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Nachruf auf Dr. Martin Rooney

Wir trauern um unser langjähriges Mitglied, Dr. Martin Rooney, dessen schöpferisches Leben der deutschsprachigen Literatur und bedeutenden Vertretern der antifaschistischen und antitotalitären Bewegung gewidmet war.

 

1948 in Manchester geboren, studierte er Germanistik und Philosophie in Mainz, Berlin und Bremen, wo er an der hiesigen Universität seineForschungsarbeit zu Leben und Werk des international angesehenen Schriftstellers und Publizisten Armin T. Wegener zum Dr. phil. krönte. Martin Rooney hat sich in zahlreichen Vorträgen im norddeutschen Raum wie auch in Nordrhein-Westfalen zur tragischen Rolle von bedeutenden europäischen Schriftstellern und Publizisten geäußert, die von der orthodoxen kommunistischen Ideologie verführt wurden und sich nach ihrer Läuterung als Chronisten und Aufklärer einer staatstragenden Zwangsideologie erwiesen.

 

Seine Beiträge zum Wirken von Arthur Koestler und Jorge Semprun riefen stets die Aufmerksamkeit der kritischen Öffentlichkeit hervor; seine Aufsätze zum Schaffen von Günter Grass, Peter Weiss und Ralph Giordano  fanden stets Widerhall; seine Ausstellung „Menschheitsdämmerung“ in Bremen zur literarischen Bedeutung des deutschen Expressionismus lockte ein zahlreiches Publikum an; seine Vorträge im Rahmen der Landeszentrale für Politische Bildung wie auch der Böll-Stiftung waren stets aktuellen Themen gewidmet. Martin Rooney war auch ein von Leidenschaft und Engagement geprägter Mensch, der sich nicht nur für den englischen Fußball interessierte, sondern sich in scherzhafter Weise sogar als naher Verwandter des berühmten Mittelstürmers Wayne Rooneyaus Manchester „outete“, was ihm für Tage die überregionale Aufmerksamkeit der Medien einbrachte.

 

Die letzten Monate und Jahre seines schaffensreichen Lebens waren von einer nicht heilbaren Krankheit gezeichnet. Nicht zuletzt aus diesem Grund musste er sich auch aus der Bremer Öffentlichkeit zurückziehen. Wir werden Martin Rooney als lebhaften, engagierten Vertreter eines aufgeklärten Humanismus und als Streiter für die Ideale einer liberal-demokratischen Gesellschaft stets in Erinnerung bewahren.

 

Prof. Dr. Wolfgang Schlott im Namen des Bremer Literaturkontor

Martin Rooney

Nachrufe für Jürgen Dierking

Der Vorstand, Geschäftsführung, Mitglieder und das gesamte Team des Literaturkontors trauern um Jürgen Dierking. Der frühere und langjährige Geschäftsführer des Literaturkontors verstarb am 14. Juni 2016. Er war den Bremer*innen als verdienstvoller Übersetzer und beliebter Rezitator der schönen Literatur bekannt.

 

Uns erreichten einige Texte unserer Mitglieder über Jürgen Dierking, die wir hier veröffentlichen.

 

Ian Watson schrieb 1995 ein bilinguales Fußballgedicht für Jürgen Dierking, der auch Texte von Ian Watson übersetzte.

 

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oder: keine schwarze Sau - for Jürgen Dierking

 

Good translators are like football referees;

the better we are, the less they notice we’re there.

Je mehr man merkt, dass Du da bist,

desto schlechter hast du gepfiffen.

 

Jürgen, much of what we do

is whistling in the dark;

aber nicht alles, was im Dunklen pfeift,

is swarthily dressed-up female pork.

 

Ian Watson (1995)

 

 

Die Augen voll Traum und Schlaf

Nachruf auf Jürgen Dierking (1.9.1946 – 14.6.2016) 

Von Johann-Günther König

 

Der Bremer Literaturwissenschaftler, Übersetzer, Autor, Herausgeber und Vorleser Jürgen Dierking weilt nicht länger unter uns. Er wachte am 14. Juni morgens nicht wieder auf, obwohl er noch so viele Pläne und Veranstaltungstermine auf seinen Spickzetteln hatte. Am 21. Juni 2016 etwa als Vorleser im Bremer Presseclub aus Theodor Fontanes Der Stechlin und Irene Disches Fromme Lügen. Als Vorleser wird Jürgen Dierking fortan vielen fehlen – in Bremen und umzu, in Berlin und anderswo wird seine so unaufdringliche und prägnante Stimme nicht mehr ertönen, wird seine großartige Kunst des Vorlesens literarisch herausragender Texte nur mehr eine wehmütige Erinnerung sein. So sehr er sich auf das Vorlesen verstand, verstand sich Jürgen auf die nicht minder herausfordernde Kunst des Übersetzens (überwiegend aus dem Englischen). Er machte unserem Sprachraum Werke von Sherwood Anderson, Tom Waits, Charles Baxter und der in Bremen lebenden weltbekannten Lyrikerin Sujata Bhatt zugänglich. Nicht zuletzt den von Ray Lewis White herausgegebenen Briefwechsel zwischen Sherwood Anderson und Gertrude Stein, der bei Suhrkamp 1985 und erneut 1998 erschien. Versteht sich – wie er gern formulierte –, dass er sich zugleich als Herausgeber einen Namen machte. Und zwar sowohl von Studien über Sherwood Anderson, etwa Erzähler des amerikanischen Traums (1990), wie einer Werkauswahl des bremischen Anekdotenmeisters Karl Lerbs und von Friedo Lampes Roman ›Septembergewitter‹.

 

Apropos Friedo Lampe. Der 1899 in Bremen geborene Schriftsteller hinterließ 1945 nach seinem frühen und tragischen Tod „kein umfangreiches, aber wichtiges, vollendetes, nobles… Oeuvre, voll von Lesefreuden“ (W. Koeppen), und 1985 beschlossen Jürgen und ich, den Rowohlt Verlag, für den Friedo als Lektor tätig gewesen war, für eine Neuausgabe des Gesamtwerks zu gewinnen. Da dieses 1986 mit unseren Nachworten erschienene Buch noch Texteingriffe des ersten Herausgebers Johannes Pfeiffer enthielt und zudem nicht alle von Lampe verfassten Texte, stießen Jürgen und ich 1995 die Gründung der Friedo-Lampe-Gesellschaft e.V. an, in der Jürgen die Funktion des Schriftführers und ich die des Vorsitzenden übernahm. Dank der vielfältigen Beziehungen Jürgens in die literarische Welt – sein Briefwechsel füllt mehrere Akten – konnte die Lampe-Gesellschaft pünktlich zum 100. Geburtstag des bedeutenden deutschen Literaten 1999 in Bremen ein wissenschaftliches Symposion und zudem Ausstellungen zu Leben und Werk, u.a. im Staatsarchiv und Gerhard Marcks-Haus, realisieren. Zu den namhaften Mitgliedern der Gesellschaft gehörten bald nach der Gründung Prof. Eugène Badoux (Lampe-Biograph), Hans Bender, Prof. Dr. Wolfgang Emmerich, Georges-Arthur Goldschmidt, Dr. Johannes Graf, Peter Härtling, Prof. Dr. Hans-Wolf Jäger, Martin Mooij, Prof. Dr. Gert Sautermeister, Hans J. Schütz und andere mehr. Sie alle wurden von Jürgen intensiv betreut, sie alle erkannten bereits an der durch Großbuchstaben geprägten – unvergesslichen – Handschrift des immer „sehr freundlich grüßenden“ Jürgen Dierking, dass Friedo Lampe das große Herzanliegen des Bremer Übersetzers und Literaturwissenschaftlers war. 

 

Die Friedo-Lampe-Gesellschaft, deren Vorsitz Jürgen vor zehn Jahren übernahm, erreichte mit großer Unterstützung des Wallstein Verlags die historisch-kritische Neuausgabe der Romane, Gedichte und Schriften Lampes. Darüber hinaus gelang es Jürgen, den Verlag für die Publikation der Briefe und einer durch die von ihm geleistete Forschung gestützte Biographie zu gewinnen. Die von ihm durch das unerwartete Entschlafen nicht fertiggestellte Studie: Friedo Lampe (1899-1945). Ein kurzes deutsches Schriftstellerleben – das versteht sich von selbst, wird eines Tages bei Wallstein in Göttingen erscheinen. Ich werde die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Jürgen im Geiste fortsetzen, bis sein Lebenswerk als abgeschlossen gelten kann. Die Lampe-Gesellschaft wiederum hat sich inzwischen aufgelöst – sie hat gleichsam ihre Schuldigkeit getan.

 

Jürgen Dierking hat neben seinen Übersetzungen und kenntnisreichen Vor- und Nachworten als (Co-) Autor von Radio-Features sowie als Urheber einer Fülle von Aufsätzen, Lexikon- und Zeitungsartikeln bewiesen, dass er ein so berührender wie wortmächtiger Zeitgenosse war. Seine Texte erschließen auf unnachahmliche Weise das Werk wichtiger und teils zu Unrecht fast vergessener deutscher und amerikanischer Literaten. Sein Nachwort „zum Werk des melancholischen Idyllikers Friedo Lampe“ in der Gesamtwerk-Ausgabe von 1986 trägt den Titel: Die Augen voll Traum und Schlaf. Ein Satz, der zumal auf meinen gern leuchtend farbige Westen tragenden Freund zutrifft. Wie maßgeschneidert, versteht sich. Und noch etwas: Mit Jürgen verband mich zumal das Interesse, Josef Kastein (eigtl. Katzenstein), den in Bremen aufgewachsenen jüdischen Autor und Verfasser bedeutender Werke zur jüdischen Geschichte, vor dem Vergessenwerden zu bewahren. Zusammen gaben wir von Kastein mit Vor- und Nachworten heraus: ›Melchior. Ein hanseatischer Kaufmannsroman‹ (1997) und ›Was es heißt, Jude zu sein‹ (2005).

 

Mit Jürgen Dierking, der am 1. September seinen 70. Geburtstag mit uns feiern wollte, und der für 2019 (!) zum 25-jährigen Bestehen des von ihm gegründeten Bremer ÜbersetzerInnen-Treffs eine regional fokussierte Ausstellung zu Tradition und Gegenwart dieses literarischen Metiers vorbereitete, hat uns vielen und allen, die wir ihm begegneten und kannten, ein ganz besonderer, sehr zugewandter und liebevoller Mensch verlassen. Wir werden ihn vermissen, unseren einzigartigen „homme de lettre“. Mein Kollege Michael Augustin, Schriftsteller und Radio Bremen-Kultur-Redakteur, würdigt ihn mit Fug als „ein wandelndes Literatur-Lexikon“, und in Anlehnung an Ringelnatz möchte ich ergänzen: Jürgen war echt, und echt ist selten. 

 

Jürgen Dierking wuchs in der Bremer Neustadt auf. Nach dem Zivilen Ersatzdienst in Tübingen studierte er dort ab 1966 Germanistik, Geschichte und Philosophie. In München drehte er ab 1969 (mit zwei Freunden) einen einstündigen Autorenfilm und eignete sich in den vielen Kinos der Stadt gründliche Kenntnisse der Filmgeschichte an. Zugleich war er bis 1971 für Anglistik (bei Christian Enzensberger) und Romanistik immatrikuliert. Studien, die Jürgen, um Pädagogik erweitert, in Hamburg abschloss. Nach einem Zwischenspiel als Lehrer an einer Privatschule kehrte er 1979 in die Wesermetropole zurück, wurde für einige Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Forschungsprojekt und Lehrbeauftragter für US-amerikanische Literatur an der Universität Bremen. Die geplante Promotion über Sherwood Anderson, dem schon seine Examensarbeit gegolten hatte, zerschlug sich. Stattdessen hörte Jürgen sechs Semester lang Musikgeschichte am Bremer Konservatorium bei Nico(las) Schalz. Als (ABM-)Kulturpädagoge recherchierte er ab 1984 die Geschichte des Bremer Literaturpreises und gestaltete von 1987 bis 1992 das Literaturprogramm der ›Breminale‹. 1989 wurde er mit der „Resident Fellowship an der Newberry Library zu Chicago, Illinois“ ausgezeichnet. Ein Jahr später erhielt er das „Autorenstipendium“ des Bremer Senats.

 

Von 1992 bis 2006 wirkte Jürgen Dierking als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bremer Literaturkontor, dessen Profil er nachhaltig prägte und das dann auch Sitz der Friedo-Lampe-Gesellschaft wurde. Ebenso lange war er Redakteur und schließlich Mitherausgeber der bremischen Literaturzeitschrift STINT und verfasste Essays für die horen – 2015 etwa in dem Band Sonne, Mond und Sterne. Von Literatur und Musik. Nicht zu vergessen: 1994 rief Jürgen den „ÜbersetzerInnen-Treff Bremen & umzu“ ins Leben, gehörte 1996/97 in Berlin zu den Anregern des DÜF (Deutscher Übersetzerfonds) und betätigte sich 2004 als Mitglied im Gründungsvorstand des (virtuellen) Bremer Literaturhauses.

 

Jürgen Dierking – Literaturwissenschaftler, Übersetzer, Rentner (so der Eintrag im Netzwerk XING) – ist verstummt. Unser gemeinsamer Freund und Kollege Detlef Michelers war bei seinem letzten öffentlichen Auftritt als Vorleser in Berlin zugegen, wo Jürgen aus Johannes Schenks Gedichten und Romanen vortrug. Er schreibt: „So bleibt mir als liebevolle und unterhaltsame Erinnerung ein letzter Abend mit ihm am 7. Juni im Berliner Literaturhaus. Er hatte anlässlich einer Ausstellung von Bilder Johannes Schenks zum wiederholten Mal aus den Texten von Johannes gelesen. Wir saßen im Garten des Literaturhauses. Er vor dem geliebten Rotwein, mit einer frischen Schachtel Zigaretten, die er bis zur Abreise am nächsten Tag rauchen wollte, um als überzeugter und überzeugender Nichtraucher nach Hause zu kommen. Neben den Berliner Autoren Oskar Ansull und Werner Meyke waren – für Jürgen überraschend und mit seiner höflichen, zugewandten Art begrüßt – zwei ehemalige Schulkameradinnen zu der Veranstaltung gekommen, so dass sich die Gespräche zunächst um Bremer Stadtviertel, Straßen, Plätze und Lehrer drehten. ‚Weißt du noch?... Wie hieß er denn? ...Der... Also... Ja!‘ Brennend interessierte eine frühere Mitschülerin, wieso auf dem Banner am Eingang zur Veranstaltung 'Jürgen Dierking, Literat'  stand, während er im Programm als 'Schauspieler' angekündigt wurde. Jürgen versuchte mit Geduld und penibler Wortwahl zu erklären, dass weder Übersetzer, Autor noch Vorleser passend gewesen wäre. Leider sei sein Vorschlag 'Literat' für das Programmheft aber zu spät gekommen. […] Als Werner und ich gegen Mitternacht gingen bestellte sich Jürgen noch ein Glas Wein und Oskar wollte ihm noch ‚für einen Augenblick‘ Gesellschaft leisten. Eine Umarmung, ein letzter Blick, ein schwerer Mann in einer Art Fotografenweste, milde lächelnd, rauchend, das Glas zum Abschied erhoben. Mach es gut, Jürgen.“

 

Ich schließe diesen Nachruf eine Zeile von Jürgen aufnehmend: „Die Gefahr eines unstatthaften Vergessens“ besteht gewiss nicht.

 

Johann-Günther König (2016)

Jürgen Dierking

›Zwischen Flucht und Ankunft‹ - Benefiz-Lesung für Geflüchtete

Am Mittwoch, den 27. April, lädt das Literaturkontor in die Villa Ichon zu einer Benefiz-Lesung ein, deren Erlös geflüchteten, in Bremen lebenden Menschen zugute kommen soll.   

Unter dem Titel ›Zwischen Flucht und Ankunft‹ lesen die Bremer Autor*innen Inge Buck, Betty Kolodzy, Jens Laloire, Rollo Heinsch, Laura Müller-Hennig und Wolfgang Schlott aus eigenen Werken sowie Texte von Abbas Khider, Rose Ausländer, SAID u.a. 

Musikalisch begleitet wird der Abend von dem Gitarristen Gitam, Angelika Sinn moderiert die Veranstaltung. 

 

Damit die Menschen, die ihr Heimatland verlassen mussten, weiterhin mit ihrer Familie und ihren Freunden in Kontakt bleiben können und damit sie auch hier neue Kontakte knüpfen und pflegen können, ist es wichtig, dass sie Zugang zum Internet haben. Die Einnahmen der Benefiz-Lesung gehen daher an die Initiative ›Freifunk‹, die Flüchtlingsunterkünfte mit freiem Internet versorgt. 

 

Das Bremer Literaturkontor lädt ein:

›Zwischen Flucht und Ankunft‹ - Eine Benefiz-Lesung für Geflüchtete

Mit den Bremer Autor*innen Inge Buck, Betty Kolodzy, Jens Laloire, 

Rollo Heinsch, Laura Müller-Hennig und Wolfgang Schlott

Moderation: Angelika Sinn 

Musik: Gitam (Gitarre)

Eintritt frei - es wird um eine Spende gebeten

Mittwoch, 27. April, 19 Uhr

Villa Ichon, Raum 5, Goetheplatz 4 

 

Kontakt:

Bremer Literaturkontor / Angelika Sinn

Tel. 0421-327943

e-Mail: info@literaturkontor-bremen.de 

www.literaturkontor-bremen.de 

Begrüßungsrede zur Bremer BuchPremiere von ›Aus dem Gepäck der Kriegskinder‹

Liebe Literaturfreunde, verehrte Zuhörer,

 

Im Namen des Literaturkontors begrüße ich Sie zu der heutigen Buchpremiere. Das Literaturkontor, der das Projekt ›Aus dem Gepäck der Kriegskinder‹ gefördert hat, freut sich, daß daraus ein ansprechend eingebundenes Buch mit anspruchsvollem Layout geworden ist, wofür die ›Edition Falkenberg‹ verantwortlich zeichnet. Die entscheidenden Schritte zur druckreifen Publikation sind der Initiatorin des Projekts und Herausgeberin Inge Buck zu verdanken, die durch mehrere Phasen hindurch mit einigen wenigen Mitstreitern die endgültige Konzeption des Bandes entwickelt und den Kreis der Co-Autoren dafür gewonnen hat. Es handelt sich um insgesamt 8 Beiträger, die – mit einer Ausnahme – der Generation der zwischen 1934 und 1940 geborenen Kriegskinder angehören. Es ist jene Generation, die lange Zeit, bis weit in unsere Gegenwart, unbeachtet geblieben ist und von Soziologen und Sozialpsychologen stets übergangen wurde. Sieht man von jener belletristischen Höhenliteratur ab, die gelegentlich ein Kriegskind zum fiktionalen Helden erwählte, blieben die Angehörigen dieser Generation stumm. So gesehen, stellt die nun vorliegende Publikation ein Novum dar: sie bringt die verschwiegenen und schweigenden Kriegskinder zum Sprechen. Da ich dieser Generation selbst angehöre und bei der Lektüre meine Zugehörigkeit lebhaft empfunden habe, versuche ich gern eine Einführung in das abgeschlossene Werk.

 

Keine Kindheit in der deutschen Geschichte war so eng, beängstigend eng, mit der Realität verflochten wie die der Kinder im 2. Weltkrieg. Im Banne dieser Realität wurden die elementarsten kindlichen Sinne, der Gehör- und der Geruchsinn, wie noch nie strapaziert. Seit 1943 schoben die Alliierten mit ihren Flugzeuggeschwadern die Kriegsfront immer weiter nach Deutschland hinein: „die feindlichen Fliegerverbände, die bedrohlich über uns hinwegbrummten“, erinnert sich Siegfried Marquardt, „höre ich noch heute, bis hinein in meine Träume. (…) Immer öfter heulten die Sirenen.“ (S. 109) Das lärmende Näherkommen der gegnerischen Flugzeuge und das warnende Aufheulen der heimischen Sirenen – das ergab ein schauerliches Konzert; es hallte aus der Kindheit oft ein ganzes Leben nach. „Die Alarmsirenen“, erinnert sich Hartwig Struckmeyer, „hatten vier Stufen: Voralarm, Hauptalarm, Akute Luftgefahr und Entwarnung. Ich weiß, was Todesangst ist. Ich weiß es, seit ich sieben Jahre alt war. Ich hörte im Keller das Pfeifen der Bomben und wusste, ich konnte im nächsten Augenblick tot sein. (…) Noch heute – über siebzig Jahre später – rinnt mir der Schweiß aus den Achseln, wenn ich Sirenen höre.“ (S. 135)

 

Diese traumatische, im Gehör festgebannte Erfahrung ist ein alle Beiträge dieses Buches verknüpfendes Motiv. Es ist untrennbar verbunden mit dem Erlebnis des Luftschutzkellers, auf den Struckmeyer anspielt, bzw. des Bunkers, in den die Menschen flüchten mußten, oft mitten in der Nacht. Daß die Kinder, durch Sirenengeheul aufgeschreckt, aus ihrem Schlaf gerissen wurden, sie, die den ungestörten Schlaf so dringend benötigten, ist ein das ganze Buch durchgeisterndes Thema.

 

„Mutter zerrt uns durch die Nacht“ erzählt Christine Mattner rückblickend. „Sie hat drei Kinder, alle ungefähr ein Jahr auseinander, alle im Trainingsanzug und alle schwer vom Schlaf, mit schleppenden Beinen.“ (S. 98) Am helllichten Tag müssen bei Sirenengeheul die schleppenden Beine sich in dahinstürmende verwandeln. Mathias Groll vergegenwärtigt „Ein vierjähriges Mädchen“ im Jahr 1944, das trotz aller Eile zu spät am Bunker anlangt, die Tür verschlossen findet und von namenloser Angst ergriffen wird. Muß dieses Erlebnis nicht die Seele des Kindes für immer verstören und ein lebenslängliches Trauma hervorrufen? Doch das vierjährige Mädchen ruft in seiner Todesangst eine Gegenkraft zu Hilfe:

 

Sie presste sich an den Beton,

wurde eins mit der Wand,

war nun so stark wie der Bunker selbst,

stärker als die Angst,

zu stark für den Tod (…).

(S. 19)

 

In einem anderen Gedicht hält Mathias Groll diese rettende Erfahrung in einem pointierten Dreizeiler fest:

Krieg will Tod.

 

Doch das Leben kennt Kräfte,

die der Krieg nicht kennt.

(S. 24)

 

Hier wird ein Motiv benannt, das auch Kinder auszeichnen kann. Es ist ihr Überlebenswille, ist die Kraft ihrer Phantasie und ihre Fähigkeit zum Spiel. Einige Verszeilen Inge Bucks lauten:

 

Während des Krieges

haben wir Krieg gespielt

Bomber und Tiefflieger

mit Steinen

in der Schürzentasche

gegen den Feind

 

Im Spiel ahmen die Kinder das grausame Treiben der Erwachsenen nach und entschärfen es zugleich durch die Phantasie. Wie weit reicht die Kraft der Phantasie? Bei Siegfried Marquardt begegnen uns die abgründigen drei Verszeilen

 

Wir Kinder hungerten und spielten

wer hält den Hunger am längsten aus

wir stahlen uns davon und aßen Sauerklee

 

Was für ein phantasievoll-unheimliches Spiel fand da statt, um den elementarsten aller Triebe, den Hungertrieb, zu bändigen! Am Ende mußte sich dennoch das tapfere Spiel geschlagen geben und einem winzigen Nahrungsmittel den Vortritt lassen – dem auf Wiesen wild wachsenden Sauerklee.

 

Nach Kräften versuchten die Mütter, den Hunger ihrer Kinder zu stillen; sie waren es, die die eben erwähnte Gegenkraft gegen den Krieg entwickelten, sei es, daß eine Mutter, koste es was es wolle, „aus fast nichts“, trotz „Bombenalarm“, für ihr Kind einen Geburtstagskuchen backt („Der Geburtstagskuchen“, S. 23), sei es, daß mütterliche Empathie und Energie den Kriegsläuften trotzen. Der Mutter, die ihr neugeborenes Kind und gleichzeitig ein „Flüchtlingskind“ stillte (S. 142), die „nach dem Krieg“ ganze Säcke von Buchenfrüchten in die Mühle schleppte, um daraus „Öl und Mehl“ für ihre Familie zu gewinnen (S. 150) – dieser tapferen Ernährerin setzt Inge Buck ein poetisches Denkmal. – Nicht wenige Mütter, die allein auf sich gestellt, dem zerstörerischen Krieg ihre Lebenskraft entgegensetzen, bezeugten eine emanzipatorische Selbständigkeit, die sie nach Kriegsende, bei der Heimkehr ihrer Ehemänner, wieder preisgeben mußten.

 

Als Gegenkräfte gegen die Zerstörungsmaschinerie des Krieges wirken auch einzelne ermutigende Begebenheiten: Die Grenzgänger, die den zehnjährigen Karl-Heinz Tauss ins rettende Land lotsen, der zartfühlende russische Gefangene in einem Gedicht Hartwig Struckmeyers oder der marokkanische Soldat, der den Kindern der Familie Marquardt von Herzen zugetan ist: sie alle bilden humane Lichtpunkte in den barbarischen Kriegswirren.

 

In scharfem Kontrast zu dieser Menschlichkeit steht das Grauen, das der vierjährige Marquardt in einem Lazarett mit schwerverletzten stöhnenden Soldaten erlebt (S. 110), ähnlich wie Ursula Ziebarth nach den Luftangriffen auf Hamburg mit ihrer ausgebombten Familie einem unvorstellbaren Grauen begegnet: „Überall Feuer, Trümmer und Leichen, von Phosphor verbrannt, zu Kindergröße verschmort.“ (S. 72) – Der Realitätsgehalt dieses Buchs hat Gewicht. Was Kinder sahen und hörten, erlebten und erlitten, vermittelt uns Einblicke in Grundzüge der damaligen Wirklichkeit.

 

Es war eine glückliche Entscheidung der Herausgeberin Inge Buck und ihrer ersten Mitstreiter, das vorliegende Buch nicht nur mit Lyrik, sondern auch mit Prosa zu füllen. So erleben wir das Spannungsverhältnis zweier unterschiedlicher Gattungen. In der Prosa läßt sich Erlebtes und Erlittenes ausführlich darstellen, so, wenn Hartwig Struckmeyer die Anziehungskraft des nationalsozialistischen Erziehungsprogramms für das damalige „Jungvolk“, besonders die sogenannten „Pimpfe“ in Erinnerung ruft (S. 131ff.), wenn Ursula Ziebarth en détail das erschreckend faszinierende „Schauspiel“ der Luftgeschwader über Hamburg oder das unsoziale Verhalten einer Villenbesitzerin gegenüber ihrer ausgebombten Familie vergegenwärtigt (S. 79ff.), wenn Siegfried Marquardt nach den Entbehrungen der Kriegsjahre den Zauber eines „Weihnachtsfests“ im Wald heraufbeschwört oder wenn Lisa Helms, die Seniorin der Autoren, die Einquartierung britischer Soldaten in ihrem Elternhaus Revue passieren läßt (S. 61f.). Bei solchen Erinnerungen in Prosa erkennen wir über die kindliche/jugendliche Perspektive hinaus die des Erwachsenen von heute, erkennen seine ordnende und kunstvoll ausschmückende Hand. Ein besonders illustratives Beispiel für dieses Verfahren liefert Karl-Heinz Tauss (S. 42ff.). Was ihm als flüchtendes Kind beim Grenzwechsel von Serbien nach Ungarn widerfuhr, wird mit anschaulicher Detailfülle und dem dramatischen Spannungsbogen des versierten Erwachsenen heraufgerufen; und wenngleich der Erzähler sich selbst fragt, ob ihm hier nicht auch die Phantasie die Feder führt, ist der Leser dennoch vom historisch-realen Kern dieser abenteuerlichen Flucht überzeugt – so glaubwürdig ist sie dargestellt.

 

Im Unterschied zur Prosa tendieren die Gedichte dieses Buches zur Kürze und komprimierten Aussage. Das setzt intensives Nachdenken und Nachspüren der Autoren voraus, ein Nachdenken und Nachspüren, das die vergangenen Ereignisse aus den Verliesen des Vergessens und des Unbewußten befreit und sie erneut ins Bewußtsein holt. „Das Ungeheuerliche“, schreibt Christine Mattner, „wird erst mit dem Erwachsenen- und Älterwerden Schritt für Schritt bewußt.“ (S. 105) Nichts aber wäre störender, als sich redselig über das „Ungeheuerliche“ zu verbreiten. Prägnanz ist die ihm angemessene lyrische Form, eine Prägnanz, die Raum läßt für Andeutungen zwischen den Zeilen und für frei schwingende Leser-Assoziationen. Diese Vorzüge der Verdichtung und Verknappung des Erlebten besitzen die vorliegenden Gedichte fast durchweg. Einprägsam komprimiert Lisa Helms zentrale Erfahrungen der „Kriegszeit“ in sechs Strophen mit je „siebzehn Silben“ (S. 59). In knappen Zwei- und Dreizeilern vergegenwärtigt Ursula Ziebarth die „Heimfahrt aus der Kinderlandverschickung“ als Fahrt in die Ortlosigkeit (S. 84): In gedrängter Quintessenz zeigt Mathias Groll, wie die vergangenen Kriegsgeräusche, die das Kind hörte, fortleben in den Naturgeräuschen, die der Erwachsene hört (S. 28). In zehn Verszeilen, auf das Äußerste verdichtet, läßt Inge Buck die Schreckensmeldung vom Tod des Bruders ihres Vaters aufblitzen. Und in fünf Zeilen fängt sie die Paradoxie von Krieg und Frieden auf dieser Erde ein:

 

Mitten im Krieg

sitzt ein Mensch

auf der anderen Seite

des Erdballs

und angelt

 

Es ist eine Paradoxie, die zwischen den Zeilen nach einer Lösung ruft – nach jenem weltumspannenden Frieden, für den insgeheim alle Beiträge dieses Buches werben.

 

Prof. Dr. Gert Sautermeister

 

Am Sonntag, 15. November 2015, wird das Buch erneut vorgestellt.

Es lesen Inge Buck, Mathias Groll, Lisa Helms, Siegfried Marquardt, Christine Mattner, Hartwig Struckmeyer, Karl-Heinz Tauss, Ursula Ziebarth

Musikalische Begleitung: Thorsten Jüttner (Gitarre)

In Kooperation mit der Edition Falkenberg

12 Uhr, Buch- und Kunsthandlung Franz Leuwer, Am Wall 171

Fiction meets Science

Pippa Goldschmidt: ›Weiter als der Himmel‹

Eine Rezension von Andrea Mareike Abel

 

Am 18. Juni 2015 besuchte die Astronomin und Schriftstellerin Pippa Goldschmidt das Haus der Wissenschaft in Bremen, um gemeinsam mit ihrer Übersetzerin Zoë Beck aus ihrem Roman ›Weiter als der Himmel‹ zu lesen. Im Rahmen der Reihe ›Fiction meets Science‹ betrachten Schriftsteller, Literaturwissenschaftler, Soziologen und Naturwissenschaftler, in welchem Verhältnis Literatur und Wissenschaft zueinander stehen. Die Auseinandersetzung findet auf zwei Ebenen statt: Die Literatur wird zum einen zum Objekt der soziologischen Untersuchung im Kontext des öffentlichen Diskurses über Wissenschaft und wissenschaftlichen Fortschritt. Zum anderen entsteht ein Spannungsfeld zwischen der Wissenschaft und ihrer Repräsentation in der Kunst.

 

Die Wissenschaft als Institution

 

In diese Spannung hinein hat Pippa Goldschmidt ihren Debütroman geschrieben — bei aller Popularität des Science Fiction Genres fand sie nicht den Wissenschaftsroman, den sie lesen wollte, der sich mit dem befasste, woran sie tatsächlich täglich arbeitete. Also schrieb sie ihn selbst, und so basiert die Geschichte des Buches auf einer wahren Beobachtung aus den 70ern, die damals die Urknall-Theorie ins Wanken zu bringen drohte.

›Weiter als der Himmel‹ ist nicht nur ein gefühlvoller Roman über Menschen und ihre Beziehungskonstellationen, es ist auch ein Kommentar über die Wissenschaft. Selbst die Protagonistin Jeanette, die ehrgeizig ist und viel Leidenschaft für ihr Fach empfindet, sieht die Wissenschaft als eine von Routine und Konventionen durchdrungene Institution. Für sie bedeutet eine gelungene Beobachtung nicht nur, dass sie ihren Job behalten darf und weiter das tun kann, was sie fasziniert. Es bedeutet auch, dass sie Jahr um Jahr immer mehr Papers schreiben wird, dass sie Stunden ihres Lebens in einem fensterlosen Raum verbringen wird, von den Sternen durch mehr getrennt als nur Millionen von Lichtjahren.

An der Sternwarte stellt man in Frage, ihre Beobachtung zu veröffentlichen, da sie nicht in das akzeptierte Modell passt — darf sich eine lebendige Wissenschaft so gegen einen möglichen Paradigmenwechsel sträuben? Jeanette ist hin und her gerissen zwischen Begeisterung und Angst vor dem, was ihre ‚Entdeckung‘ bedeuten könnte, nicht zuletzt für den Status Quo. Jeanette Smith will keine Angst haben, sie will Neues entdecken, mehr als nur Daten sammeln.

 

Die Wirklichkeit von Bildern

 

Jeanette, promovierte Astronomin, lebt und arbeitet in Edinburgh. Nach dem tragischen Tod ihrer Schwester Kate hat sie sich in die Sterne geflüchtet, um der bedrückenden Stille ihres Elternhauses zu entkommen. Im Laufe des Buches, als ihre Entdeckung ihr berufliches und privates Leben auf den Kopf zu stellen droht, holt sie diese Stille wieder ein. Zu Beginn erscheinen Jeanette die Galaxien, die sie mit tonnenschweren Teleskopen zu sich heranholt, realer als die Menschen um sie herum. Ihr erscheinen die alltäglichen Sorgen des Lebens unzumutbar verglichen mit der geordneten, kartographierten Weite des Universums. Statt Nähe scheint sie fast unweigerlich Distanz aufzubauen und verliert sich darin. Die scheinbar unmögliche Verbindung zweier entfernter Galaxien wird zum Sinnbild für Jeanettes Isolation — von ihren Eltern, von ihren Kollegen, von ihren Freunden, von ihrer Liebe zu Paula. Jeanette kann sich dessen, was sie sieht, nicht mehr sicher sein, dennoch flüchtet sie sich in Bilder. So nehmen sowohl Photographie und Kunst als auch die Sternbilder in Jeanettes Leben einen immer wichtigeren Platz ein und ersetzen schließlich sogar ihre Interaktion mit anderen.

 

Die Angst vor der großen Leere

 

Wie die Wissenschaft sich der Sprache von Leben und Tod bedient, um Phänomene zu erklären, lernen wir, wie sehr Jeanette die Sprache der Astronomie braucht, um Ordnung in das Gefühlschaos ihres Lebens zu bringen. So sehen wir Jeanettes Welt durch ihre Augen, und doch nicht ganz. Pippa Goldschmidt gelingt es durch ihre Erzählweise genug Distanz zu Jeanette aufzubauen, dass man erahnt, wie limitiert ihre Perspektive sein kann; und doch ist man nicht allwissend. Wenn Jeanette sich fragt, ob Kollegen hinter ihrem Rücken über sie sprechen, wenn sie nicht versteht, was in ihrer Beziehung zu Paula schief gegangen ist, dann können wir nur raten. Goldschmidt zeigt damit nicht nur Jeanette die Grenzen des Wissens auf, sondern auch ihren Lesern. Jeanette muss erkennen, dass es Dinge gibt, die sie nicht verstehen, die sie nicht in eine akzeptierte Theorie einordnen kann und dass es nicht möglich ist, eine Hypothese aufzustellen, die sich bewährt.

›Weiter als der Himmel‹ zieht nicht aus, um dorthin zu gehen, wo noch nie ein Mensch gewesen ist — und doch reist man in diesem exzellenten Wissenschaftsroman durch Raum und Zeit, in die Welt einer einzigartigen, komplexen Protagonistin, dank derer man am Ende einiges mehr über das Universum weiß. 

 

Zur englischen Version dieser Rezension geht es hier >>

Abbildungen: Pippa Goldschmidt, Foto: Kim Ayres

Aus dem Alltag einer Glühbirnenfetischistin

Betty Kolodzys neuer Roman ‚Lux und Leben‘ begeistert

Eine Rezension von Katharina Schaaf

 

›“Dreiundvierzig, vierundvierzig, fünfundvierzig…“ Mein Zeigefinger deutet auf die Schachtel, mein Kopf zählt durch, was sich im Schrank stapelt, was auf, unter und nebeneinander zu einer Einheit verschmilzt. Neunzig mal sechzig…Fünftausendvierhundert. Für mich beziffert sich das Glück in Watt.‹ 

 

Für einen Auszug aus ihrem im Februar erschienenen Roman ›Lux und Leben‹ erhielt Betty Kolodzy im vorletzten Jahr das vom Senator für Kultur ausgeschriebene und vom Literaturkontor organisierte Bremer Autorenstipendium. Die in Bremen lebende Autorin begeisterte schon mit den Büchern ›Istanbul Walking‹, ›Bremen Walking‹ und ›Berlin Walking‹ sowie ihren Romanen ›Ali, der Tinnitus und ich‹ und ›Reinverlegt‹ das Lesepublikum. 

 

Mit ›Lux und Leben‹ entführt sie die Leser*innen nun in die Innenwelt der Ich-Erzählerin Emely. Die passionierte Glühbirnensammlerin lebt mit vier weiteren Bewohnern in einer Villa, die zu einer betreuten Wohngemeinschaft für psychisch labile Menschen umfunktioniert wurde. Betreut werden sie dort von der Sozialarbeiterin Luca. Diese fünf Figuren könnten nicht unterschiedlicher sein, weshalb es in der WG immer wieder zu Konflikten kommt. 

 

Schon zu Beginn des Romans entsteht eine besondere Nähe zu der Protagonistin und ihrer Art die Welt zu sehen. Durch den Wechsel zwischen Emelys Gedankenwelt und Dialogen zwischen den WG-Bewohnern schildert Kolodzy auf einfühlsame Weise das Gefühlsleben der scheuen und zurückgezogenen jungen Frau, mit all ihren Schwierigkeiten im Umgang mit den Menschen in ihrer Umgebung. Trotz der bedrückenden Situation in der sich Emily befindet, versteht es Betty Kolodzy durch einfühlsamen Humor den Leser zum Schmunzeln zu bringen. 

 

Obwohl Emely gerne in der Villa lebt, kann sie sich ihren Mitbewohnern nicht öffnen, findet deshalb keinen Anschluss an die Gruppe und macht sich immer wieder selbst zur Außenseiterin. Als die ungleiche WG aber von ihrem Wohltäter, dem berühmten Banker Berger, wegrationalisiert werden soll, entwickelt sich eine neue Dynamik im Zusammenleben, die für unerwartete Wendungen sorgt und die Charaktere, besonders Emely, zu Veränderungen zwingt. 

 

Betty Kolodzy: ›Lux und Leben‹

michason & may, 2015

14,90€

Abbildungen: Betty Kolodzy

Vergangenheit gegenwärtigen

Ein Nachruf auf die Schauspielerin und Lyrikerin
Brigitte Röttgers  (2. Februar 1943 - 26. August 2014)
Von Johann-Günther König


Unsere Kollegin, die Schauspielerin und Lyrikerin Brigitte Röttgers, war eine ungewöhnliche Frau – eine empfindsam kritische, hellwache Zeitgenossin. Eigenwillig, klar, solidarisch, durchdacht setzte sie mit ihrer unverwechselbar eindringlichen und melodiösen Stimme gleichsam Wegweiser in Satzform – in gelöster Stimmung gerne in ihrem köllschen Heimatdialekt. Die seit 2010 zunehmend zerbrechlicher wirkende Künstlerin erlag in Berlin einer heimtückischen Krankheit; sie zerbrach im August ›lautlos‹ wie die Scherben in ihrem Gedicht ›Um eine Illusion ärmer‹.
Wir noch Lebenden sind nun ärmer um die Illusion, Brigitte Röttgers könne wieder auf die Beine und die Bühnen der Welt und des literarischen Lebens kommen. Im Spätsommer 2012, bei den Niedersächsischen Literaturtagen in Georgsmarienhütte, wollte sie mit der Kollegin und Lyrikern Inge Buck in der Lutherkirche eigene Gedichte vortragen: ›Innehalten. Worte der Stille‹. Sie konnte die Lesung nicht mehr durchführen, musste sich durch ihren Lebenspartner, den Autor Detlef Michelers, vertreten lassen.
Unsere 1943 geborene Kollegin studierte nach dem Abitur in ihrer Geburtsstadt Köln Theaterwissenschaften und Pädagogik, spielte in der Studentenbühne u.a. mit dem heutigen Intendanten der Deutschen Oper, Berlin, Jürgen Flimm. Nach dem ersten Lehrerexamen ging sie 1966 an die Schauspielschule nach Berlin. 1968 kehrte sie nach Köln in den Schuldienst zurück, arbeitete mit lernbehinderten Kindern und bestand 1970 ihr zweites Staatsexamen. Kurz darauf erhielt sie ihr erstes Engagement am Westfälischen Landestheater in Castrop-Rauxel. 1973 wechselte sie ans Schiller-Theater in Berlin unter Dieter Dorn. Anfang 1976 holte sie der bedeutende ungarische Schriftsteller und Theatermacher George Tabori (1914-2007) in das Ensemble des Bremer Theaterlabors unter dem Intendanten Peter Stolzenberg.
Für Brigitte Röttgers und die anderen Mitglieder des zehnköpfigen Tabori-Ensembles wurde das Theaterlabor im Concordia an der Schwachhauser Heerstraße zu einem Raum ungemein intensiver Erfahrungen, zumal dem Theatermacher die Proben wichtiger als die Premieren waren und jede Premiere nur eine weitere Probe. Tabori war ein unverschämt geduldiger Beobachter seiner Schauspieler, ließ sie ihren Weg, ihren Ausdruck suchen und nicht selten kam er morgens mit der Ansage in die Probe: ›Kleine Änderung.‹ Die sich häufig monatelang hinziehenden Proben basierten auf Gruppenarbeit, beinhalteten gezieltes Körpertraining und Meditationsübungen und brachten dem Regisseur den Ruf eines Gurus ein. Taboris intensive Arbeitsweise und das Miteinander des kleinen Ensembles prägten Brigitte Röttgers nachhaltig – doch sie verstand es, dabei ihre Individualität zu wahren. Sie stand auf der Bühne, als im April 1976 die Tragödie ›Die Troerinnen von Euripides‹ bei der Bremer Premiere auf laute Proteste stieß und rund 200 Zuschauer Türen schlagend das Theater verließen. Sie stand auf der Bühne, als die Stücke ›Sigmunds Freude‹, ›Talk Show‹, ›Verwandlungen‹ und ›Die Hungerkünstler‹ viel Aufsehen erregten – und das nicht nur in der Wesermetropole. Das letztere, frei nach Kafkas Erzählung ›Ein Hungerkünstler‹ vom Theaterlabor erarbeitete Stück, entzündete bereits vor der Uraufführung am 10. Juni 1977 kontroverse Diskussionen in der Öffentlichkeit, ließ Tabori das Ensemble doch zuvor 40 Tage unter ärztlicher Aufsicht fasten, um die Schwäche von Hungernden auf der Bühne wirksam werden zu lassen. Nur Brigitte Röttgers lehnte damals das Fasten ab, und George Tabori reagierte wie immer lakonisch und der künstlerischen Arbeit dienlich: ›Dann spielst du die Krankenschwester, die die Hungernden pflegt.‹ Die Tage des Theaterlabors endeten im Sommer 1978, als Peter Stoltzenberg aus dem Amt schied und auch George Tabori die Hansestadt verließ.
Unsere von 1976 bis 2012 überwiegend in Bremen lebende Kollegin Brigitte Röttgers hatte viele Auftritte als Schauspielerin – u.a. auch an den Bühnen in Frankfurt a. M. und Düsseldorf, gastierte in der Sowjetunion, Polen und Westeuropa. Darüber hinaus war sie Lehrbeauftragte an mehreren Hochschulen – nicht zuletzt für belletristisches Schreiben an der Bremer Uni. Neben der Theaterarbeit veröffentlichte sie ihre eigenwillig bildreichen Gedichte in vielen Anthologien und Zeitschriften wie ›Akzente‹ und ›Merkur‹. Sie wurden teils auch ins Englische und Polnische übertragen. 2006 publizierte der Bremer Sujet-Verlag ihren bestechenden Gedichtband ›Drachentage‹.
Brigitte Röttgers lieh ihre Stimme Dutzenden von Hörspielen und Features, von denen ab der Jahrtausendwende viele als Hörbücher erschienen. Das mitverfasste Hörbuch ›In Freiheit leben. Jean-Paul Sartre und seine Zeit‹ z. B. wurde 2006 für den Deutschen Hörbuchpreis (Beste Information) nominiert. Für die Interessen der bremischen und niedersächsischen Autorinnen und Autoren engagierte sich Brigitte Röttgers seit Beginn der 1980er Jahre nachhaltig. Sie nahm maßgeblich an der Planung und Gründung des Bremer Literaturkontor e.V. teil und war von 1993 bis 2006 Mitglied des Vorstands. Von 2006 bis 2010 wirkte sie in unserem VS-Landesverbandsvorstand Niedersachen-Bremen mit, betreute die neuen Mitglieder, prüfte die Kassen und hatte immer einen hilfreichen Rat parat. Für den VS und den Fördererkreis übernahm sie zudem mehrmals die künstlerische Leitung von Schriftstellertreffen und – zusammen mit Detlef Michelers – der Niedersächsischen Literaturtage in Stade (2005) und Dangast (2009). In bester Erinnerung bleiben ihre bei einigen unserer Treffen durchgeführten Workshops für Autor/innen: ›Ich, mein Text, meine Lesung – wie präsentiere ich meine Texte‹.
Brigitte Röttgers bereicherte jahrzehntelang das (nord-)deutsche Kulturleben – auf der Bühne und im Rahmen literarischer Veranstaltungen, im VS, Fördererkreis, Bremer Literaturkontor und im engeren und weiteren Kolleginnen- und Kollegenkreis. Ihr Tod reißt eine Lücke. Wie heißt es in den ersten Zeilen ihres Gedichts ›Nachmittag‹:  ›Himmelwärts stürmen / Mit wehendem Haar / Mit weinendem Herzen / Mit gebrochenen Beinen / Mit glühender Haut / Der Neugierde nach / Bis in die Milchstraße…‹

Sieben Tage mit Lidia

›Der Blick auf den Campo Erberia mit seinem Holzsteg und dann auf den Canal Grande erinnerte ihn daran, dass hier in der Lagune die Zeit ganz anders verlief als auf dem Festland. Dieser steinerne Fluss, der an manchen Stellen so breit war wie ein richtiger Strom, sorgte in Venedig für das trügerische Gefühl, dass man sich um den Tod keine Gedanken mehr machen müsse.‹

In seiner Novelle ›Sieben Tage mit Lidia‹ malt Artur Becker ein facettenreiches Venedig, ein freies, ein zum Tode verurteiltes, ein glitzerndes Venedig, durchzogen vom ›steinernen Fluss‹ Canal Grande. Durch dieses Venedig bewegt sich der Protagonist der Geschichte, Andrzej Olsztyński. Er ist 1981 zum ersten Mal seit vielen Jahren außerhalb seiner Heimat Polen, wo er mit seiner kritischen Lyrik nicht gern gesehen, bislang allerdings nicht in die Hände des Regimes gefallen ist. Auf Besuch bei seinem Freund Jacek Maj durchschneiden gleich zwei unerhörte Ereignisse sein Leben, die dieses von Grund auf ändern könnten: Während in Polen das Kriegsrecht verhängt wird, begegnet er Lidia wieder, der Tochter seines Freundes, die ihn verzaubert und ihm das ›Venedig der Liebe‹ zeigt.
Nun steht Andrzej zwischen den Welten: Soll er in Venedig bleiben, in Sicherheit, oder zu Frau und Sohn nach Polen zurückkehren, wo möglicherweise Haft oder sogar Tod auf ihn warten könnten? Er verstrickt sich immer mehr in den Konflikt zwischen Freiheit und Heimat, Familie und Leidenschaft.Und über allem dräut stets das ungewisse Schicksal Polens.

Artur Becker, geboren 1968 in Masuren, Polen verbrachte selbst zwei Monate als Stipendiat des deutschen Studienzentrums in Venedig. In seiner Novelle lässt er die Menschen, denen er dort begegnete, als literarische Figuren neu aufleben. Er verbindet seine ursprüngliche Heimat mit der neuentdeckten Stadt und sprachlich auch die Dimensionen dieser Begegnungen: Die Gespräche seiner Charaktere wechseln zwischen Deutsch, Polnisch, Englisch und Italienisch, je nach Konstellation der Gesprächspartner. Der Aspekt der Sprache spielt eine nicht unwesentliche Rolle in dem Konflikt zwischen Rückkehr und Bleiben, denn Andrzej selbst bemerkt in Bezug auf den chilenisch-stämmigen Autor Gaston Salvatore, der sein Land und damit auch seine Muttersprache verlassen musste: ›Ich muss dennoch bewundern, dass er auf Deutsch schreibt. Auf der anderen Seite ist mein Polnisch das Einzige, was ich wirklich besitze. Ich kann mich in meiner Sprache wie in einer Nussschale verstecken und trotzdem gleichzeitig in der Welt sein.‹

 

In diesem Zwiespalt befand sich auch Artur Becker selbst, als er 1985 nach Deutschland kam. Seit 1989 verfasst er seine Romane und Gedichte nicht mehr auf Polnisch, sondern in deutscher Sprache – und dies mit großem Erfolg: Für sein Werk wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet, u.a. 2009 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis.
Gerade diese Berührungspunkte des Autors mit den Sorgen seines Protagonisten und dessen Außenwelt und Begegnungen, lassen die Stadt und ihre Charaktere lebendig werden, untermalt von einer bildreichen Sprache.

Artur Becker: „Sieben Tage mit Lidia“
Verlag Weissbook.w, 2014

Johanna Schwarz

Abbildung: Artur Becker (Foto: (c) Victor Ströver, nordsign)