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Texte zum Thema ›Flucht und Vertreibung‹

Das Literaturkontor eröffnet an dieser Stelle ein Forum, in dem Bremer Autor*innen eigene Texte veröffentlichen können, die sich mit dem Thema ›Flucht und Vertreibung‹ auseinandersetzen. Prosa, Lyrik, Experimentelles - alles ist gefragt.

 

Diese Seite soll ab sofort kontinuierlich erweitert werden. Texte bitte an info@literaturkontor-bremen.de (maximal 1000 Zeichen).

Wolfgang Westphal ist ein 72-jähriger Arzt, der dreißig Jahre lang in Findorff eine allgemeinmedizinische Praxis führte. Nach seinem Ruhestand hat er sich u.a. dem Schreiben zugewandt. Bei seinen Texten ist es ihm wichtig, neben dem Erzählen einer spannenden Geschichte, ein Thema zu "beackern", so zum Beispiel bei seinem letzten Roman, die Auseinandersetzung mit dem, was einige seiner Arztkollegen in der NS-Zeit getan haben. Flucht und Vertreibung hat er an eigenem Leib erfahren.

 

UNVERGESSEN

 

Neulich auf dem Riensberger Friedhof. Anke sagt zu mir, dass die Überschrift dort auf dem Marmor gelogen sei: Unvergessen. 

 

Stimmt. Extreme Schlagseite des Steins, Unkraut. Seit Jahren hat sich niemand gekümmert. Ein Jakob…

 

Auf dem Heimweg fällt mir mein Jakob ein. 

 

Zurück in das Jahr 1960. Jeden Tag rechnen wir damit, dass sie uns holen, denn freie Bauern, die nicht wollen, wie sie sollten, sind Klassenfeinde. Eltern kommen in den Stasiknast und Kinder zur gewaltsamen Umerziehung.

 

Dann die Flucht, sehr dramatisch, aber sie gelang. Allein, ein Opfer gab es. Es war meine lustige, sprechende Dohle Jakob (Jack), die immer auf meiner linken Schulter saß, wenn ich mit dem Fahrrad durch den Ort fuhr. Nach meinem Westverschwinden hat sie nicht mehr gefressen, nicht getrunken und ist dann still gestorben. Sinnloses Opfer eines verbrecherischen Systems. Noch heute fühle ich mich schuldig, denn ich habe sie alleine gelassen, habe mich dem Diktat meiner Eltern und dem der Vernunft gebeugt. Ich könnte heulen, wenn ich daran denke.

 

Aber etwas Positives gibt es: Jack braucht keinen schiefen Grabstein. Er hat einen festen Platz in meinem Herzen, ist wahrhaft unvergessen.

 

Wolfgang Westphal

Wolfgang Westphal

Heidrun Immendorf ist Schriftstellerin und Lektorin und vermittelt kreatives Schreiben innerhalb von Kunstprojekten; für das Bremer Blaumeier-Atelier leitet sie seit 2012 die Schreibwerkstatt. Neben Romanen und Erzählungen entstehen regelmäßig experimentelle Texte aus vorgefundenen Worten.

 

 

Heidrun Immendorf

Heidrun Immendorf

Nicoleta Craita Ten’o (*1983) ist eine stumme Bremer Autorin. Die gebürtige Rumänin wanderte zusammen mit der Familie im Jahr 2001 nach Deutschland aus. Vor 20 Jahren hat sie, nach einem traumatischen Erlebnis, das Sprechen eingestellt. Nach mehreren Veröffentlichungen, erhielt sie für einen Auszug aus ihrem mittlerweile veröffentlichten Roman ›Man bezahlte den Kuckuckskindern den Rückflug‹ das Bremer Autorenstipendium 2013.

 

SILBENMUTANTEN

 

die Stille sagt nichts, sie erzählt

mit Silbenmutanten.

die kalte Waffe sucht den Helden

mit Helm und Geld und seinen Heldentaten.

diese Zeiten des Aufbruchs

drohen alles unter sich zu bergen. 

er ist ein Kriegskind. „Wo warst du 

letzte Nacht?“ 

er redet nicht gern, hat niemals geweint

„Wir müssen hier weg!“ „Wohin?“ 

in der Nacht steigen Aschekollonen

empor - himmelsbreit sind die Sterne

Milchzähne und die Zahnfee verwaist

„Das alles hast du für deine Kinder gemacht.“ 

mit seinen großen Händen 

umschließt er mein Gesicht

und küsst mich auf die Wangen. 

wir warten auf das Licht.

man sieht so schlecht die Berge

auf hoher See - das Kind

das schweigt in meinem Leib

nennt man ein Flüchtlingskind. 

 

Nicoleta Craita Ten’o

Nicoleta Craita Ten'o

Zahirul Islam Babul (*1963) lebt seit 1988 in Deutschland,  kommt ursprünglich aus Bangladesch und schreibt vorwiegend Gedichte. Seit 2015 arbeitet er mit dem Blaumeier-Atelier zusammen.

 

IN KAFKAS GESCHICHTE

 

Gregor Samsa wachte eines morgens auf

und war ein Ungeziefer.

Er war für den Rest seines Lebens ein Ungeziefer.

Mit seiner Verwandlung war er nie glücklich.

 

In meiner Geschichte

war es auch ein Morgen,

als ich in einem neuen, fremden Land ankam,

wo ein Fluss namens Main neben mir floss,

wo ich von einem Mensch in einen Ausländer verwandelt wurde,

vom Gott zum letzten Dreck für AfD und NPD.

 

Es gibt auch Geschichten,

da wird ein Frosch geküsst und verwandelt sich in einen Prinzen.

Fremde Frau,

wenn du mich liebst,

kannst du mich auch so küssen,

dass ich wieder ein Mensch werde?

 

Zahirul Islam Babul

Zahirul Islam Babul

Carl F. (*1971) ist ein vielseitiger multimedialer Künstler, Maler und Autor. Seit 1999 arbeitet er im Blaumeier-Atelier und ist bereits an vielen Ausstellungen beteiligt gewesen, in deren Rahmen unter anderem auch Texte von ihm veröffentlicht wurden.


Zweimal hast du deine Heimat verlassen.

Einmal, da warst du vier, auf einem Handwagen mit deiner Mutter. Das war 1945.

Ihr konntet nicht viel mitnehmen. Dein Vater war in Kriegsgefangenschaft und der Weg war lang.

Beim zweiten Mal warst du schon erwachsen. Du hattest versucht, mit dem Auto über die Grenze zu fliehen. Immer schon hattest du Fernweh gehabt, durftest aber nicht in andere Länder reisen. Kurz hinter Eisenach wurdest du verhaftet und kamst in ein Gefängnis. 1969 wurdest du von der BRD freigekauft und kamst nach Bremen, wo du Ursula trafst und ihr wurdet ein Paar. 1971 wurde ich geboren. 


Carl F.

Carl F.

Mirjam Phillips unterrichtet Englisch und Spanisch am Gymnasium und schreibt Kurzgeschichten und Gedichte. Sie lebt in Bremen, gehört dem Verein deutschsprachiger Krimiautorinnen "Mörderische Schwestern" an und leitet die Gruppe Nord-West.

MONOPOLY

 

Das steuer in der hand

vibriert die macht

das wasser peitscht sich seinen weg

wer über los kommt lacht

und kommt aus dem gefängnis frei

nach hundert wellen 

spring!

ins nächste level

zur ersten welt

vorbei!

warte!

ereigniskarte!

so lässt sich leicht

das meer verwalten

der nordbahnhof

die schlossallee

das spiel läuft gut

ein kleiner schuh

treibt in der flut.

 

Mirjam Phillips

Mirjam Phillips

Jenny Schon, Sinologin und Lyrikerin, Autorin beim Bremer ›Irrturm‹, wohnt in Berlin, ohne Berlinerin zu sein.

 

getötet in mir

 

das Kind 

auf Bahnhöfen…

immer wieder werde 

ich sitzen und heulen 

wenn ich ein Kind weinen höre

weil es

aussteigen will

aus den Trecks 

zwischen  Riesengebirge 

und Sachsen 1945

aber keiner da ist 

der es haben will

weil es ein vertriebenes

Kind ist

 

millionenfach

werden Kinder

getötet

täglich 

heute

 

Jenny Schon

Jenny Schon

Ulrike Kleinert lebt in Bremen und ist Leiterin einer Kindertagesstätte in Gröpelingen. Mit ihren Geschichten und Gedichten steht sie seit jeher auf der Seite derer, die am Rand der Gesellschaft stehen. Sie erzählt von Irrwegen, von Träumen und von der Kraft zu überleben. Ihre Geschichten sind eine Liebeserklärung an die, die den Mut zu Liebe und Hoffnung nicht aufgegeben haben.

 

DER MANN AUS DEM MEER

 

Er hat sich dem Meer anvertraut

es hat sein Boot ausgespuckt

gestrandet ist er

Afrika im Rücken

Sand in den Taschen

irrt umher wie scheues Wild

 

Am Strand stellt er sich

Spaziergängern in den Weg 

Ketten gleiten durch sein Hände

Uhren, deren Zeit

ihm nichts bedeutet

jede Münze rollt er 

zwischen den Fingern

und befühlt ihre Zeichen

 

Die Luft schmeckt nach Salz

die Sonne lüftet seine Kleider

das  Meer  rauscht im Rücken 

jede Nacht

schließt er die Augen

und sieht sie 

wieder untergehen

 

Ulrike Kleinert

Ulrike Kleinert

Laura Müller-Hennig (*1985)  schreibt und fotografiert regelmäßig in verschiedenen Bremer Kunstprojekten. Die Idee für folgenden Text kam ihr im letzten Dezember beim Radiohören.

 

Gedanken am 2.12.2015 zu der Nachricht, dass in Schweden Asylsuchende mit einem Schlauchboot eingetroffen sind

 

Auch wenn 

es unmöglich sein soll, im Schlauchboot die Ostsee zu überqueren, 

und es viel wahrscheinlicher ist, dass ein größeres Schiff sie abgesetzt hat,

stelle ich mir vor, 

wie es wäre,

sich jetzt irgendwo an der Ostseeküste,

vielleicht in Dänemark,

vielleicht in Schleswig-Holstein,

mit einem Schlauchboot auf den Weg zu machen. 

 

Irgendwo haben wir das Boot besorgt. 

Vielleicht haben wir es gestohlen. 

Vielleicht haben wir es gekauft. 

Wir transportieren es zu einer unauffälligen Stelle am Wasser, 

zu einem Strand oder abseitigen Steg,

in Schilksee oder Friedrichsort oder Laboe, 

und fahren mitten in der kalten Dezembernacht hinaus 

auf's offene Meer. 

 

Vielleicht braucht es im Winter nicht einmal die Nacht, um unbemerkt zu verschwinden.

 

Wenn ich im Dezember in Laboe am Strand stehe, ist der Nebel manchmal so dicht, dass ich das Meer nicht sehen kann.

Ich kann es höchstens hören, aber auch das nicht immer: 

oft liegt es so still und bewegungslos hinter der kalten Nebelwand, dass ich nicht weiß, wo es anfängt,

selbst wenn die Wellen nur einen Meter entfernt sind.

 

Laura Müller-Hennig

Laura Müller-Hennig

Hartmut Global, WortSinn-Künstler, lebt und arbeitet nahe Rotenburg / Wümme. Schwerpunkt: politische Lyrik. Er hat bislang ein politisches Sachbuch und ein Jugendbuch veröffentlicht sowie Texte in Magazinen und Anthologien. 

 

MACHT HOCH DIE TÜR                                                        

 

Sehnen sucht nach Überlebenschance

Fischerboote den Menschenfang im Netz

Dreißig Tage Kampf mit Sturmgewalten

Tausend Träume sind vom Meer verschluckt 

Frachtgut Tod still an Land geschwemmt

Bruder Schuld ist nicht gefunden

Frontex dreht weiter seine Runden

Zeiger Zeit bewegt die Stunden

 

Hartmut Global

Hartmut Global

Hanna Scotti (*1946) beschäftigt sich multimedial mit dem Thema: ›Kunstvoll Altern‹. Dazu gehören auch öffentliche Reflexionen im Netz mit Verknüpfungen ihrer eigenen Erfahrungen aus der Nachkriegszeit und ihrem Umgang mit der aktuellen Flüchtlingsthematik.

 

NETZ–GESPRÄCH

 

Liebe Kollegin, du fragst:

Kann ich angesichts der Flucht-Tragödien noch guten Gewissens zu meinen Themen ein Kinderbuch schreiben? 

 

Auch meine Arbeit erscheint mir trivial. Wo ist mein Platz in diesem Gefüge? Eine Auslotung scheint mir unerlässlich, der Aktionismus im Netz überrollt mich.

 

Ich wohne in der Nähe einer Flüchtlingsunterkunft. Jeden Tag erkläre ich an der Bushaltestelle den Neu-Ankommenden den Weg dorthin.

 

Welch eine Metapher: den Weg zeigen, als ob ich ihn wüsste.

 

Die Fremden haben für mich längst ein Gesicht. Wir erkennen und grüßen uns, winken und lachen uns an. Ein kleiner Junge hat ein Krokodil-Kuscheltier geschenkt bekommen. Er behütet es mit einer Intensität, die mich berührt. Die beiden brauchen einander. So robbe ich mich langsam an dieses neue Lebensthema heran.

 

Ich erinnere mich an die „Flüchtlinge“ nach dem Krieg, sie waren in unseren Häusern und Wohnungen „einquartiert“. Schwarze Soldaten warfen uns Kindern Kaugummi und Schokolade aus rollenden Panzern zu. Es war ein seltsames Schlaraffenland. Heute schenkt man einfach Krokodile.

 

Ich wünsche mir dein Kinderbuch sehr.

 

Hanna Scotti

Hanna Scotti

Katharina Mevissen war Autorenstipendiatin 2015 und ist Mitglied der Literaturgruppe ›gabrieleschreibtgedichte‹. Sie schrieb das folgende Gedicht in Gedenken an die Geflüchteten, die durch Bootsunfälle und gewaltvolle Abschottung der EU-Außengrenzen ums Leben kamen.

 

 

KREUZFAHRT

 

vom meeresspiegel stürzen die schiffe

ins tote. vögel ertrinken

im himmel der tränt das meer

die luft ist salzig.

 

auf den grund des meeres ist die schuld

gesunken soviel totholz wracks

strandgut und böse

land- und luftbrücken lügen

sie brechen und betrügen.

 

aber niemand kommt

und spaltet das meer

die erde zieht risse

beim warten und zittert.

 

himmel und häuser an land bleiben

verschlossen. das grundwasser tränt

und durchsalzt die erde

in den wasserleitungen riechts

nach meer. beim trinken

juckts und brennts.

 

alle wissen davon und warten aber

am himmel tut sich

nichts und niemand

spaltet diesmal das meer

 

und hebt die gestürzten

schiffe vom grund hebt

das salz aus der erde.

 

Katharina Mevissen

(18.4.2016)

Katharina Mevissen