandtat hat Europas schlanken Körper zur Körperschaft verformt, hat sie erniedrigt zu einer Masse, die am Boden liegt und niemals wieder auf die Beine kommt, zu einer trägen Masse, die nicht mit sich im Reinen ist und Gifte ausschwitzt, die sich in fernsten Kordilleren niederschlagen.

Kein Drache, keine Sphinx, kein Polyphem hätte sich jemals messen können mit einem Pharmariesen, einem Industriegiganten, einem gemeinen Wesen, einem Commonwealth. Ich fürchte die Makroben, in deren Innern jedes Individuum verwest. Und wenn ich zehnmal größer wäre, tausendmal kräftiger: Ich bin ihm nicht gewachsen, dem Leviathan, der über scharfe Felsen fähret wie über Kot.

Wer glaubt, dass er sich zähmen ließe von Repräsentanten des Volkes, dass er sich satteln und reiten ließe von Despoten, Monarchen oder Kanzlern, kann nicht bei Sinnen sein.

Meinst du er werde dir Flehens machen oder dir heulen? Meinst du, dass er einen Bund mit dir machen werde, dass du ihn immer zum Knecht habest? Meinst du die Gesellschaften werden ihn zerschneiden, dass er unter die Kaufleute zerteilt wird? Kannst du das Netz füllen mit seiner Haut und die Fischreusen mit seinem Kopf?

Weder Neandertaler noch homini erecti noch die Nibelungen waren jemals von Drachen bedroht, von Sphinxen oder Sauriern. All die furchtbaren Wesen, die Siegfried bekämpft hat, Gilgamesch, Herakles, Odysseus, Oedipus … sind menschliche Wesen, von unsresgleichen in die Welt gesetzt, Erziehungswesen, Bauwesen, Finanzwesen, Staatswesen – Ausgeburten kollektiver Phantasie.

Wer kann die Kinnbacken seines Antlitzes auftun? Schrecklich stehen die Zähne umher. Aus seinem Munde fahren Fackeln, und feurige Funken schießen heraus. Aus seiner Nasen gehet Rauch, wie von heißen Töpfen und Kesseln.

Und jene Helden, die einst besungen wurden und verehrt, weil sie dem Ungeheuer den Kopf herunterschlugen, hatten nichts anderes im Sinn, als ihren eignen Kopf auf dessen Schultern zu setzen.

 

 

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work in progress: Im Steinbruch der Literatur

Marlis Thiel: In der Schule des Schimpfens

 

Notizen zu einigen »Nachhilfestunden« bei Thomas Bernhard, der das Schimpfen als Kunst verstanden und rehabilitiert hat. 

I. Einige grundsätzliche Überlegungen zum Schimpfen

 

Man schimpfe niemals nur über einen konkreten Anlass, beispielsweise wenn man sich über etwas geärgert hat. Das Schimpfen muss immer grundsätzlich sein; immer das Ganze meinen; über das Private hinausgehen; der persönliche Skandal muss zum allgemeinen Skandal werden.

 

Um die eigene Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren, darf man sich vom Prozess des Schimpfens nicht ausnehmen.

 

Nach dem Schimpfen sollte man sich nicht etwa besser fühlen, oder sich gar mit seinem Feind verbrüdern. Das Schimpfen kann nie zu Ende kommen; es ist eine Rechnung, die gegen Unendlich geht.

 

Man schimpfe auf alles, auf den lieben Gott und die Welt und die Literaturkritik und die Politik und auf den Staat und auf die Einrichtung der Heiligen Familie und auf die Hysterie in den Medien, aber man hüte sich davor, Namen zu nennen.

 

Das Schimpfen sollte möglichst formvollendet und elegant, in schillernden Formulierungen daherkommen, wie ein edler Wein auf der Zunge liegen; äußerlich schön angezogen auftreten und immer mit einem Lächeln im Gesicht.

 

Das Schlimmste, was einem beim Schimpfen passieren kann, ist die Kontrolle zu verlieren, sich vor aller Welt gehen zu lassen, dass Gefühle wie Neid, Missgunst, Verachtung, Zorn und Wut, dass die niederen Instinkte die Oberhand gewinnen, womit man doch nur eigene Schwächen preisgegeben hätte. Das Schimpfen sollte einen stark machen, nicht schwächen. Es muss Gefühle verwandeln. Neid muss in Gunst und Gönnerhaftigkeit, Zorn und Wut in Lachen umschlagen, und hinter der Verachtung muss immer noch ein Rest von Achtung erkennbar bleiben.

 

Vor allem aber muss das Schimpfen an seinem verzweifelten Ursprung festhalten, sonst verliert es den Boden unter sich, droht, in Jammern auszuarten, in Tränen zu versinken, kläglich unterzugehen.

 

Grund der Geistesexistenz ist die Verzweiflung. Jedes literarische Schimpfen ist eine Verzweiflung. Jede gute Kunst, die den Namen verdient, ist Ausdruck der Verzweiflung. Jedes geschlossene oder offene philosophische System kommt aus der Verzweiflung. Thomas Bernhard machte die Verzweiflung zum Thema einer kurzen Dankesrede bei der Verleihung des österreichischen Staatspreises, die ich erst kurz vor der Preisverleihung in höchster Eile und mit dem größten Widerwillen auf ein Blatt Papier geschrieben hatte, eine kleine philosophische Abschweifung sozusagen vorgetragen hatte, in welcher ich nichts anderes zu sagen gehabt habe, als dass der Mensch armselig und ihm der Tod sicher sei.

 

Das Schimpfen muss sich vom Jammern und Klagen abgrenzen. Zwischen dem Schimpfen und dem Jammern liegt eine Welt.

Während das Schimpfen revolutionär ist, ist das Jammern bloß sentimental.

Während das Schimpfen sich am Ideal misst, misst sich das Jammern bloß am eigenen, kleinen Selbst.

Das Schimpfen kommt aristokratisch daher, das Jammern bloß ordinär.

Das Schimpfen bevorzugt die Komödie, das Jammern die Tragödie.

Das Schimpfen triumphiert mit einem Lachen; das Jammern hingegen lässt den Tränen freien Lauf.

 

Etymologisch, also im ursprünglichen Wortsinn bedeutet Schimpf: Scherz, Spaß, Kampfspiel; Schimpfen dementsprechend: Scherz treiben, spielen, verspotten.

Der Duden dagegen definiert Schimpf als: Schande, Schmach, Demütigung. Beispiel: Er wollte diesen Schimpf nicht auf sich sitzen lassen; oder: Mit Schimpf und Schande aus dem Hause gejagt werden. Schimpfen bedeutet demnach im neueren Wortverständnis: Seinen Ärger mit heftigen Worten Ausdruck geben; laut, kräftig, heftig, tüchtig, mächtig, fortgesetzt, ständig, immerzu, in einem fort schimpfen. Beispiel: Er fluchte und schimpfte; Er hat sehr auf dich (über dich) geschimpft; er schimpfte über seinen Vorgesetzen, über die herrschenden Verhältnisse.

Redensarten: Schimpfen wie ein Bierkutscher. Schimpfen wie ein Rohrspatz. Schimpf und Schande komme über dich!

 

Klage leitet sich etymologisch vom althochdeutschen klaga her, das heißt: jammern, sich beklagen, sich beschweren; auch schon mit rechtlichen Konsequenzen, jemandem sein Leid, seine Not klagen, vor Gericht klagen.

 

Anmerkung:

Die Bedeutung des Schimpfens ist ursprünglich einmal positiv gewesen. Der Schimpfer erst in neuerer Zeit zu einer negativen Figur geworden. Der große Allesbeschimpfer wäre also im  alten Wortsinn auch als ein Narr und Spaßmacher anzusehen; deswegen allerdings nicht weniger Ernst zu nehmen.

 

Wer schimpft, macht sich verdächtig. Schimpfen ist eine Selbstermächtigung. Schimpfen bringt die Hierarchien durcheinander. Stört die Verhältnisse. Das Oben und Unten der Gesellschaft, das Zusammenspiel von Herren und Knechten, Frauen und Männern, Jungen und Alten gerät durcheinander. Schimpfen macht aus einer Schwäche eine Stärke. Schimpfen, kann sich auf der Ebene des Bierkutschers oder Fußballplatzes abspielen, aber auch sehr hoch hinaus wollen, die sogenannten niederen Instinkte bedienen und sehr wohl den höchsten Ansprüchen des Geistesmenschen genügen.

 

Das Schimpfen geht immer mit der Übertreibung einher. Die Übertreibung dient einerseits der Vereinfachung; ein komplizierter Sachverhalt wird auf den Punkt gebracht, überspitzt formuliert. Andererseits führt die Übertreibung oft dazu, dass die ihr zugrunde liegende Komplexität im lauten Getöse, großen Gelächter untergeht, gar nicht mehr wahrgenommen, verstanden wird. Ein Übertreiber läuft demnach immer Gefahr, missverstanden, fehlgedeutet zu werden. Der Erkenntniswert, der in der Übertreibung liegt, verkommt zum bloßen Vergnügen. Die Narrenkappe wird zur Pose, der Narr zum Kasperl herabgesetzt. Die Rezeption eines künstlerischen Werkes zum Beispiel wird zur bloßen Konvention. Fällt der Name T. B., glauben alle schon Bescheid zu wissen. T. B. ist dann „naturgemäß“ der große Beschimpfer und Heruntermacher der Alten Meister, der größte Übertreibungskünstler des 20. Jahrhunderts, ein Typ, der immer nur über die anderen gewettert hat, ein Großenwahnsinniger, ein Neurotiker, Frauenhasser, Menschenhasser und so fort. Gegen solche Schubladen hatte T. B. schon zu Lebzeiten anzukämpfen.

 

Das Schimpfen kann außerordentlich produktiv machen. Nietzsche hat auf Wagner geschimpft; mehrere philosophische Schriften ausdrücklich gegen Wagner verfasst.

Kierkegaard ist mit seiner Philosophie ausdrücklich gegen Hegel angetreten.

Thomas Bernhard wiederum hat in seinen Werken hauptsächlich über Österreich und die Österreicher geschimpft, aber damit auch die Deutschen gemeint und die Amerikaner.

Thomas Mann hingegen hat sich über seinen Bruder Heinrich immer bloß beklagt.

Gottfried Benn, wie Thomas Bernhard ein großer bekennender Schimpfer vor dem Herrn, hat sich auch deswegen immer auf Heinrich Mann berufen.

Daniel Kehlmann wiederum beruft sich ausdrücklich auf Thomas Mann.

Und auch der Blechtrommler Günther Grass hat sich zuletzt in Lübeck schon, gleich neben den Buddenbrooks und Thomas Mann, ein Denkmal setzen lassen, mit zunehmendem Alter leisere Töne angeschlagen. Thomas Bernhard dagegen ist mit dem größten Medien-Theater-Skandal der Geschichte der Zweiten Republik von der Bühne der Welt abgetreten, gemeint ist hier das Stück Heldenplatz.

 

Eines aber darf nicht vergessen werden: Wer schimpft, muss damit rechnen, dass auch über ihn geschimpft wird.

 

 

II. Über die Kunst der Übertreibung

 

Von der Literaturkritik wird T. B. meist als Übertreiber dargestellt; manche Kritiker sprechen in seinem Fall sogar von einer Kunst, der Kunst der Übertreibung und dementsprechend vom größten Übertreibungskünstler, den das zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht hat. In T. B., so wird gesagt, habe die Kunst der Übertreibung einen ihrer exponiertesten Vertreter gefunden. Und viele haben es dem Österreicher nachzumachen versucht; ein ganzer Schwarm von Schreiberlingen, die T. B. imitieren, kopieren, die sich anstrengen, T. B. zu gleichen, ihn wenn möglich noch zu überbieten, zu übertreffen. Aber in der Kunst hat man es ja immer schon mit Nachahmung und mit Nachahmern zu tun. Jeder Kunst geht die Nachahmung voraus. Jede Kunst ist im Grunde genommen eine Kopie und Übertreibung von einem Original. Jedes Kind lernt, wie man weiß, das Sprechen hauptsächlich durch Nachahmung. Heutzutage ist ja alles schon Kunst, was nach Farbe riecht. Es ist ja überhaupt keine Sache mehr, sich hinzustellen und zu behaupten: Ich bin das Maß aller Dinge. In gewissem Sinn ist ja jeder Mensch schon eine Übertreibung zu nennen, nicht bloß der, der sich ausdrücklich als bildender, musizierender, schreibender oder darstellender Künstler vorstellt. Vielleicht sind die Verhältnisse ja schon so, dass man sich der Übertreibung überhaupt nicht mehr entziehen kann. Wenn alle nur noch übertreiben, wird man ja geradezu in die Übertreibung getrieben; gezwungen, sich dem Sog zu ergeben. Womit sich dann auch die Kunst der Übertreibung am Ende selbst erledigt hätte, selbst abgeschafft hätte; wenn es denn überhaupt eine Kunst sein soll? Die Frage ist nur: Wie soll es weitergehen, wenn alle sich der Kunst der Übertreibung bedienen, wenn am Ende alle schon zu Übertreibungskünstlern geworden sind.

 

Kann man der Falle überhaupt noch entkommen; wenn ohne Übertreibung gar nichts mehr geht? Man würde ja glattweg überhört werden, übersehen werden, würde man sich nicht wie alle anderen aufs Podest stellen und wie der Hahn auf dem Mist krähen, von früh bis spät. Und selbst wenn ein Autor behaupten würde, immer nur die Wahrheit zu sagen, würde es ihm doch als Übertreibung ausgelegt werden. Wie soll man sich verhalten zu einem Publikum, das einen ja doch nur missversteht? Und es ist ja auch nicht bloß eine Sache der Kunst. Tatsächlich wird ja in allen Sparten übertrieben. Alles muss ja immer bis auf die Spitze getrieben werden; auch wenn es sich dabei bloß um Luftblasen handelt. Diese sogenannten öffentlichen Debatten sind ja alle nur noch Übertreibungen, maßlos überdrehter, maßlos breit getretener, dazu eitel vorgetragener Meinungen, Argumente, die kein Mensch mehr hören, lesen, geschweige denn verstehen kann. Aber auf die Art und Weise wird ja Meinung gemacht. Der Mensch durch das Bad der Meinungsmache gezogen. Diese Meinungsmacher, Literaturkritiker, Interpreten sind ja alle bloß noch Handlanger der Medien. Und die Meinung, die sie vertreten, sind den Parteien, Lagern, Interessen verpflichtet, denen sie verschrieben sind. Eine unabhängige, sogenannte freie Meinung wird ja überhaupt nicht mehr gelten gelassen. Es ist ja nur noch ekelhaftester Einheitsbrei, der da breit getreten verbreitet wird. Das steht ja in keinem Verhältnis mehr zu dem tatsächlichen Anlass, dem tatsächlichen Buch oder dem tatsächlichen Theaterstück, das da besprochen werden soll, oder der Meinung, die da tatsächlich einmal geäußert wurde. Liest man das sogenannte Feuilleton, springt es einem ja geradezu ins Auge, wie schlecht gegenwärtig die Theateraufführungen wegkommen. Und wie gut dagegen die Bücher. Es werden ja nur noch gute Buchkritiken geschrieben. Die Bücher sind in diesen Besprechungen ja immer übertrieben gut, übertrieben wunderbar, poetisch, wenn nicht sogar die Sensation überhaupt auf dem Buchmarkt. Die Kritiker hierzulande sind ja neuerlich immer einer Meinung über ein Buch, das gerade herausgekommen ist. Schreiben ausnahmslos positive Kritiken. Auffällig jedenfalls ist, dass die Kritiken von mal zu mal besser werden. Schlechte Kritiken werden überhaupt nicht mehr zugelassen. Man findet sie in keiner Zeitung. In allen Zeitungen stattdessen liest man dieselbe, gute Kritik über ein gerade erst erschienenes Buch. Es ist ja auch kein so ganz abwegiger Gedanke mehr, anzunehmen, dass die Kritiken schon längst von den Verlagen geschrieben und von den Kritikern, die alle an deren Tropf hängen, nur mehr kopiert werden; die diese Entwicklung selbstverständlich begrüßen. Endlich brauchen sie, die vielen schlechten Bücher, die herauskommen, nicht mehr zu lesen. Die blöden Artikel nicht mehr zu verfassen. Die Bücher überhaupt nicht mehr in die Hand zu nehmen, geschweige denn aufzuschlagen, mit denen sich dann die, die sich immer noch die Mühe machen, von den guten Kritiken in den Zeitungen verführt, das Buch gekauft haben, zwanzig Euro oder mehr dafür bezahlt haben, in der festen Absicht, es auch zu lesen, die sich also vor dem Lesen nicht drücken, herumschlagen und bis zum Überdruss langweilen müssen. Man wundert sich ja nur noch, was einem willigen Leser da an Beschreibungskunst zugemutet wird, schaut man einmal in so ein Buch hinein. Das kann ja kein Mensch mehr von vorne bis hinten durchhalten. Diese ellenlangen Beschreibungen, wie da ein Autor sich selbst und seine Welt auf die Bühne stellt, und was ihm so durch den Kopf geht. Da hat man doch schon nach ein paar Seiten genug. Was interessiert mich, ob einer dieser sogenannten Jungautoren, sich eine gelbe oder blaue Hose kauft; und wie schwer ihm die Entscheidung fällt. Da schlage ich das Buch ganz einfach wieder zu, das von der Kritik so einhellig in den Himmel gelobt wurde.

 

Man wird ja nur noch getäuscht und in die Irre geführt und falsch informiert. Die Kritiker, die Politiker, die Kulturinstitute, die Frankfurter Büchermesse; das ist ja alles nur noch ein Geschäft. Da werden von den Konzernen ja lange schon keine Autoren mehr entdeckt. Da werden gleich ganze Verlage aufgekauft, samt Inventar und Autoren und Übersetzungsrechten. Selbst die bernhardschen Schimpftiraden stoßen einen heute schon weniger vor den Kopf, gemessen an dem, wie gegenwärtig übertrieben wird in der Politik, im Theater, in der Literaturkritik, im Feuilleton. Das ist ja genau dasselbe, was in der Wirtschaft passiert, was schon dabei ist, die gesamte Weltwirtschaft zu ruinieren. Da sind ja nur noch ganz wenige mit von der Partie. Was geschieht, wird ja nur noch von ein paar Leuten entschieden, die alle um einen Tisch herum sitzen, den man gar nicht mehr sehen kann, weil es ihn gar nicht mehr wirklich gibt. Die sogenannte Wirklichkeit besteht ja nur noch aus virtuellen Tischen und Menschen, die keine Hemmungen mehr kennen. Da entstehen mächtige Großkonzerne, die niemand mehr überblickt, kein Mensch mehr führen kann. Das wird bei Random House oder Klett-Cotta doch nicht mehr über Kunst oder Qualität gesprochen. Da spielen doch nur noch Zahlenkolonnen eine Rolle. Da wäre auch ein Werther erbarmungslos untergegangen, auch der Johann Wolfgang am Ende im Reißwolf gelandet. Denn die Verlage sind doch nicht mehr dazu da, um einen Goethe oder wen auch immer herauszubringen. Die Verlage existieren, um Thalia zu beliefern. Und um neue Werbestrategien zu entwickeln für den Verkauf von Büchern. Dabei spielt es doch überhaupt keine Rolle mehr, was für Bücher das sind. Allein auf den Verkauf kommt es an. Auch ein schlechter Roman kann sich verkaufen, wenn man es richtig macht. Zuallererst muss ein Autor sich verkaufen können! Das zählt. Ob er Kunst macht, ist allein seine Sache, nicht die eines Verlags. Die Arbeitsämter sind ja auch nicht mehr dazu da, um Stellen zu vermitteln; deswegen heißen sie ja heute auch Arbeitsagenturen. Vielleicht sollten auch die Verlage ihren längst antiquierten Namen ablegen, dann gäbe es weniger Missverständnisse. Und die Autoren würden aufhören, Manuskripte zu schicken, die Verlage mit Papier zu überschwemmen. Das Denken muss sich ändern. Das alte Denken hinkt der Realität ja bloß noch hinterher. Ein neues Denken muss sich etablieren, in die Köpfe hineinkommen, auch in die Köpfe ehrgeiziger Schriftsteller hinein. Denn eines ist absehbar. Der zukünftige Autor, den wir alle erwarten, auf den wir alle neugierig sind, wird, wenn es so weiter geht, vor allem Kaufmann sein müssen. aufenMehr Kaufmann als Künstler, mehr Strategie als Genie.

 

 

III. Es ist jedes Mal eine Katastrophe.

Ein fiktives Interview mit Thomas Bernhard

 

Herr Bernhard, woher kam der Antrieb, Schriftsteller zu werden. Wir wissen aus Ihrer Biographie, dass Sie eine sehr intensive Beziehung zu Ihrem Großvater, einem Schriftsteller gehabt haben. Sie sind mit Büchern aufgewachsen . . .

 

Ich habe Bücher eigentlich immer gehasst! Niemals könnte ich in einer Bibliothek leben. Schon als Kind fühlte ich mich von den Büchern meines Großvaters zerquetscht.

 

Herr Bernhard, Sie zählen zur Avantgarde der österreichischen Literatur . . .

 

In Österreich gibt es und gab es niemals eine Avantgarde. Der Verstand der Österreicher ist seit Jahrhunderten von der Musik umnebelt; er ist es nicht gewohnt, sich in Worten auszudrücken, ist nicht imstande, wichtige Begriffe zu erfassen. Die Habsburger waren Musik-Mäzene zum Nachteil der Hirntätigkeit. In Österreich haben sich immer nur Mönche und alte Barone um die Dichtung gekümmert. Es hat nie eine Dichtung gegeben. Wer versucht hat, seine Gedanken in der Dichtung auszudrücken, ist im Gefängnis gelandet. Die einzige Glanzzeit, die einzige intellektuelle Überlegenheit über Deutschland hat es um die Jahrhundertwende gegeben, aber die ist zu Ende gegangen, erstickt vom Nationalsozialismus und der Flucht der jüdischen Intellektuellen.

 

Herr Bernhard, haben Sie jemals an Selbstmord gedacht?

 

Dass ich mich beim morgendlichen Rasieren vor dem Spiegel noch nicht umgebracht habe, ist einzig und allein meine Feigheit. Feigheit, Eitelkeit und Neugier sind im Grunde die drei wesentlichen Antriebe, denen das Leben seine Fortsetzung verdankt.

 

Herr Bernhard, zu Ihrem Stück über Kant. Es erzählt davon, wie Herr Kant mit Anhang – mit Frau, Papagei und Diener – auf einer Seereise nach Amerika verschiedene Personen trifft, unter anderem eine Millionärin, einen Admiral, einen Kunstsammler, einen Kardinal und einen Kapitän . . .

 

Ja, das ist die Gesellschaft auf hoher See.

 

Herr Bernhard, in einer Österreich-Antologie sollte ein Beitrag von Ihnen über Österreich erscheinen. Diesen Beitrag hat der Residenz-Verlag, der auch Ihr Verlag ist, abgelehnt. Sie haben daraufhin diesen abgelehnten Artikel in einer großen, deutschen Wochenzeitung veröffentlicht. Ist es richtig, dass Sie sich in einem permanenten Kampf in Ihrer Haltung zu Österreich befinden?

 

Ich hab in Österreich einen Hof zu bewirtschaften. Ich muss mit dem Trecker raus.

 

Herr Bernhard, ist es Ihnen auf dem Land nicht manchmal zu ruhig?

 

Ich bin von Wien fortgegangen, weil es mir zu voll war. Und außerdem waren alle meine Freunde tot. Der letzte hat sich während eines Abendessens unter Freunden in seinem Haus für kurze Zeit entschuldigt. Wir haben ihn dann in einem anderen Zimmer gefunden. Erhängt. Er hatte sich als Frau verkleidet und trug die Kleider seiner Gattin. Er hatte sich die typisch österreichische Tracht ausgesucht, die mit dem ausgeschnittenen Mieder.

 

Herr Bernhard, in Deutschland ist es üblich geworden, die Schriftsteller nach Ratten und Schmeißfliegen einzuteilen; sind Sie nun eine Ratte oder eine Schmeißfliege?

 

Für die Österreicher war ich immer ein Stinktier. Aber auch das kann sich ändern.

 

Herr Bernhard, müssen Sie sich oft zu etwas zwingen?

 

Ja, zum Schreiben, meistens. Schreiben ist Sklavenarbeit. Und wenn die Sklaverei zu Ende ist, beginnt eine neue, die des Nichtschreibens.

 

Herr Bernhard, was stört Sie an anderen Schriftstellern?

 

Am meisten stört mich an ihnen, dass sie Schriftsteller sind.

 

Konkurrenzneid?

 

Die Menschen sind so.

 

Herr Bernhard, kann man Sie fragen, ob es Ihnen Spaß macht, Erfolg zu haben?

 

Das einzig Interessante ist, dass man auf der Bank noch Geld hat und leben kann. Ich habe gern die Überweisungen vom Verlag.

 

Zurück zum Österreichischen. Herr Bernhard, Sie haben nie gezögert, den Österreichern alles nur erdenklich Böse anzuhängen. In einem Beitrag haben Sie geschrieben, dass Ihre Regierungen in den letzten Jahrzehnten zu jedem Verbrechen an diesem Österreich bereit gewesen wären. Die Regierungen hätten an diesem Österreich nur jedes denkbare Verbrechen begangen, unter Ausnutzung dieses von Natur aus verschlafenen Volkes die Gemeinheit und Brutalität schließlich zu der einzigen Kunst gemacht, die sie beherrschen und die sie bewundern und in die sie tatsächlich vernarrt sind. Das ist doch ein genereller Misstrauensantrag gegen jede österreichische Regierung.

 

Ich könnte auf dem Papier öfter jemanden umbringen.

 

Herr Bernhard, tötet man in der Vorstellung, damit man sich das Ausführen der Tat in der Wirklichkeit erspart?

 

Ich bin mit allem zufrieden, restlos. Und es ist ein Glück, dass ich Sie nicht mit der Hacke jetzt erschlag. Ich könnte Sie ja wirklich jetzt umbringen. Zum Beispiel. Man hat ja oft mit Leuten zu tun, die nur zum Wegschießen sind. Ich vertrag ja momentan nicht einmal ein Putzerin oder was. In Wien, die Idee, dass da wer reingeht und dann . . . das halt ich nicht aus. Man ist ja schwach, man hängt einfach an einem Faden. Ein Mensch, der labil und wetterabhängig ist und Kreuzweh hat und nicht weiß, hält die Blase oder hält sie nicht. Man ist ja abhängig von diesen Dingen. Ist ja alldem ausgeliefert.

 

Herr Bernhard, wie haben Sie die Nacht geschlafen?

 

Also das ist doch bekannt, dass ich ewig schlaflos bin vor Angst, dass mir die Stadt Wien im Schlaf Zebrastreifen auf die Augenlider malt . . .

 

Herr Bernhard, wie verhält es sich mit der Abhängigkeit eines Autors von seinem Verleger?

 

Ein Verleger. Da müsste man ja erst einmal fragen, was das ist, ein Verleger? Ein Bettvorleger, das ist ja eindeutig, was das ist. Aber ein Verleger, ohne Bett vorn, das ist schon sehr schwierig zu beantworten. Oder wenn jemand was verlegt, das ist ja ein konfuser Mensch, wenn er etwas verlegt und dann nicht mehr findet. Ich hatte niemals Probleme, meine Sachen zu verlegen. Ja, der Unseld bringt mich jetzt sogar in Japan heraus. Die Verstörung zuerst, hat er gerufen, das japanischste Ihrer Bücher, aber als ich dann gefragt hab, was heißt Verstörung auf japanisch, da hat er zugeben müssen, dass es das Wort Verstörung auf japanisch gar nicht gibt.

 

Herr Bernhard, was halten Sie von Ihrem Publikum, von Ihren Lesern?

 

Da müssen Sie sich anschreien lassen auf der Straßen, Sie werden schon noch sehen, wie weit Sie kommen, und so. Andererseits, wenn Sie was veröffentlichen, muss man sich natürlich vergegenwärtigen, dass man das ja nicht regulieren kann. Wäre ja tragisch. Das spiegelt genau wider, wie alles ist. Da kann man nichts machen, es besteht eh alles aus Missverständnissen. Und das Anpinkeln, das wird man im Laufe der Jahrzehnte auch gewohnt. Na ja, man bietet sich als Baum wahrscheinlich an. Da kommen halt die Hunde und machen hin. Aber es ist noch kein angepinkelter Baum eingegangen.

 

Herr Bernhard, Sie werden oft mit Beckett verglichen . . . manchmal werden Sie der Alpen-Beckett genannt.

 

Für mich ist der Beckett seit 10 Jahren tot, er schickt nur noch kurze Botschaften aus dem Jenseits. Ebenso der Brecht. Brechts Figuren sind verstaubte Marionetten. Er ist ein Goldoni aus Holz. Im Vergleich zu Kleist bloß ein Zwerg. Die meisten Schriftsteller haben ja nie einen Charakter gehabt. Wenn Sie heute eine Zeitung aufmachen, lesen sie fast nur irgendetwas über Thomas Mann. Jetzt ist der schon dreißig Jahre tot, und immer wieder, ununterbrochen, das ist ja nicht zum Aushalten. Dabei war das ein kleinbürgerlicher Schriftsteller, ein scheußlicher, ungeistiger, der nur für Kleinbürger geschrieben hat. Das interessiert ja nur Kleinbürger, so ein Milieu, das der beschreibt. Was der Kerl eigentlich dahergeschrieben hat über die politischen Sachen! Der war völlig verkrampft und ein typischer deutscher Kleinbürger. Mit einer geldgierigen Frau. Das ist für mich diese deutsche Schriftstellermischung. Immer Frauen gehabt im Hintergrund, ob das der Mann ist oder der Zuckmayer. Die haben immer geschaut, dass sie neben dem Staatspräsidenten sitzen, bei jeder blöden Plastikausstellung und Brückeneröffnung. Das sind die Leute, die immer mit dem Staat und den Mächtigen packeln und entweder links oder recht davon sitzen. Der typische deutschsprachige Schriftsteller. Wenn lange Haare modern sind, dann hat er lange Haare, wenn sie kurz sind, hat er kurze. Ist die Regierung links, rennt er dorthin, ist sie rechts, rennt er dahin. Immer das gleiche.

 

Herr Bernhard, haben Sie sich jemals gewünscht, eine Familie zu gründen?

 

Ich war immer nur froh, zu überleben. An die Gründung einer Familie konnte ich gar nicht denken. Ich war nicht gesund, ich hatte daher auch keine Lust zu diesen Sachen. Es ist mir nichts anderes übriggeblieben, als mich in meinen Verstand zu flüchten und mit dem irgendetwas anzufangen. Außerdem lehne ich die Familie als eine nicht nur staatlich geförderte sondern auch kirchlich abgesegnete Einrichtung ab. Auch deswegen bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten. Ich bin kein Freund von kirchlichen Trauungen, kirchlichen Taufzeremonien. Eine Patenschaft für ein Kind kann man ja guten Gewissens gar nicht mehr antreten, weil man ja nie wissen kann, ob man da einen zukünftigen Massenmörder über das Taufbecken hält; obwohl der Gedanke, ein Massenmörder könnte dabei herauskommen, nicht ohne Reiz ist. Ich gebe es zu: Ich hätte vielleicht sogar ganz gern einen Massenmörder gezeugt, wenn man mir die Garantie gegeben hätte, dass dabei auch ein Massenmörder herausgekommen wäre; denn gegen die vielen Wiener Massenmörder könnte ja nur ein Massenmörder etwas ausrichten, nicht wahr. Aber manchmal denke ich auch: Man sollte allen Leuten, die Kinder kriegen, die Ohren abschneiden, im Ernst!

 

Herr Bernhard, wie messen Sie Ihren Erfolg?

 

Erfolg wäre, wenn ich mein Manuskript einem Verleger schicke und der nicht lange fragt; er setzt es, druckt es, das finde ich eigentlich schon den ganzen Erfolg.

 

Also Publizieren würde Ihnen wirklich genügen, das wäre egal, ob es 200 oder 200.000 Exemplare sein würden?

 

Es würde mir genügen, möglichst korrekt mit möglichst wenig Druckfehlern, möglichst einfach, ohne graphische Kinkerlitzchen gedruckt zu werden. Und dass ich leben kann. Alles andere brauch ich nicht. Das ist mir eher immer grauslich, was nachher kommt.

 

Herr Bernhard, in Ihrem Buch Die Auslöschung haben Sie gesagt, dass man sich mit vierzig Jahren zum Altersnarren ausrufen lassen soll. Warum?

 

Diese Methode ist die einzige, die das Ganze erträglich macht. Nur mit dem Blick des Narren auf den Narren geht es. Das Deprimierende an einem Schriftstellerschicksal ist, dass man das nie zu Papier bringen kann, was man sich denkt oder vorgestellt hat. Das deprimiert einen wie mich am meisten. Man kann sich im Grunde nicht mitteilen. Das ist auch noch niemandem geglückt. In der deutschen Sprache schon gar nicht, weil die ja hölzern und schwerfällig ist, eigentlich schauerlich. Eine grauenhafte Sprache, die alles tötet, was leicht und wunderbar ist. Wenn ich schreibe, ist es nie das, was ich mir darunter vorgestellt habe. Das ist weniger deprimierend bei Büchern, weil man denkt, der Leser hat eigene Phantasie. Dem geht die Blume vielleicht doch noch auf. Während auf der Bühne, im Theater nichts aufgeht außer dem Vorhang. Es bleiben menschliche Schauspieler, die sich monatelang abgequält haben bis zur Premiere. Diese Leute müssten die Figuren sein, die man sich ausgedacht hat. Das sind sie aber nicht. Die Figuren im Kopf, die alles konnten, bestehen plötzlich aus Fleisch, Wasser und Knochen. Sie sind schwerfällig. Im Kopf war das Stück poetisch, großartig, doch die Schauspieler sind geschäftsmäßige Übertrager, Übersetzer. Eine Übersetzung hat mit dem Original nicht viel zu tun. Also hat ein Theaterstück auf der Bühne mit dem, was der Autor erfunden hat, auch nichts zu tun. Die sogenannten Bretter, die die Welt bedeuten, sind für mich immer Bretter gewesen, die mir alles vernichtet haben. Alles wird zertrampelt auf der Bühne. Es ist jedes Mal eine Katastrophe.

 

Herr Bernhard, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

Ein Gespräch nennen Sie das?

 

 

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work in progress: Im Steinbruch der Literatur

Bernd Oei: Also antwortete ich Zarathustra


Eine Parodie auf Friedrich Nietzsches philosophische Dichtung, die ihrerseits als Parodie auf die Evangelien gelesen werden kann.

 

Es begab sich, dass in der Stadt Das vielfarbige Schwein im Reich Jenseits von Dichtung und Wahrheit ein König nicht mehr weiter wusste und um Hilfe bat. Also rief er den weisesten unter den Weisen an seinem Hofe. Dieser stieg sogleich herab aus seinen Bergen, wo er an einem einsiedlerischen See seine Wahrheiten unter Tieren suchte, denn menschlicher als der Mensch ist nur das Tier. Er nannte sich Z, weil das Alphabet und damit das Wissen, zumindest das deutsche, mit diesem Buchstaben endet und Gott bekanntlich in der Grammatik begraben liegt. Also kam er und fuhr nicht unter die Säue, sondern in das vielfarbige Schwein.

Da alle Brunnen schwiegen, herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände, wie man sie nur unter aufgebrachten Literaten findet. Menschen mit Parolen auf Plakaten belagerten den Palast, und es war ganz offensichtlich, dass jeder von ihnen sich zum Dichter berufen fühlte. Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ich hier unbeschadet durch die Menge, dünkte es dem Weisen, und er fragte nach einem Hintereingang. Die königlichen Gesandten führten ihn über unterirdische Geheimwege und über ein Seil. Vor einem eisernen Tor verharrten sie. Keiner ihrer sieben Schlüssel schien zu passen, und auch nach diversen Zaubersprüchen und einem Esslöffel Honig blieb es verschlossen, und die Zeit verging. Also wartete Z wie einer, der auch die Geduld verlernt hat, weil er gar nichts mehr dulden mag.

Nun, hier ist gut der teure Rat, sagte der Weise und radbecherte ein wenig rückwärts, in der Hoffnung, durch die Umkehr aller Worte und Reime würde sich ihm das Tor endlich auftun. In Märchen, den schwarz-weißen zumindest,  geschieht es, dass alle Sprüche und Pfeile treffen. Da Geschichte doch nur eine Fabel, wenngleich eine bunte ist, hoffte der Eremit, dass der Berg nun zum Propheten kommen würde.
Ich erinnere mich, sagte er, des Wartens müde geworden, wo keine Worte helfen, ist Schweigen sehr bered.
Also schwieg er das Tor mit ganzer Inbrunst an. Alsbald taten sich vielerlei Spiegel auf, die zeigten ihm die Nacktheit seiner ganzen Seele. Er lachte diesen Fratzen entgegen, und da tat sich das Tor auf, aus Bosheit und nicht aus Mitleid, wie es seufzend verriet.

Der aufgebrachte König kündete von seinem Leid, die Quoten seien schlecht, darum habe er einen Wettbewerb der größten tragischen Dichtungen ausge­lobt. Die Figuren seien an die Stelle ihrer Autoren getreten, denn diese lägen im Streit mit ihren Verlegern und Agenten und streikten deshalb. Um ein Kriterium zu finden, habe er sich auf die Frage der Tragik festgelegt. Immerhin gäbe es da aristotelische Grenzen. Ach diese Dichter, endete er.
Ich bin tragischer als alle anderen.
Eine zierliche Frau mit großem Hut trat zwischen den König und den Weisen, und ihr französischer Akzent schimmerte unter der augenzwinkernden Leichenblässe, um erotisch zu wirken.
Keine Bestechung, die verbitte ich mir, sagte der König so erregt, dass der Weise rätselte, ob die beiden nicht bereits ihre Glieder unter einer Decke streckten. Da ihm in seiner Einsiedelei keine Post zugestellt wurde, weder eine literarische noch eine wissenschaftliche, sofern sich diese überhaupt unterscheiden ließ, mussten wohl mehrere hundert Jahre vergangen sein, seit er sich das letzte mal unter die Menschen gewagt. Doch alle Brunnen reden laut, wenn ihnen das Wasser abgegraben wird, und so schien der elegante Hut auch mehr zu verraten als er verdeckte.
Ich bin die Heldin, die nichts tut, doch alles wagt, indem sie träumt und die grandios ist in ihrer Illusion zu lieben, so dass alle Männer, die mich lieben, Rindviechern ähneln. Sagt, weiser Mann aus den Bergen, wer bin ich?
Also antwortete Z, bemüht einen tanzenden Stern aus sich zu gebären, blickte in ihre Kurzsichtigkeit verratenden Augen, die stets in weite Ferne schweiften, gleich Piraten, die auf den Meeren ihre Klingen kreuzen.
Wenn das Weib eine Wahrheit ist, trägt sie viele Gesichter, begann er. Die zierliche Frau unter dem großen Hut winkte, ermüdet von solchen Redens­arten, verächtlich ab und entblößte ihre blonden Zähne, blonder noch als der Rücken eines Tigers, auf dem der Weise vor langen Zeiten in seinen Bergen geritten war.
Erzähl mir nichts von den Weibern, sagte sie, darin kennst du dich nicht aus. Nimm diese kleine Wahrheit von mir: Wer so lange in der Wüste lebte wie du, der weiß nichts vom Meer und den frischen Winden, die zu den glückseligen Inseln tragen. Ich bin die berühmte femme fatale, ein Gesicht habe ich nicht.

Der Weise seufzte, die Frau an sich sei schon eine Sphinx, aber eine die französisch spricht und einen Hut trägt, ist verflixt verdächtig. Also grub er in seinen Erinnerungen und Asche wurde zu Träumen über das Weib und er fand nichts außer der Geschichte von Eva, die doch unmöglich einen Preis für literarischen Weltruhm verlangen konnte, da die Autorenschaft gänzlich ungeklärt und die Urheberrechte ungeschützt waren. Er dachte an Helena, aber die Hellenen trugen keine Hüte, dessen war er sich sicher. Das Problem verlangte investigativen Journalismus. Also antwortete er: So nehmt meine kleine Weisheit: Einst machte ich eine Dame mit Hut auf meinem Zauberberg über einen Bleistift in mich verliebt. Sie sprach französisch mit Akzent und war Russin und recht eigentlich war sie alles, bloß nicht zu besitzen. In meiner Erinnerung habe ich sie schöner gemacht als sie ist. Ihr französisch dagegen klingt recht deutsch. So gründlich und verständlich, nahezu selbstverständlich, wie es heutzutage à la mode geworden ist.

Also, ich muss doch sehr bitten, ich gehe stets mit der Mode und folge ihr nicht nach, und russisch ist absolut nicht mein Metier, antwortete die geheimnisvolle Dame, deren Antlitz noch bleicher geworden war. Aus dem lärmenden Hintergrund zerrte man einen anderen auf das Podium, damit er Z unter die Augen trete. Dem stotternden Mann fiel verschüchtert die Mütze vom Kopfe, da sie ihm zu groß oder sein Schädelvolumen zu klein war.
Nicht sie, er  ist der tragische Held, nach dem ihr sucht, ereiferten sich die Schatten, welche den Ärmsten nach vorne gedrängt.
Auf die Frage seiner Identität ward ihm von dem Mann einsilbig geantwortet:
Ihr Gatte.
Und das steht zweifelsfrei von amor fati fest?
Da können Sie Gift drauf nehmen, mischte sich die Dame, bleich und mit großem Hut, wieder ins Gespräch, da ihr die Felle davonzuschwimmen drohten. Das corpus delicti mit der rutschenden Mütze aber stotterte eifrig:
Ich bin tragisch zu nennen, weil ich in meiner Liebe zu meiner Gattin mit Blindheit und nicht nur mit Hörnern geschlagen ward.
Der Weise erkannte in ihm den Arzt, der seinem untreuen Weib selbst das Mittel zum Zwecke besorgt. Die Frage stand im Raum wie Scherben des Lichts:Wer liebt tragisch? Die Frau, die Liebe sucht und nur Affären findet oder der Mann, der sie schenkt und dafür kräftig zahlt?
Das hängt ganz vom Bewusstsein des Betrachters, des Spiegels Blick ab, begann der Weise sich um Kopf und Kragen zu reden, als eine andere Dame mit ihrem lungenkränkelnden Husten ihm zu Leibe rückte. Sie war ganz dem Geschmack des Vorkriegseuropas zuzurechnen und ihr Akzent war von slawischer Fülle, dafür arsenfrei.
Wie kann sie es wagen, diese Madame vom Lande, die große tragische Persönlichkeit, das bin doch ich, n´est ce pas?

Verwirrt stellte Z fest, dass ihm sein Gedächtnis Streiche spielte. Das habe ich auf dem Berg getan oder sie, dachte er bei sich. Unmöglich, das kann ich nicht getan haben, geschweige denn sie. Aber so sehr er sich auch den Geschmack ihres Fleisches oder ihrer Küsse zu erinnern versuchte, der Stolz war immer stärker und drängte die Erinnerung zurück. Sie ist nicht halb so schön wie das Bild, das ich in meinem Kopfe mit mir trage.
Ich bin die Zauberin, deine kleine Hexe mit dem crayon, ich bin die, wie sagtest du doch gleich, Bleistift.
Die beiden Damen begannen sich zu zanken.
Lügen haben keine Stifte, sagte die eine, setzte sich ihren modischen Hut à la Bovary zurecht, schubste ihren zögerlich zaudernden Gatten zur Seite und betonte, es sei allemal tragischer, geliebt und verloren oder sich verlierend geliebt zu haben als, sich der Liebe entziehend, Spuren im Schnee hinter­lassend, sich davonzu­machen. Ehe Madame Clawida  ihrer Rivalin mit der Peitsche zuleibe rücken vermochte, wurde sie von der Liste der Kandidaten gestrichen, da Z nach Hans ein siebenjähriges Verhältnis unter dem Mantel des Schweigens  mit ihr gehabt habe, was ihn befangen in seinem Urteils­vermögen machte. Er beschloss nach gut deutscher Sitte von Alpha bis Omega chronologisch vorzugehen, um eine unendliche Wiederkehr des Gleichen zu verhindern.

Antiken Helden rangen um den Titel der Tragik, einer ganz besonders, der wollte nicht nur den Ruhm, sondern sogar seine Leber zurück. Er meinte, schließlich habe er mit Leib und Leber für seine Freiheit zahlen müssen. Der Weise erwiderte: Ach Prometheus, nicht nur die Götter sind sterblich, auch die Dichter. Wer findet heute noch Gefallen an deinen Grillen und Geiern, und wenn ein Franzose sagt, der Mensch ist frei geboren, doch überall liegt er in Ketten, so ist wahrlich nichts Besonderes mehr an dir.
Als sich ein vergleichlicher efeubegrenzter und an steinernem Leid tragender Recke zeigte,seufzte der Weise: Auch dich hat ein Franzose zu Grabe getragen, als er meinte, wir sollten uns dich nur als einen glücklichen Menschen vorstellen.
Beschämt trat Sisyphos zurück. Ödipus erschien niemandem als geeignet; man diagnostizierte selbst gestricktes Leid durch zuviel neurologische Tätig­keit. Sie sind sich ihres Leides zu sehr bewusst, um tragisch zu sein. Und sie nehmen es zudem zu leicht, der eine frei von der Leber weg, der andere wird gar eins mit der Pein, dem Stein.

Der König wurde indes ungeduldig, er verlor ob der Unentschlossenheit des Weisen das Gleichgewicht, und man sah mit Bedauern, dass er einen Buckel hatte. Auf seinem Haupte saß nun keine Krone mehr, sondern eine  zischende Schlange. Gleich dem wütenden Blitz fuhr sie auf den Weisen los. Von ihr gebissen, strafte dieser den gestürzten König mit Verachtung.
Bürger Capet, ich kenne eure Tugenden, den tiefen Fall, den Ihr nahmt, und doch wären Sie besser auf der Hirschjagd geblieben und hätten nicht die Dame Austria geheiratet, man weiß doch, dass auf sieben Jahre stets das Unglück folgt und damit Habsburg. Fürwahr eine tragische Geschichte, nicht einmal durch Cordoba aufzuheitern.

Endlich sah ein anderer Held seine Stunde gekommen und rief sich, laut mit der Rüstung klappernd, ins Gedächtnis.
Bei allen Heiligen, seufzte Z und besah sich den Ritter der traurigen Gestalt aus der Nähe. Dein Schöpfer erscheint mir weit tragischer als du selbst, denn du hast vom Nektar der Fantasie nicht bloß gekostet, dich schlug die Muse mit barmherziger Naivität. Wer gegen Windmühlen ficht, der ist ein wahrlich glücklicher Mann, wohl dem, der noch Aufgaben und Wagnisse kennt und vor allem, der sie sich selbst zu erfinden weiß.

Nach und nach traten sie alle auf die Bühne des Lebens. Der alte Mann und das Meer, auch hier schien es dem Weisen ungerecht, dem Helden eines Romans den Vorzug vor seinem depressiven und auf die Gründe jedes Whiskeyglases blickenden Autoren zu geben. Denn einmal einen Fisch in den Händen  gehabt und ihn wieder verloren zu haben, war allemal besser, als die Meere nie zu befahren und ewig im Trüben zu fischen. Iwan Karamasow trat vor sein Angesicht, als Vertreter der verlorenen russischen Generation, als Abgesandter einer von der Welt längst vergessenen Bewegung, die einst auszog, Gott zu töten, um ihm Angesicht in Angesicht gegenüberzutreten, frei von Schuld. Z antwortete ihm: Sie haben recht, Genosse Iwan, die einzige philosophische Frage ist die nach dem Selbstmord. Und wer Gott töten muss, um zu beweisen, dass er nicht existiert, der ist wahrlich nicht zu beneiden. Dennoch, bedenken Sie, die russische Revolution, die Geschichte, Sie wissen schon, sie hat Sie längst überholt. Denken Sie an all die im Roten verlorenen Träume, die Sie noch besaßen. Sie kannten noch das Wort Hoffnung und Glaube und den Mut zum Zweifel. Ihre Verzweiflung war nicht tragisch vollendet.
Iwan sah ein, dass er sich mit einem Sprung in den Wahnsinn gerettet hatte, doch ein anderer Fallensteller hatte etwas dagegen.
Aber meine Geschichte mit dem traurigen Kind ist doch unsterblich. Das Kind stirbt unschuldig an der Pest und mit ihm die Welt und das Vertrauen in selbige. Das ist wahre große Kunst, tragisch, nicht wahr?
Also, antwortete Z, mein lieber Dr. Rieux, das mit der Theodizee ist doch eine lange Gasse.
Man müsse sich fragen, ob sie nicht inzwischen eine Sackgasse sei. Die Frage nach der Unschuld setze doch den Begriff und das Bewusstsein der Schuld voraus. Recht eigentlich seien alle Menschen schuldig auf die eine oder andere Weise und selbst jener, der frei von ihr sei, werfe doch erst den Stein, der dann ins Rollen käme und so weiter und so fort. Niemand schien des Weisen Antworten noch zu verstehen. Es war Zeit für eine Art Werbepause, um mit dem Werben innezuhalten. Niemand wollte begreifen dass der Mensch, so lange er tut, was Not tut, nicht Not leidet. Die wahre Not liegt jenseits dieser Nöte.

Als alle durcheinander schwiegen, war es dunkel geworden. Also zündete der Weise seine Laterne an und  rief seine Tiere zu sich, das Nashorn und das Einhorn, und fragte beide um Rat.
Ein jeder hat sein Geheimnis und trägt es mit sich herum wie eine Nase, sagte das Einhorn. Du hast nur eines, erwiderte das Nashorn, daher lügst du auch schlecht, denn die Wahrheit beginnt doch immer zu zweien.
Und alle Zuhörer begannen zu lachen und wollten gar nicht aufhören, Narren aus sich zu machen. Das alles erinnert mich an die Geschichte mit dem Elefanten, der ein Nashorn sein wollte, dachte der Weise und vergaß, dass es sich hier um Affen handelte, die vorgaben, Menschen zu sein und dass er diese Geschichte kürzlich bei Darwin gelesen hatte. Gerne hätte er diesem den Preis einer tragischen Erkenntnis zugebilligt, doch er war nicht vor der Jury erschienen, aus Scham über die Evolution, wie er ausrichten ließ.

Endlich traten Don Juan und Faust auf die Bühne und buhlten um des Richters Aufmerksamkeit. Ich habe selbst den Teufel in die Hölle geschickt, weil ich einfach alle zu verführen verstehe, nur mich selbst vermag ich nicht zu führen, sagte der Frauenflüsterer, und alle Damen fächerten ihm errötend zu. Hinter ihm applaudierte Casanova, der nur deshalb von der Ausschrei­bung ausgeschlossen worden war, weil er, als schwedischer Baron Fersen maskiert, sich mit der stets rastlosen Königin vergnügt hatte.
Aber Schillers schillerndste Figur ist doch nur eine Kopie des ältesten Jagdtriebes im Menschen. Ein Plagiat also. Die Menge raunte. Und überhaupt, sagte der Weise, an die Monogamie vermag niemand mehr ernsthaft zu glauben.
Schon längst sei Don Juan daher ins komödiantische Fach abgerutscht.
Faust warf sich ins Zeug, des Pudels Kern treffend: Wenn einer tragisch zu nennen ist, dann doch wohl ich, denn: was nützt mir das Paradies, wo jedes gute Wissen gleichviel Unglück schafft.
Ja freilich, antwortete Z nach reiflichem Überlegen, der Geist, der stets verneint, vermag tragisch nur zu enden. Doch, verflixte Dialektik, selbst wenn ihm und damit Faust die Ehre der unsterblichsten Gestalt der Poesie gebührt, er würde sich doch selbst nur negieren. Dein Problem scheint mir die Geschichte der gesamten Menschheit und, wenn dir der Preis zufiele, würden alle hier im Raum Versammelten gleichermaßen zu Siegern gekürt.
Dies aber erwies sich mit dem Statut der Ausschreibung unvereinbar.

Das scheint mir so recht absurd, warf ein Mann mit Flügeln ein, oder waren es die Scheren eines Krebses? Der Mann trug ein großes K auf der Stirn und er sagte, er habe den Preis verdient. Schließlich habe er in unendlichen Verwandlungen versucht, sich selbst treu zu bleiben. Er habe den Menschen gezeigt, dass sie sich selbst ein Rätsel sind und ewig bleiben werden.
Aber Sie kommen zu spät, antwortete Z, und der Mann entschuldigte sich damit, zuerst von einem Prozess aufgehalten worden zu sein, dann das Schloss nicht gefunden zu haben und zuletzt vom Türwärter nicht eingelassen worden zu sein.
Es ist fünf nach zwölf, es tut mit leid, Regel ist Regel, antwortete Z.
Aber nach welcher Zeit urteilen wir? protestierte der Mann mit dem K. Nach der Domzeit oder Raumzeit? Der kontinentalen Zeitverschiebung gemäß sei es in seinem Land noch die rechte Zeit, und zur Unzeit kämen die tragischen Gestalten doch ohnehin; das sei gewissermaßen ihr Privileg, zu früh oder zu spät auf der Bühne des Lebens zu erscheinen. Der Weise erinnerte sich, in einem merkwürdigen Kapitel gelesen zu haben, wo die Zeit des Glocken­schlages des Doms nicht mit der Uhr des Angeklagten übereinstimmte. Freilich, sagte er schließlich, das Gesetz kenne auch Ausnahmen. K war sich nun sicher, nach dem alle Formalitäten geklärt waren, den Preis zuge­sprochen zu bekommen. Aber da sich K nicht erinnerte, wie er mit vollen Namen hieß, musste er dennoch von der Verleihung ausgeschlossen werden, wenn auch nachträglich und mit großem Bedauern der Bürokratie.

Es kamen weitere Figuren, die behaupteten, wahrlich tragische zu sein, meist jedoch fand der Weise ein Haar und wo er es nicht fand, lies er die Suppe kalt werden. Inzwischen ward es die höchste Stunde, und um Mitternacht  stieg die Ungeduld, und man begann ihn zu verdächtigen, voreingenommen zu sein. Du willst wohl selbst den Rahm des Ruhmes abschöpfen,
mutmaßte der König, der inzwischen seine Fassung wieder erlangt hatte, nachdem der Buckel verschwunden und stattdessen seinem Glöckner angewachsen war. Dieser versuchte, auf sich aufmerksam zu machen, mit dem Argument, dass Liebe immer an der oberflächlichen Erscheinung, nie aber den inneren Werten festgemacht werde, so dass jeder nur aus Eitelkeit liebe, niemand aber außer ihm mit dem Herzen. Doch aus den eigenen Reihen regte sich Wiederstand: Du hast doch gar nicht gelitten, sagte die Zigeunerin mit den goldenen Ohrringen und dem Schmetterlingsnamen, der in Doktor Faustus bei Adrian Leverkühn Verwendung fand: Dir hat es genügt, mich zu lieben und wie sage ich doch immer: Nicht geliebt zu werden ist nur ein unglücklicher Zufall, doch nicht lieben zu dürfen, das ist die wahre Tragödie.

Die Wahrheit ist immer im Tragischen zu Hause, verkleidet oder nackt, doch ihr nicht leiblicher Vater Pére Goriot hatte etwas dagegen.
Ist dem so, führte er für sich ins Felde, dann gebührt mir die Ehre. Ich liebte meine Töchter im Übermaß, aber diese Liebe entfremdete sie mir nur, ich sah nicht, wer sie wirklich waren, also konnte ich sie gar nicht lieben.
So zerbreche deine alten Tafeln, antwortete Z, auf keinem meiner Gebote steht, du sollst deine Töchter lieben. Ich schrieb es anders, was genau, daran erinnere ich mich nicht mehr.
Deine Eltern, flüsterte der Gavroche, der sich gleich dem Glöckner Hoffnung machte, für seinen Schöpfer die Meriten nach Hause zu bringen, schließlich endet sein Kindstod auf dem Schlachtfeld für die Freiheit besonders tragisch.
Du sollst nicht vorsagen, schalt ihn Z und versuchte sich an den Wortlaut seiner eigenen Gebote zu erinnern. Vielleicht könnte man Jesus oder Moses… doch beide behaupteten eigensinnig, nicht als literarisch gelten zu wollen und weil die Religion bestenfalls eine Muse der Dichtungen ist, gab der Weise schließlich nach.

Schließlich hatte der König genug von der Komödie, er dachte an Dantes neun Höllen, denen nur drei Himmel gegenüber standen.
Höre, du Weiser aus den Bergen. Wir wissen, du neidest unser sattes Leben in den Tälern und deine große Überwindung ist nichts als eine vorgetäuschte Schwangerschaft. Du möchtest gerne selber etwas gelten und als tragischer Prophet in das Reich Jenseits von Gut und Böse einziehen. Aber ich habe dich durchschaut. Also antworte ich dir, du kannst niemanden mehr ein Z für ein A vormachen, du selbst bist ein Dichter und weißt nur allzu gut um die doppelte Verneinung, also sagen Dichter immer die Wahrheit.

Heute gelten selbst die Weisen nicht mehr als unvoreingenommen, dachte der Weise und wurde depressiv. Die Menge murrte, der Königin habsburger­isches Haupt erbleichte, soweit das einem nur am Halsband hängenden Leben voller Unrast, getrieben von Langeweile und unendlichen Versuchen, die mehr stolpern als fliegen machen, überhaupt wiederfahren kann. Der Weise hörte ihr Herz schlagen in tiefer Brust. Aus einem langen Traum des Nachsinnens erwacht, verkündete er in seiner Not, die Tragik mit einem Namen nennbar machen zu müssen, er habe sich für den Autor jener Farbe entschieden, auch hinsichtlich der bevorstehenden Exekution der Königin. Ein wenig Patriotismus schwang darin mit für das Land, das nur heiraten und keine Kriege hatte führen wollen, für das zerbrochene Reich der werdenden Nationen und damit auch das Ende Europas.

Der Schriftsteller aus der Stadt der heitren Wehmut wies zudem einen heiligen Vornamen auf und besaß ein Grab in der Hauptstadt des 19. Jahr­hunderts. Ferner hatte er so viele trinkende, taumelnde, heimatverlorene Helden zum Leben und schließlich zum Tode verurteilt. Den das rechte Gewicht suchenden Eichmeister etwa, den heiligen Trinker oder den einbeinigen Andreas, die den Radetzkymarsch liebenden und die Kapuziner­gruft schwermütig liebenden Trottas und auch den Mendel Singer, der alles verlor, nur nicht den Glauben an die Gnade. 
Als Z aus den Bergen in der Morgenröte sein Urteil verkündete, staunten Jury und Volk. Ein Österreicher? Schon wieder? Noch dazu Jude? Man dachte an all die schicksalsverheißenden Personen, die ganze Zeitalter prägten, alle aus dem Reich, in dem die Sonne niemals untergeht. Und man spürte, dass in diesem verhängnisvollen Land Gott und Grab ganz besonders eng bei einan­der ruhten. Also antwortete das Morgenrot der Götzendämmerung und alles schwieg. Wer hatte dieses Herz zerbrochen, wer diese Wüsten geschaffen, und wer vermochte er zu sein jenseits aller Berge, Wüsten und Wahrheiten, goldenen Fischen gleich?

 

 

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work in progress: Im Steinbruch der Literatur

Jürgen Alberts:  In der Krise – Die Rednerschule 


Die 5 Dramolette entstanden nach der erneuten Lektüre von Bertolt Brechts  »Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar«.


Der Ort:
Der Übungsraum einer Rednerschule, der aussieht wie eine Gefängniszelle: drei fensterlose Wände weiß gekalkt, eine Wand durch einen Vorhang verdeckt. In allen vier Ecken Kameras, die den ›Schüler‹ beobachten, an der Stirnseite, unterhalb der Decke, ein Mini-Lautsprecher, der zur Kommunikation mit dem Redenlehrer dient.
Die Zeit: heute - und wahrscheinlich auch noch in den nächsten Jahren.

1.Szene

Redenlehrer: Was wollen Sie bei uns lernen?
Banker: Wie man sich glaubwürdig entschuldigt.
Redenlehrer: Wollen Sie sich denn entschuldigen?
Banker: Nein.
Redenlehrer: Ach.
Banker: Unsere Bank kann wirklich nichts dafür.
Redenlehrer: Und warum sagen Sie das nicht?
Banker: Weil unsere Kunden auf einer Entschuldigung bestehen.
Redenlehrer: Sind die Kunden schuld an der Krise?
Banker: Sie sind zu gierig gewesen.
Redenlehrer: Dann schicken Sie mir ihre Kunden.
Der Vorhang fällt.

2.Szene

Redenlehrer: Wie viele Franken hat ihre Rückversicherung verbrannt?
Aufsichtsrat: Elf Milliarden.
Redenlehrer: Und Sie hatten die Aufsichtspflicht?
Aufsichtsrat: Nicht ich ganz alleine.
Redenlehrer: Sie haben also Mist gebaut.
Aufsichtsrat: So kann man das nicht sagen.
Redenlehrer: Wie wollen Sie es denn sagen?
Aufsichtsrat: Ich habe gesagt: Die Mitglieder des Verwaltungsrates bedauern zutiefst, meine Damen und Herren Aktionäre, durch diese unselige Entwicklung schwere Verluste erlitten zu haben. *
Redenlehrer: Und wie ist das angekommen?
Aufsichtsrat: Die Aktionäre haben es geschluckt...
Redenlehrer: Ja?
Aufsichtsrat: Sie haben es schlucken müssen.
Der Vorhang fällt.

3.Szene

Redenlehrer: Haben Sie den Kunden die Risikopapiere empfohlen?
Anlageberater: Nein.
Redenlehrer: Wie das?
Anlageberater: Diese Papiere sind u n s empfohlen worden, sie hatten alle das Triple-A-Zertifikat.
Redenlehrer: Haben Sie gewusst, dass diese Zertifikate geschönt waren?
Anlageberater: Man konnte es vermuten. Aber wissen nicht!
Redenlehrer: Dann sprechen Sie mir nach: Ich habe keine Ahnung.
Anlageberater: Wie meinen Sie das?
Redenlehrer: Wie ich es sage. Ich habe keine Ahnung.
Anlageberater: (etwas zögerlich) Ich... habe... keine...
Redenlehrer: Lauter, und noch mal im ganzen Satz.
Anlageberater: Ich habe keine Ahnung... gehabt.
Redenlehrer: Und jetzt vor Publikum.
(Der Vorhang vor der vierten Wand im Übungsraum wird aufgezogen. Dahinter befindet sich eine große Videoleinwand. Es sind Tausende von wütenden Bankkunden zu sehen, die vor den geschlossenen Bankpforten protestieren.)
Redenlehrer: Also bitte, jetzt Ihr Satz!
Anlageberater: Das kann ich nicht.
Redenlehrer: Dann müssen wir das üben.
Mit dem Schließen des Vorhangs vor der Videoleinwand fällt auch der Bühnenvorhang.

4.Szene

Banker: Wir wollten doch nur das Beste.
Redenlehrer: Und haben das Schlimmste erreicht. Millionen Arbeitslose, Staatspleiten, die schlimmste Krise seit 1929.
Banker: Das war nicht vorauszusehen.
Redenlehrer: Aber es hat Warnungen vor einer Finanzblase gegeben.
Banker: Es hätte auch anders kommen können.
Redenlehrer: Nun haben wir schon die fünfte Übungsstunde und Sie können immer noch nicht ihren Anteil an Schuld eingestehen.
Banker: Ich hab’s versucht, auch zuhause vor dem Spiegel, aber es will mir nicht gelingen.
Redenlehrer: Wer ist also schuld an der Krise?
Banker: schweigt
Der Vorhang im Übungsraum geht auf: Nun sind auf der Videoleinwand Manager und andere Banker zu sehen.
Redenlehrer: Bitte, Ihr Publikum.
Banker: Wir lassen uns unser Renditeziel nicht ausreden. Die Deutsche Bank strebt auch im kommenden Jahr wieder 25 Prozent an.**
Der Vorhang fällt.

5.Szene

Redenlehrer: Wie viel haben Sie in der Krise verloren?
Kunde: 15.000 €.
Redenlehrer: Waren Sie zu gierig, wie die Banker unisono behaupten?
Kunde: Man hat mir gesagt, es sei kein Risiko dabei, wenn man . . etwas höhere Zinsgewinne einstreichen könne. Es waren . doch nur 2 Prozent mehr, die diese isländische Bank...
Redenlehrer: Sie sind also durch den höheren Gewinn verlockt worden.
Kunde: Wer hätte da nein gesagt.
Redenlehrer: Dann sprechen Sie mir nach: Die Kunden sind schuld an der . Finanzkrise.
Kunde: Na, das geht aber doch nun ein bisschen zu weit.
Redenlehrer: Einige Schüler haben das bereits eingestanden.
Kunde: Wenn es sein muss...
Der Vorhang im Übungsraum wird aufgezogen: Es ist das gleiche Publikum wie in Szene 4 zu sehen.
Redenlehrer: Und jetzt Ihr Satz.
Kunde:Auch wir Kunden tragen ein Gutteil an der Schuld... unterbricht sich
Banker, Manager auf der Videoleinwand: Weiter so, nur Mut, wir stehen
Ihnen zur Seite.
Sie spenden Applaus. Darüber fällt der Bühnenvorhang.

* Peter Forstmoser, Verwaltungsratschef der Swiss Re
** Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank

 

 

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work in progress: Im Steinbruch der Literatur

Jens-Ulrich Davids: Happy day: Triumphzüge, dialektisch


Nach einem Motiv aus Bertolt Brechts Romanfragment  »Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar«.


Happy day. Halbe Tempel von Elefanten gezogen. 35 Kronen aus Perlen Thron und Zepter des Mithridates. Eine endlose Reihe von Mauleseln und Wagen hoch beladen. Kolossalstatuen besiegter Götter aus Gold. Fürstentöchter und Fürstensöhne, hochadlige scythische Frauen. Dann kam der große Pompeius auf dem Kriegswagen des großen Alexander. Versklavte Kriegsgefangene in Ketten. Legaten und Tribunen zu Fuß und zu Ross. Der Himmel lächelte auf den Triumph und auf die Armen Roms, die ihn bestaunten. Unter ihnen der Koch, der mit Caesar in Gallien war.

 

 

 

 

So viele Siege, so viele copy-cats. Titus zerstörte Rom anno 70, hatte er nicht wenigstens einen des Aramäischen kundigen Übersetzer bei sich? Sein in Stein gehauener Zug führt eine mächtige Menora mit sich. Juden als Sklaven. Endlose Reihen von Mauleseln mit goldenem Tempelgerät. Der Rauch aus den Ruinen weht bis nach Rom. Beginn der Zerstreuung. 

 

 

 

 

Kaiser Leopold I der Türkenbezwinger im Großen Krieg. Für die Ewigkeit al fresco gemalt in Prag. Die Pferdehufe seines Prachtwagens treten Türken in den Staub, während er den schönen Frauen Ungarn und Tschechien den Olivenzweig reicht: Dialektik der Gewalt.
Hundert Jahre vor ihm riefen die Juden Prags Rabbi Löw zu Hilfe gegen die christlichen Ritter, er schuf ihnen den Golem. Multikulti an der Moldau. 

 

 

 

 

Können Tugenden siegen? Give peace a chance. Himmlische Luftikusse, von Tiepolo gemalt, Fortitudo die Standfestigkeit und Sapientia die Weisheit. These are my principles, if you don’t like them, I have others, sagte Groucho Marx. Benevolentia, haste maln Euro. Und mehr und mehr, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung, Wahrhaftigkeit. In Ketten hinter dem Triumphator, freigelassen in die Welt der Wolken. 

 

 

 

 

Am Anfang war der Gott mit dem Beinnamen thriambos, das heißt bereits: der Festzug. In seinem tanzten weintrinkende Freundinnen des Rausches und menschenzerreißende Mänaden. Dialektik der Ekstase. Seligkeit und Schrecken. Dionysos, huldvoll und zornig auf Wagen oder Schiff. Jung, schön, mannbar, sieghaft, wild.

Wie spannen wir den Bogen? Wieviel der alten Modelle steckt in den Helden von
Bern 1954, in den Helden von Berlin, als sie 2009 weißgrün in Bremen einreiten? Der Goldene Pokal auf dem Rathausplatz glänzt. Fans tragen den Abglanz nach Hause, von Begeisterung geschüttelt und gerührt. Wer verdient mehr, Bankspitzenmanager oder Fußballspitzenspieler? Wer nimmt Anstoß? Wo bleibt der Große Schiri?  

 

 

 

 

Triumph des Bösen an den Pranger. Percy Bysshe Shelley sieht 1819 britische Minister als Tod und Verderben durchs Land ziehen. Apokalyptische Reiter der Zerstörung. Aus ihrem Zug, aus einer Lichtwolke, der Aufruf zum Widerstand : Rise like Lions, after slumber / in unvanquishable number, / Shake your chains to earth like dew / Which in sleep had fallen on you - / Ye are many they are few. Dialektik der Unterdrückung.

Triumph des Nationalsozialismus an den Pranger. Bertolt Brecht sieht 1947 unreformierte Nazis durch deutsche Lande ziehen. Freiheit und Democracy, heißt ihr Motto, aber sie meinen Macht und Dollars. Lehrer, Ärzte, SA-Killer, Parlamentarier, Künstler, und viele mehr, marschieren begeistert mit. 

 

 

 

 

Triumph der Lüge an den Pranger. Franz-Josef Degenhardt singt 1973: „Der Anachronistisches Zug oder Freiheit, die sie meinen“. Hier lügen Theologen, hohe Nato-Offiziere, BND und CIA, einige Verfassungsrichter, und viele mehr, sich selbst und ihren begeisterten Zuschauern in die Tasche.
In der Semana Santa tragen Männer Mutter Maria oder Sohn Jesus oder einen Heiligen, thronend oben auf einem paso, einer schweren Plattform, durch die Straßen spanischer Städte inmitten eines vielköpfigen Zuges von Gläubigen und Zuschauern. Wer siegt hier über wen? Erscheint hier, wie zu Dionysos’ Zeiten, ein Gott, nur ein anderer? Ist dies ein Triumphzug der Wahrheit? Oder sollten wir die lieber in Karnevalsumzügen suchen, auf deren Wagen Politikerinnen und andere Menschen des öffentlichen Lebens karikiert, persifliert oder nur veralbert werden?

Stellen wir uns vor: Ein Triumphzug ist angekündigt, aber keiner geht hin.

Stellen wir uns vor: Junge Leute organisieren per SMS ein gewaltiges Treffen, um einen Zug zu veranstalten. Aber, einmal versammelt, wissen sie nicht, wer auf den Triumphwagen soll.

Stellen wir uns vor: Eine Frau fährt auf weißem Fahrrad eine Allee entlang. Am Rande jubeln zahllose Menschen. Sie haben nicht gemerkt, dass der Zug schon durch ist. Die Frau wird rot vor Scham.

Stellen wir uns vor: Ein Triumphator sitzt auf dem Thron. Großes Gefolge. Ein Kind erkennt, dass er nackt ist: des Kaisers neue Kleider.  

 

 

 

 

Last exit. Die Computer von Skynet haben die Welt erobert, die Menschheit steht kurz vor ihrem Verschwinden, Terminatoren erledigen den Rest. Werfen wir uns in den Rausch des Untergangs! In das Ragnarök der letzten Götter! In den Abgrund, den wir verdienen! Oder hoffen wir auf den Triumph des Klimaschutzes? 

 

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work in progress: Im Steinbruch der Literatur

Janine Lancker: Adaption III, Allerleirauh


Ein Märchen mit diesem Titel findet sich in der Sammlung der Brüder Grimm.

 

 

»Sowas ähnliches wie Kaspar Hauser.« Mist, das hat er mir nicht abgenommen. »Wölfe werden dich wohl kaum derartige Namen gelehrt haben.« Neugier sprang in seine Augen. Seitdem koch ich ihm die Suppe. Da kam ein junger Königssohn, / Jägersmann, Jägersmann, / Da kam ein junger Königssohn, / Jägersmann.

Ab sieben bin ich in der Küche tätig. Ich schäle Kartoffeln, schneide Kartoffeln, stampfe Kartoffeln, schäle die Rüben, schneide die Rüben, gebe alles in einen Topf. Was auch immer, der Koch passt genau auf. Manchmal setzt sein Blick zum Schlagen an. Aber niemals sieht er mich als Frau. Besser ein Nutztier, bin vorerst zufrieden.

Ich schlief in einem hohlen Baum. Die Schwärze des Baumlochs war das Universum um die Erde, die mein Fellmantel war. Und darin wieder ein Universum voller Sterne, darunter wieder Erde: Mein buschiges Beinkleid und mittig die Waldung wuchs auch ziemlich rasch. In Embryohaltung zwischen den Rinden, meine Hände schützend im Schoß. Da waren zu viele Bilder und geistige Blitze. Bis mich die Hunde der Jagdgruppe weckten.

Die klügste und schönste. So ihr Marktwert. Meine Mutter schmiegte sich an den Körper ihres Mannes, eine schlanke Rankenpflanze um einen breiten hohen Baum herum. Die genau weiß, sie will oben zum Licht hin, zum Licht in der Krone. Auf diese Weise rankte sie auch in seine Gedanken rein. Meinst du nicht auch --. Man könnte mal --. Vielleicht wär’ es gut --. Bitte lass uns --. Hattest du nicht auch schon die Idee --. Ich verstehe, was du meinst --. Nimm keine, AUSSER sie ist so wie ich – oder besser.

Im Ostflügel lag das Reich meiner Mutter. Ein großzügiger Ankleideraum, mein Vater hatte ihn hergerichtet, herrichten lassen. Am mittleren Morgen war er mit Sonnenlicht durchtränkt. Darin gab es viele Spiegel. Kleine, ovale, lange, große, schmale, bis zum Boden reichende, zwischen Bildern und Schränken, über der Ablage der Kommode. Sie kämmte sich ihr gold´nes Haar, / Gold´nes Haar, gold´nes Haar, / Sie kämmte sich ihr gold´nes Haar, / Gold´nes Haar. Ja, wir kämmten einander das blonde Haar. Dick und störrisch wie es war, räumten wir Zeit ein, es seidig zu glätten. In den Spiegeln verfolgten wir die Bewegungen der anderen, das Gleiten der feinen Hände, den Strähnen folgenden, prüfenden Blick aus graugrünen Augen. Die Anspannung der buschigen Brauen und das Ablassen der hohen Wangen. Die Zufriedenheit um den schmalen Mund herum, wenn die Vertraute fertig war. Und dabei immer ein verspieltes Abgleichen: Wie weit reich ich schon an deine Züge ran? Meine Mutter im ganzen Land, Spieglein, Spieglein. Werd ich mehr sein wie der Vater? Seine Mutter? Deine etwa? Oder doch wie du. So sein wie du. Wann werden meine Daumen eine Taille haben? Und mein Bauch? Werd ich größer sein als du? Wohl so wie der Vater? Oder doch wie du, Spieglein, Spieglein.

Die letzte Frisur: Ich legte deine blonden Haare in Wellen auf ein Seidenkissen in einem Sarg aus schwarzem Stein. Vater Staat schloss mit kalter Hand deine Augen. Den Deckel hievten zwei Diener auf den schweren Kasten, der auf den Grund des Mausoleums gesenkt wurde. Dein Leib blieb uns von nun an verborgen. Was bleibt: Bilder an Wänden, Bilder in Köpfen.

Am frühen Morgen, den Sternen entgegen gedreht. An ein Dutzend fleißige Schneiderinnen. Und ich, das Zentrum der Sterne. Denn, so lautet die Regel: Als Mittelpunkt des Firmaments darf – wegen der großen Ferne der Himmelskörper, verglichen mit dem Erdradius – ohne wesentlichen Fehler jeder Beobachtungspunkt der Erde angenommen werden. Zurzeit bin ich Zentrum der Welt.

Alle kleben sie am Firmament. Pars pro toto tragen sie ein Partikel zum Kleid der Gestirne bei. Altair, Tarazed, Alschain. Der Kopf des Adlers leuchtet dem Sommerhimmel am meisten. Und auch seine ausgebreiteten Schwingen, weitere Sterne – Applikationen im Brustbereich. Ein Strahlenkranz vom Bandeau-Ausschnitt abwärts. Die anderen funkeln über den Rockteil verteilt. Jeder Unikat eines Unikats. Anser im Fuchs, ein roter Riese. 297 Lichtjahre von mir entfernt. Ob meine Mutter schon einmal dort war, jetzt, wo sie fliegt ohne Raum, ohne Zeit? Alioth, Mizar, Benetnasch – Megrez, Phekda, Merak – Dubhe. Der große Bär schickte von seinem großen Wagen. Und Lupi des Wolfs, zehnmal größer als Mutter Sonne. Aber ich will nicht eingebildet sein. Es ist nur ein Nach-den-Sternen-greifen. Sie dagegen trägt uns bei Tag, sie trägt uns bei Nacht. Alpha Gruis bläuliches Weiß und Beta Gruis weißes Orange im Zeichen des Kranichs.

Tulpenförmiges Kleid der Gestirne. Aus Samt in bitterdunklem Blau. Ohne Träger, figurnah, weit freier Nacken. Keine Rüschen, Puffärmel, Spielereien, dergleichen. Das ist mal gewesen. Mein Vater will mich nun als ganze Frau.

Ich habe Vater Staat nackt gesehen. Er saß in der heißen Wanne. Seine Haut dampfte und eine Dienerin schnitt ihm die gelben Zehennägel kurz. Als ihr die Schere ins Nagelbett glitt, erschrak er zornig, sprang auf und stand im schwappenden Wasser. Vereinzelt waberte und pochte sein Körper ungehalten auf und ab.

Plötzlich hatten meine Daumen eine Taille. Mein Haar war glatt und lang. Den aufrechten Gang von Papá und einige seiner Kanten. Die Mischung fand er wohl besonders gut. Mein Vater sah mich nun mit anderen Augen. Eine Katze, die bewegungslos lauert, die ihre kleine Beute anvisiert. Und ihre wachen Augen sind von einer Tollheit, die auf die Zukunft zweier Körper zielt.

Wenn, falls, weil. Eine Bedingung als Voraussetzung für etwas. Eine Voraussetzung kann durch eine Regel definiert sein, die ein Spielführender zuvor bestimmt. Diese Voraussetzung muss erfüllt sein, bevor ein Zustand oder Vorgang möglich ist. Zwei Dinge: Ein Kleid aus Stoff von allen Sternen. Ein Mantel aus aller Tiere Fell. Wenn dir etwas so vollkommenes gelingt, werden wir uns über alles Weitere hinwegheben, was es so gibt an Material, Werten, Ideen, Glück, Karma und so weiter. Dann ist dein Wille absolut. Und soll auch meiner sein. Ich tanzte heimlich vor den Spiegeln und sah bereits die Pracht an mir. Wie ich mich darauf freute! Freuen musste. Um im nächsten Moment wieder einzuknicken, einen Schritt weiter in die Zukunft zu denken. Aber wieder sah ich mich in den Gewändern vom Thron herunter winken zu meinem Volk. Nein, seinem. Neben mir. Vater, unser. Da war er wieder. Endlich. Ganz klar. Der arge Gedanke. Alles abschütteln, Spiegel ankratzen, dagegen treten und ein wenig daran mit der Haut entlang schneiden. Rötende Seide. Dann war erst mal wieder gut.

Ein edler Mantel aus Rauwarengaben. Ein jedes Tier gab friedvoll seinen Teil dazu. Da durfte kein Kürschner ran. Einem jeden war begreiflich, dass es unter der Sonne eines Herrschers gedeiht. Meinem Vater gehört die Sonne natürlich nicht direkt. Doch, er besitzt alle Orte, Räume, Flächen, Winkel, auf die das Licht in diesem Lande scheint. Und der Staatsmann entscheidet, wer es nutzen darf. Im Kerker ist es duster. Vom Standpunkt der Tiere ist er der Sonnenkönig. »In Ehren halten«, sagt man sich.

Als Pelz gilt ein Fell bei einer Dichte von über vierhundert Haaren pro Quadratzentimeter. Bei weniger als fünfzig spricht der Fachmann von haararmer Haut. Für die Schneiderinnen galt es, allerlei zu beachten, um zu ermessen, welcher Fetzen welchen Körperteil bedecken möge: Strapazierfähiges Fell der am und im Wasser lebenden Arten. Je kälter der Ort, desto dichter und seidiger das Haar. Winterfelle sind von besserer Qualität als Sommerfelle. Übergangsfell weist leicht störende Nachwuchsstellen auf. So vergingen zwei Jahreszeiten, damit von allem etwas beisammen war. Ich verkroch mich in die Bücher. Und lebte abseits neben meinem Vater, wie bisher vertraut. Als wäre nichts. Nichts Falsches oder inkorrekt gewesen. Was niemals sein darf. Wer mit einem leiblichen Abkömmling den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe -- Paragraph Hundertdreiundsiebzig, zwölfter Abschnitt, Besonderer Teil. Dann ändern wir eben die Gesetze! Raunte der Staatsmann die Weisen an. Ach, lasst es: Ausnahmen bestätigen die Regel. Er war als der Weiseste anerkannt. Biber, Bisam, Iltis, Zobel – Nerz, Wiesel – Otter, Dachs, Ziesel, Hermelin. Siebenschläfer. Marderartiges Haar ist besonders haltbar, liefert die Basis dieses Patchworks. Die feine Behaarung des Waschbären ist glänzend und dicht. Von der Unterwolle ein Stück für die Flanken. Der Baribal, Schwarzbär, gab aus der langen Nackenmähne für die Kapuze. Darauf in der Mitte grob und steif ein Streifen des Wolfs. Der Otter hat eintausend Haare pro Quadratmillimeter. Sein Versatz schützt meine Brust. Von der Wamme des Luchses: klares Weiß mit dunklen Tupfen. Taschenaufsätze für vorn. Auch die Gans hat ein Fell. Unter den Oberfedern, die werden gerupft, eine gleichmäßig flaumige Fläche. Ein Schwanenbesatz für den Kragen.

Vater Staat hält ihn mir hin, den Mantel aus Rauwarengaben, ich schlüpfe hinein. Bedecke den Sternenhimmel. Verschließe ihn lichtblind. Stockdunkel ist mir und wohlig warm. Rien ne vas plus. Und es fehlt nichts. Nichts fehlt mehr. Stein und Blume, Mensch und Tier, alles empfängt sein Licht von mir. Es bedarf nur dem Öffnen eines Knopfes. Fakt ist, schon morgen könnte ich Königin sein. Die erste Frau im Staat. Der zweite Mensch des monarchistischen Landes. Mariechen nimm dich nur in acht / Nur in acht, nur in acht / Mariechen nimm dich nur in acht / Nur in acht. Vater reicht mir die Hand. Ich gebe ihm meine. Seine Augen zeigen, er ist angekommen. Für ihn hält sich die Zukunft bereit. In dreißig Jahren weiß es keiner mehr, nimmt´s nicht mehr genau, der Staatsmann von einst wird in Frieden ruhen neben meiner Mutter, und vor seinem Thronfolger, meinem Bruder und Sohn, wird sich ein ganzes Reich verneigen. Ich lächle mit verschlossenen Lippen und danke ihm innerlich. Wie er mich auf Händen durch das Schloss trug. Ein Danke-für-alles. Wie er mir wies, einen Hummer zu verspeisen. Als Belohnung dafür, dass ich ertrug, wie man das lebendige Tier in den Kochtopf schmiss, um zu erröten. Für alles jemals, auf Dauer und mehr.

Notwendige Bedingung. Er hatte sich darauf eingelassen, er hat mich nicht einfach von hinten genommen. Nicht einfach in einen Käfig gesteckt. Ist Sachverhalt A Voraussetzung dafür, dass ein anderer Sachverhalt B eintreten kann, folgt aus dem Vorliegen von A noch nicht, dass B geschieht. Es reicht nicht aus. Es reicht nicht hin. Ich ritt ins nächste Reich. Im Nachhinein bin ich eine Lügnerin.

Der König hier mag meine Suppe gerne, traut meinem Würzen, tut ihm gut. Ich merke mir seinen geraden Blick, (der nie anzweifelt, woher er kommt und wo hinein das Licht einfällt,) seit wir uns einmal sahen.

Ich schlief in einem hohlen Baum. Die Schwärze des Baumlochs war das Universum um die Erde, die mein Fellmantel war. Und darin wieder ein Universum voller Sterne, darunter wieder Erde: Mein buschiges Beinkleid und mittig die Waldung wuchs auch ziemlich rasch. In Embryohaltung zwischen den Rinden, meine Hände schützend im Schoß. Da waren zu viele Bilder und geistige Blitze. Bis mich die Jagdhunde eines Landesvaters weckten. Ich vertuschte meinen Himmel, stellte mich als pelzig vor. Seine jungen Augen glänzten, dachte wohl an Zähmung dieses Tiers. Er meint, Mariechen sei ein Reh, / Sei ein Reh, sei ein Reh, / Er schoss Mariechen in das Herz, / In das Herz.

Heute werde ich ihm einen Klunker in die Suppe legen. Wenn der Koch beim Schlachter ist. Werde Anser vom Gewebe trennen und unter ein Stück Beinfleisch heben. Nach und nach, sachte, sachte, soll er mich erkennen dürfen.

 

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work in progress: Im Steinbruch der Literatur

Heide Marie Voigt: Allerlei-Rauh


Reflexionen über ein Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm.
 


Die Mutter hab ich nie gekannt

sie soll sehr schön gewesen sein

mit goldnem Haar

noch ließ der Vater seine Hand von mir

er war sehr streng dann

als ich fünfzehn war

mit goldnem Haar

verkroch ich mich in einem Baum

zu nichts gut als dass man mir

Stiefel um die Ohren schlug.

 

Bevor das Haar mir silbern wird

leih ich den Glanz der Sterne aus.

Bevor das Haar ihr silbern wird

… zu nichts gut, als dass man ihr Stiefel um die Ohren schlägt …
So steht sie vor dem Prinzen, verkrochen in ihrem Pelz aus Haut und Haar von allen Tieren im ganzen Königreich ihres Vaters.
Nie hätte sie gedacht, dass er das zuwege brächte, dieses Allerlei-Rauh. Der Vater. Er hat immer alles gekonnt, allmächtig. »Ich glaube, du kannst alles.« Da hat er nur unsicher gelacht, er achtete sich selbst für nichts, aber in den Augen des Kindes, der Tochter, war er alles. Er brauchte einen Menschen, der an ihn glaubt, nachdem die Frau gegangen war, ihm aus den Händen geglitten, weggestorben ...
Sie steht vor dem Prinzen und sagt: »Ich war das nicht. Ich kann nichts dafür. Ich bin ein armes Kind, von Vater und Mutter verlassen, zu nichts gut, als dass man mir ...«
Sie war es. Sie ist weggelaufen. Sie hat die Suppe gekocht. Sie hat den goldenen Ring auf den Teller gleiten lassen, ihren Reichtum, ihre Sehnsucht – .
Sie streitet alles ab.
Sie hat die goldene Haspel verschenkt, die den Faden aufspulen soll, die Spindel, die ihn entstehen lässt, aus Flachs, aus allerlei Haar, aus dem goldenen Haar, das sie trägt wie ihre Mutter, das sie verrußt und versteckt, das Haar der Wildfrau, ungezügelte Kraft, zottige Mähne der Imagination, Beziehungsfäden -
Sie achtet sich für nichts. Sie tut nicht, sie liefert sich aus.
So steht sie vor dem Prinzen.
Er erkennt sie nicht.
Er sieht nur die andere, die Prinzessin im goldenen Kleid, die Mondin, die Tänzerin, die seine Bewegung vorausahnt, geschmeidig ausführt. Die Anschmiegsame, die ihm entgleitet, die er halten will, von der er träumt.

Was ist Bild? Was ist Traumbild?

Ist sie die Strahlende, die sich zeigt im Glanz von Sonne und Mond und Sternen, die Ewige, die Eva, die Frau, die nach der Frucht greift und dem Mann gibt, die selbst Frucht ist und Frucht trägt wie der Baum, die die Frucht in sich trägt, das Leben selbst?
Ist sie das arme verkrochene Fräulein vom Dienst, das eine Maske hinter der Maske trägt, ist sie das Kuchen-versorgende Frauchen, das nicht bezahlt werden muss wie der Koch?

Welche wird der Prinz lieben?
Am liebsten beide. Mühe muss nicht dabei sein. Die Strahlende, gut als Klunker in seinem Knopfloch, kann er gar nicht ertragen. Da ist er schon lieber der Held mit den großen Händen, der dem verhuschten Rauhtierchen sagt, wie es sein soll: So nicht! Immer gerade die andere! Bis nichts von ihr bleibt. Da sagt er zu ihr: »Wenn du wenigstens klein wärst!«
Den Prinzen kann sie vergessen. Er ist ihr nicht gewachsen. Er ist ihrer Zerrissenheit nicht gewachsen, das kann man verstehen. Sie haben sich nicht erkannt - so, wie die Bibel das Wort meint - 'erkannt': geliebt. Innen, von innen her. Sie hätten sich selbst kennen müssen. Er hätte auch den Weg gehen müssen – mit ihr zusammen – vielleicht. Vielleicht geht das Märchen gut aus. Das Märchen geht ja gut aus – aber wir sind nicht Kinder geblieben, uns kann man nicht immer Märchen erzählen.
»Hast du nicht Angst, allein zu bleiben?« fragt er sie. »Nein.« Er verstößt sie.
Er hat selbst Angst allein zu bleiben, hält sich an einem anderen Rockzipfel fest.
Sie - weiß nicht, was sie sagt.

Sie will nicht der Mutter folgen. Woran ist die denn gestorben? Die tapfere kleine Soldatenfrau, die seine Schwächen stützt, den besiegten Helden am Leben erhält mit letzter Kraft. Märchen, in die Wirklichkeit projiziert, beziehen konkrete Umstände ein. Dein Verlangen soll nach deinem Mann sein. Wie sehr die Beziehung zieht, diese erste Beziehung des Zwei-in-Eins vor der Geburt, Modell des Überlebens, Urbild von Liebe und Macht! »Keine, die nicht so schön ist wie ich, die nicht mein goldenes Haar hat« - hat das die Mutter gesagt? Ist der Vater längst fündig geworden?
Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.
Sie will nicht der Mutter folgen. Sie sucht einen eigenen Weg: einen Mäuseschritt vor, vier Schritte zurück, einen halben Spinnenschritt vor, sieben Schritte zurück, warum so zögerlich? Wovor hat sie Angst, sie ist doch schon einmal weggelaufen, sie hat sich gerettet, ihr ist doch nichts geschehen!?
Sagen die Leute. Sie wollen nicht wissen. Das geheime Verbrechen, nicht einmal von Moses auf den Tafeln benannt. Das im Märchen nur als Möglichkeit vorkommt, nicht als Faktum. Das Sinn macht, weil es Herrschaft tradiert. Patriarchat. Sie wird doch nicht den Vater verleumden?! Sie hat ja nicht einmal Zeugen. Sogar die eigene Erinnerung schweigt.
Zu nichts gut als dass man ...
»Komm in Kontakt mit deinem Zögern.« Fingerzeig.
Sie weiß noch nicht, dass am Ende nur die Schritte nach vorne zählen. Sie geht in sich wie in den zaubrischen Berg, lernt sich auswendig. Par coeur. Sie beginnt, eigene Gedankenfäden zu spinnen. Sie spinnt. Hochfliegende Ideen. »Du überforderst uns«, sagt die Freundin. »Du unterläufst Grenzen.« »Ja.« Ausgegrenzt. Hochmütig. Hohen Muts. Größenfantasie und Mangel an Selbstachtung gehören zusammen.
Falle: Der Hass von Jenny, der Seeräuberbraut. Hass ist verletzte Liebe.
Heiligkeit gibt ihr die Würde zurück. Falle: Wehe das Heilige, es verbrennt!
Schmerzhaft gefallen auf dem Weg, selbst schuld, du hättest ...
Zu nichts gut!
»Nur gefallene Bäume sind sich nahe.« Fingerzeig.
Es gibt hier so viele Außenseiter, jede die einzige, beziehungslos.
Dein Verlangen soll nach deinem Mann sein. Jede einsame Liebe kostet drei Jahre Bewährung. Im Machtspiel. »Nein, Herr Regisseur, die Rolle spiele ich nicht. Ich spiele meine Rolle in unserem Stück - .« Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Keiner sagt zu ihr: »Du bist die Liebste, dich habe ich erwählt.« Tiefste Verunsicherung.
Briefe schreibt sie, will Recht haben, sie spielt sich auf, wird Täterin ihres Lebens, irrt, fällt lästig, riskiert Fehler: Das blutweiße Kleid des Opfers bekommt dunkle Flecken.
Tiefste Verunsicherung: Sie kann sich ja nicht erinnern. Wer bestätigt den Schmerz, dem sie in sich begegnet, den sie sich wieder holt, wiederholt, wiederholt? Bis sie seine Landschaft ermessen und kartografiert hat, bis sie sich die Wunde abnehmen kann wie einen Pelz, sie sich selbst. Niemand will wissen. Sie weiß.
»Die Gnade des Vergessens.« Fingerzeig.
Auf ihren Alleingängen macht sie sich keine Freunde. Allein-stehend. All-ein.
»Verachtest du die Menschen?« »Nein.« »Dann nehmen sie dich wieder auf.« Fingerzeig.

Zeit die zottigen Haare zu schneiden.
Zeit die gesponnenen Fäden zu zählen, zu ordnen, zu haspeln.
Zeit Landkarten zu zeichnen, Wegweiser zu setzen.
Alles, was ihr der Vater geschenkt hat, wird sie bewahren:
Das kostbare Kleid der Sonne liegt in der Nussschale, es ist ihr zu laut.
Das wechselvolle Schimmern des Mondkleides lernt sie nur langsam lieben - das Halten und Lassen, Geben und Nehmen, Grenzen öffnen und Grenzen achten.
Sie trägt den Pelz, der geflickt ist aus allerlei Wunden, sie weiß um die Wunde der Schöpfung.
Sie trägt das Allerlei-Rauh mit Stolz, ohne Schuldigkeit, einfach, wach. Darunter das Sternenkleid des Firmaments, das nur geliehen ist.

Dass ich es nicht vergesse: Das Märchen hat einen guten Ausgang. Sie hat schon graues Haar, da wählt sie sich einen Namen. Da tanzt einer mit ihr den großen Tanz. Einer mit dem eine neue Geschichte beginnt.

 

 

 

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work in progress goes crime –
Krimimittwoch auf dem Roten Sofa


Mit dem langjährigen STERN-Reporter Jürgen Petschull wurde am
17. März 2010 die neue work-in-progress-Reihe in der Krimibibliothek gestartet. Petschull hat bislang drei Romane geschrieben, zuletzt »Der letzte Tanz im Paradies«, einen viel gelobten Thriller aus der deutschen Südsee.
Die Grundlage für einen möglichen Kriminalroman orientierte sich an einem realen Fall: Die »Presse-AGENTUR« CMK und ihre Arbeit für die Klatschzeitschrift »Die Bunte« – ein Skandal, der sich in den letzten Monaten immer weiter ausgedehnt hat. Unter dem Fußabtreter vor dem Hause Münteferings wurde ein Bewegungsmelder angebracht und Lafontaines Berliner Wohnung dauerobserviert: Mit illegalen Tricks sollte das Privatleben dieser und anderer Promis ausgespäht werden. Was für ein Krimistoff! Jürgen Petschull hat nach der Diskussion die folgende Ideen-Skizze für den Plot eines Politi-Krimis aufgeschrieben.
Jürgen Alberts

work in progress goes crime:

Jürgen Petschull: »Abgeschossen«


Der Chef der  Agentur »Paparazzi Press« lässt für Erotikmagazine einige Frauen des Berliner Escort-Service »Famous« fotografieren. Ein Nebengeschäft. Nachher hat er Sex mit dem Callgirl Elvira. Die verlangt danach ihre übliche Gage, 800 Euro. Er schmeißt sie raus.

Es gelingt dem Callgirl noch, eine Schachtel von einem Büro-Schreibtisch mitgehen zu lassen. Offenbar die Kleingeldkasse. Inhalt: 130,60 Euro - und eine im doppelten Boden vesteckte DVD!

Auf der DVD sind ein paar Dutzend Fotos: meist ältere Herren mit jüngeren Frauen in Eingängen von Villen und Apartmenthäusern. Und: diese und andere Paare halbnackt durch Schlafzimmerfenster und halbgeschlossene Jalousien fotografiert.

Elvira erkennt zwei Kolleginnen bei der Arbeit. Sie gibt ihrem Zuhälter-Freund die DVD. Der identifiziert verheiratete Minister und andere Spitzenpolitiker, Top-Manager und einen Gewerkschaftsführer. Ein linker Spitzenpolitiker mit der Staatssekretärin der konservativen Partei. Ein aus dem Fernsehen bekannter Frauenliebling mit einem homosexuellen Friseur.

Die Promis wurden eindeutig mit Teleobjektiven aus dem Hinterhalt fotografiert - »abgeschossen« wie es im Presse-Jargon heißt.

Der Zuhälter wittert ein großes Geschäft. Er lässt den Datenträger mehrfach kopieren und Abzüge machen. Die Papierbilder schickt er an die »abgeschossenen« Männer. Ein Erpresserbrief folgt: Jeweils 50.000 Euro für die angebliche Orginal-DVD - andernfalls würden die Bilder den  Ehefrauen, den politischen Gegnern und Skandalblättern zugespielt.

Callgirl Elvira ist dabei als ihr Freund die brisanten Unterlagen im Tresorfach einer Privatbank deponiert. (Sie merkt sich die Nummer.) Er verspricht ihr die Hälfte der erwarteten Einnahmen.

Einige der Erpressten melden sich über Anwälte und Kontaktleute empört bei »Paparazzi Press«: Schweinerei! Sie hätten doch bereits bezahlt...!!

Eine Woche später ist Elviras Freund tot. Erschossen. Mit einer Schalldämpfer-Beretta. Angeblicher Hintergrund nach Meinung der Polizei: Auseinandersetzung im Rotlicht-Milieu. Die Kripo sucht in diesen Kreisen.

Aber noch jemand ermittelt: das Callgirl Elvira. Sie glaubt, dass der Paparazzi-Boss hinter dem Mord an ihrem Freund steckt. Sie besorgt sich eine Schusswaffe und will ihn zu Rede stellen. Sie verfolgt den Mann bis ins Flughafen-Parkhaus. Hier findet sie ihn: In einer frischen Blutlache. Erschossen. (Mit derselben Schalldämpfer-Pistole). In einer Tasche des Toten steckt ein Ticket nach Kapstadt.

Eine Woche später: Elvira wird von ihrer Escort-Agentur zu einem »besonderen Kunden« in ein Luxushotel bestellt. Der Mann vergewaltigt sie, zieht nachher eine Pistole mit Schalldämpfer und erklärt, man habe gerade ihren kleinen Sohn vor dem Kindergarten abgefangen. Ihrem Kind werde etwas geschehen, wenn sie nicht die DVD, sämtliche Kopien und Fotos herausrücke.

Sie fleht um eine Frist von 24 Stunden. Am Montagmorgen will sie an das Bankfach herankommen.

Am Sonntag vorher taucht bei Elvira ein Reporter des Klatschmagazins »Society« auf. Er verspricht ihr im Auftrag seiner Chefredaktion ein sechsstelliges Honorar für die Paparazzi-Bilder. Um ihr Vertrauen zu gewinnen, erzählt er, die »Promi-Abschüsse« seien sowieso im Auftrag seines Blattes gemacht worden. Sie erzählt ihm, er könne die Bilder nicht haben. Ihr Sohn sei entführt worden und sie habe nur noch 18 Stunden Zeit, um die Foto-DVD an einen Killer bzw. an die Entführer auszuliefern.

Callgirl und Reporter tun sich zusammen (und verlieben sich). Sie holt das Erpressungsmaterial aus der Bank.

Show down im Luxushotel: Elvira übergibt dem Pistolenmann Fotos und DVD. Der telefoniert tatsächlich - ihr Sohn wird freigelassen.

Der Reporter hat indessen einen Kontaktmann bei der Polizei informiert. Eine SEK-Spezialeinheit verfolgt den mit Chip-Sender präparierten Wagen des Gangsters vom Hotel aus. Nach einer Verfolgungsjagd  wird der Mann bei einer Schießerei getötet.
Sein Fluchtwagen geht in Flammen auf und damit auch das Erpressungsmaterial.

Aber wer steckt hinter dem ganzen Fall? Wer sind die Hintermänner?

Das Callgirl und der Klatschreporter arbeiten mit einem Beamten einer Sonderkommission zusammen, die die Hintergründe der brisanten Affäre aufklären soll.

Es kommt heraus: Die eigentliche Auftraggeber für die »Abschüsse« von zumeist linken und linksliberalen Politikern und Publizisten, Managern und Gewerkschaftern war die »CPG«, die mit Steuermitteln, Spenden und Sponsorengeldern finanzierte »Christlich Patriotische Gesellschaft e.V«.
In deren Vorstand sitzen ehemalige konservative Wirtschaftsführer und Ex-Politiker. Und für die CPG arbeiten auch gleichgesinnte frühere Verfassungsschützer und BND-Leute.

Der renommierte Verein unterhält einen Ableger, die »PR Service Group« -  in Wirklichkeit eine Art privater Geheimdienst, der unter anderem das Klatschmagazin »Society«, die Paparazzi-Fotoagentur und den Escort Service »Famous« mit eigenen Leuten unterwandert hat. Auch der getötete Killer hatte Kontakte zu diesem PR-Unternehmen.

Callgirl Elvira und ihr neuer Freund, der Klatschreporter, erhalten vom Zeugenschutzprogramm neue Identitäten und Startkapital für ein Leben irgendwo im Ausland.

Aber: Es kommt zu keinem Prozess. Beweismaterial verschwindet oder wird »versehentlich vernichtet«. Aussagebereite Informanten verunglücken, andere leiden unter Erinnerungsschwächen.

Die »Christlich patriotische Gesellschaft« ändert ihren Namen und tauscht ein paar Leute an der Führungsspitze aus...

 

 

 

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work in progress goes crime –
Krimimittwoch auf dem Roten Sofa


Beim zweiten »work in progress goes crime«, am Mittwoch, dem 14. April, saß Joe Schlosser auf dem Roten Sofa der Krimibibliothek. Ein Autor, der nicht nur in Nicaragua mit den Sandinisten gekämpft hat, sondern auch jahrelang bei der Polizei tätig war. Als Thema für das literarische Spiel: Wie entsteht eine Idee, ein Krimiplot? wurde ihm vorgegeben: Aus der Arbeitswelt der Polizei - der »korrupte Bulle«? - Verstrickungen und Gefahren, kriminelle Energie und Gier. Unter reger Beteiligung des Publikums, dem es sichtlich Spaß machte, dieses Thema mit eigenen Ideen auszuschmücken, hat Joe Schlosser »aus dem Bauch heraus« einen Krimi entwickelt. Die folgenden Skizze ist mehr als eine Zusammenfassung der abendlichen Veranstaltung.

work in progress goes crime:

Joe Schlosser: »Brennecke«


Brennecke zog die Tür hinter sich zu. Er stand auf der Treppe vor dem Haus in der Blücherstraße, wo er seine Wohnung hatte und blickte in beide Richtungen die Straße entlang. Ein Schwindel zog ihm in den Kopf und er musste mit einer Grimasse sein Gesicht verzerren, um die Konzentration zu behalten. Er zog die Mundwinkel herunter und blies durch die zusammen gepressten Lippen die Luft aus. Ja, so ging es. Mit durchgedrückter Wirbelsäule, als hätte er einen Stock im Kreuz, stieg er die wenigen Stufen bis auf den Bürgersteig hinunter. Von links bog ein Pferdewagen in die Straße ein. Ein großer blauer Holzkasten, vor den ein zerzauster Gaul gespannt war. Der Kutscher stieg hinab und schob eine Seitentür des Wagens auf. Um seinen Hals und über seinen Bauch hing eine breite braune Lederschürze. Aus dem Wagen zog er mit einem gebogenen Haken einen meterlangen Quader Eis hervor. Ah, der Eismann. Bringt sein Gefrorenes für den Kühlraum der Schlachterei an der Ecke, dachte Brennecke. Aber das konnte eigentlich nicht sein. Die Schlachterei gab es schon 20 Jahre nicht mehr und einen solchen Eiswagen kannte Brennecke nur aus den Erzählungen seiner Eltern. Er schloss die Augen, griff sich angestrengt ins Haar und zog daran. Noch einmal atmete er tief aus und öffnete wieder die Augen. Das Fuhrwerk war verschwunden. Er lächelte zufrieden. Sein Weg führte ihn den Sielwall entlang bis zur Ecke Ostertorsteinweg. Auf den Stufen vor einem Mini-Pizza-Imbiss hockte Svenni. Svenni war Punker, 15 Jahre alt und lebte auf der Straße. Bei seinem Vater konnte er nicht bleiben, der war Säufer. Und seine Mutter hatte sich mit einem Griechen auf und davon gemacht. Eines Tages machte Svenni sich auf nach Griechenland und fand sie sogar. Aber sie wollte ihn nicht haben. Svenni kriegte darauf hin ein bisschen Streit mit den griechischen Behördenangehörigen, haute einen Polizisten zusammen und kam mit 14 Jahren auf ein Knastschiff, einen umgebauten Trawler. Er war zu Zwangsarbeit verurteilt worden und kloppte ein Jahr lang Steine für den Straßenbau. Und dort fing er auch das Fixen an. Brennecke sagte immer: Wenn schon die Punks mit dem Drücken anfangen, dann ist es mit dem Punk auch bald vorbei.

Er holte sein blechernes Etui mit den selbstgedrehten Zigaretten aus der Hosentasche und steckte sich eine an. Eigentlich wollte er noch bis zum Erreichen des Büros warten, bis er die nächste rauchte, aber er brauchte es eben jetzt. Basta.

Ein torkelnder Junkie rempelte ihn an. Brennecke hasste es, wenn er von solchen  Dreckstypen berührt wurde. Er hatte tierisch Angst davor, sich mit irgendetwas anzustecken. Und wenn es nur ein paar Läuse waren, die auf ihn übersprangen. Er packte den Typen am Kragen seines Mantels und knallte ihn gegen die Mauer eines Hauses. Brennecke legt den Kopf schief, kam nah an das Gesicht des anderen heran und mit weit aufgerissenen Augen zischte er durch die zusammen gepressten Zähne »Berühr mich nie wieder!« Dann schubste er den Mann um und der krachte mit dem Kopf aufs Pflaster. Brennecke dreht seinen Kopf, als wenn er seine Halswirbelsäule von irgendetwas kurieren müsste und ging weiter. Er übersah Ole, den Wirt seiner Stammkneipe und als er endlich sein Büro im Polizeipräsidium erreicht hatte, ließ er sich hinter seinen Schreibtisch in den schwarzledernen Rollsessel fallen. Er begann zu frieren, weshalb er seine dicke Jacke anbehielt. Er war »MB-Mann«, Mordbereitschaft. Er sah sich all die Toten an, bei denen nicht ganz klar war, woran sie gestorben waren. Er war einer, der seinen Kollegen viel Arbeit ersparte. Manch junger Notarzt war einfach zu dämlich, und um bloß nichts falsch zu machen, kreuzten die dann auf den Todesbescheinigungen »ungeklärte Todesursache« an. Wie oft hatte Brennecke schon solche Scheine geändert. Sein Dienstsiegel daneben gestempelt und unterschrieben. Mal reichte einem Arzt die Blauverfärbung an der Stirn der Leiche nicht aus, um einen Schlaganfall zu attestieren. Mal meinte ein anderer, dass er sich nicht sicher sei, ob es nur Erbrochenes in der Luftröhre eines Säufers war, an dem dieser erstickt sein konnte. Und dann gab es noch die, die zu viel Krimis gelesen hatten und nach einem tödlichen Treppensturz begannen, die Stufen der Treppe zu überprüfen. Mein Gott, wie gingen ihm diese Leute auf den Zeiger. Er wusste schon was Sache war und worauf es ankam. Zwölf Jahre machte er das nun schon, besuchte jede Weiterbildung, die es in Deutschland gab. So oft er konnte war er bei den gerichtlich angeordneten Leichenöffnungen dabei und studierte alles ganz genau. Ihm konnte keiner eine Leiche unterschieben, die nicht astrein war.

Brennecke galt in der Mordkommission als Eigenbrötler. Er schien kein besonderes Interesse an Beförderungen zu haben, was seine ehrgeizigen Kollegen schätzten. Eben einer weniger, der um die raren Stellen kämpfte. Man setzte ihn  auch nicht bei spektakulären Mordfällen ein, sondern ließ ihn die Leichen im Vorfeld begutachten. Das konnte er. Richtig ermitteln eher nicht. So ließ man ihn in Ruhe, was ihm sehr zupass kam. So konnte er seine Heroinsucht, die er rauchend befriedigte, leicht verheimlichen. Er rauchte den Stoff, weil das unauffälliger war. Aber dafür brauchte er auch mehr davon.

Im Büro war alles so wie immer. Brennecke sollte sich eine Kinderleiche im Zentralkrankenhaus  ansehen und Berthold Lamprecht hatte sich gemeldet. Schon wieder! Der Berthold war unersättlich. Berthold war fast dreißig Jahre älter als Brennecke und Chefchemiker im Landeskriminalamt. Dort war er für die Klassifizierung und ordnungsgemäße Vernichtung beschlagnahmter Drogen zuständig. Und da er nicht immer alles verbannte, war er auch der Stofflieferant von Brennecke. Als Gegenleistung dafür musste Brennecke  mit ihm ins Bett. In letzter Zeit immer häufiger. Der geile alte Sack. Aber egal: Wenn er gekommen war, und das konnte fix gehen, wenn Brennecke sich Mühe gab, konnte er gehen und den reinsten Stoff der Welt mit nach Hause nehmen. Nicht irgendwie so ein gestrecktes Zeug. Die größte Sorge Brenneckes war, dass Berthold vielleicht in den Vorruhestand gehen könnte. Er hatte schon mal so Andeutungen gemacht, Lebensabend in Thailand und so.

Auf dem Weg ins Krankenhaus fuhr Brennecke im Labor des LKA vorbei, blies Berthold einen im Hinterzimmer, schnappte sich seine 50 Gramm Stoff und fuhr ins Krankenhaus. Der Arzt erzählte ihm etwas von Kindstod und keine weiteren erkennbaren Ursachen. Brennecke untersuchte mit einer starken Lupe die Innenseite der Unterlippe, fand ganz feine Blutergüsse, Abdrücke der Zähne des Unterkiefers. Klare Sache, das Kind wurde erstickt. Auch wenn es ein weiches Kissen war, ganz ohne Spuren hatte die Tötung nicht geklappt. Also Handy raus, Leichentransporter anrufen, eine SMS an die Gerichtsmedizin und dann wieder zurück ins Büro. Kleinen Bericht schreiben für die weiter ermittelnden Kollegen. Und die nächste Kippe durchziehen.

Am nächsten Morgen kam es richtig dicke. Auf Brenneckes Schreibtisch lag eine Ermittlungsakte. Also nee. Das war doch abgemacht, dass er nichts mit den richtigen Ermittlungen zu tun hat. Er das Telefon geschnappt, den Chef angerufen und dabei genüsslich via Zigarette den Stoff inhaliert. Der Chef druckste rum, Brennecke musste die Augen schließen, so schwindlig wurde ihm, und dann war die Sache klar: Ein Ex-Junkie und ehemaliger Stricher war tot in einem Kellerabgang in einer der Nebenstraßen der Einkaufsmeilen in der Innenstadt gefunden worden. Der Kriminaldauerdienst hatte alles aufgenommen, der Erkennungsdienst schon alle Spuren gesichert und der Tote wartete in der Pathologie auf Brennecke. Brenneckes Chef sagte es zwar nicht explizit, aber es war klar, warum Brennecke diesen Fall machen sollte. Es war ein Scheißfall. Und seine Kollegen wollten sich damit nicht aufhalten. Als Brennecke mittags in die Path kam, hatte der junge Schönling Dr. Gerlach den Toten schon geöffnet und redete etwas von Schlägen auf die Brust und morschen Rippen, die abgebrochen und Herz und Lunge verletzt hatten, woran der Typ dann letztendlich verschieden war. Und ein Ex-Junkie war er auch nicht: das Blut schwamm vor »H«. Bericht wie immer später. Unterwegs rief Brennecke die Kollegen vom Rauschgift an. Aber die kannten den Typen nicht. War vor Jahren das letzte Mal aufgefallen. Komisch, dachte Brennecke. Geht doch eigentlich nicht. Ein Süchtiger fällt doch immer auf. Dann fuhr er in die Innenstadt, um sich den Ort des Geschehens noch mal anzuschauen. War aber nichts Besonderes zu finden. Eben nur eine schmale Treppe in ein Kellergeschoss. Als er gerade abhauen wollte, sprach ihn eine Frau um die Fünfzig an. Fachverkäuferin in der Uhrenabteilung des Kaufhauses um die Ecke. Sie hatte heute Morgen gesehen, wie der Typ abtransportiert wurde und ihn wiedererkannt. Hatte er doch gestern am späten Verkaufsabend versucht einen Wecker zu klauen. Ein Mann hatte es gesehen und laut gerufen, woraufhin zwei Kaufhausdetektive hinterher seien. Sie hatten ihn aber nicht erwischt. Brennecke begleitete die Verkäuferin zurück an ihren Arbeitsplatz und ließ sich das Büro des Abteilungsleiters zeigen. Vielleicht hatten die Detektive den Dieb doch erwischt und ihm ein paar verpasst. Ein paar zu viel. Aber nee. Da lachte der Abteilungsleiter nur drüber. Wenn die mal einen kriegen würden, dann ließen sie sich mit Sicherheit nicht die 100 Euro Fangprämie entgehen. Bei dem schlappen Stundenlohn, für den die arbeiten mussten. Also auch nichts. Als Brennecke raus wollte, winkte ihm die Verkäuferin noch einmal zu. Sie hatte einen Zettel für ihn, auf dem der Zeuge des Diebstahls vermerkt war: Bertold Lamprecht. Das war ja ein Ding, dachte Brennecke, fuhr ins LKA und machte dem lieben Berti mal ein bisschen Feuer unterm Hintern.  Und als der Berti weich gekocht war, rückte er mit der Wahrheit raus. Der Tote war auch ein Kunde von ihm und kam ihm ebenfalls manches Mal entgegen. Unersättlicher Berti! Und als der Tote nicht so wollte, wie es Berti immer gefiel, ihm sogar drohte, ihn zu verpfeifen, hatte Berti zwei andere Kunden, die er mit Koks belieferte und in einem Kaufhaus  als Detektive arbeiteten, gebeten, dem Vögelchen, das Singen wollte, mal eins drauf zu geben. Und wie es der Zufall so wollte, kam endlich die passende Gelegenheit. Und Zack, war der Typ dahin geschieden. Das nennt man wohl Auftragsmord, sagte Brennecke. Aber Berti schien das nicht zu beeindrucken.  Er erklärte Brennecke, dass es wohl für alle besser sei, wenn diese wunderbaren Geschäftsbeziehungen, die sie pflegten, ungestört fortgesetzt werden könnten. Da war etwas dran, stimmte Brennecke zu. Aber der Scheißpathologe. Der schrieb gerade einen ganz und gar bedrohlichen Bericht. »Fahr einfach noch mal hin«, riet Berti und ließ Brennecke dann einfach stehen.  Er verstand zwar nicht, was Berthold meinte. Aber eins war Brennecke klar: Besser, er fährt noch mal hin und versucht mit ihm zu sprechen. Dr. Gerlach hatte den Toten gerade wieder zugenäht, als Brennecke hereinschneite. Er wusste nicht, wie er anfangen sollte, aber brauchte er auch nicht. Dr.  Gerlach übernahm die Initiative. Er hätte sich wohl geirrt und jetzt wäre deutlich geworden, dass die vorhandenen Spuren unstrittig auf einen Treppensturz mit den bekannten Folgen zurückzuführen seien. Ein Unfall also. Brennecke war erstaunt. Aber Gerlach lächelte ihn an, öffnete sein silbernes  Zigarettenetui und bot Brennecke einer seiner selbstgedrehten Zigaretten an. Und als er den ersten Zug inhaliert hatte, wusste er, was Sache war: Diese Art von Kippen kannte er nur zu gut.

 

 

 

 

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work in progress goes crime –
Krimimittwoch auf dem Roten Sofa

 

Im vierten Anlauf gab es bei work-in-progress-goes-crime ein Überraschung. Eigentlich hatte die Autorin ein bißchen »Muffe« vor dem Extempore, aus dem Stegreif einen Krimi-Plot zu entwickeln: sie meinte, bei ihr würde da gar nichts »sprudeln«. Aber dann lernte das zahlreiche Publikum Rose Gerdts-Schiffler von einer neuen Seite kennen. »Mord im Pressehaus«, mehr war ihr nicht vorgeben. Da lag dann plötzlich ein Redaktionsleiter tot über seinem Schreibtisch... und es gab sogar einen improvisierten Dialog zwischen Chefredakteur und Polizeipräsident. Es war eine Gaudi - aber lesen Sie doch selbst.

(Jürgen Alberts)

 

 

 

work in progress goes crime:
Rose Gerdts-Schiffler: »Tod im Zeitungshaus«

 


Der Schreck saß ihr noch Stunden später im Nacken. Sie hatte, so schien es ihr später, Minuten gebraucht, bis sie die Szene, die sich ihr bot, verstand.

Als erstes hatte sie nur die rote Lache auf dem Schreibtisch gesehen. Den Mann, der mit seiner rechten Wange auf der Tastatur lag, die beiden Hände daneben, als wolle er sich abstützen und gleich aufspringen, hatte sie dagegen nur verständnislos angestarrt.


Heiko Marten war ihr Kollege. Seit Jahren teilten sie sich nicht nur die Kommunalpolitik, sondern auch das kleine Zimmer zum Hof. Und jetzt war er tot.

Sie hörte sich irgendwann schreien. Eine Stimme, die aus der Ferne zu kommen schien und ihr wie ein falsches Echo in den Ohren klang. Aber es war kein Echo, sondern die Sekretärin. Sie war kurz nach ihr in die Redaktionsräume gekommen und hatte entsetzt gestammelt: »Oh Gott, er ist tot, er ist tot.« Innerhalb von Minuten war der Raum voller Leute. Vergeblich warnte jemand davor, falsche Spuren zu legen.

Der Fotograf wurde gerufen. Bilder machen.


»Wir müssen jetzt professionell da rangehen«, wiederholte der Ressortchef, als würde es irgendetwas gut machen. Sie fragte sich, was das zu bedeuten hatte. Professionell rangehen.

»Ich habe Polizei und Notarzt gerufen«, hörte sie hinter sich die belegte Stimme der Sekretärin. Die Frau erntete einen scharfen Blick vom Ressortchef.

»Damit hätten sie noch warten können«, knurrte er. »Für Heiko kommt sowieso jede Hilfe zu spät.«


Eilig klickte er sich durch die letzten E-Mails, die Heiko Marten geschrieben und empfangen hatte. Der Ressortchef stutzte, als er den Namen eines bekannten Anwalts las, dem nachgesagt wurde, dass er an einem Bordell in der Innenstadt beteiligt war. Nichts Verwerfliches, hätte Heiko Marten nicht erst kürzlich herausgefunden, dass drei der bulgarischen Frauen von Menschenhändlern nach Bremen gebracht worden waren. Der Ressortchef drückte auf ‚Drucken« und nahm die Seiten an sich und steckte sie kommentarlos in die Taschen. Er würde ein Team zusammenstellen, dass den Recherchen von Heiko Marten nachgehen würde. Er war gerade dabei, die Schubladen von Heiko Martens Schreibtisch nach verdächtigen CD’s zu durchsuchen, als die Mordermittler mit der Tatortgruppe beim Pförtner eintrafen. Der Ressortchef nahm die Männer am Fahrstuhl in Empfang und versuchte dabei angemessen bestürzt auszusehen.


Die Polizeibeamten sperrten den Flur.

Niemand durfte mehr in die angrenzenden Büros.

Systematisch und sehr zum Unmut der Belegschaft, stellten die Beamten alles auf den Kopf. Jeder Schreibtisch, jeder Schrank wurde durchsucht. Als der Ressortchef den Leiter der Mordermittler darauf ansprach, hatte dieser nur lakonisch geantwortet. »Journalisten fürchten nichts mehr als Hausdurchsuchungen. Brisante Unterlagen verstecken sie daher meist im Schrank ihrer Kollegen, damit polizeiliche Ermittlungen ins Leere laufen. Ich war das letzte Mal dabei, als wir vor zehn Jahren hier bei Ihnen waren, um das interne Positionspapier aus dem Innenressort zu suchen. Natürlich lag es nicht in den persönlichen Fächern ihres früheren Kollegen, sondern in irgendeinem der anderen Schränke für die wir keine Durchsuchungserlaubnis hatten. Also lassen Sie mich gefälligst auch die Schreibtische und Schränke ihrer Kollegen schauen und meine Arbeit machen.«


Doch Heiko Marten hatte sich mit seinem Versteck keine große Mühe gemacht. In der untersten Schubladen entdeckte ein junger Beamte eine Wanze.

Der Ressortchef schien verblüfft, als ihn der Ermittler darauf ansprach. »Wir arbeiten nicht mit Wanzen, sondern mit Informationen und Informanten.«

Niemand konnte sich einen Reim auf den Fund machen.


Genauso wenig wie auf den Umstand, dass der Kopf und die Schultern des Toten mit seiner eigenen Jacke halb zugedeckt gewesen war.

‚Zeichen für emotionale Wiedergutmachung’ , hatte der Mordermittler auf seinem Notizblock geschrieben. Doch wie passten die Recherchen des Getöteten im Rotlichtmilieu zum Erscheinungsbild des Tatorts? Und wo hatte Heiko Marten seine Wanze verstecken wollen? Und vor allem wen hatte er abhören wollen?


»Hatte er Feinde?«, erkundigte sich der Mordermittler beim Ressortchef.

Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.

»Nein. Er ist überall beliebt.«


Der Ermittler hob die Jacke hoch und musterte den eingeschlagenen Schädel.

Überaus beliebt, also.

Er seufzte insgeheim. Vermutlicht waren einige seiner guten Freunde schon dabei, eine Story über seinen Abgang zu schreiben.

Die Ermittlungen würden schwierig werden.

 

 

 

 

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work in progress goes crime –
Krimimittwoch auf dem Roten Sofa

 

In der vorletzten Ausgabe von Work-in-progress-goes-crime war die Wilhemshavener Autorin Christiane Franke zu Gast - soeben ist ihr vierter Krimi erschienen, in dem zwei Ermittlerinnen, die unterschiedlicher nicht sein können, den Mord an einem Turnlehrer aufzuklären haben.
Im Gespräch über Handwerkliches stellte sich heraus, dass sie bei diesem Roman erst den Schauplatz, nämlich das Gymnasium ihres Sohnes hatte, und: »deswegen musste dann ein Lehrer daran glauben.«
Nach der Lesung aus dem Roman gab es wie immer das kleine literarische Spiel, bei dem das Publikum rege Anteil nahm. Vorgabe war: Auf einem bestreikten Schiff war ein blinder Passagier tot in der Kühlkammer gefunden worden. Die Diskussikon war so lebhaft, dass wir irgendwann die »Erfindungen und Einfälle« stoppen mussten. Eine Teilnehmerin sagte: »Heute sind wir aber richtig gut!« Besser kann man es nicht beschreiben: ein wirklich gelungener Abend dank einer wunderbaren Autorin.
Aber lesen Sie selbst, was sie aus der Vorgabe und der Diskussion gemacht hat.

(Jürgen Alberts)

 

 

 

work in progress goes crime:
Christiane Franke: »Blind Dead«

 


Es gibt diese Tage, an denen alles glatt geht. An denen der Wecker funktioniert, man aus dem Fenster in einen sonnendurchfluteten Frühlingsmorgen blickt, genügend Kaffeepulver im Behälter und das Brot im Brotfach noch nicht verschimmelt ist.

Der heutige Tag gehörte definitiv nicht dazu, obwohl das Brot noch halbwegs akzeptabel war. Das aber war der einzige Pluspunkt. Wieder einmal fand ich keine zusammenhängenden Socken, das Hemd hätte ich gestern bügeln sollen, hatte aber keine Lust dazu gehabt, an jeder Ampel musste ich warten, kurz, als ich schwungvoll der Tür der Polizeiinspektion öffnete, war ich schon gute zehn Minuten zu spät. Als mir dann als erste noch meine Kollegin Oberkommissarin Oda Wagner über den Weg lief und mir ein fröhliches »Na, Herzchen, hast du den Weg aus dem Bett zu spät gefunden?« entgegen rief, war klar: dieser Tag zählte zu den dunkelgrauen des Monats. Ich kann es auf den Tod nicht ausstehen, wenn man mich Herzchen nennt.

Ich weiß, Oda meint es eigentlich gut mit mir, aber irgendwann werde ich es ihr auch sagen. Das mit dem Herzchen und so.

Jedenfalls war ich grad dabei, mir den Kaffee einzuverleiben, den unsere Dienst-Kaffeemaschine wider Erwarten ohne zu Murren ausgespuckt hatte, als eine Dame eintrat. Ich sag einfach mal Dame, denn Frau wäre doch ein wenig herabwürdigend. Und sie gab sich sichtbar Mühe, wie eine frauliche Dame und nicht wie eine dämliche Frau zu wirken.

Zumindest sprach sie akzentfrei, was heute in gewissen Stadtteilen ja auch fast eine Seltenheit ist und sprach davon, dass sie einen Mann als vermisst melden wollte.

Okay, sowas kommt vor, oftmals hauen Männer aus Wut kurzzeitig ab, meistens aber kommen sie nach ein paar Tagen reumütig wieder. Nicht zuletzt wohl deshalb, weil es zuhause bequemer ist. Allein schon, was Wäsche waschen und sich bekochen lassen angeht.

Dieser Fall war jedoch anders geartet. Die Frau, die sich als Ute Wagner vorstellte, berichtete, sie müsse einen Mann als vermisst melden, den sie nicht persönlich kenne. Ein Foto jedoch habe sie und einen Namen dazu auch. Peter Pogroff hieß der Knabe, und ich dachte kurz, dass ich mit meinem Namen da klar im Vorteil war, denn den Spitznamen dieses Typens wollte ich garantiert nicht haben. Nicht sonderlich fasziniert hörte ich Ute Wagner zu, die mit ihrer mittleren Statur, mittleren Figur – ich schätze mal Kleidergröße 40 bis 42 – und den mittelbraunen Haaren ein tatsächlich mittelmäßiger Typ war, also nichts, dem ‚Mann‘ auf der Straße mal gern so hinterher sah. Der Peter Pogroff aber hatte entweder einen anderen Eindruck oder ein anderes Foto von ihr, er jedenfalls hatte sich mit ihr verabredet. Und war zum festgesetzten Termin nicht erschienen.

»Sie können jetzt sagen, es steht ja jedem frei, zu einem Blind Date zu kommen oder nicht, aber wir hatten telefoniert, der Peter und ich. Und er hatte mir gesagt, mit welchem Schiff er hier ankommt.«

»Schiff?« unterbrach ich. »Ist er bei der Marine?«

»Nein. Peter fährt auf einem Handelsschiff. Einem dieser Containerdinger. Es heißt Eva-Helene und liegt seit vier Tagen im Handelshafen.«

»Ach. Die Eva-Helene«, sagte ich nicht sonderlich begeistert. Denn das Schiff machte uns und der Stadt nicht wirklich Freude. Nachdem sie die Ladung gelöscht hatten, war die Besatzung einfach so in den Streik getreten. Keinen Handschlag taten sie mehr, bevor nicht die seit vier Monaten ausstehende Heuer gezahlt wurde. Das hätte uns vielleicht egal sein können, doch die Eva-Helene blockierte einen Umschlagplatz und störte dadurch den Ablauf unseres bis zur Fertigstellung des Jade-Weser-Portes noch nicht so großen Hafens. Alles war sehr ärgerlich, zumal der Reeder auch noch versuchte, die Stadt in die Verhandlungen einzubinden. Aber da kannte der unsere Stadt nicht. Was unsere Oberen nicht wollen, das machen sie nicht, sie machen zwar jede Menge Unsinn, den keiner von uns Bürgern versteht, aber so ein Einmischen, nein, das kommt für die da oben nicht in Frage. Da könnte man ja letztlich zur Verantwortung gezogen werden. Und Verantwortung schustert man doch immer den anderen zu. Egal, ich will jetzt nicht in unsere Stadtpolitik abdriften, und mein Kaffee war inzwischen lauwarm geworden. Ich trank trotzdem einen Schluck.

Als besagter Peter Po nicht zum Date erschienen war, hatte sie versucht, ihn über Handy anzurufen. Doch er hatte das Gespräch nicht entgegen genommen. Das war neu.

»Vielleicht hat er eine andere … Dame … kennen gelernt und hielt es für überflüssig, sich mit Ihnen auseinanderzusetzen?«, wagte ich zu fragen.

»Nein.« Das Wort wurde mir mit Vehemenz entgegen geschleudert. »Wie gesagt, wir haben miteinander telefoniert. Da war noch alles in Ordnung. Außerdem bin ich am nächsten Tag ja hin zur Eva-Helene. Hab mir einen von den Matrosen geschnappt und ihn auf Peter angesprochen.«

»Und?« Ich war nicht übermäßig neugierig. Einer dieser typischen Fälle. Hörte man ja dauernd über Internetbekanntschaften und so.

»Der kannte ihn nicht.«

»Na ja. Vielleicht hatte Ihr Freund auch gelogen und war gar nicht mit diesem Schiff unterwegs«, vermutete ich.

»Doch«, beharrte die Ute. »Er hat mir von den verschiedenen Stationen Fotos geschickt. Immer mal Hafen und das Schiff, er vor dem Schiff, er auf dem Schiff, ich weiß, dass er mit der Eva-Helene gefahren ist. Hundertprozentig.«

»Und nun kennt ihn ein Matrose dort nicht.« Ich wartete immer noch auf Überzeugenderes.

»Er ist überhaupt nicht auf dem Schiff bekannt, hat man mir gesagt.« Die Ute seufzte.

»Hat man Ihnen gesagt.«

»Klar. Ich hab doch Theater gemacht. Laut lamentiert und so. Und dann haben sie den Käpt‘n geholt. Ein paar andere standen auch noch dabei. Keiner sagte, er habe Peter gekannt. Aber das kann nicht sein! Ich hab die Fotos, die kann ich Ihnen zeigen. Hab ich denen auch gezeigt, aber sie haben nur immer mit dem Kopf geschüttelt.« Jetzt wurde die Ute leiser. Ihr Tonfall klang bittend, als würde sie sich ehrlich Sorgen machen. »Peter Pogroff war auf diesem Schiff. Definitiv! Können Sie sich da nicht mal drum kümmern? Ist mir auch egal, ob er plötzlich keinen Bock mehr auf ein Treffen mit mir hatte, aber ich muss wissen, dass da alles in Ordnung ist. Ich hab da nämlich ein sehr komisches Gefühl. Und mein Gefühl trügt mich nie.« Mit diesen Worten sah sie mich aus ihren Katzenaugen an und ich glaub, ein kleiner Funke sprang zu mir über. Zumindest ließ mich dieser Funke sagen: »Na, geben Sie das Bild von Ihrem Bekannten mal her, ich werde mich mal umhören. Versprechen kann ich natürlich nichts, aber das wäre ein Anfang. Wenn Sie mir eben aufschreiben, wo und wie ich Sie erreichen kann.« Ich schob ihr einen Zettel rüber.

In manchen Situationen ist es schon von Vorteil, Polizist zu sein. Diese war eine davon. Dachte ich zumindest.


Ich schnappte mir also eine sehr junge Kollegin. Denn nach dem überaus bescheidenen Start in den Tag war mir danach, von jemandem angehimmelt zu werden und brauste mit ihr Richtung Handelshafen. Während der Fahrt erzählte ich das Notwendigste und bereitete sie darauf vor, dass es ein Einsatz ohne wirklichen Erfolg sein würde, aber immerhin: der Slogan hieß »Die Polizei, dein Freund und Helfer«, dem wollte ich mit dieser Aktion gerecht werden.

Wir parkten ohne Probleme und liefen die wenigen Meter zum Kai, an dem die Eva-Helene vertäut war.

»Wir lassen uns die Besatzungsliste geben«, sagte ich, als ob mir grad der Stein der Weisen eingefallen wäre. »Und wenn der Peter Po nicht drauf steht …«

»… dann durchsuchen wir das Schiff«, übernahm die junge Kollegin eifrig das verbale Ruder.

»Nö. Das hatte ich jetzt eigentlich nicht …«

»Doch. Das müssen wir machen! Ich hab viele Folgen »Küstenwache« gesehen, die machen das so. Ab und zack und durchsuchen.« Sie war Feuer und Flamme. Tatsächlich. Na ja, das passte auch zu ihren Haaren, wie mir jetzt auffiel. Allerdings fehlten ihr gottlob die zum Klischee passenden Sommersprossen. Ich hatte zwar keine Folge von »Küstenwache« gesehen, aber wenn sie meinte, es konnte ja nicht schaden, ein bisschen auf dicke Hose zu markieren und sich das Schiff zeigen zu lassen. Wir würden zwar normalerweise einen richterlichen Beschluss für so eine Aktion benötigen, aber vielleicht klappte es auch so.

Jedenfalls kamen wir ohne Probleme an Bord, und auch der Kapitän hatte Zeit für uns, klar, wenn gestreikt wird, dann tun die Leute ja den ganzen Tag nichts als Nichts tun. Pflichtbewusst studierte ich die Personalliste. Und tatsächlich, ein Peter Po – warum dachte ich schon den Spitznamen, den ich selbst so abscheulich finden würde? – na jedenfalls stand der Typ nicht drauf.

»Haben Sie noch eine andere Liste für vielleicht zeitweiliges Personal?«, fragte ich. »Es soll sich bei dem Vermissten ganz eindeutig um einen Ihrer Besatzungsmitglieder handeln.«

Der Kapitän, ein überaus sympathischer Typ von Mitte 50, schüttelte den Kopf. Er rauchte Pfeife, ein Umstand, der mich an meinen Vater erinnerte, zu dem ich ein wirklich gutes Verhältnis hatte. Was mich jetzt dazu verleitete, dem Kapitän zu glauben.

»Nein. Der ist hier nicht mitgefahren.«

»Na ja. Dürfen wir uns vielleicht mal umsehen?« Es war eine einfache Frage, dennoch implizierte sie natürlich, dass wir uns einen Beschluss holen würden, wenn der Käpt‘n die Zusage verweigerte. Doch er nickte. In diesem Moment stürzte ein junger Mann in die Kajüte, blonde, strähnige Haare wirbelten um seinen Kopf.

»Käpt‘n. Schnell! Der Koch. Ein Unfall.«

Ganz klar: dieser Mann drückte sich sonst sicher nur über SMS aus. Der Käpt’n und wir also hinterher, wo wir doch schon den Helfer im Berufsbild hatten. Und tatsächlich lag ein stöhnender Kerl im geöffneten Kühlraum, das Bein unnatürlich verdreht. Blut sickerte aus der Hose, verteilte sich aber nicht wirklich auf dem eisigen Untergrund sondern erkaltete schnell. War wohl nicht besonders heißblütig, der Koch. Der Käpt’n hatte die Sache sofort im Griff, mit einem Schnitt die Hose aufgeschlitzt: Ein ausgewachsener offener Unterschenkelbruch kam zum Vorschein. Aua, dachte ich, und als hätte er meinen Gedanken geahnt, stöhnte auch der Koch »Aua« und wimmerte lauter. Während der Käpt‘n sich um den Verletzten kümmerte, nutzte ich die Gelegenheit, mir mal so einen Kühlraum anzusehen. Hatten im Eingangsbereich Regale mit Gemüse, Eiern und all so ‘nem Zeug, was frisch gehalten werden musste, gestanden, herrschten hier Minusgrade.

Hinten hingen Schweinehälften. Tatsächlich. Ganze Schweinehälften baumelten von Fleischerhaken herab. Faszinierend. Ich hatte gedacht, die würden das Fleisch portionsweise eingefroren haben. Aber vielleicht deckte so ein halbes Schwein den Tages- oder Zweitagesbedarf der Mannschaft? Neugierig trat ich näher. Vorn jaulte der Koch doppelt so laut auf. Armer Kerl. Musste heftige Schmerzen haben. Waren ganz schön groß, diese Tierhälften. Ich klatschte einer von ihnen dorthin, wo das Hinterteil gewesen war. Armes Schwein, dachte ich grinsend, als es ein wenig zu schaukeln begann. Doch das Grinsen verging mir, als ich sah, dass nicht alles Schwein war, was hier hing.

Wenn ich mich nicht sehr irrte, war ich zufällig auf Peter Pogroff gestoßen, der sich zum Abhängen einen wirklich coolen Ort ausgesucht hatte.

Das war ja jetzt mal was ganz Besonderes. So hautnah hatte ich einen Leichenfund noch nie erlebt. Okay, lange war ich noch nicht bei der Truppe, meine erste Leiche war ein Sportlehrer gewesen, aber meistens war ich nie so schnell am Leichenfundort wie jetzt.

Ich gebe zu, ich genoss diesen Augenblick. Die Hände auf dem Rücken verschränkt wie Columbo studierte ich den Toten. Dann rief ich in bewusst leicht gelangweiltem Ton der jungen Polizistin zu, die immer noch beim Koch stand: »Wir haben den Vermissten gefunden. Benachrichtige die Kollegen.«

 


Zwanzig Minuten später war die ganze Truppe samt Ausrüstungsgeräten an Bord der Eva-Helene und zu meiner nicht wirklich übergroßen Begeisterung hatte man Oda Wagner mit der Leitung des Falls betraut.

»Was gibt’s zu berichten, Herzchen?«, fragte sie, und in diesem Augenblick brach es aus mir heraus: »Sag nicht immer Herzchen zu mir.«

»In Ordnung, Herzchen«, erwiderte sie lakonisch.

Ich nahm das jetzt mal so hin, aber das war noch nicht das letzte Wort in dieser Angelegenheit. Sie war im Stress. Klar. Immerhin hatte sie mit Peter Po jetzt die zweite Leiche auf dem Tisch – sie war nämlich noch damit beschäftigt, den Fall eines toten Raffinerietypen aufzuklären und dann kam ich ihr hier mit einer Tiefkühlleiche.

»Man kann noch nicht sagen, wie lang der Typ tot ist«, beeilte ich mich zu sagen.

»Jo. Das geht mir im Supermarkt auch immer so. Da hab ich ein totes Suppenhuhn in der Hand, krieg fast einen Gefrierbrand in den Fingern und muss mich drauf verlassen, was die als Todesdatum auf der Verpackung angeben. Der hier hatte aber keine, oder?« Oda grinste ihr schelmisches Lachen, das mich dann doch auch dieses Mal ansteckte.

»Nö, war keine Frischhalteverpackung drum«, scherzte ich zurück.

»Na ja. Ist wohl auch besser so. Wie ist die Leiche denn überhaupt bemerkt worden?« wollte Oda wissen.

»Zufall. Unfall.«

Odas Blick war ein einziges Fragezeichen.

»Der Koch wollte rein. Ist aber ausgerutscht und hat sich dabei einen offenen Bruch des Unterschenkels zugezogen. Während sich alle um den Koch kümmerten, nutzte ich die Gelegenheit, mich ein wenig genauer umzusehen. Immerhin waren wir in einer Vermisstensache an Bord und so ein Kühlraum… hab ich vermutet, ihn hier zu finden.« Ich übertrieb zwar schamlos, aber das war egal und von niemandem nachzuvollziehen.

»Also war es Zufall, dass du ihn entdeckt hast.« Manchmal hasste ich sie für ihre Nüchternheit.

»Ich nenne es: glückliche Fügung gepaart mit intelligentem Instinkt«, konterte ich.

»Okay. Wir haben eine Leiche und einen offensichtlich recht überschaubaren Kreis von Tatverdächtigen«, stellte Oda fest.

»Überschaubar?«

»Meine Güte, Herzchen«, da war wieder dieses Wort, das mir das Messer in der Tasche aufgehen ließ. Sie musste an sich arbeiten, sonst lief sie Gefahr, die nächste Kühlraumleiche zu werden.

»Das Schiff liegt hier seit Tagen rum. Den Zugang zu einem Kühlraum hat nicht jeder. Von außen schon mal gar keiner aber auch nicht jedes Mitglied der Mannschaft. Drum gibt es einen überschaubaren Kreis an Tatverdächtigen.«

»Ach so!« Ich kratzte mich am Hinterkopf. Klar, sie hatte recht. So viele gab es nicht.

»Also trommel die Mannschaft zusammen, während die Spurensicherung weiterarbeitet.« Ich merkte schon, Oda wollte den Fall schnell zum Abschluss bringen. Kein Wunder, da wartete ja noch die andere Leiche und zudem hatte eine fiese Magen-und-Darm-Grippe einen Großteil der K1, die landläufig Mordkommission genannt wird, außer Gefecht gesetzt. Da war schon klar, dass Oda keine Lust hatte, sich an so ‘nem Tiefkühlmord lang aufzuhalten. Zumal es ja auch dauerte, bis die Leiche für eine Obduktion artgerecht aufgetaut war. Die konnte man nicht einfach so in Raumtemperatur lagern, nee, das musste sukzessive geschehen.

»Jo.« Ich stapfte davon. Der Koch war mittels Krankenwagen schon abtransportiert, nur meine junge Kollegin wartete noch an der Tür.

»Die Schweinehälften können sie heute Abend über dem offenen Grill braten«, sagte ich, als wir zurück zur Messe gingen. »Die müssen ja inzwischen angetaut sein. Die dürfen die gar nicht mehr weiter einfrieren. Sonst liegt im nächsten Hafen die komplette Mannschaft im Lazarett.«

»Du hast Recht.« Der Blick aus ihren himmelblauen Augen tat so gut. »Und überhaupt, dass du auf die Idee kamst, einfach den Kühlraum zu inspizieren. Das war genial, Volker.«

Ich glaub, es war jetzt gar nicht so das Wort genial, das mein Herz spontan für sie schlagen ließ, es war das simple, mir seit über dreißig Jahren vertraute und in der Vergangenheit so wenig genutzte Wort »Volker«, das mich emotional zutiefst berührte.

Ich seufzte, sah ihr in die Augen und nickte ergriffen. »Ja. Manchmal muss man die großen Dinge im Kopf haben um zu Resultaten zu gelangen.« Als ich ihren ehrfürchtigen Blick sah, durchzog mich eine Welle von Stolz.


Kurz darauf saß ich wieder auf dem Hosenboden der Tatsachen, auf der Eckbank in der Schiffsmesse, die bei diesem Containerschiff nicht wirklich groß war.

Oda übernahm das Regiment. Selbstverständlich. Ich war lediglich Beiwerk, nahm mir aber vor, meine Chance zu nutzen.

»Stellen wir also fest, meine Herren«, sagte Oda in die Runde der neun Anwesenden, »wir haben einen Toten im Kühlraum, der offiziell nicht zu Ihrer Mannschaft gehört und den keiner zu kennen scheint. Habe ich soweit recht?«

Das Nicken kam so unisono, die Muppet-Show war nichts dagegen.

»Okay.« Oda rieb sich leicht ermüdet über die linke Augenbraue. Es war mittlerweile nach 18 Uhr. »Wie also kommt ein Ihnen unbekannter Mann an einen Fleischerhaken in Ihrem Kühlraum. Wer ist er und warum hängt er dort.«

Oda sah sich um und ich staunte, weil alle so unbeteiligt taten, als ginge es lediglich darum, zu gestehen, wer mit einem Stein die Fensterscheibe eingeschlagen hatte. Jeder guckte in die Luft, auf den Boden, heiteitei und ich bin gar nicht da, so taten sie.

Oda wartete bestimmt zwei Minuten. Das ist ganz schön lang, wenn niemand was sagt. Dann meinte sie: »Gut. Wenn Sie es nicht anders wollen, es ist Ihre Entscheidung. Da Sie eh streiken und nun aufgrund des Unfalls auch keinen Koch mehr haben, die Vorräte, wie ich gesehen habe, sehr zur Neige gehen, brauche ich nichts anderes zu tun, als Ihrem Schiff jedwede Verbindung zum Land zu untersagen. Kein Nachschub an Versorgungsmitteln, nichts. Sie haben auch keine Genehmigung, den Hafen zu verlassen. Um es mal in alter Piratenmanier auszudrücken: Ich werde Sie aushungern. Es sei denn, Sie kooperieren mit mir.«

Wow! Oda Wagner war eine alte Piratin. Ich war baff. Auf diese Idee wäre ich überhaupt nicht gekommen. Der Pfeife schmauchende Käpt’n warf einen unsicheren Blick in die Runde und ich glaubte in diesem Blick zu sehen, dass er tatsächlich keine Ahnung hatte, warum ein toter Mann in seinem Kühlraum hing.

Ich verhielt mich weiterhin mucksmäuschenstill.

Die Minuten verstrichen. Ich hörte das Ticken der Sekunden aus der großen Wanduhr, die Bahnhofscharakter hatte. Tick … Tick … Tick…

Keiner sprach. Die Spannung war beinahe greifbar … Oda saß zurückgelehnt auf einem Stuhl. Fixierte wortlos mit ihrem Stechblick mal den einen dann den anderen. Ich fixierte auch. Okay, das kam jetzt nicht so an wie von Oda, aber ich dachte: Zwei Leute, die streng gucken sind besser als einer.

Ob es nun an der Doppelfixierung lag, oder nicht, keine Ahnung, jedenfalls wurde der Hilfskoch nach kurzer Zeit rot und röter. Wie ein Feuermelder kurz vor der Explosion. Ich hatte schon die Befürchtung, wir müssten nochmal den Notarzt rufen, als er anfing zu sprechen.

»Sie werden alle Spuren auswerten, stimmts?«

»Stimmt«, sagte Oda, die ihre Beine auf einen Nachbarstuhl gelegt hatte.

»Da finden Sie ne Menge, stimmts?« Das schien sein Lieblingswort zu sein.

»Stimmt.«, bestätigte Oda.

»Dann können Sie auch sehen, wo sich der Tote hier auf dem Schiff bewegt hat? Wo er gewesen ist?«

»Ja.« Oda blieb einsilbig und ruhig. Ich zog innerlich den Hut vor ihr.

»Okayyyyyy« Dieses Wort wurde extrem in die Länge gezogen. Zeitgleich traf ein um Verzeihung heischender Blick die anwesenden Kollegen. Dann legte er los. »Also, Peter fuhr schon seit Jahren auf der Eva-Helene. Als blinder Passagier.«

Nee, das war jetzt nicht wahr. Blinde Passagiere in heutigen Zeiten? Ich war fasziniert. Der Käpt’n allerdings ebenso, denn ihn durchfuhr ein ungläubiger Ruck. »Sag das noch mal!«, herrschte er den Hilfskoch an.

Der zuckte zusammen. Einerseits tat er mir leid, als Verräter dastehen zu müssen, andererseits war das natürlich für Oda gut. Je eher sie denjenigen hatte, der für Peter Pogroffs kühlen Tod verantwortlich war, desto eher konnte sie sich wieder der Raffinerieleiche widmen. Arme Oda. Ich sollte mir doch noch einmal überlegen, ob ich überhaupt in die MoKo wollte. Wenn‘s da solchen Stress gab…

»Bis auf den Käpt‘n haben es alle gewusst«, brach der Hilfskoch die Schweigemauer. »Peter war sozusagen das Maskottchen der Eva-Helene. Immer wenn er mitfuhr, erreichten wir den nächsten Hafen schneller, kam ein neuer Auftrag herein, es war wie verhext, aber Peter tat dem Schiff richtig gut. Aber, bitte schön, wie hätte man das dem Käpt‘n verkaufen sollen? Das ging ja gar nicht. Jedenfalls lief alles so lange gut, wie der alte Koch Paul an Bord war. Essen gut, Lage gut, Peter gut.« Der Hilfskoch schluckte. Jemand reichte ihm wortlos ein Glas Wasser. Gefiel mir, diese kollegiale Unterstützung.

»Doch dann hörte Paul auf. Er war immerhin schon über sechzig, hatte keinen Bock mehr auf Seefahrt, und seine Frau hatte ihm einen Job in der Imbissbude um die Ecke besorgt. Ich kann‘s ja verstehen. Aber für Peter war das nicht einfach. Ich hab Paul gefragt, was dann aus Peter wird. Paul sagte, der neue Koch oder wir anderen müssten uns eben um Peter kümmern. Das sei nicht mehr sein Bier.« Der Hilfskoch warf einen fordernden Blick in die Runde, doch noch immer war der feige Blick allenthalben zu Boden gerichtet.

»Aber?« fragte Oda.

»Was? Aber?«

»Scheint ja nicht so funktioniert zu haben, sonst wär der Peter jetzt nicht tot.« Logische Schlussfolgerung von Oda. »Warum ist der überhaupt so lange als Blinder mitgefahren?«

»Ach, der hatte in jedem Hafen eine Braut. Die hat er besucht. Und wenn wir weiter gefahren sind, kam er wieder an Bord. Der hatte ein abwechslungsreiches Leben, der Peter.« Ein wenig Neid schwang in des Hilfskochs Stimme mit.

»Und warum isser jetzt tot?« Ich konnte nicht mehr an mich halten und stellte diese Frage. Oda warf mir einen nicht grad erfreuten Blick zu.

»Das liegt am neuen Koch.« Sagte der Hilfskoch.

Wieder konnte ich mir einen Kommentar nicht verkneifen. »Es sieht aber nicht wirklich danach aus, als sei Pogroff an einer Lebensmittelvergiftung gestorben.« Aus dem Augenwinkel sah ich Odas amüsiertes Schmunzeln.

»Naja. Es gab Differenzen zwischen dem neuen Koch und Peter.« Armer, einsamer Hilfskoch. Stand er doch allein auf weiter Kollegenflur, und die anderen betrachteten den Boden, als sei dort der heilige Gral versteckt. »Peter hat beobachtet, wie der Neue, also der Uwe, Lebensmittel anderweitig verschachert. Das darf man natürlich nicht. Ist ja Diebstahl. Drum wollte Peter sein Wissen bei Uwe als »Motivationshilfe« – so nannte Peter das – einsetzen. Um Uwe dazu zu bringen, dort weiterzumachen, wo Paul aufgehört hatte.« Der Hilfskoch zog vernehmlich und nicht wirklich salonfähig die Nase hoch.

Wie auf Kommando schauten alle anderen vom Boden auf. Dieserart bestätigt fuhr der Hilfskoch fort. »Beim Uwe hat das als Argument nicht gezogen. Der hat gelacht und Peter einen Träumer genannt. Er könnte ihn sofort ans Messer liefern, sagte Uwe, dazu wäre Peter zu lange umsonst auf der Eva-Helene gefahren. Ich war im Nebenraum, als die beiden zu streiten begannen.« Das Feuermelderrot seines Gesichtes war inzwischen einem bleichem Grau gewichen. »Es war ein Unfall. Garantiert. Ich habs gehört. Uwe hätte Peter nie etwas angetan. Aber im Eifer des Gefechts … Ich kam dazu, als Peter schon tot war. Uwe war vollkommen fertig. Was hab ich getan, was hab ich getan? fragte er immer und immer wieder. So lange, bis ich sein Jaulen irgendwann nicht mehr aushielt. Da hab ich den Peter geschnappt und erst mal im Kühlraum zwischengelagert. Damit er nicht anfängt zu stinken. Man muss ja erst mal die Gedanken sortieren.«

Ich war beeindruckt von diesen knallharten Hilfskochgedanken. Der hatte bestimmt noch Aufstiegschancen.

Inzwischen sahen ihn auch die anderen so interessiert an, als sähen sie ihn zum ersten Mal.

»Nun glotzt nicht so«, regte sich der Hilfskoch auf. »Was hätte ich denn tun sollen? War doch alles total schiefgelaufen. Über Bord schmeißen ging nicht, wo wir schon im Hafen lagen.« Er schluckte. »Ich hab gedacht, zwischen den Schweinehälften wäre er erstmal gut versteckt. Kann ja keiner ahnen, dass der Uwe grad in dem Moment ausrutscht und sich das Bein bricht, als die Bullen an Bord sind.« Er streckte den Rücken durch. »Sonst hätte das nie jemand erfahren. Und Uwe wäre mir sein Leben lang zu Dank verpflichtet gewesen.«

Tja. So konnte man das natürlich auch sehen.

Oda war jedenfalls ziemlich erleichtert darüber, dass sie diesen Fall ad acta legen konnte, und ich nahm mir vor, am nächsten Tag mit der jungen Kollegin essen zu gehen. Ich wollte »Volker« noch bei weiteren Gelegenheiten und auf andere Weise aus ihrem Mund hören.

 

 

 

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Christiane Franke

work in progress goes crime –
Krimimittwoch auf dem Roten Sofa

 

 

Zum letzten Mal traf sich das Bremer Krimipublikum zu einem Abend der Reihe »work in progress goes crime«, diesmal mit Helge Thielking. Interessant war im ersten Teil zu erfahren, wie schwierig es ist, neben einem anstrengenden Job einen Roman zu entwickeln und fertig zu stellen. Helge Thielking plant mehrere Jahre für sein neues Projekt. Überhaupt ist er ein sehr genau planender Autor, der lange überlegt, wie er seine Geschichte präsentieren will.

Nach der Lektüre einer Kurzgeschichte, die sehr gut beim Publikum ankam, begann das kleine literarische Spiel. Die Vorgabe war einfach: Tod in der Geisterbahn. (Was weder Autor noch die zahlreichen Zuhörer wussten: Der Altmeister Hansjörg Martin hat dies mal zur Vorlage eines der ersten Nachkriegskrimis gemacht).

Auch dieses Mal schaltete sich das Publikum schnell in die Diskussion ein und entwickelte einen durchaus ausbaufähigen Plot.

Viel Spaß beim Lesen von Helge Thielkings Skizze.

 

(Jürgen Alberts)

 

 

 

work in progress goes crime:
Helge Thielking: »Wagen 13«

 


Seit drei Jahren arbeitet die junge Bremerin Anna Matthies als Kassiererin einer Geisterbahn. Vier Monate im Jahr reist sie ihrem Arbeitgeber über die deutschen Jahrmärkte hinterher. Sechzehn Tage der Saison verbringt sie in ihrer Heimatstadt, auf dem Bremer Freimarkt.

Eines Abends sitzt in Wagen 13 der Geisterbahn ein Toter.

Anna kennt den Mann. Seit sie in der Bahn arbeitet, war er an jedem der 16 Freimarktstage kurz nach Sonnenuntergang an ihre Kasse gekommen, hatte einen Fahrtchip gelöst, war mit der Geisterbahn gefahren und anschließend wieder im Kirmesgewühl verschwunden. Das Ritual wiederholte sich am nächsten Abend, 16 Tage lang. Und dann wieder im folgenden Jahr.

Aus der Zeitung erfährt Anna, dass die polizeilichen Ermittlungen schnell eingestellt worden sind. Der Mann, ein zurückgezogen lebender Philosophieprofessor, litt seit Jahren an Angina pectoris. Ein Tod durch Fremdverschulden schließt die Polizei aus.

Am nächsten Tag, kurz vor Wiedereröffnung der Geisterbahn, entdeckt Anna zwischen den Schienen eine Nitrolingual Pumpspraydose. Sie testet das Spray und ist überrascht, dass kein typisch medizinischer Geruch ausströmt. Ein befreundeter Pharmazeut bestätigt ihren Verdacht: In der Spraydose befindet sich Leitungswasser.

Anna beginnt, Nachforschungen anzustellen.

Sie selbst lebt ein eintöniges Leben, weder Job noch Privatleben bieten Abwechslung. Obwohl sie nie ein Wort mit dem Professor gewechselt hatte, war sie fasziniert von dem kauzigen Einsiedler. Eines Tages folgte sie ihm bis nachhause. Nie hielt er sich länger auf dem Freimarkt auf. Jeden Tag kam er zur selben Zeit zur Geisterbahn, fuhr eine Runde und kehrte anschließend auf direktem Wege nachhause zurück.

Anna hofft, im Zeitungsarchiv mehr über den Toten zu erfahren. Doch die meisten Artikel befassen sich nicht mit seiner Professorenlaufbahn, sondern mit einem fünf Jahre zurückliegenden Todesfall. Die junge Ehefrau des Professors, eine seiner ehemaligen Studentinnen, kam bei einem mysteriösen Hausbrand ums Leben. In ihrer vorlesungsfreien Zeit jobbte sie in der Geisterbahn als Marie Antoinette. Sie starb zwei Jahre, bevor Anna dort anfing zu arbeiten. Kollegen, die sich an die Frau erinnern könnten, gibt es nicht. Mehrmals wechselte der Besitzer der Geisterbahn, die Personalfluktuation ist hoch.

Nach dem Brand verstrickte sich der Professor in Widersprüche, galt lange Zeit als Brandstifter. Zeugen, die über eine schwierige Ehe berichteten, stützten die Theorie. Der Mittfünfziger hatte seiner deutlichen jüngeren Ehefrau vorgeworfen, ihn mit einem Kommilitonen betrogen zu haben. Die Anklage wurde schließlich aus Mangel an Beweisen fallengelassen.

Anna verschafft sich Zutritt zum verwitterten Altbremer Haus des Professors in der Hegelstraße. Offenbar war sie nicht die Erste: An der Haustür sind Einspruchsspuren sichtbar. Hat sich schon vorher jemand Zutritt zum Haus verschafft, um das Medikament auszutauschen?

Skurrile Einrichtungsgegenstände und deckenhohe Büchertürme lassen erahnen, dass der Professor das Leben eines Einsiedlers lebte. Auf dem Dachboden errichtete er einen Schrein für seine verstorbene Frau. Als Anna das Foto der Toten erblickt, bleibt ihr fast das Herz stehen. Die Frau, die ihr auf den Fotos entgegenblickt, ist eine neue Kollegin! Seit wenigen Tagen verkörpert sie die Marie Antoinette. Spukt es wirklich in der Geisterbahn? Hatte der Professor in der Geisterbahn seine verstorbene Frau gesehen und in der Aufregung einen Herzanfall erlitten? Das Spray konnte ihm nicht helfen. Wer hatte es wirkungslos gemacht?

Zurück am Arbeitsplatz erkundigt sich Anna nach der neuen Kollegin. Sie erfährt, dass die Frau von einem auf den anderen Tag gekündigt hat. Anna verschafft sich Zugang zu den Personalakten. Sie recherchiert auf dem Einwohnermeldeamt und im Internet und kommt schließlich zu dem Schluss, dass die mysteriöse Marie-Antoinette-Darstellerin die Zwillingsschwester der Professorenfrau sein muss. Wollte sie den Tod ihrer Schwester rächen?

Anna macht den Wohnort der Frau ausfindig und folgt ihr nach Berlin. Die Frau, die der auf den Fotos im Hause des Professors in der Tat zum Verwechseln ähnlich sieht, empfängt Anna in ihrer Wohnung. Anna gibt vor, eine Freundin ihrer Schwester gewesen zu sein und mehr über ihren Tod erfahren zu wollen. Nur zögerlich gibt die Schwester Auskunft. Sie berichtet von seiner Gewaltbereitschaft und bekräftigt den Verdacht der Zeitungen, dass der Professor das Feuer aus krankhafter Eifersucht gelegt haben könnte.

Drei Tage später, zurück in Bremen, entgeht Anna in der Geisterbahn nur knapp einem Mordanschlag. Sie folgt dem maskierten Angreifer. Bevor sie ihn ergreifen kann, stürzt er in die Tiefe. Anna reißt der schwer verletzten Person die Maske vom Gesicht. Es ist die Frau aus Berlin. Sie erzählt Anna:

Bei ihrem Besuch in Berlin verriet sich Anna gegenüber der Frau. Sie wusste am besten, dass Anna gelogen hatte und nicht mit der Frau des Professors befreundet gewesen sein konnte. Denn die Frau des Professors war sie selbst!

Vor fünf Jahren fasste sie den Entschluss, sich von dem Mann zu trennen, hatte aber fürchterliche Angst vor seiner unkontrollierten Wut und Eifersucht.

Als das Feuer ausbrach, hatte sie Besuch von ihrer Zwillingsschwester, zu der sie zuvor jahrelang keinen Kontakt hatte und der der Professor nie begegnet war. Während die Ehefrau sich retten konnte, verbrannte ihre Schwester. Auch wenn nie geklärt werden konnte, wer das Feuer gelegt hatte, lebte sie fortan in Angst vor ihrem Mann. Sie tauchte unter und nahm die Identität ihrer Schwester an. Die Alpträume blieben, wurden sogar von Nacht zu Nacht schlimmer. Schließlich sah sie nur einen Ausweg, wieder ein angstfreies Leben leben zu können.

 

 

 

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Christiane Franke

Ina Kronenberger: »Ein Buch, das mein Leben geprägt hat«

Als ich vor wenigen Wochen angesprochen wurde, ob ich mir vorstellen könnte, am heutigen Abend ein Buch zu präsentieren, das mich und mein Leben beeinflusst hat, habe ich mich sehr gefreut und sofort mit Ja geant­wortet.

Als ich mich dann letzte Woche mit dem Gedanken vertraut machte, so ganz allmählich mein Buch der Bücher für den heutigen Abend auszuwählen, stellten sich mir plötzlich Probleme in den Weg, auf die ich nicht im Gering­sten vorbereitet war. Sollte ich ein Buch aus meiner Kindheit nehmen? Schließlich hatte ich gerade als Kind einen sehr unmittelbaren, ja, nahezu sinnlichen Zugang zur Literatur. Wie viele Bücher habe ich nicht fünf oder zehn Mal verschlungen, mit Taschenlampe unter der Bettdecke und Gänse­haut am ganzen Körper, habe dieselben Absätze immer und immer wieder gelesen, bis ich sie fast auswendig konnte. Dolly von Enid Blyton, Hanni und Nanni, 5 Freunde. Vor allem die eigenwillige Georgina hatte es mir angetan. Wie sie unbeirrt ihren Kopf durchsetzte. Aber kann man allen Ernstes ein Buch von Enid Blyton in die Luft halten, wenn es um das prägende Buch schlechthin geht? Kann man nicht.

Was hatte ich in meiner Jugend gelesen? Böll. Hesse. Thomas Mann. Ja, aber Thomas Mann. Wer würde nicht Thomas Mann nennen, wenn er nach einem wichtigen Buch gefragt wird: Der Zauberberg, Felix Krull, Josef, Lotte und wie sie nicht alle heißen. Blind könnte man da was herausgreifen und wäre auf der sicheren Seite. Nein, Thomas Mann ist zu billig. Der geht gar nicht. Arno Schmidt kann man auch nicht nehmen, das wirkt angeberisch, und außerdem sitzt bestimmt jemand im Publikum, der Arno Schmidt nicht nur vorwärts, sondern auch rückwärts kann und dann gleich eine subversi­ve Insider­Frage stellt. Nee, nee, Arno Schmidt ist zu gefährlich.

Wie wär’s mit was Originellem? Einem Comic? Asterix zum Beispiel. Na ja, stimmt schon, sooo originell ist Asterix auch nicht, und Mangas habe ich zugegebenermaßen auch noch keine gelesen. Hm. Ein Sachbuch? Nee, ein Sachbuch wirkt zu pädagogisch, ich will hier ja nicht mit erhobenem Zeige­finger sprechen.

Was habe ich denn in jüngster Zeit so gelesen? Unendlicher Spaß (wobei: ganz habe ich das Buch nicht geschafft – nur wer hat das schon?). Aber das sieht ja so aus, als hätte mich vorher noch kein Buch geprägt. Nein, zu ak­tuell darf es auf keinen Fall sein, sonst wirkt es wie eine Notlösung.

Mensch, dass ich nicht früher darauf gekommen bin. Lyrik, Lyrik ist über­haupt die Lösung. Lyrik wirkt gerade glaubhaft genug, ohne gleich prätentiös daherzukommen. Klar. Lyrik! Das ist es. Vielleicht was von T.S. Elliott. Nein T.S. Elliott ist zu abgegriffen. Es müsste schon was – na ja – Abgefahreneres sein, irgendwas, was nicht jeder kennt. Nur ich und ein paar Auserwählte. Hm. Irgendwie fällt mir partout nichts ein, das Erste, was mir bei Lyrik im­ mer in den Sinn kommt, ist Ottos Mops. Aber ich kann doch nicht ernsthaft behaupten, dass mich Ottos Mops beeinflusst hat. Wie stehe ich denn da?

Vielleicht muss ich die Sache anders angehen. Statt auf Außenwirkung be­dacht zu sein, mir einfach mal die Frage stellen: Welches Buch hat denn wirklich mein Leben verändert? Hm, wenn ich so ganz spontan eine Antwort geben müsste, dann könnte ich nur sagen: Wenn es ein Buch gibt, von dem ich – Hand aufs Herz – behaupten kann, dass es meinem Leben eine neue Wendung gegeben hat, dann ist es Sehnsucht nach Sibirien, Sehnsucht nach Sibirien von dem norwegischen Autor Per Petterson.

Nicht, dass mich bei der Lektüre dieses Buchs die Sehnsucht nach Russ­lands Osten gepackt hätte und ich sofort in die Sibirische Eisenbahn gestie­gen wäre, um mich in die größten Abenteuer meines Lebens zu stürzen. Auch bin ich nicht wie der Bruder der Erzählerin zu den Berberstämmen in die heißen Steppen Nordafrikas gereist und dageblieben. Nein, die Antwort ist um einiges banaler:

Sehnsucht nach Sibirien ist das erste Buch, das ich beim Lesen komplett in den Computer getippt habe. Den ganzen Text. Wort für Wort. Nicht ganz freiwillig, nicht ganz uneigennützig. Ich wurde dafür bezahlt. Und damit hat das Buch einen Stellenwert in meinem Leben bekommen, den ihm kein an­deres Buch jemals wieder wird streitig machen können. Dieses Buch hat den Beginn meines Daseins als literarische Übersetzerin markiert. So einen Satz kann man doch mal mit richtig viel Pathos sagen, oder?!

1999 war das. Heute ist der Autor international bekannt, hat einige Preise gewonnen und ist längst kein Geheimtipp mehr. Aber falls Sie Per Petterson tatsächlich noch nicht begegnet sind, möchte ich Ihnen als Einstieg Sehn­sucht nach Sibirien ans Herz legen, von dem eine Kritikerin gesagt hat:

»Per Petterson versteht es, unspektakuläre Begebenheiten mit einem beson­deren Zauber zu umgeben. So entsteht große Literatur.«

 

 

 
  

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