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Berichte der LiteraTour Nord-Lesungen

Seit der LiteraTour Nord 2015/16 besuchen Student*innen der Uni Bremen ein die Lesereihe begleitendes Seminar von Prof. Dr. Axel Dunker. Hierzu gehört auch die Teilnahme an den insgesamt sechs Lesungen im Café Ambiente. Neu hinzugekommen ist in der aktuellen LitNord-Saison ein Seminar im Bereich ›Kreatives Schreiben‹, das von Jens Laloire, Autor und Kulturjournalist, an der Uni in Kooperation mit dem Bremer Literaturkontor geleitet wird. Dort befassen sich die Studierenden ebenfalls mit den Büchern der laufenden LiteraTour Nord und lernen, wie man eine Rezension verfasst.

 

An dieser Stelle veröffentlichen wir nun Lesungsberichte und Buchbesprechungen aus beiden Seminaren.

Ein Mann, eine Verfolgung und viele Fragen

Ein altes Sprichwor besagt: Mischt der Zufall die Karten, so verliert der Verstand das Spiel. Etwa so lässt sich das Schicksal Philips, der Hauptperson in Lukas Bärfuss‘ Roman „Hagard“ zusammenfassen. Es ist eine Geschichte von Zufall und Obsession und einem Wechselspiel beider Elemente. Ein Eintauchen in die Psychologie eines Mannes, der beginnt, seinen Verstand zu opfern, um seinen Sinnen zu folgen. Dazu gesellt sich Kritik an der Gesellschaft und der Welt, dessen grässliche Visage „Hagard“ zu entblößen versucht.

 

Alles beginnt mit einem Paar Schuhe. Philip, ein Immobilienhändler, wartet in einem Café auf einen Kunden, als er ein blaues Paar Ballerinas erspäht. Die Trägerin: eine zierliche, junge Frau. Philip erkennt ihr Gesicht nicht, fasst jedoch den Entschluss, sich unauffällig an ihre Fersen zu heften. Der zunächst bedeutungslose Zeitvertreib entwickelt sich zu einem Spiel. Die Neugier plagt ihn, er möchte mehr über die Frau erfahren. Schnell wird aus Neugier Hingabe und aus Hingabe Obsession. Philip verfolgt die Unbekannte überall hin, überwacht ihr Haus, gibt seinen Alltag vollends auf. Es folgt eine kräftezehrende Jagd, in der Philip hungert und verwahrlost, Diebstahl begeht und schließlich ins Verderben rennt.  

 

Das Geschehen in „Hagard“ wird primär aus der Perspektive Philips geschildert, eingeleitet wird sie jedoch von einem anonymen Ich-Erzähler, einem Verfolger des Verfolgers gewissermaßen, der „als Zeuge vollständig und ungeschönt“ von Philips Taten berichten will, samt der „schmutzigen und kranken Momente“. Das Interesse des Lesers ist geweckt, das bizarre Treiben kann beginnen.

 

Gelingt es Bärfuss die Handlung zu Beginn noch interessant und fließend zu gestalten, verliert er sich jedoch zunehmend in belanglosen Beschreibungen und abschweifenden Gedankenströmen. Nahezu jede Beobachtung, die Philip macht, erzeugt Assoziationen und es entstehen langwierige Exkurse zu Gott und der Welt. So liegen nur wenige Sätze zwischen der Beschreibung eines Pelzes und der Erläuterung einer artistischen Sexualpraktik. Die Gedankengänge des Protagonisten mögen unterhaltsam, zum Teil erhellend sein, auf Dauer sind sie vor allem eines: ermüdend. Zu oft verharrt die Handlung im Stillstand.

 

Abstrus wird es zum Ende hin, wenn Bärfuss über zehn Seiten vom Leben einer Person erzählt, die in der Handlung keinerlei Rolle spielt. Bärfuss hat, so scheint es, Spaß am Erzählen – und es ist ein Handwerk, das er gut beherrscht. Doch in zu vielen Passagen des Buches stellt sich die Frage, worauf er hinaus und was er dem Leser vermitteln möchte.

 

Bärfuss ist sehr um Zeitkritik bemüht. Ob Vogelgrippe, Krim-Krise oder die verschwundene Boeing 777 der Malaysia Airlines – zahlreiche Katastrophen der Gegenwart sind in der Erzählung eingestreut und so ergibt sich eine düstere Grundstimmung. Der Titel „Hagard“ mag je nach Aussprache so klingen wie der Wandschrank eines schwedischen Möbelhauses, doch es handelt sich hierbei um den französischen Begriff für „verängstigt“ – ein klares Statement zu unserem Zeitgeschehen.

 

Zu diesem gehören auch die Menschen, über die in „Hagard“ der Stab gebrochen wird. Philips Abneigung gegen alles und jeden ist unübersehbar. „Zwei Spießgesellen in gelber Weste, grinsend und gefräßig“, ist nur eine von vielen spöttischen Personenbeschreibungen. Vielleicht liegt gerade in der Aversion gegen seine Mitmenschen die Ursache für seine Handlungen. Die Abneigung gegen den farblosen Alltagstrott, die Konformität der Gesellschaft und ihre Oberflächlichkeit. Vielleicht projiziert er auf die unbekannte Frau seinen Wunsch, dem Alltag zu entfliehen und sieht in ihr einen Freigeist, der über diesem Alltag steht.

 

Als Philip eine Meldung von der Polizei erhält, erkennt er, dass er zu seinem normalen Leben zurückkehren muss. Doch ist es allein die Meldung, die seinen Entschluss evoziert oder die Tatsache, ein Geheimnis gelüftet zu haben? Philip hat ihr Antlitz gesehen, er hat herausgefunden, welcher Arbeit seine „Göttin“ nachgeht, dass auch sie nur eine von vielen ist. „Solange sie ein Geheimnis ist, so lange kannst du glauben“, heißt es an anderer Stelle. Nun hat Philip Gewissheit – und das Spiel seinen Reiz verloren.

 

Die Antwort auf die Fragen des Werks kann sich der Leser nur selbst geben. Der Autor beantwortet sie nicht, sondern stellt stetig mehr Fragen in den Raum. Bärfuss‘ Erzählweise ist gut, zuweilen spöttisch und bissig. Das breite Repertoire an Themen regt zum Nachdenken an, doch zu oft verliert er sich in Abschweifungen, entfernt sich vom Pfad der Handlung und somit auch vom Leser, der am Ende des Werkes ratloser scheint, als zu Beginn.

 

Florian Fabozzi

Lukas Bärfuss; Foto: Frederic Meyer

Tiefes Wasser, stiller Text?

„Alles beginnt mit einem A. Von dort aus geht es hinaus, in einen Wald voller Buchstaben, die man wild verschieben, neu zusammensetzen, überspringen kann. Deshalb braucht das A nicht das B. Das A braucht das Z.“ Vier Sätze aus dem Roman „It´s all true“ von Carmen Stephan, die eine tragische Geschichte auf einfache Art erzählt: Im Nordosten Brasiliens des Jahres 1941 machen sich vier Fischer auf den Weg ins zweitausend Kilometer entfernte Rio de Janeiro, um den Präsidenten über ihre schwierige Lage und die bittere Armut, in der sie leben, aufzuklären. Sie hoffen auf Hilfe und ein besseres Leben. Auf einem Floß nehmen Jacaré und drei andere Fischer einen weiten Weg in Kauf und setzen sich den Strapazen einer Fahrt über das Meer aus. 

 

Als sie ihr Ziel erreichen, erfährt der berühmte Regisseur Orson Welles vom Schicksal dieser Männer. Er beschließt, die Geschichte der Fischer in einem Film zu erzählen. Sie sollen die Reise ein zweites Mal auf sich nehmen – nur dieses Mal in Begleitung eines Kamerateams, um einen Teil des authentischen Brasiliens filmisch festzuhalten. Der Plan, die Reise zu wiederholen, um darzustellen, wie es wirklich war, ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt: Während der Dreharbeiten fällt Jacaré von Bord und verschwindet im Meer. 

 

Basierend auf einer wahren Begebenheit bewegt sich die Geschichte zwischen Fiktion und Wirklichkeit. 

Mit der realen Geschichte ist Carmen Stephan während ihres Aufenthalts in Brasilien in Kontakt gekommen. 

Zufällig kam ihr das Schicksal Jacarés und Orson Welles‘ zu Ohren, und sie fasste schnell den Entschluss, diese Tragödie in einem Buch zu verarbeiten. Die Basis ihrer Informationssammlung beruht hauptsächlich auf Gesprächen mit der Familie des Fischers Jacaré. Stephans Erzählung baut zwar auf einer wahren Begebenheit auf, vermischt sich jedoch stark mit ihrer eigenen Vorstellung von der Geschichte wie sie sich zugetragen haben könnte. 

 

Dabei greift der Roman philosophische Fragen auf: Was ist Wahrheit? Gibt es sie überhaupt? Und was bedeutet sie für mich? Für andere? Carmen Stephan eröffnet ein komplexes Feld, das durch die Geschichte des Fischers greifbarer gemacht werden soll. Sie verwandelt ein abstraktes philosophisches Gerüst in eine konkrete Geschichte, spricht in Bildern. Immer wieder stößt man auf Stellen im Buch, die darauf aufmerksam machen, dass die Sicht auf die Welt von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist, jeder trägt seine eigene Wahrheit – Jacaré, Orson Welles, der Erzähler, der Leser. 

 

Lässt man sich auf das Buch ein, darf man in eine Welt eintauchen, die durch eine simple Sprache leicht zugänglich ist. Auffällig sind die kurzen Sätze, die an vielen Stellen lediglich auf ein Wort reduziert wurden. Steht die Einfachheit dem höchst philosophischen Aspekt des Romans entgegen? Oder ist die Wahrheit doch weniger komplex als gedacht? Ob die Form der Sprache Tiefe mit sich bringt oder aufgesetzt wirkt, bleibt wohl Geschmackssache und lässt viel Raum für Interpretationen.

„Das A braucht den geschlossenen Kreis, innerhalb dessen man alles erschaffen kann.“ 

 

Elvira Vogt 

Carmen Stephan, Foto: Anita Affentranger

Eine Anleitung zum richtigen Leben

Von der unbedingten Anwesenheitspflicht im eigenen Leben – Mariana Lekys neuer Roman „Was man von hier aus sehen kann“

Schwierige Entscheidungen und Unsicherheit sind nicht selten Gründe dafür, dass Menschen vor dem eigenen Leben zurückschrecken, sich zurückzuziehen und die Schale des Lebens nur von außen betrachten. Über ihre Angst vergessen sie, wirklich zu leben; Wünsche und Träume bleiben eben nur solche  und entwickeln sich im besten Fall zu Vorsätzen, die man sich gelobt, umzusetzen, sobald der passende Zeitpunkt da ist. Aber wann kommt der? Auf diese Frage gibt Mariana Leky in ihrem neuesten Werk „Was man von hier aus sehen kann“ eine Antwort.

 

Lakonisch und zugleich warmherzig erzählt sie in diesem Roman über den Eigensinn der Menschen und ihren Rückzug aus dem eigenen Leben. Beschrieben werden die Kindheit und der Weg zum Erwachsenwerden der kleinen Luise, die wohlbehütet mit ihrem besten Freund Martin in einer friedlichen Dorfgemeinschaft im hessischen Westerwald aufwächst. Ihre Großmutter Selma schafft es jedoch, das kleine Dorf durch ihre Träume in Aufruhr zu versetzen, denn alle wissen: Erscheint Selma im Traum ein Okapi, wird in den kommenden 24 Stunden einer der Bewohner sterben. Einzig Bauer Häubel ist bereit, sich von seinem erfüllten Leben zu verabschieden. Doch die Erkenntnis, wen es letztendlich wirklich trifft, sorgt nicht nur bei den Protagonisten für Betroffenheit und Trauer. 

 

Der Tod zwingt die Protagonisten schließlich dazu, den Mut aufzubringen, endlich zu leben. Denn wenn es eine Furcht gibt, die weitaus schlimmer als die vor dem Leben ist, dann ist es die vor dem Tod. Dann ist es doch besser, der Angst vor dem Leben die Stirn zu bieten. Denn der Tod kommt – so oder so. Notfalls quetscht man alles in die letzten verbleibenden Stunden.

 

Diese Verhaltensweise spiegelt sich in den verschiedenen Charakteren wider. Während der Optiker seit Jahren Anläufe startet, Selma schriftlich seine Liebe zu gestehen und sich die angefangenen Briefe mittlerweile bei ihm stapeln, ringen Luises Eltern mit der Entscheidung, sich scheiden zu lassen – damit sich die Mutter dem neuen Liebhaber vollends widmen und der Vater unbeschwert auf Reisen gehen kann. Und auch Luise ringt mit sich selbst und ihrer Liebe zu einem jungen Mönch aus Japan. Kann diese Liebe trotz der geographischen Distanz bestehen?

 

Lekys Roman ist eine schlichte Erzählung, die stellenweise Spannung einbüßt und Längen aufweist. Wer sich auf Basis des Klappentextes einen Roman mit Krimi-Elementen erhofft, wird rigoros enttäuscht. Entschädigt wird der Leser dafür durch skurrile und aberwitzige Szenen, in denen Luise beispielsweise ihren neuen Freund vorstellt und Anweisungen erteilt, wie sich ihre Familie zu verhalten habe. Lekys Schreibstil pendelt dabei zwischen Ironie und Humor, blumigen und klischeehaften Beschreibungen sowie ernster und knapper Sprache.

 

Letztendlich bleibt Lekys Roman jedoch ein tiefsinniges Werk über die Ängstlichkeit des Menschen und seinen Hang zur Perfektion. Auch wenn Spannung und Handlung mit zunehmender Seitenzahl abnehmen, so besticht „Was man von hier aus sehen kann“ mit dem, teils ironischen, teils witzigen Ton der Autorin und ihrer liebevollen Art, das Miteinander der Protagonistin in der friedlichen Dorfgemeinschaft zu beschreiben. Somit ergibt sich eine kurzweilige und unterhaltsame Lektüre, die dem Leser die Antwort auf die Frage nach dem richtigen Leben keineswegs schuldig bleibt. Darf ich leben und wenn ja, wie? Die Antwort, die Leky ihren Lesern vermittelt, bleibt stets dieselbe: Eine Anleitung für die perfekte Lebensweise gibt es nicht. Lebe so, wie du es selbst für richtig hältst. Doch vergiss nicht, es auch wirklich zu tun. Denn der größte Fehler besteht darin, die Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen.

 

Christine Leitner

Mariana Leky, Foto: Franziska Hauser

Enthusiast aus Notwehr

Jochen Schmidt liest aus seinem neuen Roman ›Zuckersand‹

Nach Michael Roes und Carmen Stephan ging am ersten Adventssonntag Jochen Schmidt auf die LiteraTour Nord, um in sechs norddeutschen Universitätsstädten aus seinem neuen Roman Zuckersand zu lesen. Darin schildert der Protagonist Richard Sparka einen halben Tag mit seinem zweijährigen Sohn Karl, an dem zahlreiche Gegenstände, die zwischen Haustür, Supermarkt und Spielplatz den Weg der beiden säumen, ausschweifende Gedankenexperimente und Erinnerungen an seine eigene Kindheit auslösen. 

 

Spitzfindige Beobachtungen, (Ost-) Erinnerungen und Kindheit, das sind die Themen, die Jochen Schmidt - Jahrgang 1970, Ostberliner und Mitbegründer der Berliner Lesebühne Chaussee der Enthusiasten - in so vielsagenden Titeln wie Schmythologie, Meine wichtigsten Körperfunktionen, Schmidt liest Proust und Drüben und drüben – Zwei deutsche Kindheiten bearbeitet. 

 

Blonder Lausbubenhaarschnitt, blaue Sweatjacke über Ringelshirt. In geübter Bühnenkünstlermanier greift Schmidt im Bremer Literaturcafé Ambiente zum Mikrofon. Man hört ihm seine Lesebühnenerfahrung an. Angenehm tiefe Stimme, absichtlich monoton ratterndes Tempo, die Intonation fällt am Ende eines jeden langen Satzes. Keine Gestik, keine Emotion, keine Übertreibung. Spätestens bei einem Dialog zwischen dem Protagonisten und seiner Freundin Klara, die Schmidt in hoher, lächerlich wirkender Tonlage liest, drängt sich der Vergleich zu Marc-Uwe Kling auf, dessen kommunistisches Känguru deutschlandweit ausverkaufte Bühnenprogramme garantiert. Auch Schmidts Publikum lacht pointensicher. 

 

Dieser Roman, das beweist die Lesung mit ihrer speziellen Vortragsweise, wurde zum Vorlesen geschrieben. Seine Schwächen – ellenlange Sätze, ermüdende Aufzählungen und zwei nicht zum Ganzen passende Dialoge – werden auf der Bühne seine Stärken. Dass der Roman jedoch über ein bloßes Amüsierenwollen hinausgeht, verdeutlicht das anschließende Autorengespräch, das Schmidt als melancholischen Vater zeigt, der den Spagat zwischen großem Glück und großem Leid des Elternseins versucht.                                  Ruhig, fast verletzlich, beneidet er Kinder um deren Befähigung zum „Zen-Meister“ und bezeichnet sie als Lehrer für ein Leben, das im Alltäglichen Freude findet und nicht getrieben ist von der Zeit. Wohl wissend, dass auch diese Kinder ihre Gabe gegen das Erwachsensein eintauschen werden, erschafft er, der selbsternannte Proustianer, eine „Utopie – was nur Literatur kann – eben doch die Zeit anzuhalten.“ 

 

Der Roman liest sich wie ein Plädoyer für das Kinderkriegen. Diesen Enthusiasmus bremst Schmidt, wenn er erklärt, er habe Zuckersand aus „Notwehr“ geschrieben, als „Flucht“ in eine provokant positive Perspektive, wenn das alltägliche Familienleben mit kleinen Kindern einer Zerreißprobe gleichkommt. In den zwei geplanten Folgeromanen – dass Klara wieder schwanger ist, deutet sich bereits auf den letzten Seiten an – wird die Beziehung zwischen Richard und Klara wohl an der Sollbruchstelle, dem „manischen Versuch, alles richtig zu machen“ scheitern, denn, so Schmidt, „nichts ist schlimmer für ein Kind als perfekte Eltern.“ Das Projekt verspricht, spannend zu werden. Besonders dann, wenn es Schmidts gewinnendes Lesetalent in Form von Hörbüchern und Bühnenprogrammen fruchtbar macht.

 

Melanie Weise

Jochen Schmidt, Foto: Susanne Schleyer, autorenarchiv.de

Lesungs-Webcam. Michael Roes: ›Zeithain‹

Eine Lesung im Café Ambiente 

Programmhefte an der Eingangstür, drapiert auf einem weißen Stehtisch. Ein runder Raum mit vielen Stühlen und Tischen. Weserblick. Eine Theke mit zwei Bedienungen, adrett gekleidet in Schwarz. Eine weiße Leinwand beleuchtet durch eine Lampe. Davor ein Stuhl mit einem kleinen Tisch. Darauf ein leeres Glas und eine Flasche Wasser. Unbeachtete Getränkekarten, verteilt auf den Tischen. Dicke Taue mit Glühbirnen versehen als Deckenleuchten – gemütlich. Eine sich fortlaufend öffnende Eingangstür. Menschen unterschiedlichen Alters. Viele Studierende. Viele Zuhörer im Bereich 60+, aber auch vereinzelte Gäste mittleren Alters. Keine Kinder. Gelächter. Gespräche. Vertrautheit. Von Personen besetzte Stühle und Sessel. Träge über den Lehnen hängende Jacken und Mäntel in unterschiedlichen Farben und Materialien. Gerüche unterschiedlicher Parfüms. Gläser verschiedener Größe auf einem Tablett an der Theke. Viele Menschen mit Portemonnaies in den Händen, angeordnet in einer stetig wachsenden Schlange. Klirren und Klimpern hinter dem Tresen. Der Duft gerösteter Kaffeebohnen. Ein sich langsam auflösendes Gedrängel. Einkehrende Stille. Sich auf den Stühlen niederlassende Menschen. Schummeriges Licht. Der Autor Michael Roes am Tisch vor seinem aufgeschlagenen Buch „Zeithain“. Eine Brille auf seiner Nase. Rund 50 bis 60 gespannt lauschende Zuhörer. Sich reckende Köpfe und Hälse in Richtung des Schriftstellers. Eine kurze Einführung durch einen Professor der Universität Bremen mit wissenswerten Dingen über den Autor. Ruhe. Kurze Vorstellung des Buches. Eine zerrissene preußische Seelenlandschaft und ein gewaltiges Zeitpanorama. Die Tragödie um den jungen Friedrich den Großen und seinen Freund Hans Hermann von Katte. Ein Leseauszug des ersten Hauptstranges. Stark unterstützende Gestik zum historischen Text. Spontan. Blickkontakt zum Publikum in bestimmte Richtungen. Eine ruhige aber monotone Stimme gepaart mit teilweise unruhigen und nervösen Bewegungen. Ein Verleser. Verwirrende Zwischeneinschübe vonseiten des Schriftstellers. Ein zweiter Verleser. Wenige Pausen während des Lesevorgangs. Ende der Leseauszüge. Zeit für Rückfragen und Anmerkungen der Zuschauer. Zwei sich äußernde Studierende. Ein arroganter Unterton in der Stimme des Autors während seiner Antworten. Eine abnehmende Sympathie Michael Roes gegenüber. Applaudierende Gäste. Einsetzende Gespräche, Gemurmel, Unruhe und Gedrängel. Sich ankleidende Personen. Eine sich fortlaufend öffnende Ausgangstür. Das Ende des Abends.

 

Melissa Rohlfs

Michael Roes, Foto: privat

›It’s all true‹ – Eine brasilianische Odyssee

Am 14. September 1941 begeben sich vier Fischer an der Küste Fortalezas auf eine Reise. Sie schieben ihr selbstgebautes Floß hinaus in die Unweiten des Meeres, verschmelzen am Rande des Horizontes mit der untergehenden Sonne, bis von ihnen nichts mehr bleibt als ein unscheinbarer Punkt. 

 

Täglich sägten sie, schliffen Holz, arbeiteten auf diesen einen Tag der Abreise hin, bis die Erschöpfung das Mark ihrer Hände erreichte. 

 

Dieses Floß ist für die Fischer ihre einzige Zuversicht, das letzte Fünkchen Hoffnung, das sie am Ende des Tages noch haben. Denn all das taten sie für das Selbstverständlichste, für das einzig Richtige, das ihnen als wahr erschien: Die Freiheit, ohne Fesseln leben zu dürfen. Die Freiheit, das eigene Leben selber bestimmen zu können. Die Freiheit, nicht nur überleben, sondern auch leben zu können.

 

Carmen Stephan erzählt in ihrem zweiten Roman „It’s all true“ die Geschichte von vier Jangadeiros, brasilianischen Fischern, die am Rande der menschlichen Existenz leben. Tagein tagaus schuften sie als Leibeigene der Jagandas, müssen ihnen die Hälfte ihrer Einkünfte abgeben, bis für sie selber weniger als das Nötigste überbleibt: „Die Jangadeiros hatten keine Rechte. In ihrem eigenen Land existierten sie nicht. Die Sonne vernarbte ihre Augen, blind mussten sie bis zum Lebensende weiterfischen, weil sie keine Rente bekamen.“ Doch dann entscheiden sich die vier mutigen Fischer, Jacaré, Jerônimo, Mané Preto und Tata, die Unbarmherzigkeit des Schicksals herauszufordern. Sie begeben sich auf eine Odyssee zum zweitausend Kilometer entfernten Rio de Janeiro, um dort den zu treffen, der die Gesetze bestimmt: den Präsidenten. Dort erhoffen sie sich, zum ersten Mal in ihren Leben von der Öffentlichkeit als das anerkannt zu werden, was sie wirklich sind: Menschen, die es verdienen, die gleichen Rechte zu haben wie jeder andere auch.

 

Zwei Monate später, am 8. Dezember 1941, beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft. Der weltberühmte Regisseur Orson Welles sitzt am Frühstückstisch und liest ungläubig mit weit aufgerissenem Mund einen Zeitungsartikel. Er handelt von der Heldentat der vier Fischer, die ohne Kompass, allein von den Sternen und der Strömung des Meeres geleitet, ihre Freiheit suchten. Er beschließt, nach Brasilien zu reisen, um diese Geschichte zu verfilmen, um den unfassbaren Mut der Jangadeiros einzufangen; ihn hinaus in die Welt zu geben, damit ihn jeder sieht.

 

Während der Dreharbeiten geschieht jedoch das Unausweichliche: Die gespielte Odyssee der vier Fischer endet mit einer Tragödie, dem Ertrinken des Helden Jacaré, dessen Idee es war, sich und sein ganzes Dorf aus den Fesseln des Sisyphos zu befreien. Am Ende bleiben nur drei Fischer übrig und ein gebrochener Orson Welles, der nichts anderes wollte, als der Welt die Wahrheit des Lebens zu zeigen, die Ungerechtigkeit, die viele Menschen wie ein gnadenloses Netz umgibt.

 

Die atmosphärische Dichte des Romans hüllt den Leser in ein zartes Gewebe, das jedoch zu reißen droht, sobald die ersten Wellen der stürmischen See die Fischer in das kalte Meer ziehen. Man wird von Carmen Stephans poetischer Sprache mitgerissen, bis man selber vergisst, was das Wichtigste im Leben ist: beständig und immerwährend zu atmen. Während Jacaré jedoch der Atem ausgeht, er ertrinkend stumm um Hilfe schreit und das letzte Fünkchen Bedeutung, das er in sich trägt, mit seinem letzten Atemzug erlischt.

 

Der Leser begibt sich mit diesem Roman auf eine Wahrheitssuche, erforscht die unendlichen Schleichwege des menschlichen Bewusstseins und gelangt am Ende doch zu keiner zufriedenstellenden Antwort. Carmen Stephan selbst sagte in einem Interview: „Warum gehen wir nicht mal in die andere Richtung, an die Quelle, und fragen uns: Woher kommt sie? Wofür gibt es sie? Was ist sie überhaupt?“ Doch leider vermag ihr Roman diesen Fragen der Wahrheitserkenntnis nicht auf den Grund zu gehen, er scheitert dort, wo all diese Fragen ihren Anfang finden. Man wird mit der Stille des verschlingenden Meeres zurückgelassen, sich fragend, was diese Wahrheit ist, die Carmen Stephan zu erfassen versuchte. 

 

Doch vielleicht ist die Wahrheit viel tiefer als die Summe aller Geschehnisse, viel mehr als die Gesamtheit all unserer Teilchen, die uns zu dem machen, was wir sind. Wahrscheinlich finden wir sie hinter all den Phänomenen, die uns im Roman, im Leben begegnen. Man muss nur den Mut haben, dahinter zuschauen, sich ein eigenes Floß zu schnitzen und hinaus ins  Ungewisse zu segeln, um die eigene Antwort auf die Frage zu finden, was im Leben überhaupt wichtig ist.

 

›It’s all true‹, Carmen Stephan, 2017, S. Fischer Verlag GmbH,

116 Seiten, 16,00 €

 

Athina Anastasiou

Carmen Stephan, Foto: Anita Affentranger

2016/17

Proll-Trash fürs Bildungsbürgertum

Theresa Präauer liefert mit ihrem dritten Roman ›Oh Schimmi‹ ein ambitioniertes, vor Popkultur und Gesellschaftskritik überkochendes Manifest der Reizüberflutung – und zusätzlich viel Langeweile. 

 

›Schimmi Schamlos‹ nennt Präauer ihren Ich-Erzähler, den aufgedrehten Antihelden mit konsequent inkonsequentem Sprachfehler und äffischem Gebaren, der sich mit machohafter Attitüde und kindlicher Naivität in dem von Konkurrenzkampf und medialer Abstumpfung geprägten gesellschaftlichen Leben zurechtzufinden versucht. Nach einem Unfall in der Kindheit physisch und psychisch beeinträchtigt, fristet Schimmi, der offiziell auf den Namen Jimmy getauft wurde, sein Dasein zwischen seiner ihn vereinnahmenden Mutter und der Erotikhotline, die ihm den Kontakt zu seiner ›Freundin‹ Zindi ermöglicht. Stetig auf der Suche nach einer ›Schangse‹, dem latent sexuell aufgeladenen Matriarchat zu entfliehen und seine große Liebe Ninni zu erobern, streift er als Inkarnation des Peter Fox´schen Stadtaffen durch die ihn umgebende Großstadt.

 

Die studierte Philologin und Künstlerin Präauer, die seit ihrem preisgekrönten Debütroman Für den Herrscher aus Übersee zu den renommierten Jungautorinnen Österreichs gezählt wird, wagt sich mit Oh Schimmi an ein gesellschaftssatirisches Sprachexperiment, welches gewillt ist, Popkultur, Hochkultur und Neoliberalismus-Kritik in einem fulminanten belletristischen Brückenschlag zu verbinden. Der Protagonist Schimmi fungiert hierbei als das orientierungslose und stets zwischen Proll-Trash  und Philosophie oszillierende Bindeglied einer plotlosen Erzählung, die sich weder Entwicklungs- noch Bildungsroman nennen will, sondern vielmehr als ein Flickenteppich aus jugendsprachlich-anbiedernden anglizistischen Neologismen daherkommt. Wenn Schimmi sich selbst als der  „Hotteste unter den Hotten, der Fresheste unter den Freshen, der Obermakake, der affengeile, der Styler mit dem Ape Swag“ bezeichnet, wirken diese im Rapduktus scheinbar spontan heruntergeschriebenen Profilierungsfloskeln wohl nur für die Ü40-VertreterInnen der Bachmann-Preis-Jury innovativ und authentisch, während die alteritätsbedingt als ›Generation Z‹ bezeichnete Jugend über diesen bemüht konstruierten Flow nur gelangweilt den Kopf schütteln kann. 

 

Stärker und um einiges glaubhafter sind die wenigen Momente der Ruhe, in denen Schimmi die affige Muhammad-Ali-Attitüde ablegt und die polierte Teflon-Fassade seiner Welt zu bröckeln beginnt. Einen dieser Augenblicke des Innehaltens und Nachdenkens erhaschen wir als Lesende im letzten Drittel des Buches in einer Sequenz, in der Sam, Schimmis leiblicher Vater, welchen er in paronomastischer Konsequenz durchweg mit ›Schäm‹ anredet, seinen nach einer Diskoschlägerei physisch und psychisch verletzten Sohn mit dem Auto abholt und mit ihm über die Trennung von Schimmis Mutter, seine Affäre mit der mexikanischen Reinigungskraft Guadalupe und seine jahrelange Abwesenheit spricht. In einem inneren Eingeständnis, das fast ohne die üblichen schrill-hyperaktiven Wortübertragungen auskommt, reflektiert Schimmi seinen Standpunkt als defektes Zahnrad im Getriebe einer von Kausalität, Profit- und Nutzenorientierung geprägten Welt:

„Und meine Mutter ist nicht wegen Guadalupe umgefallen und mit dem Kopf auf dem Badezimmerboden aufgeschlagen und auch nicht, weil mein aestheticalischer Vater sie verlassen hat, obwohl sie ihn sehr geliebt hat, sondern hier greift wirklich der Begriff der Kissalität, weil er alle Dollars, Scheine und Aktienpapiere aus dem gemeinsamen Tresor in seinem Schimsung-Rollkoffer mitgenommen hat als Finanzspritze für Tschakistan.“

 

In diesen kurzen Blitzen der Abgründigkeit ihres alleingelassenen Charakters Schimmi lässt sich die eigentliche literarische Kraft Präauers identifizieren, die sie auf zwei Dritteln ihres 200-seitigen Affentheaters durch die wilden und trotzdem nicht minder langatmigen Kulturhybrid-Bewusstseinsströme erfolgreich zu verdecken vermag, die Kraft, die Präauer bereits 2014 in ihrem Außenseiterroman Johnny und Jean virtuos unter Beweis gestellt hat. Auch hier spart sie nicht mit (pop-) kulturellen Anspielungen, assoziativen Bezügen und Selbstreferenzen. Dabei schafft sie es jedoch – anders als in Oh Schimmi – zu unterhalten ohne zu überfordern und zu reflektieren ohne zu langweilen. 

 

Wenn also Guadaloupe Schimmi in einem sexuell aufklärenden Gespräch ermahnt, aus der ›Zuckerdose‹ unter keinen Umständen „gleich alles aus[zu]schlecken“, dann fordert sie in einem ungewollten Metadiskurs gleichsam Teresa Präauer selbst zur Mäßigung auf, die nach ihren verdienten Erfolgen im Literaturbetrieb mit Oh Schimmi vielleicht zu viel will und schließlich - in erneuter Analogie zu ihrer Romanfigur, die in einer besonders ausufernden Romanpassage einen regelrechten Süßigkeiten-Exzess veranstaltet – einen  Zuckerschock erleidet.

 

Marco Grünig

Teresa Präauer, Foto: Thomas Langdon

2015/16

Abschluss der LiteraTour Nord: Judith Kuckart liest und erzählt »vom Leben«

Sonntag, den 7. Februar wurde das Literaturcafé Ambiente am Bremer Osterdeich zum letzten Mal in der Saison 2015 / 2016 Veranstaltungsort der LiteraTour Nord. Als Gast begrüßte Moderator Professor Axel Dunker die Autorin Judith Kuckart, die im gut besuchten Café aus ihrem Roman »Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück« las.Der Abend begann mit einer kurzen Vorstellung Kuckarts, die als eine bedeutende Vertreterin der deutschen Gegenwartsliteratur gilt und zudem ausgebildete Tänzerin und freie Regisseurin ist.

Die Rede kam schnell auf den ungewöhnlichen – und vor allem ungewöhnlich langen – Titel ihres Buches. Die Geschichte hinter diesem Titel erzählte die Autorin dann auch gleich selbst. Belgien, so Kuckart, sei zwar kein typisches Traumland – würden die Zuhörer spontan ihre Wunschziele nennen müssen, so sei es wohl kaum dabei. Für sie sei Belgien aber mit einer persönlichen Erinnerung verbunden. Als kleines Mädchen habe sie einmal bei einem Verwandtenbesuch in der Eifel, in direkter Nähe zum Nachbarland, mit ihrer zwei Jahre jüngeren Tante das Überschreiten der Grenzschranke gewagt und plötzlich in einem anderen Land gestanden. Dieses einprägsame Glückserlebnis beschrieb Judith Kuckart als »Kettenkarussell fahren ohne Kettenkarussell«.

Die Zuhörer, die Kuckarts Buch schon gelesen hatten, konnten diese persönliche Anekdote auch als eine erste biographische Verknüpfung verstehen, taucht doch die Geschichte ähnlich und inklusive »kleiner Tante« im Roman auf.

Der Roman selbst, so wird schon in der Einführung des Moderators deutlich, ist keine fortlaufende Erzählung, sondern ein Reigen von elf unterschiedlichen Episoden über „das Leben“, wie Kuckart sagt, zwischen denen der Leser erst nach und nach Verbindungsstränge finden kann. Zwei der Episoden las die Autorin an diesem Abend.

Die Zuhörer lernten zunächst die Schauspielerin Katharina kennen, die ihren Beruf freiwillig aufgegeben hat und nun den Sommer in der Wohnung einer verreisten Freundin in Berlin verbringt, wo sie eine Aushilfsstelle in einer Bäckerei annimmt.  Im zweiten Lesungsblock hörte das Publikum dann vom Dresdener Albert Abraham und der kurzen Liebesgeschichte seiner Nachbarn Jenny und Joseph. Von den Verbindungen, die die einzelnen Geschichten im Roman zusammenhalten, erfuhren die Zuhörer dabei jedoch noch nichts. Das Verständnis wurde dadurch aber nicht beeinträchtigt, denn jedes Kapitel kann, wie Kuckart betonte, auch für sich alleine stehen.

 

In der Zeit zwischen den beiden vorgetragenen Episoden ebenso wie im Anschluss an die Lesung gab Kuckart bereitwillig Auskunft über ihre Arbeitsmethoden und die Hintergründe der Erzählungen. Zu einem der Hauptthemen des Abends entwickelte sich das besondere Verhältnis von Kuckarts Buch zu dem Medium Film, das Axel Dunker sowohl in Textverweisen als auch in der Erzählform des Buches ausmachte. Die Autorin bestätigte diese Wahrnehmung und berichtete von ihrer Faszination für den Beruf der Cutterin, der ihrer eigenen Rolle als Autorin gar nicht so fern sei. Tatsächlich zwingt ihre Art zu schreiben den Leser, in jedem Kapitel eine andere Perspektive einzunehmen. Den Antrieb  dazu beschreibt die Autorin als den Versuch, verschiedene Facetten einer Figur zu zeigen, ohne dem Leser mit einer auktorialen Erzählerstimme das Kommentieren und Bewerten abzunehmen.

Genau wie im Film bleibt in Kuckarts Roman »Platz« zwischen den Sequenzen. Personen, in deren Leben man schon  in einem der  vorherigen Kapitel Einblick erhielt, treten in anderen Geschichten als Nebenfiguren wieder auf. Dabei erfährt der Leser oft lediglich in einem Nebensatz von kleinen, vielleicht auch entscheidenden Veränderungen im Leben der Figuren, ohne etwas über ihren Weg zu neuen Entscheidungen oder die Umsetzung  ihrer Pläne zu wissen.

Angesichts dessen ist es erstaunlich, dass Kuckart, angesprochen auf ihre Arbeitsweise, sagt, sie habe nicht zuerst ein Schema entworfen und die Querverbindungen zwischen den Geschichten schon im Vorhinein konstruiert, auch wenn das vermutlich einfacher gewesen wäre. Die erste Geschichte des Buches sei zum Beispiel als letzte entstanden. Den Leser mögen diese Aussagen erstaunen, sie fügen sich aber ein in Kuckarts Ausführungen über ihre Motivation und den Grundton des Buches: Sie wolle vom Lauf des Lebens erzählen, von den vielen kleinen Zufälligkeiten, die dann im Nachhinein häufig doch so entscheidend seien. Und diese Wendungen lassen sich dann eben auch beim Schreiben anscheinend nicht detailliert vorausplanen, sondern finden sich für die Autorin zum Teil erst während des Erzählens.

Dass ihr das gelingt, und zwar auf beeindruckende Weise, konnten die Zuhörer im Café Ambiente erleben. Denn genauso überzeugend, wie Kuckart über das Leben schreibt, spricht sie auch darüber – lustig und berührend, aber nicht pathetisch. Und gerade weil die Autorin offen dafür ist, nicht nur einen Einblick in ihr Buch, sondern auch in biographische Hintergründe und die Entstehungsweise des Romans zu gewähren, bleibt der Abschluss der LiteraTour Nord als gelungener Abend in Erinnerung.

Von: Marie Kübler

 

DASS MAN DURCH BELGIEN MUSS AUF DEM WEG ZUM GLÜCK
ROMAN
DuMont Buchverlag, Köln 2015, ca. 250 S.,19,99 €





Judith Kuckart, Foto: Laima Chenkeli

›Wahrer Geist ist Widerstand gegen den Geist der Macht‹

Ilija Trojanow übt in seinem aktuellen Roman Kritik an Gewaltherrschaft und gibt Tätern und Opfern ein Gesicht

Konstantin Milew Scheitanow und Metodi Iwanow Popow verbindet eine lebenslange Feindschaft. Zur Zeit des Schiwkow-Regimes in Bulgarien stehen sie sich in der kommunistischen Diktatur unversöhnlich gegenüber – Konstantin, der überzeugte Anarchist und leidenschaftliche Widerstandskämpfer, nach der Zerstörung einer Stalin-Büste zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, und Metodi, Metodski für Freunde, Offizier und Vertreter des Regimes, der auch nach dem Fall des Regimes ein luxuriöses Leben führt.

 

Was bedeutet Leben unter einer Gewaltherrschaft? Wie weit kann Widerstand gehen?


Ilija Trojanow wirft Schlaglichter auf die Geschichte, die beide Männer verbindet, führt den Leser durch verschiedene Etappen des Regimes und deutet genug an, damit sich die Schrecken der Gewaltherrschaft abzeichnen können. In eindringlichen Beschreibungen verdeutlicht er den Leserinnen und Lesern die Folgen des Freiheitsentzuges, der verlorenen Meinungsfreiheit, der physischen und psychischen Folter. Konstantin durchlebt dies alles, durchleidet es im hohen Alter mit Blick in die Akten der Staatssicherheit erneut. Zehn Jahre Haft haben ihn körperlich, aber nicht geistig zerrüttet. Tage und Wochen im lichtlosen Kerker, völlige Isolation, körperliche Gewalt und Nächte im „eisernen Sarg“ – Konstantin überlebt. Doch selbst nach dem Fall des Regimes ist der Blick auf die Wahrheit nicht frei, noch immer bestimmen Korruption und Vertuschung das politische Geschehen. Der Widerstandskämpfer will wissen, wer die Denunzianten in seinem Leben waren, wer ihn verraten hat. Die vergebliche Suche hat kein „Warum“, sondern ein „Wie“ im Titel – wie ist es zur Verhaftung gekommen? Wer waren die Verräter? Diese Fragen lassen Konstantin seine Vergangenheit Revue passieren. In ihr spielt Metodi eine Schlüsselrolle. Beide stammen aus derselben Gegend, gingen zur selben Schule, und es war Metodi, der Konstantin mit Genugtuung folterte, der seinen Anschlag auf die Stalin-Büste mit aller Kraft aufklären wollte.

Metodi lebt ein spiegelverkehrtes Leben zu Konstantin. Als überzeugter Anhänger der kommunistischen Diktatur steigt er schnell auf, macht Karriere, übt politischen Einfluss aus und lebt zurückgezogen in seiner Villa.
In seinen Reflexionen über die Vergangenheit zeigt sich der für das Buch bestimmende Kontrast: Metodi empfindet keine Reue über seine Taten, er empfindet kein Mitleid für die von ihm gefolterten Gefangenen. Seine Argumentation, seine Ansichten sind in der Historie mehr als bekannt. Er nimmt an, richtig, besonders aber mit den richtigen Werten für das Regime, gekämpft zu haben und ist stolz, durch seine Foltermethoden die Verhörten gebrochen zu haben.

 

Ilija Trojanow übt in seinem Buch nicht nur Kritik an der Gewaltherrschaft, sondern er gibt deren Tätern und Opfern ein Gesicht. Jedoch kein historisch verbürgtes – beide Protagonisten sind auffallend verdichtete, extreme Charaktere. Die gesamte Erzählung ist bestimmt durch diese Intensität und es gelingt dem Autor, über ein komplexes Thema vielschichtig und delikat zu erzählen.
Der Autor erhofft sich, dass durch sein Werk eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Bulgariens angestoßen wird. Trojanow selbst kam mit sechs Jahren als Flüchtlingskind nach Deutschland und kehrt mit seinem Werk „Macht und Widerstand“ zu seinem Herkunftsland zurück. In Bulgarien ist die kommunistische Vergangenheit bisher kaum aufgearbeitet worden – die wenigen Diskussionen, die darüber geführt wurden, gingen häufig positiv für die Täter aus. Die Kritik, die der Autor an Gewaltherrschaften und der juristischen Willkür, an der Verletzung der Menschenrechte und dem Verlust der Meinungsfreiheit äußert, ist besonders in heutigen Tagen, in denen direkte Nachbarländer Deutschlands die Presse reglementieren und der russische Präsident von einer Demokratur spricht, von größter Aktualität. Trojanow positioniert sich mit seinem Werk auch politisch, und es wäre wünschenswert, wenn sein Beispiel Nachfolger fände.

 

Von: Naja Angelina Mewes

 

Ilija Trojanow:
Macht und Widerstand
Fischer-Verlag, 480 Seiten.
Preis: 24,99€



Ilija Trojanow, Foto: Thomas Dorn

ALINA BRONSKY: ›Baba Dunjas letzte Liebe‹

Was ist denn nun die „letzte Liebe“?

Zur Auftaktveranstaltung der 24. LiteraTour Nord in Bremen las Alina Bronsky aus ihrem Roman „Baba Dunjas letzte Liebe“ im Literaturcafé Ambiente. Ein vielversprechender Auftakt.

 

In dichter Atmosphäre

 

Am Sonntag, den 25. Oktober, um kurz vor 20 Uhr drängten sich ca. 120 Gäste in das Literaturcafé Ambiente. Doch nicht alle Interessierten schafften es in den überfüllten kreisrunden Saal, in dem wenig später die erste der sechs Lesungen der LiteraTour Nord stattfinden sollte.  Nur die Hälfte der Besucher erhielt einen Sitzplatz – teilweise sogar hinter dem Tresen des Ausschanks – alle anderen mussten stehen. Das Stimmengewirr vieler Gespräche, der Geruch gefüllter Weingläser und das matte Licht erzeugten eine angenehme Stimmung. Die dichte Atmosphäre betraf so nicht nur Raum und Atemluft, sondern ließ sich auch an den erwartungsvollen Gesichtern der Literaturfreunde ablesen.

 

Es war kurz nach 20 Uhr, als Alina Bronsky und Axel Dunker, der Moderator der Veranstaltung, an einem Tisch in der Mitte des Raumes Platz nahmen. Die Autorin saß aufrecht und mit neutraler Miene auf ihrem Stuhl, eine Ausgabe ihres neuen Buches „Baba Dunjas letzte Liebe“ in der Hand. Prof. Dr. Gert Sautermeister, der langjährige Bremer Moderator der LiteraTour Nord, eröffnete den Abend mit einer Begrüßung und einem Dank an die Unterstützer der Veranstaltungsreihe, bevor er die Moderation an seinen Nachfolger Axel Dunker, Professor für neuere deutsche Literatur an der Uni Bremen, übergab. Dieser erläuterte den Anwesenden den Ablauf der LiteraTour Nord und wies auf die Stimmkarten hin, mit denen die Besucher am Ende der Veranstaltungsreihe ihren Favoriten für den norddeutschen Literaturpreis wählen können.

 

Kleiner Lesemarathon und große Fragen

 

Nach den organisatorischen Informationen stellte Herr Dunker die, in der ehemaligen Sowjetunion geborene, Autorin vor und beschrieb den Inhalt des Romans „Baba Dunjas letzte Liebe“. Anschließend richtete Bronsky zunächst mitfühlende Worte an das dicht gedrängte Publikum, bevor sie zu lesen begann. Die Autorin startete mit  den ersten Seiten des Buches. Beim Zuhören entwickelten sich die Bilder im Kopf noch besser als beim Lesen, denn Bronsky betonte kleinere Pointen, die schnell überlesen werden können. Das Publikum lachte gelegentlich, hörte aber die restliche Zeit geduldig den ruhigen, einfachen Sätzen zu. 

 

Nachdem Bronsky 25 Minuten ununterbrochen gelesen hatte, legte sie eine kurze Pause ein und erklärte, dass sie nun ein paar Szenen überspringen würde. Dass sie ausgerechnet einige der spannendsten Textstellen nicht vorlas, enttäuschte ein wenig, doch sie fasste sie inhaltlich zusammen. Mit dieser Entscheidung vermied die Autorin,  denjenigen die Spannung zu nehmen, die ihr Buch noch nicht gelesen hatten. Den zweiten, zehnminütigen Lesevortrag beendete Bronsky mit einem „Dankeschön“ und griff schnell nach einem Glas Wasser. Am Ende hatte ihre Stimmmelodie etwas nachgelassen – kein Wunder, denn die Autorin hatte am selben Tag bereits eine Lesung in Oldenburg gehalten.

 

Es folgte ein halbstündiges Gespräch mit der Autorin, dem Moderator und dem Publikum. Dunker stellte dabei vertiefende Fragen, wie es von ihm als Literaturwissenschaftler zu erwarten gewesen war. Bronskys Antworten vermittelten dagegen eine relativierte, offene Sicht auf ihren Roman. Sie habe sich beim Schreiben zwar Gedanken gemacht, doch ließe sie bewusst Platz für die Deutungen der LeserInnen. Die angesprochenen Themen betrafen unter anderem den Altersunterschied zwischen Baba Dunja und Bronsky, die Protagonistin und ihren Bezug zum Ort der Handlung als Mischung aus idyllischer Utopie und Schreckensort.

 

Ein vielversprechender Auftakt

 

Die erste Veranstaltung der 24. LiteraTour Nord ist als voller Erfolg anzusehen, denn sowohl die Lesung als auch die Moderation und das abschließende Gespräch ließen die Gäste mit einem erfüllten Gefühl aus dem Literaturcafé Ambiente gehen. Für die nächste LiteraTour Nord- Lesung empfiehlt sich allerdings ein überpünktliches Erscheinen, denn die hohe Besucherzahl deutet auf eine steigende Relevanz dieses Literaturpreises und seiner Lesungen hin.

 

Von: Aaron Sprawe

 

Eine Rezension des Romans finden Sie hier>>

 

BABA DUNJAS LETZTE LIEBE | ROMAN

Verlag Kiepenheuer & Witsch | Köln 2015 | 160 S. | 16,00 €

 
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